Ming-Dynastie und Beton-Architektur

Das Millionen-Teile-Puzzle

In der Nähe von Shanghai hat ein schwerreicher Unternehmer 50 historische Villen versetzen lassen - und einen ganzen Wald. Straßen wurden dafür tiefergelegt, Brücken neu gebaut. Warum der Aufwand?

Sui Sicong/ Amanyangyun Resort Schanghai
Aus Shanghai berichtet
Mittwoch, 10.01.2018   10:47 Uhr

45 Minuten südwestlich von Shanghai, in Maquiao im Außenbezirk von Minhang, liegt der Gun San Garden. Achttausend Kampferbäume stehen hier wie in einer Märchenkulisse. Alle tragen eine nummerierte Plakette. Auf den langen Kanälen und Teichen der Anlage schwimmt eine Gruppe schwarzer Schwäne. In der Mitte des privaten Waldgrundstücks steht eine mehr als fünfhundert Jahre alte Villa aus der Ming-Dynastie. Doch was aussieht wie ein historisches Gelände, ist in Wirklichkeit erst 2005 angelegt worden.

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Heft 46/2017
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Die Villa stammt aus dem 700 Kilometer entfernten Fuzhou und wurde hier wiederaufgebaut, auf Wunsch von Ma Dadong, schwerreicher Unternehmer aus Shanghai. Als Ma vor 15 Jahren seine alte Heimatprovinz Jiangxi besuchte, hörte er, dass die Regierung einen Staudamm errichten wird. Das Ende des Dorfes Fuzhou schien besiegelt. Die vier- bis fünfhundert Jahre alten Häuser und der Wald, in dem Ma als Kind gespielt hatte, waren dem Untergang geweiht. "Ich war schockiert", sagt der 44-Jährige. "Und ich wollte etwas tun."

Ma beschloss, die Häuser und die Bäume umzusiedeln - 50 Gebäude und zehntausend Kampferbäume. Ma hatte ein Ziel, das 700 Kilometer entfernte Maquiao, aber keinen Plan: "Ich habe nur zwei Dinge gefühlt: Wenn ich es nicht versuche, würde ich es für den Rest meines Lebens bereuen. Und ich kann es mir leisten, zu scheitern."

2002 ließ er 50 Villen aus der Ming- und Qing-Dynastie in ihre Millionen Einzelteile zerlegen: Balken, Ziegel, Schindeln, Paneele, Reliefs, Säulen und Stuckelemente wurden durchnummeriert und katalogisiert, tonnenschwere Bäume ausgegraben, Wurzelwerk und Baumkronen gekappt.

Obwohl die Bäume auf ein Mindestmaß zurückgestutzt wurden, mussten für den Transport zehn Straßen tiefergelegt werden, um Brücken passieren zu können. Zehn Überführungen mussten neu gebaut werden, damit die Lkw überhaupt von Fuzhou auf die Hauptstraße Richtung Shanghai fahren konnten. Außerdem erschwerten Springfluten das ambitionierte Projekt.

Zehn Lkw gingen beim Transport kaputt, aber achttausend Bäume überlebten die Reise nach Minhang, wo Ma ein 40 Hektar großes Grundstück gekauft hatte - mit einem See wie aus seiner Kindheit. Hier wurden die Kampferbäume wieder eingepflanzt, in heimischer Erde und in der gleichen Himmelsrichtung wie an ihrem Ursprungsort. In der Nähe lagerten die Häuser.

Drei Jahre dauerten der Umzug und der Aufbau des ersten Gebäudes. 2005 wurde aus rund 100.000 Stücken das erste "Musterhaus" fertig, wie in einem riesigen Puzzle wurden die Bauteile an ihrem Ziel Stück für Stück wieder zusammengesetzt. Nach weiteren drei Jahren keimten die ersten frischen Triebe an den Bäumen.

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Amanyangyun Resort: Das Millionen-Teile-Puzzle

"Mein Plan war eigentlich, aus der ersten Villa eine Galerie, ein Museum oder ein Künstlerdorf zu machen", erinnert sich Ma. Die anderen 49 Gebäude blieben erst mal auf einem Fabrikgelände in der Nähe. Doch als Ma 2009 hörte, dass der australische Architekt Kerry Hill in Shanghai ein neues Hotelobjekt für die Aman-Gruppe plante, wusste er, wie die Zukunft des geretteten Dorfs aussehen könnte.

2011 verkaufte er seinen Dorf-Bausatz und den Wald an die Luxusresort-Gruppe. Dem Aman-Team beschrieb er seine Prioritäten so: "Erstens: Komfort, zweitens: Schönheit, drittens: Tradition." Ein Team von 200 Handwerkern, Ingenieuren, Botanikern und auf antike chinesische Architektur spezialisierte Experten baut seitdem die historischen Gebäude wieder auf.

13 der alten Villen mit ihren typischen Innenhöfen stehen mittlerweile wieder. In jeder sind vier Suiten untergebracht. Die Wände zieren Inschriften und Reliefs mit Jagdszenen. Das Mobiliar der Unterkünfte ist klassisch modern, viel Holz. Neben die Alt- haben die Architekten Neubauten gesetzt, minimalistische Beton-Zwillinge. Die schroffe Betonarchitektur nimmt den historischen Bauten nichts von ihrer Wirkung, bewahrt das Resort vor dem Kitsch eines Freilichtmuseums.

Stil - Hotels

"Ein antikes Haus passt nicht mehr gut zum modernen Lifestyle, ohne Fenster, Klimaanlagen oder beheizte Fußböden, das ist einfach nicht komfortabel", begründet Ma diesen Schritt. "Man muss das Alte und das Neue nicht nur verstehen, sondern es auch zu mischen wissen." Nach diesen Leitlinien wird das Resort immer weiter ausgebaut. Bald wird es aus 49 Villen bestehen, die Hälfte davon soll verkauft werden, inklusive Panic Room und unterirdischer Kunstgalerie. Der Kaufpreis wird voraussichtlich nicht unter 15 Millionen Dollar liegen.

Anfang Januar wurde das Amanyangyun - was so viel heißt wie "nährende Wolken" - offiziell eröffnet. In der Mitte der Anlage, vor der Lobbyhalle steht der "Emperor Tree", der älteste der Kampferbäume aus Fuzhou. Sein 80 Tonnen schwerer Stamm wird von einer roten Schleife geschmückt, die Baumkrone ragt 17 Meter hoch. Vor mehr als 1500 Jahren und in 700 Kilometern Entfernung gesprossen, wächst er hier seiner Zukunft entgegen - Ma Dadong sei Dank.


Amanyangyun, 6161 Yuanjiang Road, Minhang District, Shanghai, China 201111;
Tel. +86 21 8011 9999, Fax: +86 21 8011 9900; E-Mail amanyangyun.res@aman.com, www.aman.com/resorts/amanyangyun

insgesamt 11 Beiträge
schlob 10.01.2018
1. Was für eine großartige Architektur war das früher-
Fantastisch - und man muss es sagen: Was für eine großartige Architektur war das früher -und wie armselig sind die modernen Schuhkartons.- Wir haben kaum Ansätze einer guten Architektur-vor allem fehlt die Liebe zu Detail [...]
Fantastisch - und man muss es sagen: Was für eine großartige Architektur war das früher -und wie armselig sind die modernen Schuhkartons.- Wir haben kaum Ansätze einer guten Architektur-vor allem fehlt die Liebe zu Detail -nur kristalline Großplastiken -unwirtlich-menschenfeindlich.
chiemseecorsar 10.01.2018
2. Genial.
Visionär. Nachhaltig. Verantwortungsvoll. Ein außergewöhnlicher Erdenbürger. Chapeau! OneWorld.NoBorder.
Visionär. Nachhaltig. Verantwortungsvoll. Ein außergewöhnlicher Erdenbürger. Chapeau! OneWorld.NoBorder.
laberbacke08/15 10.01.2018
3.
Definitiv gelungen aber außerhalb meines Budgets. Aber das dürfte sich auch finanziell für den Herren gelohnt haben.
Definitiv gelungen aber außerhalb meines Budgets. Aber das dürfte sich auch finanziell für den Herren gelohnt haben.
touri 10.01.2018
4.
Irgendwie strahlt für mich dieses Gebäude wesentlich mehr Behaglichkeit aus, als die "Glaskästen" die vor kurzem hier präsentiert wurden. Gefällt mir!
Irgendwie strahlt für mich dieses Gebäude wesentlich mehr Behaglichkeit aus, als die "Glaskästen" die vor kurzem hier präsentiert wurden. Gefällt mir!
quercusuevus 10.01.2018
5.
Architektonisch sehr gelungen, aber nachhaltig ? 50 Hektar für maximal 76 Gäste in einem Land mit 1,3 Mrd Einwohnern ? "Visionär" erscheint mir eher die Anlage des Stausees zur nachhaltigen Energieversorgung ohne [...]
Zitat von chiemseecorsarVisionär. Nachhaltig. Verantwortungsvoll. Ein außergewöhnlicher Erdenbürger. Chapeau! OneWorld.NoBorder.
Architektonisch sehr gelungen, aber nachhaltig ? 50 Hektar für maximal 76 Gäste in einem Land mit 1,3 Mrd Einwohnern ? "Visionär" erscheint mir eher die Anlage des Stausees zur nachhaltigen Energieversorgung ohne Rücksicht auf ein Baudenkmal. In Deutschland bekommen wir nicht einmal die Einrichtung von dringend benötigten Starkstromtrassen hin, um die völlig verkorkste "Energiewende" wenigstens halbwegs sinnvoll umsetzen zu können.

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