Sport

WM-Auftaktsieg für deutsche Handballer

Wolffs Bande

Dass Deutschland sein erstes Spiel gegen Außenseiter Korea gewinnt, stand eigentlich außer Frage. Wichtiger war, wie sich das Team nach der EM-Blamage präsentiert. Deutlich verändert, so der Eindruck.

Foto: DPA
Von
Freitag, 11.01.2019   08:14 Uhr

Es ist erst mal ein alarmierendes Zeichen, wenn Andreas Wolff im ersten WM-Spiel der deutschen Mannschaft als Mann der Partie ausgezeichnet wird. Gegen einen krassen Außenseiter wie Korea musste der deutsche Torwart 15 Paraden zeigen, 14 davon allein in der ersten Hälfte. Eine Statistik, die nicht gerade für die Defensive spricht, die vor dem Turnier als große Stärke der deutschen Handballer galt. Eigentlich hätten doch an diesem Abend endlich auch mal die Torjäger brillieren und den höchstens zweitklassigen Gegner aus der Halle werfen sollen.

Müssen die deutschen Fans nach dem EM-Debakel vor einem Jahr erneut um ihre Mannschaft bangen? Statistiken können trügerisch sein.

Beim 30:19 (17:10)-Sieg am Donnerstagabend gegen Korea hat zwar vor allem Wolff geglänzt, allerdings mit etwas Nachhilfe. Wolffs exzellente Torwartleistung (56 Prozent abgewehrte Bälle) wurde vom eigenen Team provoziert. "Wenn der Andi gut hält, kann man in der Abwehr auch viel zulassen", sagte Uwe Gensheimer nach dem Eröffnungsspiel bei der Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark.

Was der Superstar der DHB-Auswahl wohl meinte, war zuvor deutlicher auf dem Feld geworden: Die Abwehr ließ den Koreanern oft erstaunlich viel Platz, gewährte den körperlich unterlegenen Gegenspielern aber meist nur Distanzwürfe und ging so ein überschaubares Risiko ein, einen Gegentreffer zu kassieren. Kurz: Sie hoffte auf eine Abwehraktion des Torwarts, um danach schnell per Konter zu treffen.

Wolff zahlte das Vertrauen gleich mehrfach zurück. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass seine Teamkollegen gerade zu Beginn nervös auftraten und in hektischeren Phasen fahrig agierten - auch deswegen kam er auf seine 15 Paraden. Aber diese kleineren Fehler wirken fast wie Nebensächlichkeiten, wenn man an die denkwürdig schlechte EM vor einem Jahr zurückdenkt, als der DHB in eine tiefe Krise stürzte.

Brasilien als erste richtige Probe

Deswegen überraschte es auch nicht, als später fast alle Spieler von einem "sehr guten Gefühl" sprachen, wissend, dass sie gerade nur einen der schwächsten 24 WM-Teilnehmer geschlagen hatten.

Auch Christian Prokop wirkte erleichtert, als er mit der Schlusssirene die Arme hochreißen durfte. Zur Erinnerung: Der Bundestrainer war nach der Europameisterschaft in die Kritik geraten und musste um seinen Job bangen. Dem SPIEGEL sagte der 40-Jährige vor der WM, er habe damals das Team mit seinen Ideen überfordert. Das Verhältnis zwischen ihm und der Mannschaft schien zerrüttet. Ob das Zusammenspiel zwischen Trainer und Team nun besser klappt, ist die große Frage der WM.

Die Zweifel sind mit dem Erfolg gegen die Vereinigungsmannschaft aus Nord- und Südkorea kleiner geworden, aber nicht endgültig weggewischt. Torwart Wolff ordnete den Gegner und die Aussagekraft des hohen Siegs schon ganz richtig ein: "Ich freue mich, wenn am Samstag das Turnier richtig los geht", sagte der 27-Jährige vom THW Kiel. Am Samstag wartet mit Brasilien ein physisch stärkeres Team als Korea.

Für eine gute Ausgangslage um den Einzug in die Hauptrunde muss Deutschland auch die Südamerikaner schlagen, nur die ersten drei Teams jeder Sechsergruppe ziehen in die nächste Runde ein. Gegen die stärksten Vorrundengegner Serbien, Russland und Titelverteidiger Frankreich wird die deutsche Defensive kompakter verteidigen müssen. Hier finden Sie den kompletten Spielplan.

Teamgeist nach außen

Wolffs Form lässt die DHB-Auswahl jedenfalls auf weitere Erfolge hoffen. Auch wie er gegen Korea auftrat, könnte weitere Unruhen um das Team verhindern: Während des Spiels tauschte sich die Nummer eins immer wieder mit Vertreter Silvio Heinevetter aus, Abklatschen nach Paraden, Anfeuerungsrufe bei Gegentreffern - was unter Teamkollegen eigentlich als normal gilt, war bei den beiden Rivalen in der Vergangenheit schon mal anders.

Vor wenigen Tagen hatte Ex-Nationalspieler Michael "Mimi" Kraus noch bemängelt, dass Prokop mit den konkurrierenden Torhütern ins Turnier gegangen ist. "Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass Wolff und Heinevetter nicht die besten Kameraden sind", sagte Kraus. Offenbar haben die beiden Torhüter einen Umgang miteinander gefunden, wenn auch nur als Zweckgemeinschaft für drei Wochen.

Foto: DPA

Fest steht, und das ist vielleicht die entscheidende Erkenntnis des Spiels: Die DHB-Auswahl demonstriert einen neuen Teamgeist. Torwart Wolff reckte den Daumen mehrfach in Richtung Prokop, nach dem Spiel landete fast jeder der 16 Spieler in den Armen des Bundestrainers. Diese Geschlossenheit hat es bei der EM-Blamage kaum gegeben. Gegen Korea kam auch der gesamte Kader zum Einsatz, die Botschaft: Alle werden für eine erfolgreiche WM gebraucht.

Die Spitze des deutschen Handball-Bunds hatte eine Mannschaft gefordert, die begeistert und Werbung für den Handball macht. Diese Aufgabe hat zum Turnierstart vor allem Wolff übernommen. Der Keeper war bereits beim EM-Sieg vor drei Jahren einer der Schlüsselspieler. Vielleicht ist das ja ein gutes Omen. Aber für das sportliche Ziel Halbfinale werden noch weitere Teamkollegen seinem Vorbild folgen müssen.


Anmerkung: In einer früheren Version lautete die Überschrift dieses Artikels "Wolffs Rudel". Die Bezeichnung erinnerte manche Leser an den Namen einer U-Boot-Taktik des NS-Regimes im Zweiten Weltkrieg. Wir haben die Zeile daher verändert.

