Sport

Public Viewing mit englischen Fans

"Bist du etwa für Kroatien?"

Englische Fans verstehen beim Fußball oft keinen Spaß. Was passiert, wenn man mit ihnen in London das Halbfinale sieht - aber selber Anhänger von Kroatien ist?

REUTERS
Von Sascha Zastiral, London
Donnerstag, 12.07.2018   11:52 Uhr

Mir ist ein wenig mulmig zumute, als meine Frau Caroline und ich auf dem Weg sind, um uns das Halbfinale zwischen England und Kroatien in Brixton im Süden von London anzuschauen. Denn England-Fans nehmen ihren Fußball SEHR ernst. Die Feierlichkeiten, die ausbrechen, wenn England gewinnt, haben daher oft den Charme einer G7-Randale.

Nach dem Sieg des englischen Teams über Schweden am vergangenen Wochenende etwa stürmten Fans im gesamten Land Hauptverkehrs-Kreuzungen und sprangen auf Autos, Taxis und auf selbst auf Rettungsfahrzeugen herum und beschädigten sie schwer. Ein Fußball-Fan in London fiel durch das Dach einer Bushaltestelle, auf der er getanzt hat, und verletzte eine Frau, die darunter stand. Ebenfalls in London stürmten Feiernde eine Ikea-Filiale, sprangen auf Möbeln herum und warfen Sachen durch die Gegend. Die Polizei nahm landesweit 70 randalierende Fans fest. Bei vielen Notfalldiensten gingen an diesem Tag so viele Anrufe ein wie nie zuvor.

Doch die Aussicht auf nervige betrunkene Fußballfans alleine ist es nicht, was mir Sorgen macht. Es ist der Umstand, dass ich mir das Spiel in fußballerischem Feindesland anschauen werde. Denn ich bin Kroatien-Fan. Meine Eltern stammen von dort.

Mit dem Land selbst habe ich zwar zugegebener Maßen nicht mehr irrsinnig viel zu tun. Doch zu WM- und EM-Zeiten vergesse ich für ein paar Wochen meine Bedenken gegen patriotische Anwandlungen und fiebere mit dem Team mit dem rot-weißen Karomuster auf den Trikots mit. Dafür gelyncht werden möchte ich aber auch nicht. Also lautet die Devise des Abends: bloß nicht auffallen.

Dass wir uns das Spiel in einem Meer aus englischen Fans anschauen, hat zwei Gründe: Zu Hause sitzen wäre eines Halbfinales nicht würdig. Aber in London gibt es so gut wie keine Kroaten, und somit auch kein kroatisches Restaurant, das mir bekannt wäre. Also fahren wir zum Brixton Village, einem hippen Markt mit vielen kleinen Bars, Läden und Restaurants Restaurants. Dort wird das Spiel auf einem Großbildschirm übertragen.

It's coming home

Das Publikum ist angenehm, wie immer in dieser Gegend: recht jung, ziemlich bunt gemischt, mit nur wenigen Hipstern und Yuppies. Es wird viel Bier getrunken. Irgendwo kifft jemand. Das Spiel wird unter großem Jubel angepfiffen.

Die Zuversicht der Fans ist riesig. Dabei ist die Bilanz der englischen Fußball-Nationalelf eigentlich eher überschaubar. England hat nur einmal den WM-Titel gewonnen, und das vor über einem halben Jahrhundert, 1966. Diesmal soll es klappen. Die Menge in Brixton bringt sich schon früh mit dem Refrain des Lieds "Three Lions" der Band "The Lightning Seeds" in Stimmung: It's coming home, it's coming home, football is coming home. Die melancholische Fußball-Hymne aus dem Jahr 1996 ist in den vergangenen Wochen so unfassbar oft gesungen worden, dass mittlerweile vermutlich sogar die Queen einen Ohrwurm davon hat.

Getty Images

Brixton Village

Und es fängt (für die England-Fans) gut an. Bereits in der fünften Minute: ohrenbetäubender Jubel. Kieran Trippier bringt sein Team in Führung. Alles springt von den Sitzen auf, Bierbecher fliegen durch die Luft. Die Stimmung ist spitzenmäßig. England, scheinen viele hier zu glauben, hat damit praktisch schon gewonnen. Für uns folgt zermürbendes Warten. Zeit vergeht wohl nur selten langsamer, als wenn man auf ein Ausgleichstor hofft.

Minderheiten identifizieren sich mit dem "Englischen"

Die Freude darüber, wie gut es bisher für England bei der WM gelaufen ist, hat mehr in Gang gesetzt, als man hätte erwarten können. Der Erfolg des jungen, engagierten und bunt gemischten Teams hat offengelegt, wie stark sich die Identität vieler Menschen in den vergangenen Jahren gewandelt hat.

Im Zentrum des Wandels, der sich gerade in England vollzieht, steht die englische Identität. Denn bislang haben sich fast nur Arbeiter und Menschen in ländlicheren Gegenden zunächst einmal als Engländer (und erst danach oder auch gar nicht als Briten) bezeichnet. Mitglieder der Mittelschichten und Eliten in den Großstädten sahen sich in erster Linie als Briten. Dem "Englischen" haftete lange etwas Provinzielles an. Viele Mitglieder ethnischer Minderheiten wären bis vor Kurzem nie auf die Idee gekommen, sich als Engländer zu bezeichnen. Wieso auch: Gerade der englische Fußball war lange genug eine Brutstätte für Gewalt und Rassismus.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Rund die Hälfte des aktuellen englischen Nationalteams hat mittlerweile Wurzeln im Ausland. Das führt offenbar dazu, dass sich auch immer mehr Fußballfans, die Minderheiten angehören, stärker mit dem "Englischen" identifizieren.

Das fällt auch bei der Liveübertragung in Brixton auf. Die wenigen englischen Flaggen, die man hier sieht, befinden sich in den Händen schwarzer Fans. Sie gehören auch zu denen, die ihr Team am lautesten anfeuern. "Bumbaclot", schreit ein Fan, als einer der englischen Spieler am kroatischen Tor vorbeischießt, ein jamaikanisches Schimpfwort.

Entsetzen beim Ausgleich

Für uns hat das endlose Warten in der 68. Minute ein Ende: Nach einer Flanke springt Ivan Perisic über seinen Gegenspieler und schießt mit der Sohle ein Tor. Um uns herum herrscht Entsetzen. Ich presse meine Lippen zusammen, balle heimlich die Hände zu Fäusten und versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Die England-Fans brauchen ein paar Minuten, um sich zu fangen. Doch dann machen sie sich Mut. Sie klatschen und feuern ihr Team auf dem Großbildschirm an. Doch es hilft nichts.

Als in der Nachspielzeit Mario Mandzukic das 2:1 schießt, wirkt der Augenblick beinahe surreal. Das Tor fällt in absoluter Stille. Man kann beinahe hören, wie für viele Fans hier der Traum vom Weltmeistertitel zerplatzt. Ich versuche wieder, mich zurückzuhalten. Doch diesmal fliege ich auf. Jemand tippt mir von hinten auf die Schulter.

"Bist Du etwa für Kroatien?", möchte ein England-Fan wissen, ein Mann um die 30 mit karibischem Hintergrund. Er mustert mich kritisch. Ich gestehe und sage ja, meine Eltern stammten von dort. Das scheint als Entschuldigung durchzugehen.

Ich frage ihn und seinen Freund, warum so viele schwarze Fußballfans das England-Team so energisch anfeuern, wo doch englischer Fußball so lange von Rassismus überschattet war. "Weil es das Land ist, in dem er leben", antwortet er. Sein Freund sagt, das habe sicher etwas damit zu tun, dass viele der Spieler schwarz sind. "Wir sind alle große Fans von Raheem Sterling", fügt er hinzu und meint damit den Spieler von Manchester City, der in Jamaika auf die Welt gekommen ist.

Als kurz darauf das Spiel abgepfiffen wird, gehen die Zuschauer resigniert vom Platz. Einige haben Tränen in den Augen. Das englische Fußballmärchen ist vorbei - zumindest für dieses Mal.

