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Frankreichs Jungstar Mbappé

Das blaue Wunder

Kylian Mbappé gilt als kommender Weltfußballer, dabei ist er erst 19. Im Halbfinale gegen Belgien richteten beide Mannschaften ihre Strategie nach seinen Fähigkeiten aus. Was macht ihn so besonders?

Foto: AFP
Aus Sankt Petersburg
Mittwoch, 11.07.2018   11:40 Uhr

Das Geheimnis liegt in seinem Laufstil.

Die 34. Minute bei Frankreichs Halbfinalsieg über Belgien (1:0), Antoine Griezmann schlägt einen Ball in den Rücken der belgischen Abwehr, es kommt zu dem Szenario, das Belgien unbedingt vermeiden wollte: ein Sprintduell zwischen Frankreichs Kylian Mbappé und seinem Gegenspieler Jan Vertonghen.

In Echtzeit sieht das, was dann geschieht, etwa so aus: Der 19 Jahre alte Mbappé läuft Vertonghen davon, legt den Ball quer auf Teamkollege Olivier Giroud, der aber das Tor nicht trifft. Erst wenn man die Zeit verlangsamt, zeigt sich, was Mbappé in dieser Szene so besonders macht. Warum der Stürmer bei dieser WM so viel Furcht bei Frankreichs Gegnern auslöst.

In den Sekunden nach Griezmanns Pass macht Mbappé nicht nur einen Schritt mehr als sein Gegenspieler, er legt mit jedem seiner Schritte auch mehr Strecke zurück. Für sich genommen sieht der Bewegungsablauf so aus, als reihe Mbappé einen Ausfallschritt an den nächsten: das vordere Bein angewinkelt, das hintere einen ganzen Meter zurück und durchgestreckt, der Körperschwerpunkt tief und weit vorne. Er sieht jetzt aus wie jemand, der einen Dreisprung vollführt.

Und dann ist da dieses Federn. Wo andere Fußballer die Stollen in den Rasen stampfen und sich dann kräftig abdrücken, scheint Mbappé über den Rasen zu hüpfen, als seien unter ihm lauter Trampoline aufgestellt.

Das Verrückte an dieser Szene ist nicht allein, wie berauschend schnell Mbappé unterwegs ist, sondern wie er seinen Sprint finalisiert: er reißt das rechte Bein hoch, lässt den heranfliegenden Ball gegen die Innenseite seines rechten Fußes klatschen, und mit diesem einen Kontakt verwandelt er den Griezmann-Pass in eine Vorlage für den mitgelaufenen Giroud.

Spielweise speziell an Mbappés Stärken angepasst

Mbappé gilt als Wunderjunge des französischen Fußballs. Als 18-Jähriger erzielte er in seiner ersten Champions-League-Saison sechs Tore in der K.-o.-Runde; seit Sommer spielt er an der Seite von Neymar bei Paris Saint-Germain, wo ihm in 46 Einsätzen 37 Torbeteiligungen gelangen; und im WM-Achtelfinale gegen Argentinien erzielte er drei Tore, es war die wohl beste Einzelleistung eines Offensivspielers bei diesem Turnier. Es ist in der jüngeren Geschichte des Fußballs wohl nicht vorgekommen, dass ein 19-Jähriger die strategische Ausrichtung eines WM-Halbfinales derart geprägt hat wie nun Mbappé.

Belgien hatte seine Spielweise speziell an Mbappés Stärken angepasst. Die Position des linken Außenverteidigers, sein direkter Gegenspieler, war bei den Belgiern während der WM in der Regel von einem gelernten Angreifer besetzt. Diesmal aber setzte Trainer Roberto Martínez auf Verteidiger Vertonghen. Zusätzlich instruierte er einen der beiden defensiven Mittelfeldspieler, Moussa Dembélé, bei französischem Ballbesitz Vertonghen gegen Mbappé zu unterstützten. Zwei Spieler gegen das größte Talent des Weltfußballs, so lautete Belgiens Plan. Und doch war die Vorarbeit für Giroud nur eine von sechs Torschussvorlagen.

Dass Frankreichs Trainer Didier Deschamps die eigene Taktik auf Mbappé ausrichtet, ist nicht neu, das war auch gegen Belgien so. Meist überließen die Franzosen ihrem Gegner den Ball und zogen sich in die eigene Hälfte zurück, auch Mittelstürmer Giroud blieb tief, statt die belgischen Verteidiger zu binden und damit das Feld zu strecken. Das Ziel war, einen möglichst großen Raum im Rücken von Belgiens Defensive zu erzeugen. Gelang der Ballgewinn, suchte die Mannschaft Mbappé.

Es gibt viele Stürmer, die Speed mit Abschlussstärke verbinden. Im Gegensatz zu Timo Werner zum Beispiel hat Mbappé aber einen großen Vorteil: er ist kompletter. Er visiert nicht nur Schnittstellen in der Viererkette an, sondern bewegt sich geschickt in Zwischenräume der gegnerischen Formation hinein; er braucht Pässe nicht immer in den Lauf, sondern nimmt sie auch in den Fuß an, um dann loszudribbeln; er ist kreativ, trickreich, unvorhersehbar.

Besser als Ronaldo und Messi im selben Alter

Dieses Portfolio wäre bei einem 25-Jährigen außergewöhnlich. Bei einem 19-Jährigen ist es atemberaubend. Mbappé ist besser, als es Cristiano Ronaldo und Lionel Messi im selben Alter waren. Was nicht zwangsläufig bedeutet, dass er sich mit wachsendem Alter in gleichem Maße verbessert.

Mbappés Stärken leuchten derart grell, dass seine Schwächen zu verblassen drohen, dabei sind sie offenkundig. Er sucht zu oft das Dribbling, auch dann nämlich, wenn er es eigentlich nicht gewinnen kann, weil die gegnerische Überzahl zu mächtig ist. 16 Dribblings hat Mbappé allein gegen Belgien versucht, acht hat er gewonnen. Der andere große Dribbler auf dem Platz, Belgiens Eden Hazard, nahm nur zwölf Anläufe, gewann davon aber zehn. Für sein etwas zu theatralisches Zubodengehen, als er in der Nachspielzeit mit Vertonghen aneinander geriet, wurde Mbappé am Abend bei Twitter mit viel Häme bedacht. Und natürlich ist da, wie bei den meisten 19-Jährigen, die Sache mit der Abwehrarbeit.

Wenn der Gegner in Ballbesitz ist, verliert Mbappé manchmal den Fokus, er hält dann nicht die korrekten Abstände zu seinen Mitspielern ein. Wenn man so will, ist er Frankreichs Schwachstelle in der Verteidigung. Nur ist er so ziemlich die einzige, und deshalb lässt sich das gut kaschieren. Bei belgischem Spielaufbau lenkte Frankreich den Ball meist auf die eigene linke Seite, die Nicht-Mbappé-Seite. Abwehrmängel spielten deshalb keine große Rolle.

Belgiens Trainer Martínez lobte Mbappé nach der Partie als außergewöhnlich großes Talent. "Sein Tempo ist eine Waffe, und Frankreich versteht es, sie einzusetzen", sagte er, um dann aber einzuschränken, seine eigene Mannschaft habe Mbappé doch eigentlich sehr gut aufgehalten. Was man nicht alles "aufhalten" nennt.

insgesamt 14 Beiträge
HansFröhlich 11.07.2018
1. letzter Absatz
War das eine Anspielung auf die Unsportlichkeit der letzten Minuten gestern?
War das eine Anspielung auf die Unsportlichkeit der letzten Minuten gestern?
hersp58 11.07.2018
2. schon wieder ein "Held" gezeugt
Er kann vielleicht mit dem Ball umgehen, mehr aber auch nicht. Vom sportlichen Verhalten hat er jedenfalls noch nicht viel gehört. Wie er gestern während der Nachspielzeit den Elfmeter der Belgier durch seine Ballspielchen [...]
Er kann vielleicht mit dem Ball umgehen, mehr aber auch nicht. Vom sportlichen Verhalten hat er jedenfalls noch nicht viel gehört. Wie er gestern während der Nachspielzeit den Elfmeter der Belgier durch seine Ballspielchen hinauszögerte, war schon eine Frechheit und grob unsportlich. Dass diese Zeitspielchen noch vom Reporter als besonders herausragend und abgezockt eines künftigen Weltmeisters würdig herausgestellt wurden, gibt dem Ganzen noch eine besondere Note. Er hätte dafür rot sehen müssen. Aber da steht er schon auf einer Stufe mit dem brasilianischen "Held" Nymar, der seine Show zum Besten gibt. Diese Burschen sind alle noch nicht ganz trocken hinter den Ohren.
noerglerfritz 11.07.2018
3. Mbappé ist wie Neymar
Am Ende ist mir der Typ ausschließlich durch seine Unsportlichkeiten aufgefallen. Hat sich auf dem Boden gewälzt und seinen Kopf gehalten, weil ihn dort jemand berührt hat, hat den Ball nicht hergegeben, und und und. Ich finde, [...]
Am Ende ist mir der Typ ausschließlich durch seine Unsportlichkeiten aufgefallen. Hat sich auf dem Boden gewälzt und seinen Kopf gehalten, weil ihn dort jemand berührt hat, hat den Ball nicht hergegeben, und und und. Ich finde, diese Schauspielereien werden von den Schiedsrichtern zu wenig bestraft. Bei sowas muss es sofort gelb geben, damit den Spielern dieses widerliche Verhalten ausgetrieben wird.
olicrom 11.07.2018
4. Schon mit 19 Schmierenkomödiant
Der kann mir gestohlen bleiben nach dem Spiel gestern. So wird das nix mim Star-Sein.
Der kann mir gestohlen bleiben nach dem Spiel gestern. So wird das nix mim Star-Sein.
toninotorino 11.07.2018
5. Super Spieler
Aber zur Persönlichkeit fehlt noch einiges. Was mich an ihm manchmal nervt, ist sein Hang zur Schauspielerei. Sollte er nicht nötig haben. Ansonsten, top! Im Vergleich mit Mbappe´ verblüfft mich Pogba. Wie der für die [...]
Aber zur Persönlichkeit fehlt noch einiges. Was mich an ihm manchmal nervt, ist sein Hang zur Schauspielerei. Sollte er nicht nötig haben. Ansonsten, top! Im Vergleich mit Mbappe´ verblüfft mich Pogba. Wie der für die Mannschaft arbeitet und schuftet ist faszinierend. Hätte ich ihm nie zugetraut. Einer der Topspieler dieser WM.
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