Sport

Argentinien nach dem WM-Aus

Messi Ciao

Lionel Messi ist mit Argentinien gescheitert. Mal wieder. Ein erneuter Rücktritt aus der Nationalmannschaft gilt als wahrscheinlich. Oder nutzt der Superstar noch eine letzte Chance?

AFP

Lionel Messi

Aus Kasan berichtet
Samstag, 30.06.2018   21:01 Uhr

Lionel Messi stand nach dem Abpfiff in der Nähe des Mittelkreises. Minutenlang. Ab und zu kam ein Mitspieler vorbei, nahm den womöglich besten Fußballer seiner Generation in den Arm, versuchte zu trösten. Aber dann stand Messi wieder allein, die Arme in die Hüften gestemmt. So wie man ihn immer wieder auch während Spielen - egal, ob in Barcelona oder in der argentinischen Nationalmannschaft - beobachten kann. Teilnahmslos, in sich gekehrt, beobachtend und dadurch oft auch bekümmert wirkend.

In den Spielen folgt häufig wenige Sekunden nach einer solchen Teilnahmslosigkeit eine Explosion, ein Antritt mit Ball, der die scheinbare Traurigkeit aus Messi heraus sprinten lässt.

Doch in diesem Augenblick gab es keine Möglichkeit zur Korrektur.

Das Spiel war aus, Argentinien hat das WM-Achtelfinale gegen Frankreich 3:4 verloren. So blieb Messi stehen, die siegreiche Mannschaft war schon längst in der Kabine. Irgendjemand gab dann das Signal, sich bei der tollen Kulisse an diesem sommerlichen Nachmittag in Kasan zu bedanken. Messi klatschte zweimal und schritt ebenfalls in die Katakomben.

Ob er jemals im argentinischen Trikot zurückkehren wird, steht noch nicht fest. Messi ist während dieser Weltmeisterschaft in Russland 31 Jahre alt geworden, bei der nächsten Endrunde in Katar wird er viereinhalb Jahre älter sein. Es ist schwer vorstellbar, dass der fünffache Weltfußballer dann noch in der Verfassung ist, ein Spiel mit seinen Fähigkeiten zu prägen. Eine Chance auf einen Titel im Trikot der Albiceleste gäbe es dennoch, im kommenden Jahr findet die Copa América in Brasilien statt. Dort, im Land des Erzfeinds, zu gewinnen, könnte Messis bislang unvollendeter Karriere in der Nationalmannschaft einen würdigen Abschluss bereiten.

Tritt Messi zum zweiten Mal zurück?

Fotostrecke

Argentinien in der Einzelkritik: Ein Messi reichte nicht

Doch der Glaube an einen Rücktritt ist in Argentinien deutlich größer. Messi hat im Nationalteam schon einmal Schluss gemacht. 2016 hatte er das dritte Finale in Folge mit der Albiceleste verloren, einmal gegen Deutschland bei der WM in Brasilien und danach bei zwei Copa-Auflagen gegen Chile im Elfmeterschießen. Damals dauerte es nicht lange, ehe Messi seinen Rücktritt kundtat, das könnte nun ähnlich schnell gehen.

Argentiniens Rekordspieler Javier Mascherano ist bereits zurückgetreten, und die Zukunft von Trainer Jorge Sampaoli ist ungewiss. Es passte zum angespannten Verhältnis zwischen Sampaoli und argentinischen Medien, dass die erste Frage in der Pressekonferenz seinem möglichen Rücktritt galt. Sampaoli blieb erstaunlich ruhig: "Ich bin traurig, ich bin frustriert, aber ich werde heute sicher nicht entscheiden, wie es in der Zukunft weitergehen wird."

Es ist viel spekuliert worden während dieser Weltmeisterschaft. Es soll aus Spielerkreisen einen Aufstand gegen Sampaoli gegeben haben. Der Trainer stelle nur auf, wie es Messi vorgebe. Seine bevorzugte Taktik soll der 58-Jährige auch nicht durchbekommen haben - wegen Messi. Belastbare Aussagen gab es zu diesen Spekulationen nicht, man musste auf die Zwischentöne achten. "Wir haben den besten Spieler der Welt, aber wir brauchen das gesamte Team, um zu funktionieren", sagte Sampaoli. "Wir haben verschiedene Taktiken ausprobiert, um ihm die nötigen Situationen zu geben." Der Name Messi fiel nicht.

Ronaldo ist der bessere Teamplayer

Fotostrecke

WM 2018: Die Sieben-Tore-Show

Seit Jahren ist die Fußballwelt bei der Bewertung ihrer größten Einzelkönner gespalten. Es gibt das Messi-Lager, das von seiner Eleganz, seinen technischen Fertigkeiten, seinem Torabschluss überzeugt ist. Und es gibt das Ronaldo-Lager. Der Portugiese wurde ebenfalls fünfmal zum Weltfußballer gewählt, besticht aber eher durch Athletik und die Gier, immer besser werden zu wollen. Beide eint ihre unfassbare Torquote - und die Tatsache, abseits des Platzes in steuerlichen Dingen alles andere als ein Vorbild gewesen zu sein.

Zur Messi-Ronaldo-Saga gehörte aber auch immer die Ansicht, der eine, Messi, sei ein absoluter Teamplayer und der andere, Ronaldo, denke nur an sich und den persönlichen Erfolg. Womöglich muss diese Legende neu geschrieben werden, denn Messi scheint in der Nationalmannschaft mit seiner Einmischung in Personal- und Taktikfragen den Erfolg der Mannschaft in Gefahr gebracht zu haben.

Die Niederlage gegen Frankreich war ein weiterer Beweis für die Probleme der argentinischen Abhängigkeit von Messi, die Portugal mit Ronaldo so nicht hat. Zwar führte Argentinien zwischenzeitlich 2:1 und schien auf dem Weg Richtung Viertelfinale, doch die konteranfällige Abwehr und das auf Messi zugeschnittene Offensivspiel machten es Frankreich leicht, eine fulminante Rückkehr mit drei Toren zu feiern.

Und so dürfte ein Lied der deutlich in Unterzahl jubelnden französischen Fans das Motto dieses Abends vorgeben. Die Anhänger der Équipe Tricolore sangen schon gestern in Kasan eine umgetextete Version von "Bella Ciao", einer Hymne italienischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg:

Messi Ciao.

Frankreich - Argentinien 4:3 (1:1)
1:0 Griezmann (13., Foulelfmeter)
1:1 Di María (41.)
1:2 Mercado (48.)
2:2 Pavard (57.)
3:2 Mbappé (64.)
4:2 Mbappé (68.)
4:3 Agüero (90.+3)
Frankreich: Lloris - Hernández, Umtiti, Varane, Pavard - Pogba, Kanté - Matuidi (75. Tolisso), Griezmann (83. Fekir), Mbappé (89. Thauvin) - Giroud
Argentinien: Armani - Tagliafico, Rojo (46. Fazio), Otamendi, Mercado - Banega, Mascherano, Pérez (66. Agüero) - Di María, Messi, Pavón (75. Meza)
Zuschauer: 42.873
Schiedsrichter: Alireza Faghani (Iran)
Gelbe Karten: Matuidi, Giroud / Rojo, Tagliafico, Mascherano, Banega, Otamendi

