Sport

Gesichter Russlands

Alexander, der Organisator

Ekaterina Anokhina

Alexander Fetisow liebt Fußball seit seiner Kindheit - auch deshalb wurde er zum WM-Verantwortlichen in seiner Region Samara ernannt. Das Stadion wird ihn nach dem Turnier noch lange beschäftigen.

Von  und Ekaterina Anokhina (Fotos)
Montag, 09.07.2018   20:23 Uhr

[STECKBRIEF]
Alexander Fetisow
51 Jahre, geboren in Samara
Vizegouverneur der Region Samara
Verantwortlicher für die WM in seiner Region
Mitglied in der Regierungspartei "Einiges Russland"
verheiratet, drei Söhne
Hobbyfußballer

Ekaterina Anokhina

Alexander Fetisow auf dem Kunstrasenplatz im Park in Samara

Ekaterina Anokhina

Sonntags ist bei Alexander Fetisow Fußballzeit. Jedenfalls, wenn nicht gerade WM ist, dann schafft er es nicht immer zum Kicken.

Seit sechs Jahren spielen der 51-Jährige und seine Freunde gemeinsam mit anderen Hobbysportlern wieder auf dem Hof ihrer Schule. Da dort aber aktuell gebaut wird, sind sie auf einen kleinen Kunstrasenplatz im Park Zagorodnij in Samara ausgewichen.

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Die Mannschaft von Alexander, sie verabreden sich über das Chatprogramm Viper, „Geh kicken“ heißt ihre Gruppe. Im Container wird sich umgezogen.

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Es ist heiß, 32 Grad. Dennoch laufen 14 Männer über den Platz: Sieben gegen sieben wird gespielt. Gelb gegen Orange. Alexander ist im Team Orange, er spielt vorne rechts: Stürmer, seit seiner Kindheit schon. "Ich kann gut laufen", sagt er verschmitzt.

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Alle nach vorn

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Der Ball fliegt auf ihn zu, der stämmige Mann springt hoch, erreicht ihn aber nicht mit dem Kopf. "Ohhh". Neuer Versuch, neue Flanke, dieses Mal von links. Sein Freund versenkt den Ball mit dem Fuß: "Tor!" Sie klatschen ab.

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Alexander mit seinem gleichnamigen Schulfreund Alexander, Bierbrauer, nach dem Tor

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"Fühlt sich noch immer so an wie damals", sagt Alexander - damals, als er im Alter von 15 Jahren mit seinen Jungs kickte.

Nur ist er heute nicht mehr Schüler, sondern Vizegouverneur seiner Region, was in Deutschland dem Posten eines stellvertretenden Ministerpräsidenten entspricht. Seine Freunde sind Bankiers und Bierbrauer.

Alexander ist im Gebiet Samara verantwortlich für die Organisation der Fußballweltmeisterschaft.

Wenn man mit ihm während der WM redet, ist er ein anderer Mensch als noch vor drei Monaten. Der 51-Jährige redet einfach drauf los: Darüber, wie sehr die WM sein Land noch einmal verändert, wie die Menschen sich den Besuchern aus aller Welt geöffnet haben, wie freundlich doch alle seien; darüber, wie die Gäste dies alles so gar nicht von Russland erwartet hätten und wie ein Fußballer der australischen Nationalmannschaft, der zu Besuch war, nun verändert nach Hause fahren würde.

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Alexander im WM-Büro, vor dem Plan des Stadions

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Im April war das noch anders. Damals stimmte Alexander erst nach längerem Überlegen einem Gespräch zu und wählte seine Worte sehr bedächtig. Einzelne Sätze, wenn es etwa um das Stadion ging, ließ er sogar seine Sprecherin vollenden. Damals lag noch nicht einmal der Rasen in der Arena, der war unterwegs in Kühllastern aus Deutschland, alle anderen elf Stadien waren bereits betriebsbereit.

Lange hatten sich die Bauarbeiten an der Arena in Samara gezogen. Wladimir Putin kritisierte das öffentlich. Samara passte nicht so recht ins Bild einer perfekten WM, die der russische Präsident wünschte.

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Das Stadion in Samara

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Die Verzögerungen lagen nicht daran, dass der Winter so lang und so kalt war, wie Alexander glauben machen wollte. Der Komplex war viel zu überdimensioniert von den örtlichen Funktionären geplant worden - als Kosmos-Arena, deren transparentes selbst tragendes Dach die Illusion wecken sollte, dass das Stadion fliegt. Samara ist bekannt für seine "Sojus"-Raketen, die ins Weltall starten.

Von der Idee des fliegenden Raumschiffs ist nicht mehr viel übrig geblieben. Das Dach ist nicht mehr transparent, sondern besteht aus günstigeren Blechelementen. Dafür sind die Kosten offiziell auf 250 Millionen Euro gestiegen, weil mehrmals umgeplant werden musste.

Ekaterina Anokhina

Beim Interview auf dem Kunstrasenplatz: SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin Christina Hebel mit Alexander. Er auf dem Weg mit Freunden

Ekaterina Anokhina

Alexander nennt das Stadion dennoch Kosmos-Arena. Er bemüht sogar das Märchen vom hässlichen Entlein: Die Arena mit ihren Problemen habe sich zu einem wunderschönen weißen Schwan gewandelt, nur dass der in Samara grau sei.

Ein Foto von ihm und dem grauen Schwan wird es dennoch nicht geben, ein Fototermin wird kurz vor der verabredeten Zeit abgesagt. Der Vizegouverneur habe zu viel zu tun.

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Fußballfans und Alexander auf der Fanzone in Samara

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Nach dem 15. Juli will er erst einmal Urlaub machen, sagt Alexander. Und wieder mehr mit seinen Jungs Fußball spielen.

Allerdings muss er sehen, dass er das WM-Stadion und die riesige, bisher überwiegend leere Fläche drum herum mit Leben füllt. Erst einmal zahle Moskau den Unterhalt der Arena von rund vier Millionen Euro im Jahr, sagt Alexander auf dem Fußballplatz. Doch das wird nicht von Dauer sein, das hat Putin klargemacht.

Was er mit dem Stadion und seinen 42.000 Plätzen vorhat? Er wolle einen Fitnessklub, Tanzschulen und das örtliche Fußballmuseum im Stadion ansiedeln, sagt Alexander. Und er hofft auf die Fans von Krylja Sowetow, zu Deutsch: Flügel der Sowjets. Der örtliche Fußballverein ist gerade in die Premjer-Liga aufgestiegen, in die höchste Spielklasse Russlands. Bisher kamen allerdings durchschnittlich nur rund 7000 Zuschauer zu den Spielen.

Aber das werde sich alles noch verbessern, glaubt Alexander. Schließlich sei das Stadion ja auch noch rechtzeitig zur WM fertig geworden.

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Fußball-WM 2018: Gesichter Russlands

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja

insgesamt 1 Beitrag
HardyPDM 09.07.2018
1. Immerhin...
das Stadion ist pünktlich fertig geworden und der Unterhalt kostet nur 4 Millionen Euro im Jahr. Und dafür muss sich der arme Mann rechtfertigen. Für BER scheint sich niemand rechtfertigen zu müssen. Aber der liegt ja auch [...]
das Stadion ist pünktlich fertig geworden und der Unterhalt kostet nur 4 Millionen Euro im Jahr. Und dafür muss sich der arme Mann rechtfertigen. Für BER scheint sich niemand rechtfertigen zu müssen. Aber der liegt ja auch nicht in Russland.

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