Sport

Eishockey-Profi Jordin Tootoo

Flucht aufs Eis

Jordin Tootoo hatte es geschafft: Er war der erste Inuk in der besten Eishockey-Liga der Welt, doch den Problemen seiner entlegenen Heimat konnte er auch in der Großstadt lange nicht entkommen.

Getty Images
Von
Donnerstag, 01.11.2018   09:46 Uhr

Jordin Tootoo misst 1,75 Meter - und ist damit ein guter Repräsentant seiner Heimatstadt Rankin Inlet. "Alle dort sind ziemlich klein", sagt Tootoo: "Weißt du warum? Damit der Wind uns nicht umhaut."

Rankin Inlet liegt in Nunavut, dem größten der drei Territorien Kanadas. Im langen Winter kann das Thermometer hier schon mal auf minus 30 Grad Celsius herabsinken. Im kurzen Sommer wird nur selten die Marke von zehn Grad Celsius überschritten. In dem 2800-Einwohner-Ort an der Hudson Bay gibt es keine Bäume, keine Anbindung ans öffentliche Verkehrsnetz - dafür aber einen Prominenten.

"Welcome to Rankin Inlet Nunavut - Home of Jordin Tootoo" steht auf einer großen Plakatwand in blauen und roten Buchstaben. Über dem Foto, das Tootoo im Trikot von Team Canada zeigt, hängen Rentier-Geweihe.

Jordin John Kudluk Tootoo hat es geschafft. Aus dem Eis der kanadischen Arktis auf das Eis der National Hockey League (NHL). Er war der erste Inuk in der besten Eishockey-Liga der Welt. 13 Jahre spielte er für Nashville, Detroit, New Jersey und Chicago. Kürzlich beendete der 35-Jährige seine Karriere. Auf Twitter teilte Tootoo mit, dass er nun der einheimischen Gemeinde etwas zurückgeben wolle.

Tootoo ist Idol und Identifikationsfigur für viele Inuit. "Jordin hat uns gezeigt, dass man aus unseren kleinen Gemeinden kommen und trotzdem Erfolg in der höchsten Liga haben kann", sagte der Präsident der Organisation "Inuit United with Canada", Natan Obed. Dann wandte er sich ganz persönlich an Tootoo: "Danke, dass du standhaft geblieben bist, als es in deiner Jugend viele Hindernisse zu überwinden galt."

Der junge Jordin sah sich mit den gleichen Problemen konfrontiert wie viele Inuit: Alkohol, Drogen, Gewalt. Sein Vater Barney ist Alkoholiker. "Aber sie trinken nicht nur, um betrunken zu werden", schreibt Tootoo in seiner 2014 erschienenen Autobiographie "All the way. My life on ice": "Das Gesaufe führt zum verdammten Missbrauch und zu Gewalt - und sie können es einfach nicht mehr kontrollieren."

Selbstmordrate unter jungen Männern besonders hoch

Nach Angaben der Kanadischen Gesundheitsagentur ist die Selbstmordrate bei Inuit sechs bis elfmal größer als im Landesdurchschnitt. Ursachen seien soziale Ungerechtigkeit, Armut, mangelnder Zugang zu medizinischer Versorgung. Hinzu kämen oft von klein auf körperliche oder sexuelle Gewalt, der zunehmende Verlust der kulturellen Identität und Suchtmittel-Missbrauch. Eine Umfrage unter Inuit 2008 ergab, dass 29 Prozent eigenen Angaben zufolge versucht hatten, sich das Leben zu nehmen, 48 Prozent ernste Suizid-Gedanken hatten. Die größte Gefahrengruppe sind junge Männer.

"Ich bin sehr beunruhigt, wenn ich an einige Herausforderungen für unsere Gemeinschaft denke - vor allem Selbstmorde im Teenageralter und unbehandelte psychische Probleme", sagte Tootoo auf einer Pressekonferenz zu seinem Karriereende. Bereits während seiner NHL-Laufbahn hatte er in entlegenen Orten seiner Heimat Eishockey-Camps veranstaltet und 2015 die Team Tootoo Foundation gegründet, um das Thema Selbstmord-Prävention ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Der Eishockey-Ring als Zufluchtsort

Für Jordin Tootoo und seinen älteren Bruder Terence war der Eishockey-Ring zum Zufluchtsort geworden. Hier konnten sie ihre Wut auslassen, sich verausgaben und den väterlichen Saufgelagen zumindest für einige Stunden entkommen.

"Eishockey war mein Ausweg, mein Glücksort", sagt Tootoo. Im Alter von 13 Jahren bekommt er 1996 die Chance, für ein Nachwuchsteam in Alberta zu spielen - und sein Territorium mit all der Tragik zu verlassen. Doch in dieser Zeit erlebt er auch seinen größten Schicksalsschlag: Im Sommer 2002 feiert Tootoo mit seinem Bruder, den er stets als Vorbild und Ruhepool der Familie angesehen hatte. Beide trinken viel. Terence fährt dennoch mit dem Auto und wird von der Polizei erwischt. Wenige Stunden später erschießt er sich. Jordin Tootoo findet tags darauf eine letzte Nachricht: "Jor', zieh voll durch. Und pass auf die Familie auf."

Fotostrecke

NHL-Profi Jordin Tootoo: Allen Problemen zum Trotz

Tootoo zieht voll durch, erfüllt sich den Traum von der NHL und schreibt bei seinem Debüt am 9. Oktober 2003 als erster Inuk Liga-Geschichte. In Nashville wird er mit seiner harten und kompromisslosen Spielweise zum Liebling der Fans. Ihm gefällt diese Rolle, er nimmt sie an - und alles, was mit ihr kommt. Tootoo sagt nie Nein - auch nicht zum Alkohol.

Er ist nachts in Nashville unterwegs und spielt tags darauf im Training "schuldbewusstes Eishockey", wie er es selbst nennt. Er skatet besonders intensiv, checkt extra hart. Alles nur, um zu zeigen, dass an den aufkommenden Gerüchte über seine nächtlichen Ausflüge nichts dran ist. Ende 2010 hat Nashville-Manager David Poile genug und stellt ihn vor die Wahl: "Entweder, du begibst dich in eine Entzugsklinik, oder wir schmeißen dich raus."

Tootoo macht eine Therapie, hört auf zu trinken - und spielt noch sieben weitere Jahre in der NHL. Künftig will Tootoo noch enger mit den Gemeinden seiner Heimat zusammenarbeiten. Sein Ziel: "Das Leben der leidenden einheimischen Kinder verbessern."

Sagen Sie Ihre Meinung!

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP