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WM in Russland

Wie die Fifa mit Doping umgeht

Das Dopingkontrollsystem für die Fußball-WM steht in der Kritik - die Gründe dafür sind zahlreich. Ein Überblick über die Streitpunkte.

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Logo der WM 2018 in Russland

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Donnerstag, 14.06.2018   14:49 Uhr

Warum gibt es Kritik an dem Dopingkontrollsystem für die WM in Russland?

Anders als bei anderen Sportereignissen werden die in Russland genommenen Dopingproben unter der Aufsicht der Fifa kontrolliert. Das ganze Überwachungssystem liegt in den Händen des ausrichtenden Fußball-Weltverbands. Er entscheidet wer, wann, wie oft - und auf welche Stoffe Spieler getestet werden. Auch über den Umgang mit einer positiven Probe entscheidet allein die Fifa.

Der Veranstalter als Kontrolleur - dadurch entsteht ein Interessenkonflikt, unter dem die Glaubwürdigkeit leidet: Positive Dopingproben könnten ja die gute Fußballlaune verderben. Der Verdacht, dass etwas unter den Teppich gekehrt werden könnte, steht im Raum - und kommt nicht von ungefähr: In der Leichtathletik wurden in der Vergangenheit positive Tests vertuscht, der frühere Vorsitzende Lamine Diack soll dafür sogar Bestechungsgeld genommen haben. Und auch im Radsport gibt es mit Lance Armstrong ein Negativbeispiel: Der später überführte Dopingsünder war laut einer Untersuchungskommission lange Zeit vom Radsport-Weltverband UCI geschützt worden.

Wer äußert Kritik?

Die Chefin der deutschen Anti-Doping-Agentur Nada, Andrea Gotzmann, hatte gesagt: "Der Sport kontrolliert sich selbst. Das ist genau das, was wir bemängeln." Durch diese Vorgehensweise gebe es zu viele Interessenskonflikte. Der Pharmakologe und Doping-Experte Fritz Sörgel bezeichnete dies als "unerträglichen Zustand": "Das Vertuschen während der Großereignisse funktioniert mittlerweile ganz gut und im Fußball besonders."

Die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Dagmar Freitag, sagte, Misstrauen sei erlaubt. Und der Anwalt von Grigori Rodschenkow, dem Kronzeugen des McLaren-Reports, sagte, die Fifa sei eine von vielen internationalen Sportorganisationen, die "den russischen Doping-Betrug unter den Teppich kehren wollen". Die Fifa selbst nennt ihr Verfahren "Standard" und wies darauf hin, dass die Proben außerhalb Russlands in einem Wada-akkreditierten Labor in Lausanne durchgeführt werden - Russen seien in diesen Prozess nicht eingebunden.

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Grigori Rodschenkow

Russland, Doping und Fußball - da war doch was?

Der von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada beauftragte Sportrechtsprofessor Richard McLaren hatte in zwei Reports aufgezeigt, wie das russische Doping-Vertuschungssystem während der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi funktioniert hatte. In den Berichten wurden aber auch verdächtige Proben von 34 Fußballern erwähnt, darunter der komplette Kader des russischen Nationalteams der WM 2014.

Die Wada leitete die Informationen an die Fifa weiter, die sich fast ein Jahr Zeit ließ mit der Untersuchtung. Das Ergebnis: Mangels "ausreichender Beweise" für einen Verstoß wurden die Untersuchungen eingestellt - zumindest die Untersuchungen bei den Spielern, die auch bei dem jetzigen Turnier mitspielen werden. Einige Proben werden noch analysiert. Nähere Details zum Verfahren gab die Fifa nicht bekannt.

Und warum darf Perus Kapitän Paolo Guerrero nun doch an der WM teilnehmen?

Der Fall ist umstritten. Zunächst die Ausgangslage: Guerrero war nach einem Qualifikationsspiel gegen Argentinien positiv auf Kokain getestet worden. Die Fifa sperrte ihn zunächst für sechs Monate. Doch dagegen legte die Wada Einspruch beim Sportgerichtshof Cas ein. Dort wurde die Sperre dann auf 14 Monate ausgeweitet - woraufhin Guerrero sich an das Schweizer Bundesgericht wandte. Dieses verfügte die Aussetzung der Cas-Sperre. Guerrero darf deshalb doch zu WM.

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Paolo Guerrero

Das Gericht habe "den diversen Nachteilen Rechnung getragen", die Guerrero erleiden würde, wenn er nicht "an einer Veranstaltung teilnehmen könnte, welche die Krönung seiner Fußballerkarriere darstellen wird", hieß es. Guerrero habe zudem nicht vorsätzlich oder grob fahrlässig gehandelt. Und auch Fifa und Wada hätten "beide ein Verhalten gezeigt, aus dem geschlossen werden darf, dass sie nicht kategorisch gegen eine Teilnahme des Beschwerdeführers an der WM sind".

Doping im Fußball - "Das bringt doch nichts", oder?

Eine gern wiederholte - und längst widerlegte -Behauptung, gerne vorgebracht von Fußball-Vertretern der alten Schule, Bayern-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hatte sich dahingehend geäußert. Um es ganz deutlich zu machen: Natürlich bringt Doping im Fußball etwas. Die Regernationszeit verkürzt sich, ebenso die Pause nach einer Verletzung, Ausdauer und Kraft nehmen hingegen zu. Doping-Einsatzmöglichkeiten im Fußball sind mannigfaltig.

Dass der letzte offizielle Dopingfall bei Weltmeisterschaften fast 25 Jahre her ist - 1994 wurde Diego Maradona der Einnahme eines Ephedrincocktails überführt - heißt nicht, dass es keine weiteren Dopingfälle gab. Sondern, dass die Tests nicht ausreichend waren. Bezeichnend dazu ein Zitat des Biochemikers Francesco Coconi, der bei der Erstellung von Therapien für Armstrong mitgewirkt hatte: "Wenn im Fußball die Dopingkontrollen so streng durchgeführt würden wie im Radsport, wären die Resultate gleichwertig."

dapd

Diego Maradona (1994)

Mit Material von dpa und sid

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