Sport

25 Jahre DEL

"Da kamen Leute, die kein Eishockey spielen konnten, aber gut waren im Boxen"

Vertragsgespräche im Bordell, schwarze Kassen, gefälschte Pässe: Früher lockte das deutsche Eishockey zwielichtige Typen an. Dann startete die DEL. Wie sieht es heute aus?

DPA

Die Deutsche Eishockey-Liga startet in die neue Saison

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Freitag, 14.09.2018   16:16 Uhr

Dieser Tage haben sie alle noch mal zurückgeschaut. Die Trainer und die Spieler, die Manager und die Funktionäre aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Die meisten haben das mit einem wissenden Lächeln getan, so wie man nach Jahren mit alten Freunden auf die kleinen Sünden der Jugend blickt. Was waren wir damals naiv.

Der Grund ist ein Jubiläum: Am Abend startet die DEL in ihre 25. Saison. Das hatten der einstigen Chaosliga nicht viele zugetraut. Gernot Tripcke - damals Leiter der Liga, heute DEL-Geschäftsführer - habe in den wilden Anfangszeiten nicht mal so weit denken wollen: "Das war ein täglicher Zwei- oder Drei-Fronten-Krieg." Mit dem nationalen und dem Weltverband, mit Medien und Fans sowie mit all den zwielichtigen Gestalten in den Klubs.

Das deutsche Eishockey kennt mehr Leute mit Knastvergangenheit als jedes Gangsterrap-Video. "Tummelplatz für Typen", nannte es der Journalist Günter Klein bereits 1999 in seinem Buch "Die Droge Eishockey". Typen wie Heinz Weifenbach. Der Bauunternehmer aus Iserlohn soll Gehälter gern in bar aus der Innentasche seiner Lederjacke bezahlt haben, Vertragsverhandlungen führte "Big Heinz" im Bordell. Ende 1987 sorgte er mit der Trikotwerbung für das "Grüne Buch" des damaligen libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi für einen Skandal. Nach einem Spiel verschwanden die Trikots wieder, ebenso sein Verein in der Insolvenz.

Pässe gab es in der Bar "Schlüsselloch"

Jahre zuvor - die Ausländerregel war noch streng - spielten Dutzende Kanadier dank gefälschter Dokumente als Deutsche. Die Pässe gab es unter der Hand in der Essener Bar "Schlüsselloch", 8000 Mark pro Stück. Natürlich flog das auf, die erste Play-off-Runde wurde annulliert.

Hinzu kamen Pleiten und Zwangsabstiege. "Eine Minute nach zwölf" sei es Anfang der Neunzigerjahre gewesen, hat Franz Reindl, heute Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), mal gesagt. Es brauchte etwas Neues, eine Liga mit Profis auf und neben dem Eis. Dafür orientierte sich der DEB an der nordamerikanischen NHL, mit zentraler Vermarktung, von Vereinen ausgelagerten Gesellschaften und regelmäßigen Finanzkontrollen durch die Liga.

Doch gleich die erste Saison 1994/95 verlief chaotisch. Erst klagten sich mehrere Zweitligisten in die neue Liga, die völlig aufgebläht war, dann ging Meister Hedos München wegen 15 Millionen Mark Schulden in die Knie. Später revoltierten die Klubs unter der Führung des Kölner Rechtsanwalts Bernd Schäfer III. gegen die zentrale Vermarktung und spalteten sich vom DEB ab. Es war der Startschuss für den jahrelangen Streit zwischen Liga und Verband. Schäfer III. verweigerte gar die Abstellung von Nationalspielern, Länderspiele fielen aus.

Kein Jahr ohne Insolvenzen

Hinzu kam ein TV-Vertrag, der die Liga lange im Pay-TV versteckte. Sponsoren und Fans zeigten der DEL mit ihren englischen Tiernamen die kalte Schulter. Der Schuldenberg der Klubs wuchs auf 80 Millionen Mark. Also wurde getrickst und gelogen. Kein Jahr ohne Steuerskandale und Insolvenzen. In Oberhausen gingen so viele Spieler von Bord, dass der Klub mal ohne Torwart nach Hannover fuhr. Notgedrungen lieh er sich den Goalie des Zweitligisten EV Duisburg, der erst kurz vor dem Spiel in der Halle war.

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Weiteres Ungemach kam durch das Bosmann-Urteil. Nachdem sich der belgische Fußballer Jean-Marc Bosman die berufliche Freizügigkeit in der EU erstritt, investierten die Klubs in vermeintliche Stars aus dem Ausland. Frankfurt hatte 1997/98 nur drei gebürtige Deutsche im Kader. Drei von 27. "Da kamen Leute, die kein Eishockey spielen konnten, aber gut waren im Boxen", sagt Pavel Gross, damals als Spieler drei Mal Meister in Mannheim, wo er heute als Trainer arbeitet.

Selbst ein Spitzenteam wie die Adler stand vor dem Aus - und wurde nur dank des Einstiegs durch Mäzen Daniel Hopp gerettet. Ähnlich erging es dem ehemaligen Branchenprimus aus Düsseldorf, der musste für zwei Saisons in die zweite Liga. Später kam heraus, dass die DEG Eintrittskarten falsch abgerechnet hatte, um schwarze Kassen zu füllen. Damit gab sie den Spielern zwei Verträge: einen offiziellen für das Finanzamt, einen internen. Die Verantwortlichen mussten Millionen nachzahlen und landeten teilweise in Untersuchungshaft.

Die Wende kam mit dem Rauswurf der Huskies

Selbst 2008 sprach der Rechtsanwalt Norbert Hiedl gegenüber der "Sportbild" noch von "getarnten Überweisungen an Spieleragenten" und "Ablösesummen an fiktive Firmen". Die DEL sei ein "Kartell der Unehrenmänner". Die Vereinsbosse statteten zahlreiche Spieler stets nur mit Verträgen für neun Monate aus.

Es dauerte bis 2010, ehe sich grundsätzlich etwas wandelte. Im Sommer schmiss das Ligabüro die insolventen Kassel Huskies raus. Laut DEL-Boss Tripcke war das "der Wendepunkt". Seitdem gebe es einen "Ligagedanken", eine Idee davon, dass alle profitieren, wenn sich jeder an die Regeln hält. "Das war ein Prozess, das hat locker zehn Jahre gedauert."

Seitdem gibt sich die Liga seriös. Zwar gab es auch danach Pleiten, aber nicht mehr während einer Saison. Dank neuer deutscher Stars und moderner Hallen hat die DEL nun im Schnitt fast 2000 Zuschauer mehr als die Handball- oder die Basketball-Bundesliga - und überwiegend seriöse Mäzene und Gesellschafter.

Nach dem Machtwechsel im DEB zu Franz Reindl 2014 ist auch das Verhältnis zwischen Liga und Verband so gut wie lange nicht. Der Gewinn der olympischen Silbermedaille, ausschließlich mit DEL-Spielern, tat sein Übriges. Zudem gab es jüngst weitere positive Schlagzeilen: neue Sponsoren, neue Profischiedsrichter, die Wiedereinführung von Auf- und Abstieg zur Saison 2020/21. Es sieht so aus, als sei die DEL in ihrer 25. Saison dabei, eine seriöse Liga zu werden.

insgesamt 5 Beiträge
newline 14.09.2018
1. Das grüne Buch
Das schönste wird nicht erwähnt, sogar die Deutsche Bundespost fuhr auf ihren gelben Autos für die Paketauslieferung Reklame für Gaddafis Werk, wenn auch nur kurz. Ich wohne in der Nähe von Iserlohn und konnte dies etwa zwei [...]
Das schönste wird nicht erwähnt, sogar die Deutsche Bundespost fuhr auf ihren gelben Autos für die Paketauslieferung Reklame für Gaddafis Werk, wenn auch nur kurz. Ich wohne in der Nähe von Iserlohn und konnte dies etwa zwei Wochen lang bewundern. Legendär ist auch Weifenbachs Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" mit dicker Zigarre.
Stäffelesrutscher 14.09.2018
2. Vor oder nach Gründung der DEL?
Ich bin jetzt etwas irritiert. In der Überschrift heißt es: »"Da kamen Leute, die kein Eishockey spielen konnten, aber gut waren im Boxen" Vertragsgespräche im Bordell, schwarze Kassen, gefälschte Pässe: [...]
Ich bin jetzt etwas irritiert. In der Überschrift heißt es: »"Da kamen Leute, die kein Eishockey spielen konnten, aber gut waren im Boxen" Vertragsgespräche im Bordell, schwarze Kassen, gefälschte Pässe: Früher lockte das deutsche Eishockey zwielichtige Typen an. Dann startete die DEL.« Das bedeutet: erst war das kriminelle Chaos, dann wurde die DEL gegründet (und machte mit dem Chaos Schluss, soll man wohl folgern). Und im Artikel liest man plötzlich, dass das mit den Leuten, die kein Eishockey spielen konnten, nach Gründung der DEL passierte, und auch sonst einiges drunter und drüber ging. Ja was denn nun?
Hoffnung0815 14.09.2018
3. Omg
das waren noch Zeiten...
das waren noch Zeiten...
flohzirkusdirektor 14.09.2018
4. Kingt ein wenig nach "urban myths".
Ich war einige Zeit Teamarzt - zugegeben nur der Amateurmannschaft - eines Erstligavereines, die Profis hatten einen offziell eigenen Verein gegründet.. Auch wenn ixh nicht gerade das grösste Zahnrad im Getriebe war, ein [...]
Zitat von Hoffnung0815das waren noch Zeiten...
Ich war einige Zeit Teamarzt - zugegeben nur der Amateurmannschaft - eines Erstligavereines, die Profis hatten einen offziell eigenen Verein gegründet.. Auch wenn ixh nicht gerade das grösste Zahnrad im Getriebe war, ein wenig hätte ich ja doch mitbekommen müssen, bekanntlich sickert alles irgendwie durch. 2006 vereinigten sich beide Vereine wieder, die Profis brachten ihren eigenen Arzt mit, sinnigerweise einst einer meiner Oberärzte und ein Freund "mittlerer Art und Güte". Machte aber nichts, ich wollte mich ohnehin verbessern, die Klinik, in der ich arbeitete war zwar gut, aber keinerlei Hierarchie, nur 7 gleichberechtigte Ärzte von verschiedenen chirurgischen Fachrichtungen ohne jegliche Aufstiegschance, das war zwar gut, um in Deutschland wieder Fuss zu fassen, aber nicht für die weitere Zukunft, denn ich hatte immer noch das Ziell Chefarzt nicht aufgegeben ...
andromeda793624 15.09.2018
5. Damals wollte man Stars!
Nun viele Klubs haben sich damals in der DEL z.b. in den 90ern finanziell doch arg gestreckt. Man wollte eben auch Stars in die Liga holen. Spieler wie u.a. Robert Reichel,Sergej Berezin,John Chabot oder Mikko Mäkelä tauchten in [...]
Nun viele Klubs haben sich damals in der DEL z.b. in den 90ern finanziell doch arg gestreckt. Man wollte eben auch Stars in die Liga holen. Spieler wie u.a. Robert Reichel,Sergej Berezin,John Chabot oder Mikko Mäkelä tauchten in der DEL auf. Man wollte großes! Oft ohne Sinn und Verstand und mit wenig Rücksicht auf die Jugend. Heut zu Tage ist die DEL in der Tat deutlich seriöser,realistischer,professioneller und offener für auch junge deutsche Spieler. Auch das Coaching ist deutlich besser geworden. Natürlich ist das alles noch nicht zufriedenstellend. Schön wäre es wenn man mal das Level der Schweiz erreichen könnte. Doch insgesamt sehe ich die Entwicklung auch mit der Einführung von Auf und Abstieg 20/21 in eine gute Richtung.

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