insgesamt 8 Beiträge
hkooooo 30.06.2018
1. Mesi Mesi Mesi
Ok er ist ein Guter Fußballer aber 1. nicht der beste ich verstehe den Hype um diesen Typen von Anfang an nicht ! Meiner Meinung nach stehen diesem Kas....er min 12 Spieler über die einen besser interessanter schöneren und [...]
Ok er ist ein Guter Fußballer aber 1. nicht der beste ich verstehe den Hype um diesen Typen von Anfang an nicht ! Meiner Meinung nach stehen diesem Kas....er min 12 Spieler über die einen besser interessanter schöneren und attraktiveren Fußball spielen ! Er macht meist nur Glückstreffer wenig könn mehr Glück ganz einfach alle Toren sehen fast gleich aus !
hansa_vor 30.06.2018
2. Ein großer Fussballer
wird vermutlich die internationale Bühne verlassen. Ich habe Messi bisher und werde auch zukünftig gerne beim Spiel zusehen, danke Herr Messi. Introvertiert und einfach nur gut in dem was du tust, mehr solcher Menschen [...]
wird vermutlich die internationale Bühne verlassen. Ich habe Messi bisher und werde auch zukünftig gerne beim Spiel zusehen, danke Herr Messi. Introvertiert und einfach nur gut in dem was du tust, mehr solcher Menschen würden dem Fussball gut tun. GOAT bist du und wirst es überall, außer in der Heimat, sein und bleiben. Lass dich nicht von dem kleinen dicken Drogensüchtigen verwirren, der hätte in heutigen Zeiten nicht mal einen Platz in der Mannschaft gehabt.
Charlie Whiting 01.07.2018
3. Ich hoffe sehr
dass er weiter macht. Warum soll er mit 35 nicht noch spielen? Und Einfluss auf die Mannschaft? Das erwarte ich von einem Kapitän. Und dass die Abwehr öfter gepennt hat dafür kann er ja nix. Das 4tel-Finale FRA-URU ist schon [...]
dass er weiter macht. Warum soll er mit 35 nicht noch spielen? Und Einfluss auf die Mannschaft? Das erwarte ich von einem Kapitän. Und dass die Abwehr öfter gepennt hat dafür kann er ja nix. Das 4tel-Finale FRA-URU ist schon mal ein kleines Endspiel.
wokri 01.07.2018
4. Was für ein Spiel!
Danke Frankreich, danke Argentinien, es hat Spaß gemacht euch zuzusehen. Mehr davon!
Danke Frankreich, danke Argentinien, es hat Spaß gemacht euch zuzusehen. Mehr davon!
Prussia Culé 01.07.2018
5. Argentinien segelt ohne Richtung
Diesen einen Satz hört man nach dem Ausscheiden wieder sehr oft: „Argentinien & Messi funktionierte einfach nie“. Ein weit verbreiteter Irrtum. Unter Sabella und Martino war Argentiniens Mannschaft deutlich ausgeglichener. [...]
Diesen einen Satz hört man nach dem Ausscheiden wieder sehr oft: „Argentinien & Messi funktionierte einfach nie“. Ein weit verbreiteter Irrtum. Unter Sabella und Martino war Argentiniens Mannschaft deutlich ausgeglichener. Zwar lag der Fokus natürlich auf Messi aber das Team wirkte sicherer und die Aufgaben verteilten sich besser auf mehrere Schultern. Deutlich wurde das vor allem bei der Quali zur WM 2014 und bei beiden Copas 2015 & 2016 bei den Messi durch seine Tore, Vorlagen und seine Spielgestaltung der überragende Mann war. ---- Ob Messi tatsächlich die Aufstellung bestimmte ist nicht ganz klar. In der Qualifikation spielte die Mannschaft nicht gut und schon dort waren einige Entscheidungen des Trainers was Aufstellung und Taktik angingen bei Experten nicht nachzuvollziehen und das ohne ein Eingreifen von Messi. Auch außerhalb des Platzes hat sich Sampaoli z.B. durch seine Alkoholfahrt und das Bepöblen von Polizisten nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Es war von Anfang an keine klare Spielphilosophie erkennbar, doch gerade das hatte man sich von Sampaoli nach dem Fehlgriff Bauza erhofft. Alles auf Messi auszurichten und dann schauen was passiert ist klar nicht genug. Eine Einheit war auf dem Platz nicht zu erkennen. ---- Dazu kommt das Chaos im Argentinischen Verband, der in den letzten Jahren immer größer wurde. Das schwache Abschneiden, der an sonst guten Nachwuchsmannschaften. Auch hier fehlt ein Konzept, die wieder eine klare Richtung für die U-Mannschaften vorgibt. Dazu eine Liga, die fast jedes Jahr ihren Modus ändert, um sie auf Biegen und Brechen attraktiver zu machen und auch wohl davon abzulenken, wie verroht das Spiel in der Liga geworden ist und wie die Gewalt durch Hools immer schlimmer wird. ---- Der argentinische Fußball hat nicht nur auf N11-Ebene große Probleme. Keine ordentliche Führung, keine klare Philosophie.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP