einestages

Historiker über deutsche Flüchtlinge nach 1945

"Verlaust, zerlumpt - damit entsprachen sie dem Klischee"

Millionen Vertriebene strömten 1945 aus den ehemaligen Ostgebieten nach Deutschland. Dort stießen sie vielfach auf offene Feindseligkeit, die bis heute nachwirkt, sagt der Historiker Andreas Kossert.

Hulton Archive / Getty Images

In langen Trecks zogen Männer, Frauen und Kinder Richtung Westen

Ein Interview von
Dienstag, 22.05.2018   03:40 Uhr
Sebastian Pfütze / Randhomhouse

Andreas Kossert, geboren 1970, ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV) in Berlin. Sein Buch "Kalte Heimat: Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945" ist ein Standardwerk zum Umgang mit Flüchtlingen und Vertriebenen in der Nachkriegszeit. Von 2001 bis 2009 war er Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Warschau.


SPIEGEL: In den ersten Nachkriegsjahren strömten aus den abgetrennten deutschen Ostgebieten bis zu 14 Millionen Flüchtlinge in das verbliebene Deutschland. Das war die größte humanitäre Katastrophe in der Geschichte des Landes. Ist das im Bewusstsein Deutschlands gegenwärtig?

Kossert: Ich frage mich manchmal selbst, wo die Erfahrungen dieser Menschen eigentlich geblieben sind. Unterschwellig ist die Erinnerung noch sehr lebendig, das sieht man beispielsweise an dem Erfolg des Romans "Altes Land" von Dörte Hansen. Darin geht es um drei Generationen einer Vertriebenenfamilie, um die Schwierigkeiten des Ankommens, die Sprachlosigkeit zwischen Einheimischen und Zugewanderten.

Aus SPIEGEL GESCHICHTE 1/2018

SPIEGEL: Sehr viele Menschen wissen um die Erfahrung von Flucht und Vertreibung in ihrer Familienbiografie.

Kossert: Und dennoch herrscht weitgehend Unkenntnis über Bedeutung und Größenordnung dessen, was sich nach 1945 ereignet hat. Und es gibt auch keine Vorstellung darüber, welchen Platz diese Erfahrung in der kollektiven Erinnerung einnehmen sollte.

SPIEGEL: Die Flüchtlinge stießen anfangs vielerorts auf Ignoranz und Feindseligkeit, sie wurden als "Polacken" und "Rucksackdeutsche" diffamiert. Woher rührte diese Abwehr?

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Andreas Kossert:
Kalte Heimat

Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945

Siedler Verlag; 432 Seiten; 12,87 Euro

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