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Aus für ARD-Fußballexperten

Scholl und Rauch

ARD und Mehmet Scholl trennen sich - das war nach dem Eklat um das Dopingthema unausweichlich. Der 46-Jährige ist als TV-Moderator immer wieder angeeckt.

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Donnerstag, 10.08.2017   16:41 Uhr

Am Ende gab es keine andere Lösung mehr. Mehmet Scholl, von der ARD als Experte bezahlt, hatte die eigene Redaktion düpiert, indem er beim Confed Cup das Gespräch über Doping im russischen Fußball verweigerte - etwas, das die ARD selbst in wochenlanger Arbeit recherchiert hatte. Scholl nannte das Thema auch Wochen nach dem Eklat noch "nicht relevant", das konnte sich der Sender nicht bieten lassen, ohne Selbstachtung zu verlieren.

Es war der Endpunkt einer schon vorher nicht komplikationsfreien Beziehung: Mit Scholl hatte die ARD zwar einen "meinungsstarken, streitbaren und originellen Experten", wie es ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky in einer Äußerung am Donnerstag formulierte. Aber genau das sorgte mehrfach für große mediale Aufregung.

2012 hatte Scholl das Halali auf Mittelstürmer Mario Gomez eröffnet, als er dem Angreifer im ersten EM-Gruppenspiel gegen Portugal attestierte: "Dass ein Stürmer nicht nach hinten arbeitet, das gibt's eigentlich im modernen Fußball nicht mehr. Dass einer auf die eine Flanke, auf eine freie Straße wartet. Das ist zu wenig." Und dann kam der berühmte Satz: "Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wundliegt und mal gewendet werden muss."

Nach Gomez nahm Scholl sich Löw vor

Das Pikante an der ganzen Angelegenheit war, dass sowohl Scholl als auch Gomez zu jenem Zeitpunkt Angestellte des FC Bayern waren. An der Säbener Straße wird man gar nicht so böse über Scholls Attacken gewesen sein, schließlich war Gomez damals schon nicht mehr besonders wohlgelitten in München. Ein Jahr später verließ der Stürmer dann auch den Verein, und es gibt bis heute viele, die sagen, Scholl habe die Trennung medial vorbereitet. Das EM-Spiel endete damals übrigens 1:0 für Deutschland. Torschütze Mario Gomez.

Vier Jahre später knöpfte sich Scholl den Bundestrainer vor. Während der EM in Frankreich kritisierte er, Löw passe sein Team zu sehr an die Gegner an und hatte diesmal Chefscout Urs Siegenthaler als Schuldigen ausgemacht: "Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben, die anderen zum Training gehen lassen und nicht mit irgendwelchen Ideen kommen."

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Scholls beste Sprüche: "67 Kilo geballte Erotik"

Dass seine öffentlichkeitswirksame Attacke erfolgte, nachdem kurz zuvor Meldungen über das angebliche Millionengehalt Scholls bei der ARD kursierten, wurde damals so interpretiert, dass der TV-Experte sich in der Pflicht sah, auf die Pauke zu hauen, um entweder das Gehalt zu rechtfertigen oder die Meldungen darüber verdrängen zu können. Die ARD selbst hat stets von "Phantasiesummen" gesprochen, "die jeglicher Grundlage entbehren", hat die Höhe von Scholls Honorar aber nie offengelegt.

Für die ARD war Scholl lange Zeit ein Glücksfall

Scholl hatte sich vorher schon bei mehreren Bundesligatrainern unbeliebt gemacht, als er über sie als "Laptoptrainer" gelästert hatte. "Je mehr ich die Kandidaten beobachtet habe, die mit Bestnoten abschließen, die dieses typische Kursbestergesicht haben und die Kursinhalte aufgesogen haben, desto mehr sträubten sich bei mir die Nackenhaare. Bei denen ist Taktik oberstes Gebot, das sind Laptop-Trainer", sagte der ehemalige Bayernstar im SPIEGEL. Auch damit hatte er sich weit aus dem Fenster gelehnt, schließlich war seine Trainerzeit als Coach der Bayern-Reserve wenig erfolgreich gewesen.

Für die ARD war er damit allerdings lange ein Glücksfall, schließlich fanden seine Aussagen immer wieder ein Echo in der Öffentlichkeit. Während sich beim ZDF Scholls früherer Teamkollege Oliver Kahn mehr und mehr in der Rolle des in sich ruhenden Fußballphilosophen inszeniert, war es Scholls Aufgabe, auf den Putz zu hauen. Mit Matthias Opdenhövel hat der Sender ihm dabei einen Partner zur Seite gestellt, der auch nicht zwingend zum Nachdenklichen neigt. Ein bisschen gepflegter Krawall war durchaus gewollt - bis es sich zuletzt beim Confed Cup gegen die eigene Redaktion wendete. Da war dann Schluss.

Das Turnier in Russland hatte ohnehin schon unglücklich für den Experten begonnen. Im Eröffnungsspiel machte er eine Altherren-Bemerkung über Cristiano Ronaldo als "Miss September", die nicht nur Übelwollende als homophob und sexistisch wahrnahmen. Auf Scholl und dem Confed Cup lag kein Segen.

Vor Scholl hatte die ARD mit Günter Netzer und dessen Senderpartner Gerhard Delling ein Duo erfunden, das erst einen Medienpreis nach dem nächsten abräumte, aber am Ende eher an das ältere Ermittler-Ehepaar Stöver/Brockmöller aus den frühen NDR-Tatorten erinnerte. Sich gegenseitig mit müden Frotzeleien fütternd und sich selbst genügend, anstatt fußballerische Expertise einzubringen.

Die war auch von Scholl nur bedingt zu erwarten. Den Eindruck, dass sich hier jemand intensiv mit den Spielern und der Partie im Vorfeld auseinandergesetzt hat, hatte man auch bei ihm kaum. Daher wirkt Balkauskys Würdigung, Scholl habe "den Zuschauern einen tiefen Einblick in den Fußball ermöglicht", doch reichlich geschönt.

Mehmet Scholl war der Mann fürs Entertainment, man kann auch sagen, der Mann fürs Grobe, keine Angst vorm Konflikt, immer einen lockeren Spruch parat. Dass seine ARD-Laufbahn jetzt beendet wurde, weil er mal ausnahmsweise nicht über etwas reden wollte, wirkt daher als seine letzte Pointe.

insgesamt 203 Beiträge
torflut 10.08.2017
1. Scholl...
... mag polarisieren, mir ist er lieber als irgendwelche Musterschüler! Seine Fähigkeiten als Trainer standen bei der ARD auch nicht zur Debatte. Die Frage nach Doping im Fußball wird uns, Russland hin - Scholl her, in [...]
... mag polarisieren, mir ist er lieber als irgendwelche Musterschüler! Seine Fähigkeiten als Trainer standen bei der ARD auch nicht zur Debatte. Die Frage nach Doping im Fußball wird uns, Russland hin - Scholl her, in Deutschland sicher noch einholen. Ist das der Grund für seine Verweigerungshaltung?
zoon.politicon 10.08.2017
2. Manchmal mehr Lästerei als fundierte Kritik
Mir sind auch noch Scholls Kritiken an Götze in Erinnerung, die es Letzterem nicht leichter gemacht haben, beim FC Bayern Fuß zu fassen. Eine Kritik, die er sich als Kritiker gefallen alssen muß: : etwas mehr [...]
Mir sind auch noch Scholls Kritiken an Götze in Erinnerung, die es Letzterem nicht leichter gemacht haben, beim FC Bayern Fuß zu fassen. Eine Kritik, die er sich als Kritiker gefallen alssen muß: : etwas mehr Verantwortungsbewußtsein dafür, wie er Spielerkollegen durch überspitzte Kommentare in Schwierigkeiten bringen kann, hätte ihm gut gestanden. Da selber mal Spieler hätte er sich besser in die Situation der von ihm kritisierten Spieler hineinversetzen müssen. So waren seine Kommentare oft weniger fundierte Kritik als - tendenziell überhebliche - Lästerei um der Lästerei willen.
mikelbraun 10.08.2017
3. Wer sich nicht anpasst, der fliegt..
Schade, nach Delling/Netzer war Mehmet Scholl eine wirkliche Bereicherung. Ich kann seine Reaktion auf den Dopingbericht vor den Confed Cup absolut verstehen. Russland wird in der Politik, im Sport mit Hilfe der Medien [...]
Schade, nach Delling/Netzer war Mehmet Scholl eine wirkliche Bereicherung. Ich kann seine Reaktion auf den Dopingbericht vor den Confed Cup absolut verstehen. Russland wird in der Politik, im Sport mit Hilfe der Medien systematisch isoliert, zu jeder passend und unpassend Gelegenheit. Da wir in einer polaren Welt leben, wird die Isolation früher oder später zu einer Gegenreaktion führen.
milhouse_van_h. 10.08.2017
4. kein Experte
Scholl war und ist einfach kein Experte. Im Artikel steht völlig zurecht, dass er meistens völlig unvorbereitet in die Sendung ging und manchmal nicht mal Grundlagenwissen zeigte. Das war teilwiese schon sehr peinlich. Bzgl. [...]
Scholl war und ist einfach kein Experte. Im Artikel steht völlig zurecht, dass er meistens völlig unvorbereitet in die Sendung ging und manchmal nicht mal Grundlagenwissen zeigte. Das war teilwiese schon sehr peinlich. Bzgl. der "Miss September" muss ich allerdings sagen, dass das sicher nicht homophob war. Wer glaubt, dass es im Knast um einvernehmlichen Sex aus Liebe zwischen Männern handelt, der lebt dann doch mit einer rosaroten Brille.
wanniii 10.08.2017
5. Mein lieber Scholli,
Trainer als "Laptoptrainer" kritisieren und dabei selbst nichts bewerkstelligen! Was rechtfertigt, außer eine Fußballerkarriere, die Bezeichnung als "Fußballexperte"? Keine Erfahrung als Trainer, weder als [...]
Trainer als "Laptoptrainer" kritisieren und dabei selbst nichts bewerkstelligen! Was rechtfertigt, außer eine Fußballerkarriere, die Bezeichnung als "Fußballexperte"? Keine Erfahrung als Trainer, weder als Sportdirektor noch als Manager, dabei Kommentare als Phrasendrescherei auslegen. Das trifft nur auf Scholl sondern auch an alle anderen Stammtischexperten wie Basler, Neururer, Matthäus und Effenberger zu, bei denen sofort umgeschaltet wird. Das Geld für solche Experten sollte jede Sendeanstalt sparen und bedürftigen Kindern zur Verfügung stellen...
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