Aber vielleicht hat die WM trotzdem etwas angestoßen, das bestehen bleibt, wenn sich der Schmerz über das Ausscheiden gelegt hat. "England mag den heutigen Abend nicht überstehen, aber (die Weltmeisterschaft) hat uns schon jetzt einen Moment gegeben", schreibt der Kolumnist Hugh Muir im "Guardian". Damit meine er, erklärt er weiter, den Augenblick, "wenn eine vielfältige Gesellschaft ein gemeinsames Anliegen findet." Das möge vielleicht nicht von Dauer sein, räumt Muir ein. "Aber es bietet einen Einblick in das, was möglich ist."

insgesamt 10 Beiträge
egoneiermann 12.07.2018
1.
Wäre natürlich schön, wenn man in England wie bei uns nach dem "Sommermärchen" unkomplizierter mit nationalen Symbolen umgeht und dadurch den Nationalisten auch ein Stück wegnimmt. Farben und Fahnen werden nicht [...]
Wäre natürlich schön, wenn man in England wie bei uns nach dem "Sommermärchen" unkomplizierter mit nationalen Symbolen umgeht und dadurch den Nationalisten auch ein Stück wegnimmt. Farben und Fahnen werden nicht mehr als angrenzende Zeichen einer Nation nach Außen gesehen, sondern einfach zumindest einige Wochen lang als Symbol für die Unterstützung einer Fußballmanschaft. Man kann das ja gut in Deutschland beobachten, als nach dem Ausscheiden des Teams die meisten Fahnen verschwanden, dafür dann belgische oder französische auftauchten. Diese Gelassenheit tut dem Fußball gut und wohl auch England mit dem übermächtigen Patriotismus.
genutztername 12.07.2018
2. Wirkllich?
"Dass wir uns das Spiel in einem Meer aus englischen Fans anschauen, hat zwei Gründe: Zu Hause sitzen wäre eines Halbfinales nicht würdig. Aber in London gibt es so gut wie keine Kroaten, und somit auch kein kroatisches [...]
"Dass wir uns das Spiel in einem Meer aus englischen Fans anschauen, hat zwei Gründe: Zu Hause sitzen wäre eines Halbfinales nicht würdig. Aber in London gibt es so gut wie keine Kroaten, und somit auch kein kroatisches Restaurant, das mir bekannt wäre." Google hilft: https://www.croatiaweek.com/london-gets-first-pop-up-dalmatian-restaurant/ auch das hätte man wohl finden können: https://www.croatiaweek.com/video-how-the-croatian-fans-celebrated-in-the-heart-of-london/
BC-Eagles 12.07.2018
3. Toller Beitrag
Wir haben gestern auch in einem Pub in London geschaut. An unserem Tisch sassen 6 Europäer die wie wir alle seit vielen Jahren in London leben (ein paar von uns sind sogar schon Britische Staatsbuerger). Keiner hat aber England [...]
Wir haben gestern auch in einem Pub in London geschaut. An unserem Tisch sassen 6 Europäer die wie wir alle seit vielen Jahren in London leben (ein paar von uns sind sogar schon Britische Staatsbuerger). Keiner hat aber England unterstuetzt. Als ich mal nachgefragt hab warum das so ist meinten alle es sei der Hochmut und ueberzogene Patriotismus der Fans und der englischen Medien. Ich haette wahrscheinlich nur England unterstuetzt wenn sie gegen Russland gespielt haetten.
odenkirchener 12.07.2018
4. Mutig?
Leichtsinnig? Ich hätte mich nicht getraut. Hätte Nasenbluten und Kopfweh befürchtet. . .
Leichtsinnig? Ich hätte mich nicht getraut. Hätte Nasenbluten und Kopfweh befürchtet. . .
Dražan 12.07.2018
5. Fürs nächste Spiel
Für den Autor: - https://www.facebook.com/hkmlondon/videos/1648162441972226/ - https://www.facebook.com/events/2014305671966796/ Am Sonntag sollten Sie sich eine "ordentliche" Location aussuchen ;-)
Für den Autor: - https://www.facebook.com/hkmlondon/videos/1648162441972226/ - https://www.facebook.com/events/2014305671966796/ Am Sonntag sollten Sie sich eine "ordentliche" Location aussuchen ;-)

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