Sport

Handball-Torhüter Wolff und Heinevetter

Traumpaar ohne Liebe

Sie gelten als bestes Torwart-Duo im Welthandball: Silvio Heinevetter und Andreas Wolff könnten für die deutsche Nationalmannschaft zum Titel-Faktor werden. Doch ihr Verhältnis zueinander birgt Risiken.

picture alliance/ Christina Pahnke/ sampics
Von Michael Wilkening
Samstag, 13.01.2018   13:36 Uhr

Man kann viel über einen Menschen sagen, ohne über ihn zu sprechen. Andreas Wolff kann das. Der Torwart des THW Kiel geriet ins Schwärmen. Er lobte Carsten Lichtlein in den Himmel. "Ein toller Mitspieler" sei der Keeper des VfL Gummersbach, berichtete Wolff, und nur durch das wunderbare Miteinander sei es 2016 möglich gewesen, Europameister mit den deutschen Handballern zu werden.

Das Loblied auf Lichtlein war deshalb aussagekräftig, weil die Frage lautete, wie es um das Verhältnis zu Silvio Heinevetter bestellt sei. Der verbale Umweg von Wolff offenbarte vor einem Jahr bei der Weltmeisterschaft in Frankreich das Nicht-Verhältnis der besten deutschen Torhüter - bei der EM in Kroatien werden sie dennoch Leistungsträger der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) sein.

Die Torhüter bilden innerhalb einer Mannschaft ein eigenes Team. Das ist in allen Teamsportarten so, beim Handball aber noch etwas stärker ausgeprägt. Während eines Spiels stehen sie ständig in Kontakt, beinahe nach jeder Abwehraktion geht der Keeper auf dem Feld zu seinem Kollegen auf der Bank, lässt sich die Wasserflasche reichen, trocknet sich das Gesicht ab und bespricht sich. Es gibt in diesen Momenten entweder Lob für eine Parade oder Aufmunterung nach einem Gegentor. Auch Wolff und Heinevetter pflegen dieses Ritual, aber es wirkt innerhalb dieser Kleingruppe eher mechanisch.

Wolff und Heinevetter durchlebten sportliche Krisen

Es kann gefährlich für eine Mannschaft werden, wenn der eine Torhüter es als Niederlage empfindet, wenn der andere einen Ball abwehrt. Beide mussten in den vergangenen Jahren persönliche Krisen meistern, die dafür sorgten, dass sie miteinander funktionieren, ohne eine persönliche Ebene zueinander aufzubauen. Bei Wolff liegt die Krise noch nicht lange zurück. Im Grunde befreite er sich erst im Dezember aus ihr, als er mit Gala-Vorstellungen entscheidend dazu beitrug, dass der THW Kiel im Derby gegen Flensburg gewann.

Mit diesem Erlebnis hatte der EM-Held von 2016 sein Selbstverständnis wiedererlangt. Die ersten Wochen der Saison war Wolff beim Rekordmeister außen vor, zudem brachte ihm der öffentlich gemachte Wechselwunsch zum polnischen Spitzenklub KS Kielce, der vermutlich im kommenden Sommer vollzogen wird, Kritik ein. Im Verein befeuerte der Däne Niklas Landin mit konstant guten Leistungen die Degradierung von Wolff. "Das war eine schwierige Zeit für den Kopf", blickt Wolff auf die Phase zurück. Er wirkte dünnhäutig und gereizt, aber unmittelbar vor dem Start der EM an diesem Samstag gegen Montenegro wirkt Wolff geläutert.

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Torwart-Duo bei der Handball-EM: Vier Hände für Deutschland

Heinevetter durchlebte diese Phase der Läuterung vor etwa zwei Jahren. Als Deutschland in Polen überraschend Europameister und Wolff in knapp zwei Wochen zum Star wurde, saß er in Berlin und musste sich neu finden. Selbst in seinem Klub bei den Füchsen war Heinevetter nicht mehr unumstritten und die Leistungen durchwachsen. Für DHB-Vizepräsident Bob Hanning, gleichzeitig Manager in Berlin, gab es anschließend zwei Möglichkeiten für den Torwart: "Er hätte sich verkriechen können und wäre als Folge jetzt nicht mehr bei den Füchsen. Oder er hätte ein paar Dinge umstellen können."

Das beste Gespann bei der Europameisterschaft

Heinevetter entschied sich für die zweite Alternative. Er fand zur Gier zurück, den brennenden Schmerz auf der Haut zu spüren, wenn ein Ball aus kurzer Distanz abgefeuert wird und auf seinem Körper landet. Diese Lust eint Heinevetter und seinen Partner in der Nationalmannschaft. Das alleine macht sie aber nicht zum besten Torhüter-Duo bei der anstehenden Europameisterschaft.

Neben den exzellenten individuellen Fähigkeiten verfügen sie über die besondere Qualität, sich in die Köpfe der Gegenspieler zu fressen - und das unterscheidet sehr gute Torleute von den Besten ihres Fachs. Wolff kann den Angreifern mit seiner Statur Angst vor dem Wurf machen, Heinevetter aufgrund seiner unorthodoxen Spielweise. In ihrer Unterschiedlichkeit bilden sie weltweit das beste Gespann - und das kann bei der EM zum Titelfaktor werden.

In Kroatien werden Heinevetter und Wolff darum wetteifern, mit ihren Paraden für Siege und Schlagzeilen zu sorgen. Weil sie gelernt haben, eine Form von Akzeptanz dafür zu entwickeln, dass es möglicherweise der andere ist, der in die Hauptrolle schlüpft, funktioniert dieses ungleiche Paar inzwischen. Unabhängig davon, dass der Kieler und der Berliner wohl auch künftig keinen Kaffee miteinander trinken werden.

Die Frage, ob sich das persönliche Verhältnis zu Wolff innerhalb der zurückliegenden Jahre entwickelt habe und ob man inzwischen anders miteinander umgehe, beantwortete Heinevetter gegenüber dem SPIEGEL mit einem Wort: "Nee."

insgesamt 2 Beiträge
fanasy 13.01.2018
1. Als Trainer
wäre mir das zu risikoreich. Die können sich ja gegenseitig gar nicht pushen. Da würde ich lieber die Nummer drei mitnehmen, wenn es zwischenmenschlich besser wäre.
wäre mir das zu risikoreich. Die können sich ja gegenseitig gar nicht pushen. Da würde ich lieber die Nummer drei mitnehmen, wenn es zwischenmenschlich besser wäre.
jujo 13.01.2018
2. ...
Die sollen miteinander im Team die beste Leistung abrufen und nicht miteinander "kuscheln" Ich erwarte von (Sport)Profis auch professionelles Verhalten, das scheint gegeben zu sein. Wenn es so ist, ist es auch gut so.
Die sollen miteinander im Team die beste Leistung abrufen und nicht miteinander "kuscheln" Ich erwarte von (Sport)Profis auch professionelles Verhalten, das scheint gegeben zu sein. Wenn es so ist, ist es auch gut so.

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