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Kroatiens Star Modric

Der unterforderte Zauberer

Luka Modric ist einer der besten Mittelfeldspieler der Welt. Dumm nur, dass seine Mannschaft gegen Russland ohne Mittelfeld spielte. Für Kroatiens ersten WM-Finaleinzug könnte es aber trotzdem reichen.

DPA

Luka Modric

Aus Sotschi berichtet
Sonntag, 08.07.2018   10:49 Uhr

Flanken können etwas Wunderbares sein. Der Ball fliegt so lange durch die Luft, dass das Publikum Zeit findet, sich Fragen zu stellen. Wird der Ball landen, wo er soll? Gewinnt der Stürmer das Kopfballduell? Und, die wichtigste Frage: Geht der Ball dann auch rein? Flanken bedeuten einen Spannungsbogen im Wortsinn, die Komplexität des Sports wird für einen Moment maximal reduziert.

Als im Spiel zwischen Russland und Kroatien erstmals eine Flanke durch die Luft segelt, wird sie vom tausendfachen ooOHHhoo der russischen Fans begleitet. Doch je länger das Spiel dauert, desto seltener jauchzen sie, denn die meisten der 56 Flanken in diesem Viertelfinale (Rekordwert bei dieser WM) schlägt Kroatien, 38 insgesamt.

Am Ende kommen die Kroaten weiter, im Elfmeterschießen setzt sich das Team 4:3 durch, nach 90 Minuten stand es 1:1, nach 120 2:2. Die erste Halbfinalteilnahme seit 1998 ist damit perfekt. Und doch bleibt nach diesem Spiel, dessen dramatisches Finish nur wenig für die zuvor zähe Vorstellung beider Mannschaft entschädigte, der Eindruck von einem kroatischen Team, das zwar erfolgreich ist, dem WM-Aus aber erneut nur gerade so entkommen war.

Das Spiel seiner Mannschaft sei "nicht gerade schön gewesen", sagte Trainer Zlatko Dalic, sondern "ein Kampf, eine Schlacht. Wir hatten Glück." Mit Schönspielerei komme man bei dieser WM eben nicht weiter. Fast wortgleich hatte er sich nach dem Achtelfinale gegen Dänemark geäußert, schon da war seine Mannschaft als Favorit ins Spiel gegangen und hatte dann das Elfmeterschießen benötigt.

Wie Pablo Picasso in Malen für Einsteiger

Luka Modric, 32, ist ein Schönspieler im besten Sinne. Er ist ein Zauberer auf dem Feld, der in eine Mannschaft mit dieser Ausrichtung passt wie Pablo Picasso in das Seminar Malen für Einsteiger. Modric ist aktuell Kroatiens bester Fußballer, vermutlich ist er sogar der beste in der Geschichte des Landes.

Auf einen Fußballer wie Modric richtet man sein Spiel aus. Sein Klub Real Madrid tut das seit Jahren, egal, wer dort Trainer ist. Viermal hat Real mit Modric als einem der Schlüsselspieler die Champions League gewonnen.

Modric ist Führungsspieler im Wortsinn. Gegen Russland zeigt er Mitspielern mit ausgestrecktem Arm an, wohin sie sich bewegen sollen. Gerade in der Anfangsphase, als Kroatien nervös wirkt, ist er wichtig. Seine Teamkollegen können sich daran aufrichten, dass ihm keine Fehler unterlaufen. Doch auch der Star der Mannschaft kann seine Mitspieler nicht dazu bewegen, Räume zu besetzen, in denen sie sich unwohl fühlen.

Der Ball kommt zu Modric, dann warten alle ab

Es fehlt die Verbindung zwischen Defensive und Offensive. In Ballbesitz spielt Kroatien praktisch ein 4-2-4, die offensive Zentrale bleibt unbesetzt. Ein Problem, das die Mannschaft in diesem Turnier immer dann gezeigt hat, wenn sie das Spiel machen musste. In der Außenseiterrolle fühlt sie sich wohler.

So kommt es, dass Modrics Fähigkeiten gegen Russland beinahe verschenkt wirken. Nahezu jeder Angriff läuft über ihn, die Abwehrspieler passen zu Ivan Rakitic, der leitet weiter zu Modric, dann warten alle ab. Meist spielt Modric dann den Diagonalpass auf einen der Außenstürmer, zehnmal tut er das, 20-mal und mehr; dann: Flanke. Und alles von vorn.

Ab und zu bricht Modric aus seiner Rolle aus, er spielt den Ball dann nicht auf den Flügel, sondern dribbelt einfach los, es wirkt dann, als habe er genug vom eindimensionalen Spiel seines Teams. Elfmal versucht er, an Gegenspielern vorbeizudribbeln, achtmal mit Erfolg. Einer dieser Versuche führt zur Ecke, die dem 2:1 durch Domagoj Vida vorausgeht.

Besser wird das kroatische Spiel erst, als Trainer Dalic Mitte der zweiten Halbzeit mit Marcelo Brozovic und noch später mit Mateo Kovacic weitere Mittelfeldspieler einwechselt. Warum er nicht von Anfang an auf mehr zentrale Spieler gesetzt habe, wurde Dalic gefragt. Seine Antwort, er wolle offensiv spielen lassen, war nur bedingt sinnvoll. Schließlich braucht es Spieler, die Stürmer in Szene setzen.

Modric selbst bemängelte vor allem mangelnde Konzentration bei gegnerischen Standards. Das könne daher kommen, dass die Mannschat sich ausgepowert habe, sagte er: "Wir haben zweimal in sechs Tagen 120 Minuten spielen müssen. Dem mussten wir Tribut zollen."

Gegen England kann Kroatien wieder der Außenseiter sein

Halbfinalgegner England wird das gerne vernommen haben. Den Three Lions blieb in ihrem Viertelfinale gegen Schweden (2:0) eine Verlängerung erspart. Und Standards sind ihre Spezialität. Für Kroatien spricht, dass die Mannschaft gegen England die Außenseiterrolle einnehmen und auf Konter lauern kann. Die Chancen auf den ersten Finaleinzug ihrer Geschichte stehen nicht schlecht.

Als das Spiel gegen Russland vorbei ist, trabt Modric in Richtung kroatischer Fans. Er dreht sich dabei mehrfach zu seinen Mitspielern um, er will sich vergewissern, dass sie auch wirklich mitkommen. Bei den Fans angelangt, reckt er die Fäuste in die Luft, kurzer Blick zurück, steht ihr hinter mir? Tun sie. Gemeinsam machen Spieler und Anhänger die Welle, hey, hey, dann applaudiert Modric den Fans, verteilt Luftküsse, das geht über eine halbe Minute so. Als Modric sich dann wieder umdreht, sind seine Mitspieler längst weitergezogen.

Russland - Kroatien 2:2 (1:1, 1:1) n.V. 3:4 i.E.
1:0 Tscheryschew (31.)
1:1 Kramaric (39.) 1:2 Vida (101.)
2:2 Mario Fernandes (115.)
Elfmeterschießen:
Smolov verschießt
0:1 Brozovic
1:1 Dzagoev
Kovacic verschießt
Mario Fernandes verschießt
1:2 Modric
2:2 Ignaschewitsch
2:3 Vida
3:3 Kusjajew
3:4 Rakitic
Russland: Akinfejew - Mario Fernandes, Kutepow, Ignaschewitsch, Kudriaschow - Sobnin, Kusjajew - Samedow (54. Erokhin), Golovin (102. Dsagojew), Tscheryschew (67. Smolov) - Dsjuba (79. Gazinsky)
Kroatien: Subasic - Vrsaljko (97. Corluka), Lovren, Vida, Strinic (74. Pivaric) - Rakitic, Modric - Rebic, Kramaric (88. Kovacic), Perisic (63. Brozovic) - Mandzukic
Schiedsrichter: Ricci (Brasilien)
Gelbe Karten: Gazinsky / Lovren, Strinic, Vida, Pivaric

insgesamt 20 Beiträge
FaselFaselFasel 08.07.2018
1. Ich wollte noch was erwähnen
So sehr ich Modric auch schätze, diese WM muss mittlerweile leider als schlechte WM bezeichnet werden. So gut der Videobeweis in der Gruppenphase auch war, dazu geführt hat dass wir mehr Tore gesehen haben udn die Favoriten auch [...]
So sehr ich Modric auch schätze, diese WM muss mittlerweile leider als schlechte WM bezeichnet werden. So gut der Videobeweis in der Gruppenphase auch war, dazu geführt hat dass wir mehr Tore gesehen haben udn die Favoriten auch meist weiterkamen, muss man sagen dass in der KO-Phase genau das das Problem ist. Wir sehen keine guten Spiele. Alle Mannschaften warten erstmal ab und verlassen sich auf Standards bzw. Elfmeter durch Videobeweis. Selbst ein Spiel wie Belgien-Brasilien, auf das ich mich wirklich gefreut hatte, war eine ziemliche Enttäuschung. Hinzu kommt die Unausgeglichneheit im Turnier. Man hat das Gefühl dass alle großen Namen und guten Mannschaften auf eienr Seite sind und somit aufeinenader treffen, während alle schlechten auf der Seite von Kroatien und England sind.
teichenstetter 08.07.2018
2. #1 hat vollkommen recht
Und noch dazu war die Seite mit den einfacheren Teams, auch die Seite auf der Deutschland gespielt hätte. Und das sagt einiges aus. Mir graut es jetzt schon vor einer WM mit 48 Mannschaften. Da wird der Fernseher wahrscheinlich [...]
Und noch dazu war die Seite mit den einfacheren Teams, auch die Seite auf der Deutschland gespielt hätte. Und das sagt einiges aus. Mir graut es jetzt schon vor einer WM mit 48 Mannschaften. Da wird der Fernseher wahrscheinlich erst nach dem 1/8 Finale eingeschaltet.
trantor73 08.07.2018
3. Turnierbaum...
Es ist weder Kroatien noch England anzulasten, dass die Spanier und Deutschen nicht (oder nicht mehr) auf dieser Seite des turnierbaumes zu finden sind ;) richtig ist, dass beide ein bisschen Glück haben, aber das gehört halt [...]
Es ist weder Kroatien noch England anzulasten, dass die Spanier und Deutschen nicht (oder nicht mehr) auf dieser Seite des turnierbaumes zu finden sind ;) richtig ist, dass beide ein bisschen Glück haben, aber das gehört halt auch dazu. Wer erinnert sich nicht an den grandiosen weg ins Finale über paraguay USA und Südkorea :D
Aberlour A ' Bunadh 08.07.2018
4. Es ist weder Kroatien noch England anzulasten
Absolut richtig. Wobei noch anzumerken wäre, dass das Glück eher auf der Seite der Gegner war. Sowohl Kolumbien, als auch gestern Russland, hatten viel Glück, es gegen England bzw. Kroatien überhaupt bis ins [...]
Zitat von trantor73Es ist weder Kroatien noch England anzulasten, dass die Spanier und Deutschen nicht (oder nicht mehr) auf dieser Seite des turnierbaumes zu finden sind ;) richtig ist, dass beide ein bisschen Glück haben, aber das gehört halt auch dazu. Wer erinnert sich nicht an den grandiosen weg ins Finale über paraguay USA und Südkorea :D
Absolut richtig. Wobei noch anzumerken wäre, dass das Glück eher auf der Seite der Gegner war. Sowohl Kolumbien, als auch gestern Russland, hatten viel Glück, es gegen England bzw. Kroatien überhaupt bis ins Elfmeterschießen gebracht zu haben. Von daher war der Fußballgott bei dieser WM bisher immer der technisch-taktisch besseren Mannschaft zugetan. Die "Richtigen" sind also verdient weitergekommen. Nur einmal hat sich der besagte Fußballgott gegen seine eigene Maxime gestellt: beim Elfmetersieg Russlands gegen Spanien. Vielleicht hat ihn die Spanier aber mit 120 Minuten Tiki-Taka-Schlafwagenfußball aber auch nur in den Schlaf gespielt. Von daher kann man auch sagen: selbst schuld, Spanien.
trantor73 08.07.2018
5. Kolumbien..
.. Hatte in der Tat im Spiel Glück. Allerdings auch großes Pech, nicht mit dem wohl besten Spieler antreten zu können (James verletzt.. Das war erkennbar nicht zu kompensieren). Und beim 11er Schießen war Kolumbien das Glück [...]
.. Hatte in der Tat im Spiel Glück. Allerdings auch großes Pech, nicht mit dem wohl besten Spieler antreten zu können (James verletzt.. Das war erkennbar nicht zu kompensieren). Und beim 11er Schießen war Kolumbien das Glück auch nicht hold. Richtig ist aber, dass mit Cro & Eng die eher besten der schlechteren Hälfte im HF sind :)

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