Sport

Trainer-Chaos

Real Madrid gegen Spanien

Kurz vorm ersten WM-Spiel feuerte Spaniens Verband seinen Trainer. Wer ist schuld am Chaos? Vorwürfe gibt es vor allem gegen Florentino Pérez, den Boss von Real Madrid.

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Real Madrids Präsident Florentino Perez

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Donnerstag, 14.06.2018   10:09 Uhr

Bevor Luis Rubiales das Gespräch beendete, hatte der Chef des spanischen Fußballverbands noch eine Bitte: Der Deal solle geheim bleiben. Gerade hatte Rubiales mitgeteilt bekommen, dass er sich spätestens nach der WM einen neuen Trainer suchen müsse. Julen Lopetegui, zu dem Zeitpunkt noch spanischer Nationaltrainer, würde in der kommenden Saison Real Madrid coachen. Aber schon fünf Minuten nach dem Telefonanruf stand die Nachricht auf den Titelseiten der spanischen Medien.

Schon nach fünf Minuten, das wiederholte Rubiales auf der Pressekonferenz einen Tag später gleich zweimal, als könne er es immer noch nicht glauben. Vorher habe er nichts von den Königlichen gehört. "Null." So gehe das nicht. Madrid habe nur seine eigenen Interessen verfolgt, sagte Rubiales und schmiss Lopetegui kurzerhand raus. Nur zwei Tage vor dem ersten WM-Spiel der Spanier gegen Portugal (Freitag 20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

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Luis Manuel Rubiales (r.) und Fernando Hierro (l.)

Mit dem 51-jährigen Trainer hatte die Selección zuvor 20 Spiele in Folge nicht verloren. Er sollte sie zum WM-Titel führen. Eigentlich. Aber: "Es gibt Wichtigeres als den Sport", sagt Rubiales nun.

Ein "Erdbeben", "Kannibalismus", die "schwärzesten Stunden in der Geschichte der Nationalmannschaft" - so titelte die spanische Presse nach dem Eklat. Inzwischen ist klar: Ex-Real-Verteidiger Fernando Hierro, eigentlich Sportdirektor, wird während der WM als Trainer einspringen. Aber auch das konnte die Gemüter nicht beruhigen. Man stelle sich mal vor, die deutsche Mannschaft würde zwei Tage vor dem Turnierbeginn Oliver Bierhoff als neuen Trainer vorstellen.

"Kleiner Diktator" und "Verräter"

Besonders in der Kritik: Florentino Pérez, Präsident von Real Madrid, außerdem millionenschwerer Bauunternehmer. Er traf die Entscheidung, Spaniens Nationaltrainer zu verpflichten. Laut Rubiales telefonierten die beiden persönlich miteinander. Klar ist: Der Real-Boss hat den fußballbegeisterten Teil Spaniens, also beinahe das gesamte Land, ins Chaos gestürzt - und reihenweise Verlierer produziert.

Pérez hat keine Rücksicht auf die Nationalmannschaft genommen und wird nun auch nicht damit anfangen. Der Real-Präsident stand nach dem Rücktritt von Zinédine Zidane unter Druck, er musste schnell einen geeigneten Trainer finden. In seiner Not riskiert Pérez jetzt aber den Erfolg der Nationalmannschaft bei der WM. Man hätte die Nachricht ohnehin nicht geheim halten können, zitiert die vereinsnahe Zeitung "Marca" anonyme Quellen aus dem Klub, es klingt wie eine halbherzige Entschuldigung.

Nach Lopeteguis Rauswurf spart Real-Boss Pérez sich nun sogar die zwei Millionen Euro Ablöse, die laut Ausstiegsklausel fällig geworden wären. Gut kommt der Real-Boss bei der Sache aber dennoch nicht weg. Einen "kleinen Diktator" und "Verräter" nannte ihn der Sportjournalist José María García in einem Interview. Perez stelle das Wohl seines Vereins über das der Nationalmannschaft. Die Gefahr für Pérez: Selbst Madrid-Fans dürften nicht erfreut sein, falls die Spanier bei der WM nun schlechte Leistungen zeigen. Gerade viele Madrilenen verstehen in Sachen Nationalstolz nur wenig Spaß.

Lopetegui wiederum ist in weiten Teilen der Öffentlichkeit nun ohnehin unten durch. Die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen, verließ der baskische Coach am Mittwoch das WM-Quartier der Spanier. Er sei traurig, ließ er noch ausrichten, er wünsche sich, dass die Spieler trotzdem den WM-Titel holen. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, entlassen zu werden. Obwohl Lopetegui seine Spieler wochenlang ermahnt hatte, ihre Vereine für eine Weile zu vergessen - und währenddessen hinter ihrem Rücken selbst mit Real verhandelte.

Xavi verteidigt Rubiales

Auch für Luis Rubiales ist die Affäre ein Albtraum. Der 40-Jährige war erst Mitte Mai zum Verbandschef gewählt worden - und schon herrscht Chaos. Zwar greift Rubiales nun energisch durch und verteidigt öffentlich die Prinzipien des Verbands, koste es, was es wolle. Aber auch das nehmen ihm manche übel. Er habe "den eigenen Stolz vor die Interessen eines ganzen Landes gestellt", kommentierte Josep Pedrerol, einer der prominentesten Sportjournalisten Spaniens, im Fernsehen. Nationalspieler Xavi verteidigte Rubiales hingegen am Abend.

Und so ist Aufregung zwar groß in Spanien, die Schuldfrage aber noch nicht geklärt. Die meisten Beobachter haben sich auf Real-Boss Pérez eingeschossen: Der spanische Verband habe gar keine andere Wahl gehabt. Schließlich wäre Lopetegui als Trainer in einer unmöglichen Situation gewesen. Ständig hätte er im Verdacht gestanden, die Spieler von Real Madrid zu bevorzugen, gerade im Vergleich zu den Spielern aus Barcelona. Die andere Fraktion hingegen fragt sich, ob Rubiales nicht überreagiert hat. Besonders brisant: Laut "Marca" sprach sich die Mehrheit der Nationalspieler für einen Verbleib ihres Trainers aus, allen voran Sergio Ramos, der Kapitän von Nationalmannschaft und Real Madrid ist.

Die Zeitung "Sport", die dem FC Barcelona nahe steht, stellt die Mehrheitsverhältnisse in der Kabine etwas anders dar. Demnach habe Ramos nicht die Mehrheit der Spieler hinter sich gehabt. Wahrscheinlich wird Rubiales seine Prinzipienfestigkeit trotzdem nur hoch angerechnet, wenn die spanische Mannschaft bei der WM Erfolg haben sollte. Sonst könnte auch er noch zum Buhmann werden.

insgesamt 19 Beiträge
krokodilklemme 14.06.2018
1. Eitelkeiten alter Männer
Schade für die spanische NM, dass die persönlichen Befindlichkeiten von Funktionären wichtiger sind als der sportliche Erfolg. Und ebenfalls schade, dass der "Classico" (hier als Rivalität zwischen Real und Barca [...]
Schade für die spanische NM, dass die persönlichen Befindlichkeiten von Funktionären wichtiger sind als der sportliche Erfolg. Und ebenfalls schade, dass der "Classico" (hier als Rivalität zwischen Real und Barca verstanden) auch hier wieder eine Rolle spielen muss. Kindergartenniveau.
peterw 14.06.2018
2. Ramos!
Wenn Ramos für den Verbleib des Trainers votiert, Realspieler, natürlich ganz uneigennützig, ist das allein schon Grund genug, den Trainer rauszuschmeißen!
Wenn Ramos für den Verbleib des Trainers votiert, Realspieler, natürlich ganz uneigennützig, ist das allein schon Grund genug, den Trainer rauszuschmeißen!
_spiegelvorhalter 14.06.2018
3. „Die Schuldfrage ist noch nicht geklärt“
Genau das werden die Spanier nun wohl tun. Und wie alle, die sich auf die Zuweisung von Schuld fokussieren anstatt eine Krise gemeinsam zu meistern und daraus zu lernen, werden sich die stolzen Spanier in Missstimmung, Streit und [...]
Genau das werden die Spanier nun wohl tun. Und wie alle, die sich auf die Zuweisung von Schuld fokussieren anstatt eine Krise gemeinsam zu meistern und daraus zu lernen, werden sich die stolzen Spanier in Missstimmung, Streit und Vertrauensverlust verlieren. Schade zwar, aber soll mir recht sein. Kroos wird sich wohl nicht ablenken lassen.
español 14.06.2018
4. Zusatz/Ergänzung
Laut span. Medien, war es Lopetegui selbst der eine Vermeldung seiner Verpflichtung für Real Madrid wünschte, weil anscheinend unter den Spielern das "Gerücht" schon herumkreiste und er vermeiden wollte daß dies [...]
Laut span. Medien, war es Lopetegui selbst der eine Vermeldung seiner Verpflichtung für Real Madrid wünschte, weil anscheinend unter den Spielern das "Gerücht" schon herumkreiste und er vermeiden wollte daß dies mitten im Turnier zum Politikum würde. Die Reaktion des Verbandspräsis ist schlichte Boss-Profilierung (er muss beweisen daß ER das Sagen hat). Eine gemeinsame PK von Rubiales mit Lopetegui hätte gereicht und wenn man davon ausgeht daß es sich dort um Profis handeln sollte, wäre das Thema vom Tisch gewesen. Jetzt aber, hat der Verband den Interimstrainer Hierro benannt, die Unruhe bleibt und nebenbei 2Mio Euro an Freikaufsklausel seitens Real verloren ( und wenn Lopetegui auf "stur" schaltet, darf man ihn auch noch die 2 Jahre des im Mai verlängerten Vertrags entschädigen). Ganz großes Kino seitens des neuen Verbandspräsis.
makes2068 14.06.2018
5. Egal wie, wer sich nicht an Abmachungen hält...
... sollte auch die Konsequenzen tragen. Leider ist das in der heute Gesellschaft immer weniger der Fall.
... sollte auch die Konsequenzen tragen. Leider ist das in der heute Gesellschaft immer weniger der Fall.

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