Stil

Alpine Architektur

Neuer Bergbau

Hier ist der Blick aus dem Fenster besser als jeder Spielfilm: Häuser in den Alpen inszenieren die Natur drumherum. Das erfordert logistische Meisterleistungen und eine Gratwanderung zwischen Demut und Spektaktel.

Zaha Hadid Architects/ Courtesy WAF
Von
Sonntag, 04.12.2016   16:44 Uhr

Es ist natürlich von Grund auf eine Schnapsidee: Häuser in den Alpen zu bauen. Jeder, der mal ein paar Stunden auf einem Berg saß und still den Blick schweifen ließ, kennt das Gefühl: Geradezu lächerlich, wie wir Menschen versuchen, auch nur Stromleitungen zu spannen entlang dieser 20, 30 Millionen Jahre alten Faltengebirgsketten. Von Chalets und Seilbahnstationen ganz zu schweigen.

Eine vierteilige Dokumentation zeigt nun, wie zeitgenössische Architekten versuchen, diesen Grat entlangzuwandern: Egal ob in der Schweiz, in Südtirol, Bayern oder Österreich, diese "Neue alpine Architektur", so der Titel der Arte-Reihe, zollt im Idealfall der überbordenden Natur Tribut. Immer derart spektakulär in Fensterrahmen inszeniert, als hätte Caspar David Friedrich seine Finger im Spiel.

Nur eines bringt einen sofort ins Stutzen: Es ist schlicht nicht nachvollziehbar, wieso die Doku als vier halbstündige Einzelhappen im Wochenabstand programmiert wurde; denn gerade im direkten Vergleich, wenn man alles in einem Rutsch schaut, scheinen die regionalen Eigenheiten und Gemeinsamkeiten auf. Etwa, wie wichtig die Maxime ist, hoch droben möglichst wenig Boden zu versiegeln.

Es überwiegt, selbst bei imposanten Bauten, die Demut vor der Natur: So hat die zum Bergkristall umgebaute Monte-Rosa-Hütte auf 3000 Meter Höhe, die der Schweizer Alpenverein im Wallis in Auftrag gab, eine Energiebilanz, die jedes Öko-Baugruppenprojekt in Freiburg blass werden lässt. Architekt Andrea Deplazes schiebt nach, dass sein Vorbild die Urform mittelalterlicher Bergfriede war - unmissverständlich: Die landläufige extravagante Kristallassoziation gefällt ihm nicht.

"Ein ganz leises Summen erzeugen, das lange anhält"

Diese Haltung taucht wiederholt auf: "Etwas Lautes zu produzieren, um der Größe der Berge etwas entgegenzusetzen, wäre kindisch", findet etwa der Vorarlberger Architekt Carlo Baumschlager. Es gehe in dieser Landschaft darum, "ein ganz leises Summen erzeugen, das aber lange anhält", sagt der Designer Nils Holger Moormann, der im Chiemgau ein denkmalgeschütztes Haus so sacht umbaute, dass der Ursprung unübersehbar blieb.

Fotostrecke

Alpine Architektur: Hohe Kunst

Allein dieser Tonfall macht klar: Die Reihe besticht durch die Auswahl an Protagonisten, die die Filmemacher Birgit Eckelt und Frieder Käsmann für die vier Teile gewinnen konnten. Da sind die erwartbaren Größen wie Jacques Herzog, Matteo Thun oder Peter Zumthor, der genau erklärt, wie er der Valser Kommune mehr oder weniger seine berühmte Berg-im-Berg-Therme untergejubelt hat. Und daneben stehen ganz gleichberechtigt aufstrebende Architekten wie Peter Pichler, der Ferienhäuser in Bozen rundum verspiegelte, so dass sie in der Landschaft komplett verschwinden, oder Selina Walder, die in Graubünden ein Haus als zurückhaltenden Betonabguss einer alten Holzhütte entwarf.

