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Remis der Handballer gegen Slowenien

Die Defensive probt den Aufstand

Mit Glück hat die DHB-Auswahl im zweiten EM-Spiel ein Unentschieden gerettet. Die Defensive funktionierte lange nicht - dann aber setzten sich die Spieler über ihren Bundestrainer hinweg.

Foto: DPA
Von Michael Wilkening
Dienstag, 16.01.2018   11:43 Uhr

Das Eingeständnis von Hendrik Pekeler wäre in einem verrückten und am Ende sogar hochdramatischen Spiel zwischen Deutschland und Slowenien beinahe untergegangen. Dabei war der kurze Einblick in das Miteinander des Kreisläufers der Rhein-Neckar Löwen und Patrick Wiencek vom THW Kiel vielsagend. Im Innenblock der Abwehr, die in jeder Handballmannschaft das Herzstück bildet, hatte in den ersten 30 Minuten des zweiten Gruppenspiels der Handball-EM in Kroatien wenig funktioniert. Dann jedoch trafen Pekeler und Wiencek eine Abmachung.

"Ich habe mit Bam-Bam (Wienceks Spitzname - d. Red) abgesprochen, dass wir kompakt bleiben. Das wollte Christian anders haben in der ersten Halbzeit", verriet Pekeler. Mit dem Bundestrainer Christian Prokop stimmten sich die erfahrenen Nationalspieler nicht ab.

"Ich glaube, das hat uns den Erfolg gebracht", ordnete Pekeler die Entscheidung der Spieler in der Defensivzentrale beim 25:25-Remis gegen die Slowenen hoch ein. Nach dem Seitenwechsel hatte die Auswahl des Deutschen Handballbundes einen Fünf-Tore-Rückstand aufgeholt. Mit der Leistung konnten sie nicht zufrieden sein.

Zweifel an der Spielidee des Bundestrainers?

Möglicherweise schon in den nächsten Tagen, spätestens aber in den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob die Eigenmächtigkeit von Pekeler und Wiencek für den Europameister von 2016 eine Weiterentwicklung bedeutet - oder der Beginn der Entfremdung von der Spielidee des Bundestrainers war. Hätten die Akteure unter Prokop-Vorgänger Dagur Sigurdsson eine solche Entscheidung gewagt? Das ist wohl eine rhetorische Frage.

Nicht nur die Eigenmächtigkeit der Spieler hatte einen Punkt gerettet, sondern auch die Unbeherrschtheit der Slowenen. "Wir sind sehr glücklich davongekommen, dass wir den Siebenmeter am Ende noch kriegen", sagte Pekeler. Sieben Sekunden vor dem Ende hatte Blaz Janc die 25:24-Führung für den WM-Dritten erzielt und damit den Sieg vermeintlich gesichert. Paul Drux bekam danach den Ball zum Anspiel, hätte in der Kürze der verbleibenden Zeit aber keinen Treffer mehr erzielen können - und wurde durch Blaz Blagotinseks unsinnige Aktion beschenkt, der den Torwurf von der Mittellinie verhinderte. Die regelkonforme Entscheidung der litauischen Schiedsrichter bescherte der DHB-Auswahl einen Strafwurf, den Tobias Reichmann nach Ablauf der Spielzeit zum Ausgleich verwandelte.


Remis nach der Schlusssirene - die kuriose Szene im Video:


"Wir sind heute mit zwei blauen Augen davongekommen", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning. Es überwogen beim zweiten Auftritt der deutschen Handballer in Zagreb nach dem lockeren 32:19-Aufgalopp gegen Montenegro die negativen Eindrücke. Vor allem in der ersten Halbzeit war das Prokop-Team weit von einer Leistung entfernt, die sie zu einem Medaillentipp machen würde. Im Angriff fehlte gegen die sehr aggressiv verteidigenden Slowenen die Bereitschaft, Schmerzen in Kauf zu nehmen.

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Und mit den Spielern wankte der Bundestrainer. Bei der ersten harten Probe in seinem ersten großen Turnier übertrug sich die Hektik auf dem Feld auf die Handlungen von Prokop - und umgekehrt. Das spiegelte sich in erster Linie in den vielen Wechseln wider, die der 39-Jährige in den ersten 30 Minuten im Abwehrverbund vornahm. Sechs Formationen im Innenblock probierte Prokop in der ersten Hälfte aus, keine davon gab der Mannschaft Sicherheit. Die Verunsicherung wuchs sichtlich von Minute zu Minute: Die deutschen Handballer waren ein Hühnerhaufen. Unabhängig davon, ob Pekeler, Wiencek, Julius Kühn, Bastian Roschek oder Maximilian Janke im Deckungszentrum standen.

Prokop reagierte - Finn Lemke wird nachnominiert

Speziell in dieser Phase fehlte den Deutschen ein "Abwehrchef", sodass die Diskussion um den Verzicht auf Finn Lemke unmittelbar nach dem Spielende noch einmal an Fahrt aufnahm. Der baumlange Verteidiger der MT Melsungen war ein Garant für den Gewinn des EM-Titels vor zwei Jahren, seither im DHB-Team gesetzt und überraschend von Prokop nicht für das Turnier berücksichtigt worden. "Finn hätte uns heute auch nicht geholfen, also habe ich ihn nicht vermisst", schwächte Pekeler ab.

Der Bundestrainer reagierte in der Nacht von Montag auf Dienstag. Nicht etwa auf die eigenmächtige Entscheidung des Duos - Prokop nominierte nun doch Lemke nach. Roschek wurde im Gegenzug aus dem Kader gestrichen.

insgesamt 11 Beiträge
jujo 16.01.2018
1. ...
Das erinnert an die Fußball WM 1974. Da spielten Beckenbauer & co. auch ihr Ding, da hätte statt Schön auch eine Bierkiste an der Seitenlinie stehen können. Mit der wären sie auch Weltmeister geworden.
Das erinnert an die Fußball WM 1974. Da spielten Beckenbauer & co. auch ihr Ding, da hätte statt Schön auch eine Bierkiste an der Seitenlinie stehen können. Mit der wären sie auch Weltmeister geworden.
ympertrymon 16.01.2018
2. Bitte nicht ...
... hört bitte auf, aus dieser Äußerung der Spieler heraus jetzt eine sich andeutende Entfremdung heraufzubeschwören, die Nachnominierung als Rückzieher zu bezeichnen (war in einem anderen SPON-Artikel zu lesen) und den [...]
... hört bitte auf, aus dieser Äußerung der Spieler heraus jetzt eine sich andeutende Entfremdung heraufzubeschwören, die Nachnominierung als Rückzieher zu bezeichnen (war in einem anderen SPON-Artikel zu lesen) und den Trainer künstlich in Frage zu stellen. Das erste Spiel war herausragend. Die Erfahrung aus dem zweiten Spiel führt nun zu Korrekturen, was völlig normal und selbstverständlich sein sollte. Es ist für mich unglaublich, wie die Presse hier Probleme regelrecht herbeisehnt und herbeischreibt. Natürlich reagieren auch die Spieler auf dem Platz, wenn sie merken dass sie Probleme mit einer Spielidee haben. So funktioniert ein Team: Verantwortung übernehmen und dazu stehen. Das sollte man positiv hervorheben, anstatt Kaffeesatzleserei zu betreiben und einen Trainer anfangen zu demontieren.
Immanuel K. 16.01.2018
3. Ihrer Abwertung des...
Bundestrainers (Prokop), kann ich nicht folgen. Ich finde eher, dass er sich sehr stark verhalten hat - erst hat er eine neue Spiel-Idee entwickelt und dazu alle Entscheidungen getroffen, auch gegen Widerstände - und er hatte [...]
Zitat von jujoDas erinnert an die Fußball WM 1974. Da spielten Beckenbauer & co. auch ihr Ding, da hätte statt Schön auch eine Bierkiste an der Seitenlinie stehen können. Mit der wären sie auch Weltmeister geworden.
Bundestrainers (Prokop), kann ich nicht folgen. Ich finde eher, dass er sich sehr stark verhalten hat - erst hat er eine neue Spiel-Idee entwickelt und dazu alle Entscheidungen getroffen, auch gegen Widerstände - und er hatte dann, als seine Idee doch nicht funktionierte, die 'Eier', seine Entscheidungen zurückzunehmen... Das ist mal 'ne starke Fehlerkultur.
bardolino12 16.01.2018
4. Endlich
wird über Handball berichtet. Warum nicht auch über den Trainer diskutieren, über die Aufstellung und die Spieler. Warum immer nur Fußball, Fußball, Fußball. Handball ist spannend und unterhaltsam, s. gestriges Spiel.
wird über Handball berichtet. Warum nicht auch über den Trainer diskutieren, über die Aufstellung und die Spieler. Warum immer nur Fußball, Fußball, Fußball. Handball ist spannend und unterhaltsam, s. gestriges Spiel.
Handball87 16.01.2018
5. Quote vollkommen egal?
Es bleibt die Frage, ob beim gestrigen Spiel tatsächlich das Abwehrsystem das Problem war? Bei einem Blick auf die Quote (Wurfeffizienz knapp über 50 Prozent, verworfene 7-Meter, bis zur 40. Minute nur 3 gehaltene Bälle von [...]
Es bleibt die Frage, ob beim gestrigen Spiel tatsächlich das Abwehrsystem das Problem war? Bei einem Blick auf die Quote (Wurfeffizienz knapp über 50 Prozent, verworfene 7-Meter, bis zur 40. Minute nur 3 gehaltene Bälle von Wolff und Heinevetter) wohl kaum... Gegen die unglaublich Eins-gegen-Eins-starken Slowenen hätte Finn Lemke aufgrund seiner Größe und Behebigkeit kaum etwas ausrichten können.

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