insgesamt 6 Beiträge
hopeless969 11.01.2019
1. wolffs rudel ist eine unglückliche wahl
an der Autor, bitte informieren sie sich darüber, wann man das letzte Mal in Deutschland von Wolfsrudeln sprach in Zusammenhang mit deutschen. vielleicht sollten sie unseren Handball Mannschaft anders betiteln
an der Autor, bitte informieren sie sich darüber, wann man das letzte Mal in Deutschland von Wolfsrudeln sprach in Zusammenhang mit deutschen. vielleicht sollten sie unseren Handball Mannschaft anders betiteln
Direwolf 11.01.2019
2. Ein Trainingsspiel
Am Ende war es nur ein Trainingsspiel, wo alles durchgewechselt wurde und nicht ernst gemacht wurde. Korea war mit Yoon eine Hausnummer, heute eben ein besserer 3. Ligist. Was mir gar nicht gefallen hat waren die Schiris. Viel zu [...]
Am Ende war es nur ein Trainingsspiel, wo alles durchgewechselt wurde und nicht ernst gemacht wurde. Korea war mit Yoon eine Hausnummer, heute eben ein besserer 3. Ligist. Was mir gar nicht gefallen hat waren die Schiris. Viel zu kleinlich mit den Zeitstrafen und zudem mehr als einmal mit der Strafe an den falschen Spieler. Also wenn das die offizielle Linie wird, dann werden die engen Spiele eine einsame Veranstaltung. Spielerisch ein Muster ohne Wert, hat aber imho mal wieder unterstrichen, dass es in D ein Problem auf der mIttelosition gibt.
K:F 11.01.2019
3. Lernfähiger Trainer
Der DHB hat sehr gut gehandelt und mit Prokop weitergemacht. Prokop hat verstanden, die Manschaft ins Boot zu holen. Es reichte nicht aus, anzunehmen, daß Fachleute Erklärungen nicht brauchen. Es hat Spaß gemacht, das Spiel zu [...]
Der DHB hat sehr gut gehandelt und mit Prokop weitergemacht. Prokop hat verstanden, die Manschaft ins Boot zu holen. Es reichte nicht aus, anzunehmen, daß Fachleute Erklärungen nicht brauchen. Es hat Spaß gemacht, das Spiel zu sehen. Und es ist durchaus richtig, wenn Abwehrspieler mit dem Torhüter zusammenzuspielen. Die Koreaner haben mit Hüftwürfen, die für einen Torhüter nicht einschätzbar sind, die Abschlüsse gesucht. Von daher sind Wolfs Paraden anders zu bewerten.
golfstrom1 11.01.2019
4. Deutscher Handball
Die gestrige Leistung sagt noch überhaupt nichts über die Leistungsfähigkeit der Mannschaft aus. Auch bei der EM vor einem Jahr gab es zu Beginn einen souveränen Sieg gegen überforderte Handballer aus Montenegro. Schon im [...]
Die gestrige Leistung sagt noch überhaupt nichts über die Leistungsfähigkeit der Mannschaft aus. Auch bei der EM vor einem Jahr gab es zu Beginn einen souveränen Sieg gegen überforderte Handballer aus Montenegro. Schon im zweiten Spiel gegen Slowenien brauchte Deutschland dagegen einen Siebenmeter in der Schlusssekunde um noch mit einem Unentschieden aus dem Spiel zu gehen. Und danach wirkte die Mannschaft verunsichert und nervös. Man hat derzeit den Eindruck, dass sich Christian Prokop massiv verstellt und zusammenreißt. Er agiert nicht so als Trainer wie er das gern tun möchte und wie er vor allem von seinem Naturell eigentlich ist. Seine eigentliche Charakteristik hat man letztes Jahr gesehen. Er ist ein absolut taktikbesessener und emotionaler Handballfachmann, der aber mit Alphatieren, wie sie in einer deutschen Nationalmannschaft nunmal vorhanden sind, Schwierigkeiten im Umgang hat. In einer Nationalmannschaft kommt es nunmal darauf an, das vorhandenen Spielermaterial ideal auszunutzen. Es kommt darauf an, die Jungs gut zusammenzuschweißen und zu einem verschworenen Haufen zu machen. Das ist Prokop letztes Jahr überhaupt nicht gelungen. Und mit der Verbannung von Tobias Reichmann hat er meines Wissens nach auch Unverständnis bei der Mannschaft erzeugt.
chris83 11.01.2019
5. Fehlendes Fachwissen
Der Redakteur verfügt leider über relativ wenig Fachwissen. Gibt es in der SPON Redaktion nicht jemanden der sich mit Handball-Taktiken auskennt oder der vielleicht sogar selber einmal leistungsbezogen Handball trainiert hat? [...]
Der Redakteur verfügt leider über relativ wenig Fachwissen. Gibt es in der SPON Redaktion nicht jemanden der sich mit Handball-Taktiken auskennt oder der vielleicht sogar selber einmal leistungsbezogen Handball trainiert hat? Bestes Beispiel: "Die Abwehr ließ den Koreanern oft erstaunlich viel Platz, gewährte den körperlich unterlegenen Gegenspielern aber meist nur Distanzwürfe und ging so ein überschaubares Risiko ein, einen Gegnertreffer zu kassieren. Kurz: Sie hoffte auf eine Abwehraktion des Torwarts, um danach schnell per Konter zu treffen." Jeder Trainer im oberen Leistungsbereich lässt gegen körperlich unterlege Gegner passiv 6:0 verteidigen.Dadurch wird der Gegner gezwungen Würfe mit einer geringen Chance auf Erfolg zu nehmen. Falls doch mal einer reingeht oder der Gegner eine geniale Einzelaktion hat (davon gab es einige) ist das zu verkraften und auch so einkalkuliert. Grundsätzlich war das ein solider Sieg, kaum Fehler, keiner verletzt, viel ausprobiert = für eine 1. Spiel in einem Turnier genau richtig.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP