Sport

Olympiateam des Gastgebers

Plötzlich Südkoreanerin

Olympia-Ausrichter Südkorea setzt bei den Winterspielen auf seine Stars im Shorttrack und Skeleton. Die Medaillenbilanz sollen auch eingebürgerte Sportler aufhübschen - eine Athletin kommt aus dem Erzgebirge.

DPA

Aileen Frisch aus Deutschland startet bei Olympia für Südkorea

Aus Pyeongchang berichtet
Samstag, 10.02.2018   09:10 Uhr

Als Aileen Frisch am 16. Dezember 2016 erwachte, war sie Südkoreanerin. Bis zum 15. September war sie eine junge Frau aus Sachsen gewesen, aus dem Nest Schellerhau im Erzgebirge, einer 420 Seelengemeinde. Plötzlich war sie olympische Medaillenhoffnung, und ihr neuer Lebensmittelpunkt war Seoul, zehn Millionen Einwohner.

Aileen Frisch zählt zu denen, bei denen das Gastgeberland der Winterspiele auf der Suche nach Spitzenathleten fündig wurde. Eigentlich hatte sie das Rennrodeln schon aufgegeben, mit 23 Jahren war Schluss mit dem Rodeltraum. Zu übermächtig war die deutsche Konkurrenz im Eiskanal, da nützte es ihr wenig, dass sie noch 2013 zu den weltbesten Juniorinnen gehört hatte. Aber nur hinter den Top-Leuten Natalie Geisenberger, Tatjana Hüfner und Dajana Eitberger zu rodeln - das machte auf Dauer keinen Spaß.

Dann erinnerte sich einer in der Ferne an sie. Steffen Sartor wurde von den Südkoreanern engagiert, um das Rodlerteam einigermaßen Olympia-tauglich zu machen. Der deutsche Coach hatte freie Hand, auch die Suche im Ausland war ihm gestattet. Als der Cheftrainer das zweite Mal anfragte, wurde Frisch weich.

REUTERS

Aileen Frisch

Im Eiltempo bürgerte der Olympia-Gastgeber zahlreiche Wintersportler aus der ganzen Welt ein. Die Hälfte des Eishockeyteams besteht aus Kanadiern, die außer einem Kimchi im Asien-Restaurant noch nicht viel Kontakt mit Korea hatten. Ein Norweger geht für Südkorea in die Loipe, zwei Russinnen auf die Biathlonstrecke.

Die Anforderungen neben der sportlichen Eignung? Gering. Frisch musste ein paar Fragen zu Land und Leuten beantworten und eine Strophe der koreanischen Hymne unfallfrei in der Landessprache singen. Und da Frisch nicht Sarah Connor ist, gelang ihr die Pflichtübung ohne große Probleme. "Bis das Meer des Ostens ausdörrt und der Paektusan-Berg abgetragen ist, möge Gott unser Land ewig schützen."

Aus Aileen Frisch ist jetzt Ilwi Lim geworden - der Name bedeutet: "Die, die den ersten Preis gewinnt." Das dürfte angesichts der angesprochenen deutschen Rodlerinnen und eines Fußbruchs im Vorjahr schwer werden. Aber Frisch traut man auf der Bahn von Pyeongchang, die auch den Besten Respekt abringt, eine Überraschung zu.

Acht Medaillen allein im Shorttrack?

Besser sind die Aussichten auf Medaillen allerdings dort, wo die Südkoreaner nicht lange in der Fremde fahnden mussten. Shorttrack ist die Wintersportart im Lande. Dort träumen Shim Suk-Hee und Choi Min-Jeong bei den Frauen und Hwang Dae-Hon bei den Männern von Gold. Das Eislaufspektakel ist nirgends auf der Welt beliebter. Acht Medaillen sind allein hier eingeplant.

Außerhalb von Eishallen hat Südkorea noch nie eine Wintersportmedaille errungen. Die Messlatte für Aileen Frisch hängt hoch. Überspringen soll sie in jedem Fall Yun Sung-Bin. In drei Skeleton-Weltcups dieser Saison stand er ganz oben auf dem Siegertreppchen. Das Land erwartet nun Olympiagold.

Auch bei den Eisschnellläufern soll es mit Medaillen klappen, die Wettbewerbe in der Halle dürften daher auch die wenigsten Sorgen haben, die Tribüne vollzubekommen. Eisschnelllauf und Eiskunstlauf sind in Südkorea ebenfalls populär. Kim Yu-Na, die Olympiasiegerin von Vancouver im Eiskunstlauf, gehört zu den ganz großen Sportstars des Landes.

AFP

Gold-Hoffnung im Shorttrack Choi Min-Jeong

Wie man Olympiasiege einfährt, das weiß Aileen Frisch, pardon Ilwi Lim, noch nicht. Aber sie hat in dieser Hinsicht den besten Lehrmeister, den man sich vorstellen kann. Bahntrainer der Südkoreaner ist André Lange, der seine Bobs zu viermal Gold für Deutschland die Eisrinnen von Salt Lake City, Turin und Vancouver hinuntersteuerte.

Frisch hat erzählt, dass es am Anfang schwer war, sich der südkoreanischen Lebensart anzunähern. Die Sprache, der Umgang miteinander, das Essen. Einmal wurde ihr ein Oktopus in der Suppe vorgesetzt, das fand sie gewöhnungsbedürftig.

Dabei tun die Südkoreaner alles, um es ihren Leih-Athleten so angenehm wie möglich zu machen. Die Asienmeisterschaften im Rennrodeln fanden nicht im japanischen Nagano statt, wie es zunächst vorgesehen war, sondern in Altenberg im Erzgebirge. In der Heimat der Südkoreanerin Aileen Frisch.

insgesamt 10 Beiträge
kopfball123 10.02.2018
1. Muss das denn immer sein?
Täuscht man sich nicht hauptsächlich selbst wenn man Leute einbürgert nur wegen einem Turnier? Ich dachte immer Südkorea wäre ein fortschrittliches Land aber was man so alles mitkriegt durch Olympia erinnert mehr an [...]
Täuscht man sich nicht hauptsächlich selbst wenn man Leute einbürgert nur wegen einem Turnier? Ich dachte immer Südkorea wäre ein fortschrittliches Land aber was man so alles mitkriegt durch Olympia erinnert mehr an Länder wie Russland, Qatar oder China.
M. Vikings 10.02.2018
2. Im ZDF ist gerade Michael Rösch zu Gast.
Die Konkurrenz war auch für ihn zu groß. Jetzt startet er seit vielen Jahren als Biathlet für Belgien. So suchen die Sportbesessenen eben ihre Chance. Und sie bringen meist auch bessere Leistungen als z.B. Michael [...]
Die Konkurrenz war auch für ihn zu groß. Jetzt startet er seit vielen Jahren als Biathlet für Belgien. So suchen die Sportbesessenen eben ihre Chance. Und sie bringen meist auch bessere Leistungen als z.B. Michael "Eddie the Eagle" Edwards. Ich sehe alle diese Sportler gern, weil sie natürlich zusätzlich Farbe in die Wettbewerbe bringen.
raetselfreund 10.02.2018
3. Ich wünsche Ilwi Lim viel Glück
Ich kann es den Sportlern nicht verdenken, wenn Sie ihren Traum von der Olympiateilnahme verwirklichen möchten.
Ich kann es den Sportlern nicht verdenken, wenn Sie ihren Traum von der Olympiateilnahme verwirklichen möchten.
halverhahn 10.02.2018
4. @kopfball: Augen auf!!
Das ist inzwischen nicht nur Usus bei den von dir hier aufgezählten Ländern sondern auch in vielen vielen anderen Nationen. Und nur mal als Beispiel, siehe bspw Deutschland im Tischtennis. Da wurden zig Chinesinnen/Chinesen [...]
Das ist inzwischen nicht nur Usus bei den von dir hier aufgezählten Ländern sondern auch in vielen vielen anderen Nationen. Und nur mal als Beispiel, siehe bspw Deutschland im Tischtennis. Da wurden zig Chinesinnen/Chinesen „eingekauft“, damit unser Land bei ner EM/WM oder Olympia auch mal wieder was reißen kann. Und warum auch eigentlich nicht?! Sollten diese im Schnellverfahren „eingebürgerten“ Sportler dann sportliche Erfolge auf internationalem Parkett einfahren, bedeutet das für das jeweilige Land Prestige und Anerkennung. Und ne höhere Konkurrenz im jeweiligen Land. Und für den Sportler/-in selbst ist das doch auch gut. Im Ausland werden sie dann gehypt, verdienen womöglich entsprechend gutes Geld, im eigenen Land wären sie hingegen nie über die nationale Qualifikation hinaus gekommen, da da evtl nur die Ranglisten-Nummer 5 bis „unter ferner liefen“ und hätten somit auch nie die Chance auf die Teilnahme an Olympia, an WM oder EM... Also ne quasi Win-Win-Situation für beide Seiten! P.S. lt rp.online sollen 38 „deutsche“ Sportler, die nun an Olympia teilnehmen, auch eingebürgert worden sein...Noch Fragen?!!
manly-man 10.02.2018
5. Doppelte Staatsbürgerschaft?
Üblicherweise führt für einen Deutschen/eine Deutsche die Annahme einer anderen Staatsbürgerschaft (außer EU und Schweiz) - ebenso wie z.B. das Ableisten eines Militärdienstes für einen anderen Staat und Anderes - zum [...]
Üblicherweise führt für einen Deutschen/eine Deutsche die Annahme einer anderen Staatsbürgerschaft (außer EU und Schweiz) - ebenso wie z.B. das Ableisten eines Militärdienstes für einen anderen Staat und Anderes - zum Verlust/der Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft. Das kann nur durch einen Antrag auf Beibehaltung der deutschen Sattabürgerschaft vermieden werden. Dieses Antragsverfahren ist langwierig und kompliziert und muss entsprechend begründet werden (entsprechende (längjährige) Bindung an beide Länder etc.). Ich kann mir in dem Fall nicht vorstellen, dass da das Einwohnermeldeamt im Landkreis Mittlererer Erzgebirgskreis gesetzeskonform eine solche Beibehaltung genemigt haben kann (wenn denn überhaupt ein solcher Antrag gestellt wurde). Gemauschel hier und da würde ich sagen.... Oder jemand kann demnächst nicht mehr nach D einreisen?! Überraschung...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP