Sport

Freiburg-Trainer Streich

"Ein 14-Jähriger sollte nicht mehr verdienen als sein Vater"

Der SC Freiburg ist eine der großen Überraschungen der Saison - mal wieder. Trainer Christian Streich spricht über Schamgrenzen, schwindende Solidarität und die Notwendigkeit, mit eigenen Prinzipien zu brechen.

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Freitag, 19.05.2017   17:42 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Streich, lassen Sie uns gleich mit dem Thema anfangen, das Sie am wenigsten mögen, dann haben wir's hinter uns.

Streich: Kein Problem, wir können gerne über Europa reden.

SPIEGEL ONLINE: Dabei haben Sie zuletzt das Thema kleingehalten. Aus Angst, dass bei einem Verpassen der Europapokalplätze niemand mehr von einer erfolgreichen Saison spricht?

Streich: Nein, gar nicht mal. Eher, weil ich da nichts zu befeuern brauche, was in der Kabine eh schon schwelt. Die Eigenmotivation ist bei den Jungs dermaßen hoch, da brauche ich gar nichts mehr in der Gegend rumposaunen.

SPIEGEL ONLINE: Freiburg ist mit dem drittniedrigsten Etat in die Saison gegangen, wenn Stuttgart und Hannover aufsteigen, könnten Sie nächste Saison den niedrigsten haben. Ist das nicht frustrierend?

Streich: Wir sind es gewohnt, aber wir wären schon froh, wenn wir mehr Vereine hätten, die sich in unserem Etatbereich bewegen. Und dann gerne auch solche Mannschaften wie Braunschweig oder Union Berlin. Das ist bunt, ein bisschen anders und ohne die ganz großen Möglichkeiten. Ich habe schon Sympathien für Vereine, die aus wenig viel machen.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch der Sportclub ist in neue finanzielle Dimensionen vorgestoßen. Weder Nils Petersen noch jetzt Pascal Stenzel waren Schnäppchen.

Streich: Seit so viel Geld aus England nach Deutschland herüberschwappt, kriegen wir mehr, wenn wir einen Spieler verkaufen. Wir zahlen aber auch mehr, wenn wir einen wollen. In der Relation ist also alles beim Alten geblieben. Insgesamt klafft die Schere zwischen den Großen und den Kleineren immer weiter auseinander. Und jetzt stehen die ganzen Inverstoren vor der Tür.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind für die 50-plus-eins-Regel?

Streich: Ja, natürlich. Sie ist einer der wichtigsten Gründe, warum es in Deutschland so gut läuft. England ist ja schön und gut, aber was hier geboten wird und wie voll die Stadien sind und wie Fußball gelebt wird, ist noch mal etwas anderes. Die 50-plus-eins-Regel ist einer der Gründe, warum wir noch ein bisschen Glaubwürdigkeit haben.

SPIEGEL ONLINE: Der SC definiert sich als Ausbildungsverein. Andere, die das auch tun, klagen, dass die Champions-League-Vereine mittlerweile schon U13-Spieler mit Unsummen abwerben. Geht Ihnen das auch so?

Streich: Wir versuchen, das dadurch wettzumachen, dass wir die Durchlässigkeit in die erste Mannschaft bieten. Und Identifikation. Wir wollen, dass die Jungs sich daheim fühlen. Es gibt bei einigen Vereinen aber keinerlei Schamgrenze mehr. Weder was das Alter angeht, ab dem Kinder geködert werden, noch was das Geld angeht, das man dort verdienen kann. Da werden soziale und pädagogische Aspekte über Bord geworfen. Die interessiert das dann nicht, ob ein 14-Jähriger mehr verdient als sein Vater.

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Christian Streich: Das Gesicht des SC Freiburg

SPIEGEL ONLINE: Es heißt dann, wir leben in einer Leistungsgesellschaft.

Streich: Das Schlimme ist, dass alle, die keinen Erfolg haben, auch in diesem Geist ausbilden. Also nicht nur den einen Jugendlichen, der es in die erste Mannschaft schafft, sondern auch die vielen, die durchs Raster fallen. Wenn du das gesamtgesellschaftlich siehst, ist das sehr negativ.

SPIEGEL ONLINE: Der Ellbogen als Kompass?

Streich: Das Bewusstsein, dass Ausgleich und Solidarität dieses Land nach dem Krieg 60, 70 Jahre stark gemacht haben, dass es im Interesse aller ist, wenn der Starke dem Schwachen etwas abgibt, das wird gerade über Bord geworfen. Es geht da gar nicht mehr um die Frage links oder rechts, sondern um die Frage, ob Demokratie und Partizipation weiter möglich sind, oder ob Geld endgültig ein Wert an sich wird. Dabei gibt es ja so viel Solidarität von so vielen Leuten, die sich aus Überzeugung und Freude für Schwächere einsetzen. Die finden es nur frustrierend zu sehen, dass die, die an der Macht sind, das nicht unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Und im Fußball?

Streich: Da gibt noch eine gewisse Solidarität, aber auch im Fußball glauben die Starken zunehmend, dass sie noch stärker werden, wenn sie den Schwächeren noch mehr wegnehmen. Aber damit schießen sie ein Eigentor.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat das?

Streich: Wenn diejenigen, die diesen Fußball wollen, so weitermachen, kriegen sie ausschließlich materiell erzogene Menschen. Und wenn sie dann mal selbst 75 Jahre alt sind und Hilfe brauchen, sind sie von Menschen umgeben, die sie nicht mehr anschauen, weil sie für die Jüngeren Ausschuss sind. Und genau in dem Geist haben die Alten sie erzogen. Aber für mich ist es schwierig, das jetzt zu kritisieren, weil wir ja auch in dem Glashaus sitzen. Wir sind nicht die Heiligen.

SPIEGEL ONLINE: Auch der SC muss sich anpassen?

Streich: Wir tun definitiv nichts, das wir nicht ethisch verantworten können, haben mit dem Wahnsinn nicht angefangen und haben noch nie vierstellige Gehälter für 15-Jährige gezahlt, obwohl wir uns das hätten leisten können. Aber wir sitzen im Glashaus, weil auch wir von all dem Geld profitieren, das erwirtschaftet wird. Also gibt es oft Situationen, da machst du mit, oder du musst aufhören. Für uns waren 250 Euro lange das Maximum, mittlerweile zahlen wir den Jugendlichen auch mehr.

SPIEGEL ONLINE: Schaufelt der Fußball sich sein eigenes Grab?

Streich: Hoffentlich geben die Leute den Fußball nicht auf. Sonst hast du bald 40.000 Zuschauer, von denen 30.000 am Popcorn-Stand stehen und nur dann aufs Spielfeld schauen, wenn gerade ein Elfmeter gepfiffen wurde.

insgesamt 73 Beiträge
peterw 19.05.2017
1. Klasse Interview
... der ist einfach toll, der Streich. Hoffe er hat noch lange Erfolg mit Freiburg.
... der ist einfach toll, der Streich. Hoffe er hat noch lange Erfolg mit Freiburg.
janek99 19.05.2017
2.
...immer wieder supersympatisch, weitsichtig und selbstbestimmt dieser Mensch. Und auch noch erfolgreich. Und leider eine große Ausnahme in seiner Position. Hoffentlich kann er noch lange Weichen stellen und seine Ideale [...]
...immer wieder supersympatisch, weitsichtig und selbstbestimmt dieser Mensch. Und auch noch erfolgreich. Und leider eine große Ausnahme in seiner Position. Hoffentlich kann er noch lange Weichen stellen und seine Ideale vermehren. Alles Gute auf Ihrem Weg, Herr Streich.
MatthiasPetersbach 19.05.2017
3. Traurig...
...wenn ein Fußballtrainer in ein paar dürren Wortenzusammenfassen kann, was bei uns falsch läuft - un die ganzen Leute, die wir in Berlin dafür bezahlen, das nicht können. "Das Bewusstsein, dass Ausgleich und [...]
...wenn ein Fußballtrainer in ein paar dürren Wortenzusammenfassen kann, was bei uns falsch läuft - un die ganzen Leute, die wir in Berlin dafür bezahlen, das nicht können. "Das Bewusstsein, dass Ausgleich und Solidarität dieses Land nach dem Krieg 60, 70 Jahre stark gemacht haben, dass es im Interesse aller ist, wenn der Starke dem Schwachen etwas abgibt, das wird gerade über Bord geworfen. Es geht da gar nicht mehr um die Frage links oder rechts, sondern um die Frage, ob Demokratie und Partizipation weiter möglich sind, oder ob Geld endgültig ein Wert an sich wird. " Respekt.
Papazaca 19.05.2017
4. Wenn der Markt dem 14 jährigen mehr Geld bezahlt ....
Streich's Meinung zum Leistungsprinzip hört sich menschlich an, die Realität ist aber anders. Das ist wie mit der Globalisierung, man muß sie nicht mögen, aber sie ist allgegenwärtig.
Streich's Meinung zum Leistungsprinzip hört sich menschlich an, die Realität ist aber anders. Das ist wie mit der Globalisierung, man muß sie nicht mögen, aber sie ist allgegenwärtig.
marclarsen 19.05.2017
5.
Herr Streich, mögen Sie noch laaaaange uns mit Ihren Statements überraschen, überzeugen und uns den Kopf gerade rücken. Gerne mehr Ihrer Sorte, das würde der Geld-Liga echt gut tun. Ihnen weiterhin von Herzen alles Gute [...]
Herr Streich, mögen Sie noch laaaaange uns mit Ihren Statements überraschen, überzeugen und uns den Kopf gerade rücken. Gerne mehr Ihrer Sorte, das würde der Geld-Liga echt gut tun. Ihnen weiterhin von Herzen alles Gute und viel Erfolg.

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