Dass Eckelt und Käsmann immer wieder Dokumentationen über Architektur und Alpenländisches gedreht haben, merkt man: Die Reportagen sind dankenswerterweise so informativ wie nüchtern aufklärend. Da werden zwar selbstverständlich die Schönheit der Bauten und ihre hochdramatischen Fensterblicke panoramabreit abgefilmt, aber genauso kommentieren die beiden trocken, dass Zaha Hadids Alpenarchitektur zwar beeindruckt, aber eher mäßig nachhaltig ist, oder dass die bayerischen Ansätze im Vergleich zu Gebäuden in den anderen Regionen deutlich abfallen - da sei "noch Luft nach oben".

Die komplexe Logistik, Baustoffe zu transportieren

Der größte Gewinn dieser Reihe aber ist, dass die Filmemacher fast en passant herausarbeiten, inwiefern architektonische Konzepte in den Bergen anders funktionieren als in der Stadt oder im Tal - so dass man sich glatt wünscht, die Alpenarchitekten würden die anderen nachhaltig inspirieren. Etwa, weil die komplexe Logistik, Baustoffe zu transportieren, schon im Entwurf mitgedacht werden muss. Oder wie es der Südtiroler Architekt Matteo Thun bedächtig formuliert: Er könne in seinen Entwürfen immer nur versuchen, das komplexe Mikroklima eines Ortes zu verstehen - die Intelligenz der Bergbauern damals bleibe unerreichbar.

Schutz vor der Natur, das war der Anfang aller Architektur. Nirgends wird das so deutlich wie im Gebirge. Nur, dass beim Bauen dort nun mitgedacht werden muss, wie die Natur vor den Menschen geschützt werden kann. Das Dilemma zeigt diese Reihe: Die Touristen kommen längst auch wegen der Architektur.


"Neue alpine Architektur", Arte
Teil 1: ... in der Schweiz. am 4.12., 11:20 Uhr
Teil 2: ... in Südtirol; am 11.12., 11:20 Uhr
Teil 3: ... in Bayern: am 18.12. 11:45 Uhr
Teil 4: ... in Österreich, am 25.12., 11:40 Uhr

Lesetipp

insgesamt 14 Beiträge
waldschrat_72 04.12.2016
1. Demut vor der Natur ?
Die beweisen nur diejenigen, die in diesen letzten Stücken weitgehend unberührter alpiner Landschaft rein gar nichts reinbauen.
Die beweisen nur diejenigen, die in diesen letzten Stücken weitgehend unberührter alpiner Landschaft rein gar nichts reinbauen.
spon-facebook-10000523851 04.12.2016
2. Tut mir leid
Der "modernen alpinen Architektur" kann ich nichts abgewinnen. Der Charme, Romantik und die Besonderheit des Lebensraumes geht verloren. Wir werden uns wohl auf ueberdachte Wanderwege mit Rolltreppen und ganztaegiger [...]
Der "modernen alpinen Architektur" kann ich nichts abgewinnen. Der Charme, Romantik und die Besonderheit des Lebensraumes geht verloren. Wir werden uns wohl auf ueberdachte Wanderwege mit Rolltreppen und ganztaegiger Beschallung ( Werbung und Touristenfolklore ) vorbereiten muessen.
caronaborealis 04.12.2016
3. Genuss
Eine wunderschöne, unaufdringliche Dokumentation vom Bauen in den Bergen.
Eine wunderschöne, unaufdringliche Dokumentation vom Bauen in den Bergen.
giftzwerg 04.12.2016
4. Atemberaubend hässlich
Atemberaubend hässlich - moderne Architektur eben.
Atemberaubend hässlich - moderne Architektur eben.
sportacus 04.12.2016
5. futuristisch
Schön, dass Ihr mal über Architektur schreibt. Nur leider scheinen Journalisten - außer in der Fachpresse - für zeitgenössische Architektur nur ein einziges Attribut zu kennen: futuristisch. Das ist nicht nur sprachlich [...]
Schön, dass Ihr mal über Architektur schreibt. Nur leider scheinen Journalisten - außer in der Fachpresse - für zeitgenössische Architektur nur ein einziges Attribut zu kennen: futuristisch. Das ist nicht nur sprachlich dürftig, es zeigt auch, dass null Grundkenntnisse der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ( siehe: Futurismus ) vorhanden sind. Findet doch mal neue Adjektive.

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP