Sport

Zukunft der englischen Nationalmannschaft

Gut gebrüllt, Löwen

Viele sind davon überzeugt: Dieser jungen englischen Mannschaft gehört die Zukunft. Oder trübt Sympathie das analytische Auge? Mit Blick auf die kommende WM muss sich bei den Three Lions noch einiges verbessern.

AFP

Trainer Southgate, Stürmerstar Kane

Aus Moskau berichtet
Donnerstag, 12.07.2018   15:56 Uhr

Gareth Southgate ist kein Zauberer. Und doch hat der ehemalige Spieler von Crystal Palace, Aston Villa und Middlesbrough bei der englischen Nationalmannschaft einen solchen Wandel auf so vielen Ebenen vollzogen, dass manche Beobachter über Magie nachdenken.

Das Verhältnis vieler Engländer zu ihren Three Lions war über Jahre gespalten. Die Sehnsucht nach dem ersten großen Titel seit 1966 war ungebrochen, doch die vielen Enttäuschungen, die öffentliche Abschottung des Teams und die große Diskrepanz zum Klubfußball ließen die Begeisterung Stück für Stück kleiner werden. Bis Southgate kam, der seit der Niederlage gegen Deutschland bei der Heim-EM 1996 das Image des Verlierers verkörperte.

Der ehemalige U21-Nationalcoach sorgte für eine Versöhnung mit der kritischen englischen Presse, installierte ein simples, aber funktionierendes Spielsystem, impfte den Spielern Selbstvertrauen ein und wurde in den Tagen von Russland zu einem bemerkenswerten Sympathieträger. Southgate ist im öffentlichen Umgang aufmerksam, höflich, auskunftsfreudig, bisweilen sogar humorvoll und selbstironisch. Diesem Trainer, dieser Mannschaft, dieser ehrlichen und effektiven Spielweise wurden in England plötzlich nicht nur Erwartungen entgegengebracht, es gab auch sehr viel Zuneigung.

Die Macht von schmerzvollen Niederlagen

Der Wandel ging sogar so weit, dass selbst ausländische Beobachter ins Schwärmen gerieten und Fußball-Anhänger in Deutschland, die ausnahmsweise selbst mal enttäuscht wurden, zur englischen Mannschaft überliefen. Wie ein Reflex gehörte es dann nach der 1:2-Halbfinalniederlage gegen Kroatien auch allenthalben dazu, England zum Favoriten für die folgenden großen Turniere zu ernennen. Junges Team, intelligenter Trainer, Spieler aus vielen Top-Klubs, nun reicher an Turniererfahrung - all das müsste doch in eine rosige Zukunft münden.

"Der Schmerz über die Niederlage wird andauern", sagte Southgate kurz nach der Pleite gegen Kroatien. Aber: "Um ein echter Gewinner zu werden, muss man auch schmerzhafte Niederlagen überstehen." Tatsächlich kann aus Misserfolgen etwas Großes entstehen, zwei Champions-League-Titel des FC Bayern (2001 und 2013) gehen der Legende nach auf zuvor erlittene Finalniederlagen zurück.

Im Fall der englischen Nationalmannschaft muss aber die Frage erlaubt sein, ob die Sympathie das analytische Auge trübt. Es sprach im Vorfeld des Halbfinals einiges für England, die Mentalität der Kroaten gab letztlich jedoch den Ausschlag. Auf dem Weg zu einem absoluten Spitzenteam muss sich in den kommenden Jahren einiges verbessern:

Für England und Trainer Southgate gibt es noch viel zu tun. Geht die Entwicklung weiter, können die Löwen in der Zukunft auch mal in einem Finale brüllen.

insgesamt 22 Beiträge
wannbrach 12.07.2018
1.
Die Kroaten sind mit jedem Spiel besser geworden und sind jetzt gewiss eine Gefahr für Frankreich.
Die Kroaten sind mit jedem Spiel besser geworden und sind jetzt gewiss eine Gefahr für Frankreich.
Aberlour A ' Bunadh 12.07.2018
2. Baustellen
Vor allem muss der englische Torwart, so gut er auf der Torlinie sein mag, noch einiges an Strafraumbeherrschung lernen. Einige Fausaktionen sahen jetzt nicht gerade souverän aus und die eigentlich harmlose Flanke zum kroatischen [...]
Vor allem muss der englische Torwart, so gut er auf der Torlinie sein mag, noch einiges an Strafraumbeherrschung lernen. Einige Fausaktionen sahen jetzt nicht gerade souverän aus und die eigentlich harmlose Flanke zum kroatischen Ausgleich durch Perišić muss er ablaufen, dann passiert gar nichts, selbst wenn der Verteidiger unaufmerksam ist. Viel zu tun ist auch noch auf der psychologischen Ebene. Eine Mannschaft, die den Gegner über 45 Minuten so beherrscht hat, darf nach nur einem Gegentor nicht so auseinanderfallen. Da halfen auch die "Brust-raus-Gesten" von Souhgate in der Pause vor der Verlängerung nichts mehr.
child3k 12.07.2018
3. Na ...
Man kann's auch anders sehen: Die Kroaten hatten Glück nicht schon nach der ersten Hälfte 2:0 zurückzuliegen. England hatte die Chancen dazu - denen fehlte da wiederum das notwendige Glück. Klar - die englische Mannschaft [...]
Man kann's auch anders sehen: Die Kroaten hatten Glück nicht schon nach der ersten Hälfte 2:0 zurückzuliegen. England hatte die Chancen dazu - denen fehlte da wiederum das notwendige Glück. Klar - die englische Mannschaft hat sicher noch viel zu lernen. Aber: Die Kroaten haben auch gegen England kein gutes Spiel gemacht. Gekämpft haben beide. Einsatz kam von beiden Mannschaften. Über die gesamte Spielzeit gesehen waren beide Teams gleich stark.
Multiple Choice 12.07.2018
4.
Das ist doch Meckern auf hohem Niveau. England hat zwar das Ziel, in 4 Jahren im Finale zu stehen (solche ziele darf man sich doch setzen, oder erst, wenn man in der Weltrangliste auf Platz 1 steht?), aber mit dem Halbfinale jetzt [...]
Das ist doch Meckern auf hohem Niveau. England hat zwar das Ziel, in 4 Jahren im Finale zu stehen (solche ziele darf man sich doch setzen, oder erst, wenn man in der Weltrangliste auf Platz 1 steht?), aber mit dem Halbfinale jetzt haben sie extrem viel erreicht. Und können höchst zufrieden sein. Sind sie auch, wenn man die englische Presse ansieht. Diese hat ihre Erwartungen schon sehr tief runtergeschraubt gehabt. Achtelfinale, *maximal* Viertelfinale, mehr hat keiner in England erwartet. Eher weniger, wenn man die Fähigkeiten der Spieler anguckt. Und jetzt kommt sogar die deutsche Presse und schraubt die Ansprüche für die Zukunft wieder sehr hoch. Ich war bis vor kurzem längere Zeit in England gewesen. Da hat keiner viel von England erwartet. Sehr realisitisch. und es stimmt auch nicht, dass die englische Presse die Mannschaft wieder hochgejubelt hätte. Geschweige denn die Trainer und Spieler sich selbst. Auch nicht vor dem HF. Lange Rede, kurzer Sinn: Halbfinale ist ein voller Erfolg und ich beglückwünsche das englische Team dazu!
Peter Friedrichs 12.07.2018
5. Mich haben auch die
vielen riskanten Rückgaben der Engländer etwas irritiert.
Zitat von Aberlour A ' BunadhVor allem muss der englische Torwart, so gut er auf der Torlinie sein mag, noch einiges an Strafraumbeherrschung lernen. Einige Fausaktionen sahen jetzt nicht gerade souverän aus und die eigentlich harmlose Flanke zum kroatischen Ausgleich durch Perišić muss er ablaufen, dann passiert gar nichts, selbst wenn der Verteidiger unaufmerksam ist. Viel zu tun ist auch noch auf der psychologischen Ebene. Eine Mannschaft, die den Gegner über 45 Minuten so beherrscht hat, darf nach nur einem Gegentor nicht so auseinanderfallen. Da halfen auch die "Brust-raus-Gesten" von Souhgate in der Pause vor der Verlängerung nichts mehr.
vielen riskanten Rückgaben der Engländer etwas irritiert.

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