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Bundestrainerin Steffi Jones

Jenseits der Wohlfühloase

Die EM war eine Enttäuschung, nun stolpern die DFB-Frauen auch durch die WM-Qualifikation. Ein Testspiel gegen Frankreich könnte über die Zukunft von Steffi Jones entscheiden - und zwar unabhängig vom Ergebnis.

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Steffi Jones

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Dienstag, 31.10.2017   08:44 Uhr

Eine Weltmeisterschaft ohne die deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen - das ist eigentlich undenkbar. Aktuell ist es aber ein realistisches Szenario. Dabei ist der Talentepool der DFB-Frauen größer als jemals zuvor.

In der Qualifikation ist Halbzeit. Nur die Gruppenersten fahren 2019 sicher zur Endrunde nach Frankreich. Vier der sieben Gruppenzweiten spielen einen weiteren Teilnehmer aus. Slowenien musste sich der DFB-Elf noch 0:6 geschlagen geben, der 1:0-Sieg gegen Tschechien war bereits ein hartes Ringen. Die Konkurrenz hat aufgeholt.

Nach der verdienten Niederlage gegen Island rutschte Deutschland auf den dritten Platz ab. Die Isländerinnen schwärmten dabei von ihrem Matchplan, der aufgegangen sei, weil sich die DFB-Elf bei all ihrem Potenzial taktisch berechenbar verhalte. Der Kantersieg gegen die Färöer brachte Deutschland zwar zurück an die Tabellenspitze, doch der Vorsprung auf Island und Tschechien ist mit zwei Punkten hauchdünn. Viel Raum für Experimente bleibt nicht.

Wenn es trotz des Talents nicht läuft, kann das an allen möglichen Dingen liegen: Fitness, Mentalität, Erfahrung, Verletzungspech, Matchglück, Verhältnis zwischen Coach und Spielerinnen, Taktik, Trainingsmethode. Bei so vielen Stellschrauben stellen sich zwei Fragen: Wird Steffi Jones die richtigen von ihnen identifizieren, um eine Trendwende herbeizuführen? Und: Woran ließe sich das erkennen?

Der Ton ist rauer geworden

Bei Jürgen Klinsmann und Jogi Löw hatte das Modell telegener Motivationscoach mit Meriten plus Taktikfuchs als Co-Trainer noch funktioniert. Doch das Duell mit Island deutet an, dass man sich beim DFB in mindestens einem Punkt verschätzt hat. Entweder bezüglich des Eifers, mit dem sich Jones in alle Facetten des Trainerberufs einarbeiten würde, oder aber bei der Notwendigkeit dazu.

Die Stellschrauben, an denen Jones am liebsten dreht, sind Einsatzwille, Disziplin und Mentalität. Viel ist vom Ende der "Wohlfühloase" die Rede, davon, dass man jetzt "Gras fressen" müsse. Der Ton ist rauer geworden. Vielleicht ist es das naheliegendste Tool in der Werkzeugkiste einer Frau, die als Spielerin in dominanten Teams immer auf ihre Physis und ihren Kampfgeist setzen konnte. Doch diese Schraube wirkt ein wenig überdreht.

Die Beurteilung von Fußballtrainern ist eine knifflige Angelegenheit. In kaum einer anderen Sportart gehen häufiger Teams als Verlierer vom Platz, obwohl sie drückend überlegen waren. Und das liegt nicht nur an Verletzungen, Fehlentscheidungen oder schlechten Platzverhältnissen. Alles dreht sich um die Tore. Im Schnitt fallen derartig wenige, dass sich mangelnde Fortune und der Zufall häufig gegen die Leistung verschwören. Kaum denkbar beim Tennis oder Basketball.

Daher werden zunehmend statistische Modelle bemüht, um Leistung unabhängig vom Endresultat objektiv zu bewerten. Als Jürgen Klopps Dortmund im Dezember 2014 auf einem Abstiegsplatz überwinterte, war das nicht nur für Fußball-Deutschland überraschend. Auch die Zahlen - und der Eindruck aus den Spielen - deuteten in eine andere Richtung. Tabellenplatz 4 wäre mit der Qualität der herausgespielten Chancen das wahrscheinlichste Szenario gewesen. Ganz ohne Trainerwechsel preschte der BVB denn auch in der Rückrunde zehn Plätze nach oben und qualifizierte sich für Europa.

Im Frauenfußball hinkt die Datenerfassung erheblich hinterher. Und dennoch beschloss der DFB nach der verkorksten EM der Frauen im Sommer, den Vertrag mit Steffi Jones als Bundestrainerin zu verlängern. Die Tore hatten nicht fallen wollen, es fehlte die Balance zwischen den Mannschaftsteilen, doch spielerisch machte das Team Hoffnung. Es schien, als fehlte dem jungen Kader und der Neutrainerin lediglich eine kritische Aufarbeitung und ein wenig Erfahrung. Warum also eine neue Trainerin ins Rennen schicken, die bei Null würde beginnen müssen?

"Nicht besser, sondern schlechter geworden"

Vier Länderspiele später hat sich der Himmel über Jones verfinstert. Überraschend deutlich zählte DFB-Präsident Reinhard Grindel Jones zuletzt an. "Die Leistungen sind in der Qualifikation nicht besser, sondern schlechter geworden. Es kommt jetzt darauf an, dass wir das Gefühl bekommen, dass wir die Qualifikation schaffen können."

Auch die Spielerinnen brauchen den Glauben daran, dass die Anweisungen des Trainerteams dabei helfen, Spiele zu gewinnen. Doch scheint die Kreativität und Spielfreude des DFB-Teams nicht um strukturiertes Positionsspiel ergänzt, sondern um seine Leichtigkeit gebracht worden zu sein. Und so scheint das Schicksal von Jones als Bundestrainerin plötzlich von einem Freundschaftsspiel im November gegen Frankreich abzuhängen. Nicht von Sieg oder Niederlage. Sondern davon, ob es gelingt, beim DFB "das richtige Gefühl" zu wecken.

Das nächste Qualifikationsspiel findet im April gegen Tschechien statt. Dann muss alles sitzen. Sollte man zur Auffassung kommen, dass Jones nicht die Richtige für den Job ist und eine Alternative installieren, dann böten die Winterpause sowie der hochklassige Shebelieves Cup im März in den USA die Chance zur Neujustierung.

Auch Jones könnte diese Phase nutzen, um ihre Mannschaft perfekt auf Tschechien und Island einzustellen. Dazu sollten Gegneranalyse, Passrhythmus und Positionierung auf dem Feld mehr Gewicht einnehmen als die Frage, ob die Wohlfühloase besser in Einzelgesprächen oder in Gruppensitzungen abgeschafft wird. Vielleicht hätten dann auch alle wieder ein besseres Gefühl.

insgesamt 24 Beiträge
cmann 31.10.2017
1. Berechtigte Zweifel!
Einer Niederlage gegen Frankreich ist zur Zeit kein Maßstab für die Qualitäten von Frau Jones als Bundestrainerin. Das kann auch einer deutschen Nationalmannschaft passieren wenn diese in Topform ist. Jones wurde als aktive [...]
Einer Niederlage gegen Frankreich ist zur Zeit kein Maßstab für die Qualitäten von Frau Jones als Bundestrainerin. Das kann auch einer deutschen Nationalmannschaft passieren wenn diese in Topform ist. Jones wurde als aktive Spielerin immer als "Instinktfußballerin" bezeichnet, das reicht aber in keinem Fall wie man jetzt nur allzu deutlich sieht als Qualifikation für den Posten der Bundestrainerin. Sich wie geshen und gehört in Floskeln und Ausreden zu flüchten hilft nicht weiter. Steffi Jones kann es einfach nicht, sie ist als Bundestrainerin zumindest zur Zeit nicht geeignet. Sie ohne jegliche Erfahrung als Trainerin zu Verpflichten war eine Fehlentscheidung der DFB Spitze, insbesondere Herr Grindel hat sich da gewaltig geirrt, was nicht gerade für einen überragenden "Fußballverstand" spricht.
dirk.resuehr 31.10.2017
2. Nun ja
Addieren wir doch die Tatsachen, Spielerinnenstamm vom Olympiasieger übernommen, von da an gings bergab. Schlechter, verwirrter von Spiel zu Spiel. Gegen die Färoeer gewonnen, hurra! Welch ein Triumph. Bei der Herrenmannschft [...]
Addieren wir doch die Tatsachen, Spielerinnenstamm vom Olympiasieger übernommen, von da an gings bergab. Schlechter, verwirrter von Spiel zu Spiel. Gegen die Färoeer gewonnen, hurra! Welch ein Triumph. Bei der Herrenmannschft wäre im Vergleichsfall schon längst entschieden worden. Es zählen halt letztlich nur Ergebnisse. Es mag viele Gründe geben, aber es konzentriert sich auf einen Namen, das ist der der Trainerin. Basta!
n.strohm 31.10.2017
3. Nicht jede(r)
sehr gute und verdienstvolle Fußballspieler(in) ist auch ein guter Trainer. Es gibt genug Beispiele auf der männlichen Seite..... Die wenigen Male, die ich die deutsche Frauennationalmannschaft unter Steffi Jones im [...]
sehr gute und verdienstvolle Fußballspieler(in) ist auch ein guter Trainer. Es gibt genug Beispiele auf der männlichen Seite..... Die wenigen Male, die ich die deutsche Frauennationalmannschaft unter Steffi Jones im Ferrnsehen gesehen habe, waren nicht erfolgsversprechend. D.h. für mich war die Trainerin zu passiv und konnte keine Akzente setzen. Der "weniger" erfolgreiche Weg der Mannschaft ist aber sicherlich schon am Ende der Silvia Neid Epoche eingeleitet worden. Ob das allein daran liegt, dass die Kluft zwischen den Nationen kleiner geworden ist, würde ich mit einer Gegenfrage beantworten wollen: "Warum ist die deutsche Mannschaft nicht ebenso besser geworden ?" - auch wenn das Beibehalten des Abstandes mit zunehmender Qualität der Basis schwieriger wird. Für mich ist die größere Enttäuschung Dzsenifer Marozsán. Man kann sehen wie genial sie mit dem Ball umgeht, aber sie bringt - jedenfalls in der Nationalmannschaft - ihre PS nicht auf den Rasen.
shanda 31.10.2017
4. Fehlentscheidung des DFB
Ich bin großer Fan von Steffi Jones, aber der DFB hat sie zum falschen Zeitpunkt in ihrer Karriere zur Bundestrainerin berufen. So einfach ist das. Diese Entscheidung ist sowohl gegenüber Jones als auch gegenüber den [...]
Ich bin großer Fan von Steffi Jones, aber der DFB hat sie zum falschen Zeitpunkt in ihrer Karriere zur Bundestrainerin berufen. So einfach ist das. Diese Entscheidung ist sowohl gegenüber Jones als auch gegenüber den Spielerinnen unfair. Auf Grund ihrer Unerfahrenheit ist es für mich selbstverständlich, das Jones Fehler macht. Wenn diese Fehler bei einer EM und bei einer WM-Qualifikation passieren, ist das aber für ein Land, das durch seine Fußballerinnen in der Nationalmannschaft bisher sehr erfolgsverwöhnt war, extrem problematisch. Die Mannschaft wird beschädigt, Steffi Jones wird beschädigt und das alles völlig unnötig - auf Grund des völligen Versagens des DFB in dieser Personalie. (Klar hätte Jones auch ablehnen könne, aber mangelnde Erfahrung führt leider häufig auch zu einer falschen Selbsteinschätzung.)
RalfWenzel 31.10.2017
5. Die Deutschen sind nicht nur schlechter geworden.....
....sondern die anderen auch besser. Zu Zeiten der Seriensiege deutscher Frauenmannschaften gab es weltweit keinen so professionell betriebenen Frauenfußball. Inzwischen haben die anderen in Professionalität aufgeholt und [...]
....sondern die anderen auch besser. Zu Zeiten der Seriensiege deutscher Frauenmannschaften gab es weltweit keinen so professionell betriebenen Frauenfußball. Inzwischen haben die anderen in Professionalität aufgeholt und Deutschland hat die Zeit der Erfolge genutzt, um sich auf selbigen auszuruhen, statt z. B. einen Plan für den Nachwuchs zu erstellen, wie das bei den Herren gemacht wurde. Jetzt haben die Herren genug Spieler für 2-3 sehr gute Nationalmannsvhaften und die Frauen nicht. Aber wahrscheinlich wird das dann wieder als Zeichen der Diskriminierung gedeutet, wie fast alles heutzutage. 2006 hieß es noch hochnäsig „Wir sind Weltmeister und ihr nicht“ und mein Kommentar dazu „Kein Wunder, die müssen ja auch je gegen Frauen spielen“, was ich dann mit oben beschriebenen Fakten erläuterte.

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