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England und Kroatien in der Analyse

Wer erreicht das Finale? Der Leistungscheck

Zwei unterschätzte Trainer haben die große Chance auf ihr erstes WM-Finale. Beide Teams sind von ihrer Spielweise überzeugt. Die Analyse zeigt: Für den Unterschied könnten wieder Standardsituationen sorgen.

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Luka Modric (links) und Englands Harry Kane

Aus Moskau berichtet
Mittwoch, 11.07.2018   13:55 Uhr

Vor der Weltmeisterschaft gehörten die Halbfinalisten Kroatien und England höchstens zum erweiterten Favoritenkreis. Beide Teams galten als talentiert, die in entscheidenden Momenten eines so langen Turniers in erster Linie an sich selbst scheitern. Passend dazu wurde auch den beiden Trainern Zlatko Dalic und Gareth Southgate nicht die Reife und das taktische Vermögen für einen WM-Titel zugesprochen.

Doch nun wird ein Team ins Endspiel gegen Frankreich einziehen. Vor dem zweiten Halbfinale am Abend: Was macht die Qualität der Mannschaften aus - und wo liegen die Schwachstellen?

Kroatiens Stärken

Dalic hat es geschafft, die ähnlichen Spielertypen Luka Modric und Ivan Rakitic in ein funktionierendes System zu packen. Das haben ihm aufgrund seiner Vita mit unbekannten Stationen nur wenige Experten zugetraut. Vor seinem Engagement als Nationalcoach hatte Dalic Teams aus Rijeka, Tirana und Koprivnica sowie aus Saudi-Arabien und den Vereinigen Arabischen Emiraten trainiert.

Bei der WM lässt Dalic Superstar Modric etwas offensiver als bei Real Madrid agieren, Rakitic zieht das Spiel aus der Defensive auf. Ein Kompromiss, der in Russland voll aufgegangen ist - und weil Marcelo Brozovic, Ivan Perisic oder Ante Rebic ebenfalls groß aufspielen, ist das kroatische Mittelfeld der stärkste Mannschaftsteil.

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Gareth Southgate (links) und Zlatko Dalic

"Dalic hat uns von Beginn an Vertrauen geschenkt", sagt Innenverteidiger Dejan Lovren vor dem Halbfinale (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF). "Das ist der größte Unterschied zu früher." Dieses Selbstbewusstsein und die Erfahrung aus unzähligen Champions-League-Spielen und Titelkämpfen in Europas größten Ligen lassen Kroatien auf Rückschläge mit der nötigen Ruhe reagieren. Als Modric gegen Dänemark die späte Entscheidung per Elfmeter verpasste oder als Russland kurz vor Ende der Verlängerung zum Ausgleich kam, gewann Kroatien im Anschluss beide K.-o.-Duelle im Elfmeterschießen. Diese positive Erfahrung hat auch der Gegner im Achtelfinale gegen Kolumbien gemacht - ein historischer Erfolg.

Englands Stärken

Elf Treffer haben die Three Lions bei der WM erzielt, fünf davon nach Ecken oder Freistößen, drei durch Elfmeter und nur drei aus dem Spiel heraus. Es ist die WM der Standardsituationen, und England hat diese Fertigkeit mit den kopfballstarken Innenverteidigern Harry Maguire und John Stones perfektioniert. Die positive Nachricht für England: Kroatien zeigte sich zuletzt bei hohen Bällen anfällig.

Wer Southgate in den vergangenen Wochen beobachtet hat, versteht, warum der ehemalige Nationalspieler nicht nur bei seinen Spielern, sondern auch im extrem kritischen England immer höhere Beliebtheitswerte erzielt. Der 47-Jährige ist aufmerksam, eloquent, humorvoll, aber auch demütig und neuen Methoden gegenüber aufgeschlossen. So lässt sich taktische Disziplin, die seine Mannschaft vom ersten Spiel an zeigt, leichter vermitteln. England muss nicht zwingend den Ball haben, wartet geduldig auf Torchancen und wird in der Rückwärtsbewegung nur selten überrascht.

Kroatiens Schwächen

Dalic geht von einer unterschiedlichen Taktik aus. "Wir erwarten ein anderes System als in den Spielen zuvor gegen Island, Dänemark und Russland", sagte der Trainer. "Ein Spiel, das uns eher entgegenkommt." Denn wenn Kroatien selbst das Spiel machen und stärker als gegen Nigeria und Argentinien agieren muss, entwickelt die Offensive weniger Torgefahr. England agiert aber auch nicht als klassische Ballbesitz-Mannschaft. Wer seinen verhaltenen Plan besser durchbringt, wird in diesem Halbfinale Vorteile haben.

Und je länger das Spiel dauern wird, umso mehr wird den kroatischen Spielern nach zwei Verlängerungen Konzentration und Frische fehlen. "Wir sind professionell genug, um zu wissen, wie man am besten regeneriert", sagt Lovren dazu. "In solchen Spielen vergisst du alle Müdigkeit, das ist die Chance unseres Lebens." Das mag stimmen, aber spätestens in einer dritten Verlängerung wird der Faktor Kraft für England sprechen.

Englands Schwächen

So groß die Euphorie in England mittlerweile ist, der Weg der Three Lions in dieses Halbfinale sollte nicht ausgeblendet werden. Gegen Tunesien wurde erst spät gewonnen, Panama war nicht WM-tauglich, die Niederlage gegen Belgien mit zwei Reserveteams ist nicht aussagekräftig, Kolumbien war spätestens nach dem Ausgleich gleichwertig und Schweden hatte zuvor über den Verhältnissen gespielt. Kroatien ist der erste Gegner auf Augenhöhe.

Für die Schwäche der Favoriten Deutschland und Spanien kann England nichts, aber eigentlich kommt der Erfolg bei dieser WM zwei Jahre zu früh. Die englische Mannschaft stellt eins der jüngsten Teams in Russland - und auch wenn die meisten Spieler bei Top-Klubs in der Premier League unter Vertrag stehen, so fehlt doch noch etwas Erfahrung auf höchstem Niveau. Und auch wenn Southgate von positivem Druck spricht, die Fans in der Heimat wollen erstmals nach 1966 Weltmeister werden. Das kann beflügeln, das kann - wie in der Vergangenheit häufiger - aber auch lähmen.

Fazit

Wenn England es schaffen sollte, Kroatien zu mehr Ballbesitz zu zwingen, wird die Mannschaft von Trainer Southgate im Vorteil sein und diesen dank der guten Standards und der disziplinierten Spielweise zum Finaleinzug nutzen.

insgesamt 1 Beitrag
carinanavis 11.07.2018
1. das meiste ist gut analysiert
aber der Autor vergisst zwei wesentliche Punkte. Das Englische Team ist im Gegensatz zu früheren Mannschaften sehr ballsicher und kann Ballbesitzphasen sehr geduldig spielen, ohne Lücken in der Abwehr zu zeigen. Das Spiel gegen [...]
aber der Autor vergisst zwei wesentliche Punkte. Das Englische Team ist im Gegensatz zu früheren Mannschaften sehr ballsicher und kann Ballbesitzphasen sehr geduldig spielen, ohne Lücken in der Abwehr zu zeigen. Das Spiel gegen Schweden beweist das. Übrigens hatte Deutschland auch gegen Schweden fast die richtige Michung gefunden, solange Rudy die Lücke zwischen Abwehr und Mittelfeld schließen konnte. Die Kroaten können sicher gut kontern, aber selbst im Ballbesitz sind sie technisch nicht gut genug (entgegen landläufiger Meinung und ihrer Selbsteinschätzung), um das konsequent durchzuspielen. Die Russen liessen die Kroaten im Viertelfinale im Grunde frei spielen, ohne Ansätze von Pressing. Tatsächlich verschoben die Russen weitgehend so, dass nur die Räume dicht gehalten wurden. Wenn die Engländer dagegen konsequent pressen und die ballführenden Spieler attackieren, werden die Kroaten allergrößte Schwierigkeiten bekommen. Dies ist auch angebracht um die vermutlich müden Kroaten nicht zur Ruhe kommen zu lassen und zu stressen. Sie werden ganz sicher Fehler machen, sich nur durch Fouls zu helfen wissen und dann vielleicht sogar die Nerven verlieren: gelbe, rote Karten werden die Folge sein und Elfmeter gegen Kroatien.

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