Sport

Gesichter der WM

Nina, die Marktfrau

Ekaterina Anokhina

Seit 25 Jahren arbeitet Nina Sapolskaja auf dem Markt in Rostow am Don. Sie verkauft Sonnenblumenöl und -kerne. Über die WM ist sie sehr froh, nur eines bereitet ihr nun Sorgen.

Von und Ekaterina Anochina (Fotos)
Mittwoch, 11.07.2018   12:47 Uhr

[STECKBRIEF]
Nina Sapolskaja
53 Jahre
geboren in Rostow am Don
verheiratet, eine Tochter, 16 Jahre alt
Marktfrau, verkauft Sonnenblumenkerne und -öl

Ekaterina Anokhina

Nina Sapolskaja an ihrem Stand auf dem Markt von Rostow am Don

Ekaterina Anokhina

Nina Sapolskaja steht nicht an ihrem Stand, sie thront über ihm. Vor ihr hat sie auf bunten Matroschka-Decken die Eimer mit Sonnenblumenöl und Säcke voller Sonnenblumenkerne aufgereiht.

Nina ist eine auffällige Erscheinung in ihrer roten Schürze. Die Augenbraunen hat sie schwarz nachgezogen, ihre Haare im Prinz-Eisenherz-Stil rund geföhnt.

Ekaterina Anokhina

Nina mit ihrer Kollegin

Fotografiert zu werden, ist nicht so ihre Sache, zumal die Marktfrauen an den anderen Ständen alle gucken. Ernst schaut die 53-Jährige in die Kamera, während ihre Kollegin einen Stand weiter fröhlich lacht.

Der Pressesprecher des Marktes, der uns nicht von der Seite weicht, schaut skeptisch. Er hätte es sowieso lieber gesehen, wenn wir länger mit Alexander Schjorolew, dem Don-Fischer, gesprochen hätten.

Ekaterina Anokhina

Don-Fischer Alexander Schjorolew in der Fischabteilung des Marktes

Ekaterina Anokhina

Schließlich ist der schon bei Dimitrij Kisseljow, Chef des weltweit tätigen staatlichen Propagandaunternehmens Rossija Sewodnja, im Staatsfernsehen aufgetreten. Alexander wartet mit frischem Hering und Wodka morgens um zehn Uhr auf und will einen nach dem anderen auf die Freundschaft trinken.

Ekaterina Anokhina

Nina vor ihren Kolleginnen, die Gemüse und Obst verkaufen

Ekaterina Anokhina

Nina ist dagegen keine Frau der großen Worte, aber eine, die Besuchern erst einmal ihre Sonnenblumenkerne in die Hand drückt. "Probieren sie, stammt alles aus der Erde der Don-Region."

Ekaterina Anokhina

Ein Glas Sonnenblumenkerne kostet bei Nina ab 25 Rubel, 35 Cent

Seit 25 Jahren arbeitet sie auf dem Markt von Rostow am Don, das sie "ihr Rostow" nennt. Der Markt ist einer der ältesten Russlands und größten im Süden des Landes. Ihr Stand hat die Nummer 63 und 64. Früher hat sie in einem landwirtschaftlichen Großbetrieb, einer Kolchose, gearbeitet.

Ihre Waren stammen aus Pawlowskaja, einer Kosakensiedlung 140 Kilometer südlich von Rostow. Dort gibt es kilometerweite Felder mit Sonnenblumen und Getreide. Eine ältere Frau kommt vorbei, kauft eine Flasche Öl. Der Liter kostet bei Nina 120 Rubel, etwa 1,60 Euro.

Ekaterina Anokhina

"Falls Du vorbeigehst, ein besseres Öl wirst Du nicht finden" hat Nina auf das gelbe Schild über ihren Stand gemalt.

Eine andere Arbeit, etwa im Supermarkt Lebensmittel verkaufen, will sie nicht. Warum?

"Hier bin ich die Herrin, kann Preise senken oder heben, wie ich das möchte. Wenn Menschen zu mir kommen, die reich oder arm sind, sehe ich das. Einer alten Oma komme ich entgegen, ihr gebe ich noch etwas mehr mit."

Ekaterina Anokhina

Nina mit einer Stammkundin

Bevor sie weitere Fragen beantwortet, lobt sie erst einmal den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der das Land so vorangebracht habe und die Fußballweltmeisterschaft nach Russland geholt habe, dann den Direktor des Marktes, der den Markt modernisiert habe, es gebe nun unter anderem eine gekühlte Halle für die Fischverkäufer.

Ekaterina Anokhina

Blick in die neue Markthalle und die Fleischabteilung

Ekaterina Anokhina

Nina, sind Sie zufrieden mit Ihrem Leben?

"Ja, alles gut, ich habe ja Arbeit. Ich wollte eigentlich mit 55 Jahren in die Rente gehen, jetzt aber soll ein neues Gesetz verabschiedet werden, nach dem ich erst mit 63 Jahren Rente bekommen soll. Das macht mir etwas Sorgen. Natürlich wollen wir, dass alles so bleibt, wie es ist. Ich hoffe sehr, dass die Rentenreform nicht kommt, ich habe gelesen, dass es viele gibt, die dagegen sind, und dass Unterschriften gesammelt werden."

Sind sie mit Ihrem Gehalt zufrieden?

"Ja, es ist normal." (Sie lacht.)

Was heißt das?

"Ich verdiene unterschiedlich, das hängt vom Geschäft ab, durchschnittlich 10.000 bis 15.000 manchmal 20.000 Rubel (rund 180 bis 210 Euro). Im Herbst verkaufe ich am besten, nach der Ernte. Deshalb fahre ich vorher erst einmal in den Urlaub, ans Schwarze Meer, in ein Pensjonat."

Ekaterina Anokhina

Nina füllt Öl ab

Ekaterina Anokhina

Haben sie durch die WM mehr Besucher?

"Ja, es kommen mehr Ausländer vorbei, es waren schon Brasilianer, Mexikaner, Uruguayer und Schweizer hier. Touristen besuchen uns gern auf dem Markt, weil sie hier viel probieren, Bilder machen können."

Sprechen sie Englisch?

"Nein, kein Wort. Ich verständige mich mit Händen und Füßen und mit dem Übersetzungsprogramm meines Handys."

Verfolgen sie die WM?

"Natürlich, die Stimmung ist sehr angenehm, ich bin sehr froh, dass die WM auch bei uns in der Stadt ist. Ich war schon auf der Fanzone. Da war es schön, einfach klasse, wie alle zusammen tanzen, singen, trinken. Da gibt es keinen Unterschied: Russe oder Nichtrusse. Wir warten hier alle auf ein Wiedersehen, darauf, dass noch einmal eine Weltmeisterschaft zu uns nach Rostow kommt. Wir sind bereit. "

SPIEGEL ONLINE

Fußball-WM 2018: Gesichter Russlands

Mitarbeit: Tatiana Sukovaja und Katharina Lindt

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP