einestages

Mythos Trümmerfrauen

Als Deutschland ohne Männer war

Ihre Väter, Gatten, Söhne waren tot oder in Gefangenschaft - also waren es die Trümmerfrauen, die das Land nach Kriegsende aufbauten. So das Klischee. Entspricht es der Wirklichkeit?

David Seymour / Magnum Photos / Agentur Focus

Der polnische Fotograf David Seymour dokumentierte das Nachkriegselend von Kindern und Frauen in Europa, unter anderem 1947 in Essen. Diese Frau hauste mit ihrem Töchterchen in einem Keller.

Von
Donnerstag, 01.02.2018   10:01 Uhr

Margarete M. hatte während des Krieges zwei Ehemänner verloren. Ihr erstes Kind war als Säugling an einem grippalen Infekt gestorben. 1944 wurde sie, wieder schwanger, aus Berlin evakuiert, wo sie als Büroangestellte gearbeitet hatte.

Vom Tod Adolf Hitlers erfuhr sie aus dem Radio. "Mir sind an diesem Tage alle meine Ideale zerbrochen, denn jetzt musste ich mich endlich mit dem Gedanken abfinden, dass der Krieg verloren war und alle Opfer vergeblich waren."

Mit ihrer einjährigen Tochter schlug sie sich wieder nach Berlin durch, teils in Güterwagen, teils zu Fuß. In ihr früheres Zuhause konnte sie allerdings nicht mehr.

Aus SPIEGEL GESCHICHTE 1/2018

Die Notquartierstelle wies sie in die Küche eines Hinterhauses ein, das Dach war fast vollständig zerstört, es gab kein Licht, kein Wasser, keine Toilette. Der Unterschlupf war nicht nur kümmerlich, sondern eine Gefahr für Leib und Leben von Mutter und Kind: "Als starkes Regenwetter einsetzte, musste ich überall gefundene Gegenstände aufstellen und bin selbst auf meinem Bett, das nur ein Gestell war, ohne Matratze und Zudecke, klitschnass geworden, während ich Hella mit ihrem Kinderwagen unter dem Dachsegment unterbrachte", so ihre Erinnerungen, wie sie die Historikerin Margarete Dörr in einem Sammelband über Frauenschicksale der Nachkriegszeit wiedergibt.

David Seymour / Magnum Photos / Agentur Focus

Unweit der teilweise zerstörten KruppWerke bot eine Prostituierte ihren Körper feil.

Nach dem Krieg war Deutschland zu einem Land der Frauen geworden: 5,3 Millionen deutsche Soldaten waren tot, fast 11 Millionen in Kriegsgefangenschaft. Von Millionen Männern wusste niemand, wo genau sie waren und ob sie je heimkehren würden. Und von denen, die zu Hause lebten, waren viele alt, krank oder verwundet. So litten insbesondere Frauen und Kinder in den verwüsteten Städten und mussten um ihr Überleben kämpfen.

Hinweis: Dies ist ein Artikel aus dem Bezahlbereich von SPIEGEL ONLINE. Der Bezahlvorgang kann in Ihrer App leider nicht abgebildet werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version aus dem Store oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um diesen Artikel vollständig lesen zu können. Vielen Dank!

© SPIEGEL Geschichte 1/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP