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Wada-Chefermittler Younger

"Natürlich gibt es in jeder Sportart Doper"

Die WM in Russland beginnt - und damit stellt sich auch die Frage, wie sauber die Athleten sind. Die Dopingproben kontrolliert die Fifa lieber selbst. Nichts Außergewöhnliches, findet der Chefermittler der Weltantidopingagentur.

Getty Images

Fußballer beim Training

Ein Interview von
Donnerstag, 14.06.2018   14:49 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Younger, bei der WM werden die Dopingtests von der Fifa selbst überwacht. Der Fußball-Weltverband entscheidet auch, was mit positiven Tests geschieht. Besteht da kein Interessenkonflikt?

Günter Younger: Das ist nichts Außergewöhnliches, auch andere internationale Verbände führen selbst Tests durch. Solange die Untersuchungen und Ergebnisse korrekt in unserem Adams-Meldesystem registriert werden, sehe ich keinen Konflikt.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch genügend Negativbeispiele. Beim Leichtathletik-Weltverband soll der ehemalige Vorsitzende Lamine Diack für die Vertuschung von Dopingproben Bestechungsgeld kassiert haben. Und der Radsportweltverband UCI hat lange seinen schützenden Mantel über Lance Armstrong gelegt.

Younger: Den IAAF-Skandal, den Sie ansprechen, haben wir dann ja ausermittelt. Da haben wir aufgedeckt, was falsch lief. Wenn wir Hinweise haben, gehen wir denen nach.

SPIEGEL ONLINE: Würde es die Glaubwürdigkeit von Dopingtests nicht enorm steigern, wenn eine unabhängige Stelle diese Arbeit überwacht?

Younger: Das wäre für das Gefühl sicher besser. Aber entscheidend ist, was von den Verbänden konkret gemacht wird. Das Internationale Olympische Komitee hat ja zum Beispiel für die Olympischen Spiele die unabhängige ITA (International Testing Authority) eingerichtet. Auch wir von der Ermittlungsabteilung bei der Wada könnten Tests durchführen, falls wir entsprechende Hinweise haben. Da müssen wir niemanden fragen.

SPIEGEL ONLINE: Die Fifa hat viele russische Fußballer, deren Dopingproben sie im Zuge des Russischen Dopingskandals von der Wada bekommen hatte, "aus Mangel an Beweisen" vom Dopingverdacht freigesprochen. Wie die Proben konkret untersucht wurden - und warum das mehrere Monate gedauert hat - ist jedoch nicht bekannt. Können Sie Licht ins Dunkel bringen?

Younger: Die Fifa hat im vergangenen Dezember Daten aus dem Moskauer Labormanagementsystem von 2012 bis August 2014 von uns bekommen - wie mehr als 60 andere Sportverbände auch. Wir haben alle aufgefordert, zu ermitteln und auch Hilfestellungen gegeben, was gemacht werden sollte. Es wurde dann vereinbart, dass unsere Ermittlungsabteilung nach Abschluss der verbandsinternen Ermittlungen die Ergebnisse überprüft. Die Fifa hat uns dann vor zwei Wochen das erste Paket mit den Ergebnissen derjenigen Proben geschickt, vermutlich von den Spielern, die bei der kommenden WM spielen. Diese Samples haben wir dann alle überprüft - und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Fifa gute Arbeit geleistet hat.

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SPIEGEL ONLINE: Können Sie konkretisieren, was gemacht wurde?

Younger: Diese genannten Fälle für die Fifa wurden von uns in eine niedrigschwellige Kategorie eingeordnet, es waren also eher unverdächtige Proben. Wir haben der Fifa gesagt: Testet die vorhandenen Proben auf verbotene Substanzen. Wenn eine drin ist, habt ihr einen einfachen Fall. Wenn nicht, dann könnte die Probe vielleicht Teil des großangelegten Vertuschungsprogramms und ausgetauscht worden sein. Die Fifa hat dann überprüft, ob es Kratzer an den Flaschen gab. Aber auch das ergab nichts.

SPIEGEL ONLINE: Es gab in der Vergangenheit immer wieder überführte Einzeltäter oder Verdachtsmomente für Doping im Fußball dabei. Ist der Missbrauch von Mitteln in dieser Sportart weit verbreitet?

Younger: Was ich glaube, spielt keine Rolle. Meine Welt basiert auf Fakten und Beweisen.

SPIEGEL ONLINE: Und worauf deuten Ihre Fakten und Beweise hin?

Younger: Unter den Fällen, die wir abgeschlossen haben, war nichts aus dem Fußball. Aber ich kann es nicht ausschließen: Natürlich gibt es in jeder Sportart Doper. Allerdings hatten wir bislang noch keinen Anlass, größer angelegte Ermittlungen anzustellen. Ich kann nur jeden, der etwas weiß, ermutigen, sich bei uns zu melden.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Hinweise bekommen Sie im Jahr?

Younger: Seitdem ich 2016 angefangen habe, wurden mehr als 300 Fälle gemeldet. Aber die Hinweise haben nicht alle dieselbe Qualität, es gibt manchmal sehr vage Andeutungen, manchmal auch nur Diffamierungen. Die Spanne läuft von Vermutungen wie zum Beispiel: "Benjamin Knaack ist 800-Meter-Läufer und letztes Jahr ist er 2,03 Minuten gelaufen und heute läuft er 1:58 Minuten - das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen."

SPIEGEL ONLINE: ...beides utopische Zeiten...

Younger: ...das gilt auch für mich. Aber zurück zu den Hinweisen: Es gibt auch deutlich Konkreteres, etwa die Namen von verdächtigen Trainern und Camps. Der Best Case ist natürlich, wenn wir, wie in der Causa Russland, Originaldokumente, E-Mails, Audiofiles und Videos mit belastenden Aufnahmen zur Verfügung gestellt bekommen.

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