Stil

Der weibliche Blick

Wenn Frauen Frauen fotografieren

Gibt es so etwas wie weibliche Fotografie? Wie inszenieren sich Mädchen in den sozialen Medien? Ein Bildband zeigt Frauen mit dem besonderen Blick.

Leah Schrager
Von
Freitag, 11.08.2017   11:54 Uhr

Was macht den weiblichen Blick aus? Wie unterscheidet er sich besonders in den sozialen Medien von der männlichen Perspektive, wo doch genau bei Facebook, Twitter und Co. vermeintlich alles auf größtmögliche Aufmerksamkeit und Gefallen hin angelegt ist?

Auf den ersten Blick fällt auf, dass Netzkünstlerinnen, die Arbeiten auch für die sozialen Medien produzieren, oft nicht viel anders machen als Social-Media-Berühmtheiten wie Kim Kardashian: Selfies, viel nackte Haut und verführerische Posen. Was eben Likes und Follower bringt.

Das kann keine Kunst sein, so lautet das gängige Klischee. Zuletzt vorgetragen von dem Kunsthistoriker Oliver Zybok in einem Aufsatz in der Zeitschrift "Kunstforum". Und überhaupt: Für wen machen die das denn alles? Für den Blick der Männer.

Bei näherer Betrachtung wird jedoch klar: Hier fotografieren Frauen andere Frauen für Frauen. Wie sich der Blick auf das weibliche Geschlecht durch eine neue Generation Fotografinnen verändert, ist das Thema der britischen Kulturjournalistin Charlotte Jansen. Kürzlich ist ihr Buch erschienen: "Girl on Girl. Art and Photography in the Age of the Female Gaze". Jansen porträtiert darin 40 Fotografinnen und Netzkünstlerinnen aus 17 Ländern.

Jansen ist so fair, zuzugeben, dass auch sie sich zu Beginn gefragt hat: Wohin sollen Selfies, Oma-Schlüpfer, Millennial-Pink und eine niedliche Mädchenästhetik denn bitte schön führen? Wie sollen Selfies das Patriarchat bekämpfen? Doch bei den Recherchen zu ihrem Buch habe sie schließlich gemerkt, dass Selfies nur bei wenigen ihrer Protagonisten überhaupt ein Thema sind.

Fotostrecke

Frauen, die Frauen fotografieren: Bitte recht ungeschönt

Künstlerinnen wie Alexandra Marzella, Arvida Byström und Molly Soda etwa fotografieren sich mit Haaren an den Beinen und Blut im Höschen, um Instagram eine Diskussion über Schönheitsideale aufzuzwingen; selbstbewusste Selbstbestimmung in der Darstellung des eigenen Körpers.

Und wer auch nur ein paar Kapitel im Buch "American Girls. Social Media and the Secret Lives of Teenagers" der Journalistin Nancy Jo Sales gelesen hat, bekommt einen Eindruck, wie wichtig es ist, jungen Mädchen Gegenbilder zu den gängigen Schönheitsidealen vor Augen zu führen. Sales hat über zwei Jahre lang mit weiblichen Teenagern über deren Social-Media-Profile gesprochen. Tenor: Hauptsache die Jungs finden es geil.

Für diese Mädchen teilt die Künstlerin Molly Soda Fotos, die ihr peinlich sind. Weil es vielleicht einigen ein besseres Gefühl gibt zu sehen, dass sie sich nicht den gängigen Schönheitsidealen anpassen müssen. Dabei können eben auch fotografierte Haare an den Beinen und blutgetränkte Höschen helfen.

Und genau deshalb reicht es auch, wenn gerade junge feministische Künstlerinnen um die kanadische Fotografin Petra Collins wie Mayan Toledano, Maya Fuhr oder Alexandra Marzella nicht gleich die ganze patriarchal geprägte Welt verändern wollen - sondern erst einmal nur die Welt verändern wollen, die sie bisher kennengelernt haben; in der Schule, an der Universität, in Magazinen und in den sozialen Medien.

Dank sozialer Medien wie Instagram und Tumblr erreichen die Künstlerinnen oft ein Publikum, das ihnen später Ausstellungen in den bedeutendsten Museen der Welt beschert - ohne vorher die üblichen institutionellen Hürden überwinden zu müssen. Beispiel Amalia Ulman: Sie hatte erst die Welt durch ihren Instagram-Kanal glauben gemacht, sie sei ein naives Dummchen mit dem Berufswunsch It-Girl - und landete dann mit dieser Social-Media-Performance in der Londoner Tate.

Gegenbilder zu männlichen Prototypen

Jansen ist sich natürlich des Widerspruchs bewusst, ein Buch ausschließlich über Fotografinnen vorzulegen in einer Zeit, in der das Geschlecht eigentlich irrelevant, eine Fotografin eben nichts Besonderes mehr sein sollte. "Ein Gleichgewicht wird so schnell nicht hergestellt werden können, deshalb endlich einmal der Fokus auf den weiblichen Blick und die Fotografinnen", begründet Jansen ihre Entscheidung.

Deshalb hat sie auch Arbeiten wie die der Norwegerin Tonje Bøe Birkeland ausgewählt, die genug hatte vom romantischen Prototyp des männlichen Wanderers nach dem Vorbild Caspar David Friedrichs. Birkeland inszeniert weibliche Entdeckerinnen in der typischen Manier, wie wir es von männlichen Bergsteigern, Naturforschern oder Abenteurern kennen.

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Charlotte Jansen:
Girl on Girl

Art and Photography in the Age of the Female Gaze

Verlag Thames & Hudson; 192 Seiten; Englisch; 16,99 Euro

In Jansens Buch findet sich zum Werk jeder Fotografin eine Seite Text und ein Zitat der jeweiligen Künstlerin. Besonders am Herzen liegt Jansen die Arbeit von Zanele Muholi, die in Südafrika unter anderem Mitglieder der LGBTI-Gemeinschaft fotografiert. Und die von Aviya Wyse, die so viele Frauenkörper fotografiert, bis es gar nicht mehr um Details wie Brüste oder Brustwarzen in ihren Serien geht, sondern einfach um Körper an sich.

Der Band ist Einleitung und Aufforderung zugleich, sich weiter mit dem Thema zu befassen. Nach 190 Seiten Lektüre wird klar, dass Jansen recht hat, wenn sie sagt: "Wir stehen erst am Beginn des Zeitalters des weiblichen Blicks."

insgesamt 22 Beiträge
Rosmarinus 11.08.2017
1. Bin mir nicht sicher.
Es wäre doch mal interessant, Bilder von männlichen und weiblichen Photografen ohne Autorenanbegaben zu veröffentlichen und dann mal zu sehen, ob man da tatsächlich Unzerschiede sieht. Ich denke eher, die werden [...]
Es wäre doch mal interessant, Bilder von männlichen und weiblichen Photografen ohne Autorenanbegaben zu veröffentlichen und dann mal zu sehen, ob man da tatsächlich Unzerschiede sieht. Ich denke eher, die werden herbeiinterpretiert.
TLB 11.08.2017
2.
Bei jeder Art Kunst frage ich mich, was ist die Idee, was steckt dahinter, regt das Bild (das Werk allgemein) etwas in mir an. Bei Fotografie neigt man natürlich schnell dazu, diese Kunstform gering zu schätzen, schließlich [...]
Bei jeder Art Kunst frage ich mich, was ist die Idee, was steckt dahinter, regt das Bild (das Werk allgemein) etwas in mir an. Bei Fotografie neigt man natürlich schnell dazu, diese Kunstform gering zu schätzen, schließlich kann ja jede(r) mit einem Samrtphone tausende Bilder knipsen. Also ist die Frage, was ist denn hier das Besondere, noch wichtiger. Mich überzeugt dieser so genannte weibliche Blick nicht. Eine Frau zwischen zwei Toastscheiben erzeugt keine Resonanz in mir. Bei Bild fünf wird mir zwar durch die Erwähnung des gewissen Etwas im Text mitgeteilt, dass da noch was wäre außer einer Frau mit Katze. Aber was? Und natürlich muss man (Bild 12) keine Parfümwerbung machen, aber was ist eine durch eine Strelitzie gesteckte Zunge mehr als eine durch eine Strelitzie gesteckte Zunge? Wo ist denn hier der weibliche Blick? Bild sieben könnte ich wegen seiner farblichen Gestaltung einen gewissen plakativen Reiz abgewinnen, aber das Buch insgesamt findet mit Sicherheit nicht den Weg in meine Sammlung
Mertrager 11.08.2017
3. Will keiner hören
Nach meinen Erfahrungen ist es so, wie hier angedeutet. Die Unterschiede verschwimmen. Aber in unserer Zeit arbeiten die meisten Publikationen diesen nicht greifbaren Unterschied immer wieder heraus. - Und Zweifel sind [...]
Zitat von RosmarinusEs wäre doch mal interessant, Bilder von männlichen und weiblichen Photografen ohne Autorenanbegaben zu veröffentlichen und dann mal zu sehen, ob man da tatsächlich Unzerschiede sieht. Ich denke eher, die werden herbeiinterpretiert.
Nach meinen Erfahrungen ist es so, wie hier angedeutet. Die Unterschiede verschwimmen. Aber in unserer Zeit arbeiten die meisten Publikationen diesen nicht greifbaren Unterschied immer wieder heraus. - Und Zweifel sind unerwünscht. Sie sind so überflüssig wie Studien, die da etwas belegen könnten.
felisconcolor 11.08.2017
4. Ich
bin mir jetzt nicht sicher was ich von den Bildern halten soll. Ein Frauenkopf zwischen zwei Toastscheiben etc etc. . Seinen wir ehrlich hätte ein Mann diese ganzen Fotos gemacht würde er heute in der Luft zerrissen. Bei eine [...]
bin mir jetzt nicht sicher was ich von den Bildern halten soll. Ein Frauenkopf zwischen zwei Toastscheiben etc etc. . Seinen wir ehrlich hätte ein Mann diese ganzen Fotos gemacht würde er heute in der Luft zerrissen. Bei eine Frau wird es zur Befreiung aus der maskulinen Sichtweise. Was ist an weiblichen Brüsten anders wenn sie von einer Frau fotografiert wurden. Zumal sich an den Bildkompositionen sich nun wirklich gar nichts geändert hat. Ich bin ein Mann und möchte das verstehen.... Entschuldigung, ich Dummerchen, ich bin ja ein Mann und kann per se nicht verstehen. Erkennt jemand das Paradoxon?
karlheinzhepperle 11.08.2017
5. Durchweg schlecht!
Da ist wirklich kein einziges gutes Bild dabei, Glückwunsch zu der Leistung. Da kann „Frau“ auch einen noch so pseudo intellektuellen Text drunter schreiben, das macht eine schlechte Arbeit auch nicht besser. Die fotografierten [...]
Da ist wirklich kein einziges gutes Bild dabei, Glückwunsch zu der Leistung. Da kann „Frau“ auch einen noch so pseudo intellektuellen Text drunter schreiben, das macht eine schlechte Arbeit auch nicht besser. Die fotografierten Frauen können einem leidtun, bei solch depressiven Bildern ist es kein Wunder wenn im Text steht dass jede Frau ein Teil ihres Körpers hasst. Dabei hätte man sie durchaus besser und lebensfreundlicher darstellen können. Dabei sind Frauen Experten darin sich in sozialen Medien darzustellen und können sehr gute Bilder von sich machen.

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