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Gesichter Russlands

Tatiana, die Gold-Malerin

Ekaterina Anokhina

Chochloma-Malerei ist typisch russisches Handwerk, goldfarbene Schalen und Löffel werden mit filigranen Motiven verziert. Diesen Job macht Tatiana Kalinina - zur WM bemalt sie sogar Fußbälle.

Von , Ekaterina Anokhina (Fotos) und Katja Kuznetsowa (Video)
Montag, 18.06.2018   19:10 Uhr

[STECKBRIEF]
Tatiana Kalinina
57 Jahre
verheiratet, Mann Michail
zwei Söhne, vier Enkel
Chochloma-Malerin

Foto: DER SPIEGEL

Oft mag Tatiana Kalinina das, was sie gemalt hat nicht. Dann wischt sie es weg, fängt wieder von vorne an. Wieder. Und wieder. Bis es ihr gefällt. Da hilft es auch nicht, wenn die Kolleginnen sagen, "alles gut". "Wenn ich es nicht mag, dann geht das nicht."

Sie ist also eine Perfektionistin?

"Wer, ich?", fragt Tatiana und lächelt. "Ja, ja, ja. Das ist sie", rufen ihre drei Kolleginnen. Alle lachen.

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Tatiana mit ihren Kolleginnen

Ekaterina Anokhina

Die vier Frauen sind so etwas wie ein Künstlerinnenkollektiv, sie kennen sich seit Jahren. Sitzen zusammen an einer Tischinsel in der großen Halle des Unternehmens "Chochlomskaja rospis", zu Deutsch: Chochloma-Malerei in Semjonow, einer Stadt mit 23.000 Einwohnern im Nordosten von Nischnij Nowgorod.

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Schon bei der Einfahrt in die Stadt Semjonow begrüßen Chochloma-Verzierungen die Gäste

Ekaterina Anokhina

Arbeiterinnen frischen den Anstrich auf

300 Malerinnen wie Tatiana beschäftigt die Firma. Hier entstehen die mit schwarzer und roter Farbe auf goldenem Grund bemalten Schalen, Becher, Löffel, Krüge oder Salzstreuer, vor allem aus Holz, aber auch aus Keramik, die in Russland jeder kennt, so gebräuchlich sind sie.

Ekaterina Anokhina

Eingang zur Künstlerwerkstatt Nr. 2 auf dem Werksgelände

Motive sind Blumen, Zweige, Vögel, Fische, Früchte. Sie entstanden Mitte des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts in der Region Nischnij Nowgorod, benannt nach dem damaligen Dorf Chochloma.

Ekaterina Anokhina

Goldfarbene Hunde, Schwäne, Eier

Ekaterina Anokhina

Jeder Pinselstrich muss sitzen

In der Halle ist es stickig, schwül. Tatiana scheint das nichts auszumachen. Sie sitzt aufrecht, im magentafarbenen Kittel, an ihrem Tisch. Einen Fuß stützt sie auf einem Tritt ab, in einer Hand hält sie den Stab, auf dem ein goldfarbener Globus mit Fußball-Dekor steckt. Mit feinen Pinselstrichen bemalt sie die Kontinente, so dass nach und nach Blumen entstehen.

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Farben an Tatianas Arbeitsplatz

Ekaterina Anokhina

Zwei Tage braucht sie, um ein Modell der Erde fertig zu dekorieren. Der Globus ist ein Sonderauftrag zur Fußball-WM, an den Tischen um sie herum malen ihre Kolleginnen auch Erdbälle an. Das ist der "künstlerische Teil" der Fabrik, hier sitzen die erfahrenen Malerinnen wie Tatiana, die für die Sonderanfertigungen zuständig sind.

Im anderen Teil der Halle malen Frauen im Akkord Schalen, Löffel und Schatullen an, zur WM auch solche mit Fifa-Logo.

"Wann habe ich noch mal mein 38-jähriges Dienstjubiläum?", fragt Tatiana in die Runde. "August!", sagt eine Kollegin.

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Tatianas Pinsel, das Unternehmen stellt sie selbst her. Die Kanne und Tasse grünlich schimmernd mit Eulen ist ein Auftrag ihrer Chefin

Tatiana malt, seit sie eine junge Frau ist. Inzwischen geben sie und ihre Kolleginnen Swetlana Rjabkowa, 53 Jahre, Tatiana Jelistratenko, 51 Jahre und Galina Ignatijewa, 42 Jahre, Unterricht. Zuletzt waren sie in Sewastopol, um ihr Handwerk zu zeigen.

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Galina Ignatijewa (v.l.), Tatiana Jelistratenko, Swetlana Rjabkowa - seriös und nach einem Gläschen Selbstgebrannten

Ekaterina Anokhina

Tatiana und ihre Kolleginnen machen sich Sorgen um die Zukunft, erzählen sie beim Abendessen. Tatiana hat Piroschki, gefüllte Teigtaschen, gemacht, stellt eine Flasche Selbstgebrannten, Samongon, hin. Ihr Mann Michail fährt zur Arbeit, er ist Wachmann.

Ekaterina Anokhina

Tatianas Chochloma-Geschirr

Viele junge Menschen verlassen trotz eines Arbeitgebers wie Chochlomskaja rospis die Stadt, sagt Tatiana. "Ihnen sind die reich verzierten Chochloma-Motive zu schwer. Dabei sind die doch so interessant, weil man alles machen kann, es ist so eine kreative Arbeit." Es gebe einfachere Muster wie das blau-weiße Gschel-Motiv. Aber vor allem sei es eine Frage des Geldes: "Den jungen Leuten ist das zu wenig für die schwere Arbeit." 12.000 Rubel bekommen die Frauen im Monat, umgerechnet rund 180 Euro.

Die wenigsten verdienen sich noch etwas dazu, die sind abends zu müde.

Foto: DER SPIEGEL

Das Unternehmen hat Schwierigkeiten, der Markt in Europa ist nach dem Zerfall der Sowjetunion weggebrochen. Es gibt zudem viele Nachahmer und Fälschungen, sagt Direktorin Jelena Krajuschkina. Man beliefere nun vor allem den russischen Markt, würde aber gern auch wieder in Westeuropa Kontakte knüpfen. Krajuschkina freut sich über die zusätzlichen WM-Aufträge, die verschaffen der Firma mehr Aufmerksamkeit und Umsatz. In Semjonow stellen sie auch die offizielle WM-Matrjoschka her, eine aus Holz gefertigte, bemalte Puppe, die es nun überall in den Fifa-Shops an den Fanmeilen zu kaufen gibt.

Tatiana gibt das Hoffnung. Natürlich schaue sie auch Fußball, erzählt sie zu Hause in ihrer Küche. Gerade ist ihr Enkel Denis, zehn Jahre, zu Besuch.

Ekaterina Anokhina

Mit ihrem Enkel Denis in der Küche

Ekaterina Anokhina

Tatiana mit Katze Fiksik

"Wir sind natürlich für Russland", ruft Tatiana.

"Für wen denn sonst?"

Welche Chancen rechnet sie sich für das Team aus?

"Wir gewinnen weiter. Man muss immer an das Gute glauben."

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Fußball-WM 2018: Gesichter Russlands

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