Der argentinische Doppeltorschütze Mario Kempes im WM-Finale 1978 gegen die Niederlande. Endstand 3:1 für Argentinien nach Verlängerung. Foto: Frinke / Imago


Fußballweltmeisterschaften werden von der Fifa veranstaltet, jener Organisation, die in den vergangenen Jahren hauptsächlich Negativschlagzeilen produzierte: Stimmenkauf, Korruption, Vetternwirtschaft und so weiter. Aber erstaunlicherweise verstummen viele kritische Stimmen, sobald die Spiele begonnen haben, denn für den sportlichen Kern der Veranstaltung gilt das sogenannte Wurst-Prinzip: Wenn man eine Sache liebt - wie Bratwurst oder eine Fußballweltmeisterschaft -, dann hinterfragt man nicht, aus welchen Zutaten und auf welche Weise sie hergestellt wurde. Widmen wir uns also der Vorfreude, indem wir in Erinnerungen an legendäre Spiele schwelgen und verblüffende Ergebnisse empirischer Fußballforschung betrachten - vom Aufwärmen bis zum alles entscheidenden Elfmeterschießen.

Aufwärmen

Bevor der erste Fan sein Ticket erhält, bevor die erste Mannschaft ihren Kader nominiert und lange, lange bevor der erste Anpfiff ertönt, wird eine überaus wichtige Entscheidung getroffen: Welches Maskottchen soll die WM als freundlich verspielter Botschafter des Gastgeberlandes vertreten? Häufig fällt die Wahl auf ein ballverliebtes Tier; manchmal müssen es auch seltsame Fabelwesen sein.

Anpfiff

Rechtzeitig vor dem Turnierstart müssen alle Nationaltrainer ihren finalen Kader festlegen; die Frist für die Weltmeisterschaft in Russland endete am 4. Juni 2018. Für den Fall, dass sich ein nominierter Spieler verletzt, kann der Kader bis 24 Stunden vor dem Anpfiff des ersten Turnierspiels der Mannschaft geändert werden - sofern ein offizielles Attest des Verletzten vorliegt. Diese deutschen Nationalspieler treten die Reise nach Russland an.

Der deutsche Kader

Rund um die vergangene WM in Brasilien verkaufte Sponsor Adidas mehr als drei Millionen deutsche Nationalmannschaftstrikots. Für das aktuelle Leibchen gilt ein offizieller Preis von knapp 90 Euro als sogenannte Replicaversion; zum Turnier in Russland hat der Herzogenauracher Ausrüster erstmals "Authentic"-Shirts im Angebot, exakt die gleichen wie die von Kroos und Co. getragenen Hightechtrikots - für 129 Euro.

Chronik deutscher WM-Trikots

1. Halbzeit

Die Leistungen der Nationalspieler bei Weltmeisterschaften wirken sich direkt auf den Marktwert der Kicker aus. Die Vereine profitieren schon vor einem möglichen Verkauf ihrer Athleten: Für jeden abgestellten Spieler erhalten die Klubs pro Tag 8400 Dollar, umgerechnet rund 7200 Euro. Der Abstellungszeitraum beginnt bereits am 31. Mai und endet einen Tag, nachdem die Mannschaft aus dem Turnier ausgeschieden ist. Ganz gleich, wie viele Minuten die Spieler auf dem Platz stehen. Die meisten Spieler 2018 stellt Manchester City ab. Doch welche Klubs liegen in dieser Kategorie insgesamt vorn?

Abstellungen von Spielern nach Vereinen


Wie sehr sich die Kräfteverhältnisse im Fußball zuletzt verschoben haben, zeigt ein Blick zurück in die Neunzigerjahre. Ajax Amsterdam und PSV Eindhoven gehörten damals noch zu den besten Adressen im Weltfußball. Nun belegen Vereine aus der britischen Premier League sechs der ersten zehn Plätze im Ranking.

WM-Teilnehmer nach Vereinen


Halbzeitpause

Die offiziellen Poster der Fußballweltmeisterschaften repräsentieren die Turniere, indem sie Stil und künstlerische Vorlieben der jeweiligen Jahre zitieren. Manchmal - wie 1938 - scheinen sie, zumindest in der Rückschau, bedrohlich exakt den Geist der Zeit zu kommentieren.

WM Poster

Die erste Weltmeisterschaft auf russischem Boden findet in vier Zeitzonen von Kaliningrad (OEZ, im Sommer wie bei uns) bis Jekaterinburg (OEZ +3) statt. Die Entfernung zwischen dem nördlichsten Spielort Sankt Petersburg und der südlichsten WM-Stadt Sotschi beträgt mehr als 2000 Kilometer. Scrollen Sie weiter nach unten, um mehr über die einzelnen Stadien und die Entfernungen zwischen den Spielstätten zu erfahren.



WM Stadien

Stadion: Luschniki-Stadion

Maximale Zuschauerzahl: 80 000 Sitzplätze

Eröffnung: 1956

Stadion: Sankt-Petersburg-Stadion

Maximale Zuschauerzahl: 67 000 Sitzplätze

Eröffnung: 2017

Stadion: Fischt-Stadion

Maximale Zuschauerzahl: 48 000 Sitzplätze

Eröffnung: 2014

Stadion: Wolgograd-Arena

Maximale Zuschauerzahl: 45 000 Sitzplätze

Eröffnung: 2018

Stadion: Spartak-Stadion

Maximale Zuschauerzahl: 45 000 Sitzplätze

Eröffnung: 2014

Stadion: Rostow-Arena

Maximale Zuschauerzahl: 45 000 Sitzplätze

Eröffnung: 2018

Stadion: Kasan-Arena

Maximale Zuschauerzahl: 45 000 Sitzplätze

Eröffnung: 2013

Stadion: Nischni-Nowgorod-Stadion

Maximale Zuschauerzahl: 45 000 Sitzplätze

Eröffnung: 2018

Stadion: Samara-Arena

Maximale Zuschauerzahl: 45 000 Sitzplätze

Eröffnung: 2018

Stadion: Mordwinien-Arena

Maximale Zuschauerzahl: 44 000 Sitzplätze

Eröffnung: 2018

Stadion: Jekaterinburg-Arena

Maximale Zuschauerzahl: 35 000 Sitzplätze

Eröffnung: 1957

Stadion: Kaliningrad-Stadion

Maximale Zuschauerzahl: 35 000 Sitzplätze

Eröffnung: 2018

2. Halbzeit

Ohne Tore wird niemand Weltmeister, und ihr Zauber entsteht meist durch eine gelungene Kombination aus der richtigen Idee in der passenden Situation mit einer Ballbehandlung, die einer solchen Idee würdig ist: filigran, kämpferisch oder schlicht überlegt ausgeführt. Solche Tore bleiben in Erinnerung - durch die unbeugsame Technik Diego Maradonas, die lässige Übersicht Pelés oder Andreas Brehmes Druckunempfindlichkeit in entscheidender Situation.



Unvergessene Tore

Über insgesamt neun Stationen läuft der Ball in den Reihen der Brasilianer, ohne dass die Italiener Zugriff auf den Ball bekommen. Nach dem finalen Pass von Pelé in den gegnerischen Strafraum vollendet Carlos Alberto den Spielzug mit einem fulminanten Schuss in das linke Toreck.

Nachdem Diego Maradona bereits ein irreguläres Tor mit der Hand erzielt hat, das fälschlicherweise gegeben wird, startet der Argentinier in der 55. Minute einen 60-Meter-Sololauf mit dem Ball. Er umspielt die komplette englische Hintermannschaft inklusive des Torwarts Peter Shilton und schiebt den Ball ins leere Tor.

Bis zur 85. Minute steht es 0:0 im Finale. Dann fällt Rudi Völler im Strafraum, und es gibt Elfmeter für Deutschland. Der etatmäßige Schütze Lothar Matthäus verzichtet, da er sich aufgrund eines Schuhwechsels in der Halbzeit nicht sicher fühlt. Andreas Brehme tritt zum spielentscheidenden Elfmeter an und verwandelt. Deutschland wird zum dritten Mal Weltmeister.

Es läuft die letzte Minute im Viertelfinale. Der Niederländer Frank De Boer flankt aus der eigenen Hälfte vor das gegnerische Tor. Dennis Bergkamp stoppt den Ball aus vollem Lauf, lässt seinen Gegenspieler aussteigen und schlenzt den Ball dann mit dem Außenrist zum Siegtreffer ins Tor. Oranje steht im Halbfinale.

Nach 90 torlosen Minuten geht das Finale in die Verlängerung. In der 113. Minute flankt André Schürrle den Ball in den Strafraum. Mario Götze nimmt das Leder mit der Brust an und schießt an Argentiniens Torhüter Sergio Romero vorbei ins Tor. Wie bereits 1990, wird Deutschland durch einen knappen Sieg gegen Argentinien Weltmeister.

Und weil manche Tore in die Geschichtsbücher eingehen und sich auf ewig in die Köpfe der Fans einbrennen, können auch viele Menschen heute noch ihre WM-Erfahrung in Worte fassen:

Verlängerung

Der beste Freund eleganter Fußballspieler, sagen manche, sei der Ball; einige beinharte Verteidiger sehen das womöglich anders. Fest steht, dass dieser Freund schon etwas länger nicht mehr aus Leder besteht. Viele Torhüter monieren die Flatterhaftigkeit moderner Kunststoff-Fußbälle, was die Schützen wiederum auszunutzen versuchen. Ob beide auch mit den groben Lederkugeln der ersten Weltmeisterschaften umgehen könnten?

Chronik der WM-Bälle

Fußballweltmeisterschaften entzücken Fans nachhaltig, die Höchstleistungen und Bestenlisten der inzwischen fast 90-jährigen Historie wecken Erinnerungen an vergangene Duelle und dienen als Maßstab, um nachfolgende Spielergenerationen zu bewerten. Beruhigend für Deutschlandfans: Der gefährlichste Konkurrent für Miro Kloses Torschützenthron ist momentan ein Bayer namens Müller.

Elfmeterschießen

Nachdem der Schiedsrichter das Tor bestimmt hat, auf das die Schüsse ausgeführt werden, wirft er eine Münze. Die Mannschaft, deren Kapitän das Glücksspiel gewonnen hat, darf entscheiden, ob sie den ersten Schuss abgeben will. Wer als Zuschauer beim Münzwurf lieber Bier holt, anstatt am Bildschirm zu kleben, verpasst unter Umständen eine vorentscheidende Szene. Denn wer zuerst schießt, kann in jeder Runde von Neuem den Gegner unter Druck setzen. Andere Sportarten kennen gerechtere Verfahren, um eine finale Entscheidung auszuspielen.

Elfmeterschießen - Auf den Münzwurf kommt es an


120 plus x Minuten Hochleistungsfußball auf der wichtigsten Bühne der Welt sind ohne Sieger vergangen: Abpfiff, kurze Pause, Seitenwahl, Elfmeterschießen. Zehntausende Zuschauer in direkter Nähe und Millionen Augenpaare, die jede Bewegung unbarmherzig verfolgen, dann ein Pfiff. Drei, vier Schritte Anlauf, Standbein aufsetzen, Schussbein schwingen und schießen. Aber in welche Ecke? Hoch oder flach? Panenka?



Elfmeter

bei Weltmeisterschaften seit 1966, Schüsse aufs Tor

Quelle: Opta

Nerven behalten: Wohin zielen Elfmeterschützen am häufigsten? Für welche Ecke und für welche Höhe sollte ein Torhüter sich entscheiden? Eine Auswertung sämtlicher WM-Elfmeter bringt die Antwort.

Die schlechtesten Chancen, an den Ball zu gelangen, hat ein Torwart in der oberen linken Ecke. 49 Treffer und nur 2 Paraden ergeben eine Trefferquote von 96%.

94% der Schüsse auf die obere Mitte werden verwandelt. Allerdings fallen dort insgesamt die wenigsten Tore.

94% beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Torhüter einen Ball in die obere rechte Ecke nicht abwehren kann.

Die meisten Schüsse landen in der unteren linken Ecke. Dort wird der Ball selten abgewehrt. 80% landen im Kasten.

In der unteren Mitte hat der Torwart die besten Chancen, den Ball abzuwehren. Nur 69% der Schüsse sind Treffer.

Unten rechts bietet den Schützen einen ähnlich gute Gelegenheit zu treffen wie unten links. Und die Spieler mögen diese Variante: Viele Schüsse, 77% davon, treffen.

Fazit: Hohe Bälle sind für den Keeper in den seltensten Fällen abzuwehren. Besser, er bleibt am Boden: Die meisten Schüsse kann ein Torhüter unten herausfischen.

Wenn Sie diese Graphic Story genossen haben, dauert es nicht einmal mehr eine Woche bis zum ersten Anstoß der Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland. Wir hoffen, die Vorfreude gehoben und das WM-Wissen gesteigert zu haben - dann hat unser Team sein Turnierziel schon erreicht.

Das Team

Idee & Konzept: Team SPIEGEL-Grafik-Multimedia

Grafiken: Thomas Hammer, Max Heber, Anna-Lena Kornfeld, Patrick Stotz, Michael Walter

Morph: Visoric

Videos: Olaf Heuser

Animationen: Lorenz Kiefer

Programmierung: Chris Kurt

Bildredaktion: Elisabeth Kolb, Matthias Krug

Redaktion: Olaf Heuser, Christoph Winterbach

Dokumentation: Klaus Falkenberg

Schlussredaktion: Katharina Lüken, Katrin Zabel

Leitung: Olaf Heuser, Jens Radü

Fotos: IMAGO (5) / ACTION PRESS (4) / DPA (11) / AFP (9) / AP