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Gesichter Russlands

Dimitrij, der Aktivist

Ekaterina Anokhina

War WM in Jekaterinburg? Dimitrij Moskwin findet, dass das Turnier seine Stadt nicht groß verändert hat. Der Aktivist kämpft für das architektonische Erbe seines Ortes - und setzt auf ein anderes Ereignis.

Von , Ekaterina Anochina (Fotos)
Donnerstag, 12.07.2018   11:51 Uhr

[STECKBRIEF]
Dimitrij Moskwin
36 Jahre
geboren in Jekaterinburg
Politologe, Aktivist und Stadtführer
Schwerpunkt Konstruktivismus

Ekaterina Anokhina

Für die Silhouette seiner Stadt Jekaterinburg hat Dimitrij Moskwin nur ein Wort übrig: "uschas", was so viel bedeutet wie schrecklich. Und es werde von Jahr zu Jahr schrecklicher.

Schuld daran seien die Bauunternehmer, sagt der 36-Jährige. Für die zähle nur der schnelle Gewinn, und die Stadtverwaltung mache da mit.

Was gelten da schon alte Gebäude, welche die russischen Avantgarde-Architekten zwischen 1915 und 1935 als Treff- und Arbeitsräume für das neue sowjetische Volk errichteten? Für Dimitrij gilt es, diese Baudenkmäler zu schützen. Mehr als 140 Wohnanlagen und Gebäude dieses sehr klaren und funktionalen Stils gibt es noch in Jekaterinburg. Ein architektonischer Schatz, findet er.

SPIEGEL ONLINE
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Das "Hotel Iset" zum Beispiel, benannt nach dem Fluss, der nordwestlich von Jekaterinburg im gleichnamigen See seinen Ursprung hat; heute steht das Gebäude leer.

Privates Archiv Dimitrij Moskwin/ Staatliches Archiv Swerdlowskoj Oblast 
Privates Archiv Dimitrij Moskwin/ Staatliches Archiv Swerdlowskoj Oblast 

Es wurde von 1929 bis 1932 gebaut. Das elfstöckige Gebäude, das wie ein Hufeisen aussieht, wurde als Wohnheim für Offiziere des Innenministeriums der UdSSR, NKWD, errichtet.

Jekaterinburg ist so etwas wie eine Hochburg des Konstruktivismus, was selbst die Fifa und die Stadt in ihren Informationen zur Fußballweltmeisterschaft über die Stadt schreiben. Dass der Umgang mit diesem Erbe schwierig ist, erwähnen sie jedoch nicht.

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Dimitrij zeigt auf das "Dom Kontor"

Noch immer gibt es Versuche, die alten Gebäude abzureißen, sagt Dimitrij. Schließlich sind die Grundstücke in der der dicht bebauten Stadt sehr wertvoll.

Oder sie werden eben zugebaut. Er zeigt auf "Dom Kontor", das "Haus des Handels", in der Innenstadt, hinter dem heute ein mehrstöckiges Haus mit Glasfassade steht, das den dreistöckigen konstruktivistischen Bau zu erdrücken scheint. "Uns wird dann gesagt, was wollt ihr denn, das Haus steht doch noch. Aber nun sieht es eben so aus, was soll man dazu sagen?"

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Das "Haus des Handels" heute. Hier sind Büros untergebracht, direkt dahinter wurde ein Glaskasten gesetzt

Privates Archiv Dimitrij Moskwin/ Staatliches Archiv Swerdlowskoj Oblast 

Das Gebäude früher

Das Gebäude wurde 1929 gebaut, hier hatten eine Bank und Handelsfirmen ihren Sitz.

Dimitrij wählt seine Worte bedächtig. Wenn er durch seine Stadt geht, versucht er sachlich zu bleiben, da ist er ganz Wissenschaftler. Er ist Politologe, betreut verschiedene Programme, ist Kurator des Bildungsprogrammes der Uralbiennale, einer Kunstausstellung, die alle zwei Jahre stattfindet.

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Alter Stadtplan von Jekaterinburg, das von 1924 bis 1991 Swerdlowsk hieß

Ekaterina Anokhina

Die Stadt wurde als Industriezentrum immer weiter ausgebaut, die Straßen sind Schachbrettähnlich angelegt.

Er bezeichnet sich aber auch als Aktivist, die Architektur nennt er sein Hobby. Doch sie ist für ihn viel mehr als das: Dimitrij findet, dass die Menschen in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts ihre Stadt aus den Händen gegeben haben. Seitdem bestimmen andere über den öffentlichen Raum, sagt er. "Aber wir leben hier. Es ist unsere Stadt, und für die müssen wir kämpfen."

Dimitrij wünscht sich eine Bürgergesellschaft, in der die Menschen aktiv werden, sich gleichberechtigt einbringen, selbst entscheiden, wie sie leben - und nicht wie heute noch so oft in Russland, passiv hinnehmen, was die Behörden und Politiker entscheiden.

"Das ist ein langer Weg, ich weiß", sagt der junge Mann. "Auch meine Eltern verstehen nicht, was ich eigentlich mache."

Inzwischen aber steige das Interesse, über die sozialen Medien könne man nun mehrere Tausend Menschen in der Millionenstadt mobilisieren. Früher waren es, wenn überhaupt, einige Hundert.

Er träumt davon, dass Bewohner eines der konstruktivistischen Bauten eines Tages ihr Gebäude einmal selbst verwalten.

Ekaterina Anokhina
Ekaterina Anokhina

Dimitrij steht im Hof des Hauses Uraloblsowet, einem etwas runtergekommenen Komplex mit mehreren Wohnhäusern mit den rundförmigen Treppenhäusern. Die kleinen Wohnungen hatten früher keine Küche, waren dafür da, dort zu schlafen. Gegessen wurde in Extra-Sälen gemeinsam.

Ekaterina Anokhina

So sahen die Gebäude früher aus, die 1931 bis 1933 gebaut wurden

Ekaterina Anokhina

Die Menschen müssten erst einmal verstehen, wo sie leben, ihre Umgebung wertschätzen. Er organisiert deshalb mit anderen Touren durch einzelne Stadtviertel, zeigt alte Bilder der Gebäude, erzählt über deren Geschichte.

Ekaterina Anokhina

Dimitrij auf einer Stadtführung

Ekaterina Anokhina

Dimitrij begann 2012, sich zu engagieren. Er hatte zuvor erlebt, wie Michail Chodorkowski, der ehemalige Oligarch, in einem umstrittenen Verfahren zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Chodorkowski hatte Präsident Wladimir Putin zuvor kritisiert. "Damals habe ich entschieden, dass ich nicht mit der Regierungspartei Einiges Russland zusammenarbeiten will."

Vor sechs Jahren sollte ein historisches Kaufhaus in Jekaterinburg abgerissen werden. Er organisierte Proteste, mit Erfolg, wie Dimitrij sagt. Mitglied in einer der Oppositionsparteien ist er nicht, er trat aber bei der Dumawahl auf der Liste der liberalen Jabloko-Partei an, hat sich nun für die Bürgermeisterwahl aufstellen lassen.

DPA

Stadion in Jekaterinburg

Vor der Fußballweltmeisterschaft sollten konstruktivistische Gebäude um das Stadion herum abgerissen werden, die Stadt wollte Platz für Parkplätze und die Fanzone schaffen, erzählt Dimitrij. Er und andere kritisierten die Pläne, die letztendlich fallen gelassen wurden, wohl auch weil der Abriss und die Bauarbeiten sehr teuer geworden wären, sagt der Aktivist.

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Erkundung eines Stadtviertels in Jekaterinburg

Er findet es schade, dass Milliarden von Rubel allein für das Stadion ausgegeben wurden, das erst 2010 und 2011 modernisiert wurde, dann nach dem WM-Zuschlag noch einmal und nun ein drittes Mal verändert werden muss, da die zusätzlichen Tribünen mit über 8000 Sitzplätzen wieder abgebaut werden müssen. "Und das alles für nur vier Spiele", sagt Dimitrj. "Wären die fröhlichen peruanischen Fans nicht durch die Innenstadt gezogen, hätte ich nicht bemerkt, dass WM ist."

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Dimitrij erhofft sich mehr Impulse für seine Stadt durch ein anderes Ereignis: Jekaterinburg bewirbt sich für die Weltausstellung Expo 2025. Nachdem Paris seine Bewerbung zurückgezogen hat, stünden die Chancen nicht so schlecht, dass seine Stadt sich der Welt präsentieren kann, sagt er. Die Entscheidung fällt im November.

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Fußball-WM 2018: Gesichter Russlands

Mitarbeit: Katharina Lindt

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