Stil

Stühle der Macht

Warum Chefsessel hohe Lehnen haben

Seit den Pharaonen gilt: Wer sitzt, hat Macht. Das zeigt eine Ausstellung im Vitra Design Museum. Im Interview erklärt Kuratorin Heng Zhi, welche sozialen Codes noch im Design stecken und wie Angela Merkel sitzt.

Charles Platiau/ Getty Images
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Donnerstag, 08.11.2018   14:41 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Frau Zhi, auf was für einem Stuhl sitzen Sie gerade?

Zhi: Auf einem Aluminium Chair von Charles und Ray Eames. Aber ehrlich gesagt ist es nicht meiner: Ich sitze für unser Interview im Büro unseres Direktors Mateo Kries, nicht in unserem Großraumbüro wie sonst.

SPIEGEL ONLINE: Sind seine Stühle anders?

Zhi: Bei der Neugestaltung des Büros konnten sich die MitarbeiterInnen ihren Lieblingsstuhl aussuchen. Der Stuhl, auf dem der Direktor meistens sitzt hat allerdings Lederkissen und eine höhere Rückenlehne.

SPIEGEL ONLINE: Und was bedeutet das?

Zhi: Stühle sind nicht nur funktionale Objekte, die unsere Körper aufnehmen. Sondern sie haben soziokulturelle Identitäten, es ist nicht egal, wie und wo man sitzt. Stühle senden immer eine Botschaft aus - höhere Lehnen etwa signalisieren mehr Macht. Der Papstthron, den wir haben, hat eine zwei Meter hohe Rückenlehne.

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Fotostrecke: Statussymbol Stuhl

SPIEGEL ONLINE: Sie haben eine ganze Museumssammlung voller Stühle. Bei welchem dachten Sie: Der zeigt Macht, lass uns eine Ausstellung dazu machen?

Zhi: Wir haben in der Sammlung vor allem wichtige Stühle der modernen Möbelgeschichte. Throne der Antike befinden sich zwar nicht in unserer Sammlung, sind aber besonders relevant für den Kontext der Ausstellung. In ihnen stecken all die alten Codes: Für lange Zeit war Sitzen den Herrschenden vorbehalten. Es ist Teil unserer kollektiven Erinnerung: Stühle bedeuten Privilegien. Wer sitzen darf, hat eine vorteilhaftere Position. Zudem kommt es auf das Wie an: Es ist nun einmal ein Unterschied, ob man auf einem Hocker sitzt oder halb zurückgelehnt und Raum einnehmend in einem Lounge Chair.

SPIEGEL ONLINE: Kleben deswegen so viele an ihren Stühlen, um mal eine typische Nachwahl-Metapher zu bemühen?

Zhi: Sitzen bedeutet immer auch Ruhestellung. Wir ordnen uns freiwillig ein, geben das Recht auf freie Bewegung ab - für das Streben nach Privilegien. Traditionelle Ohrensessel treiben diese Haltung noch weiter: entworfen, um die Sitzenden von den Umstehenden abzuschotten. Selbst moderne Designer reproduzieren diese alten Codes: Der Elda Chair von Joe Colombo oder der Egg Chair von Arne Jacobsen sind zwar innovative Designobjekte, aber beziehen sich letztlich auch nur auf die Form eines Ohrensessels.

SPIEGEL ONLINE: Dabei ist Sitzen nicht einmal ergonomisch.

Zhi: Stimmt, es entspricht nicht unserem Körperbau, aber wir sind eine sitzende Gesellschaft geworden.

SPIEGEL ONLINE: Diese erzwungene Unbeweglichkeit steckte auch in den Bundestagsstühlen von 1949 auf: schwarze Klappsitze mit fest montierten Klapppulten, wie in der Schule. Heute stehen im Parlament blaue Polstersessel, die sich drehen lassen. Was sagt uns das?

Zhi: Zunächst einmal war die Raumordnung hier wie dort demokratisch: rund angelegt, wie auch im UN-Sicherheitsrat. Heute greifen Politiker gerne auf leichte, flexible Möbel mit niedrigeren Rückenlehnen zurück, weil sie Werte wie Gleichberechtigung, Offenheit, Transparenz signalisieren wollen. Dass Angela Merkel Aluminium Chairs von Eames in ihrem Büro hat, passt dazu, mit Stoff bezogen, nicht mit Leder. Ihr eigener hat übrigens eine etwas höhere Lehne als die anderen. Sie hat auch Sessel aus der 620er-Serie von Dieter Rams im Bundeskanzleramt: Die haben schon über 40 Jahre deutsche Politik, also seit Bonner Zeiten, überdauert.

SPIEGEL ONLINE: Ein Zeichen für Beständigkeit?

Zhi: Und für Bescheidenheit, Funktionalität, Pragmatismus. Schauen Sie sich dagegen Emmanuel Macron an: Er inszeniert sich im Élysée-Palast auf einem goldenen Thron im Stil höfischer Kulturen. Der ehemalige libysche Staatschef Muammar al Gaddafi ließ sich dagegen auf einem Monobloc-Plastikstuhl ablichten.

SPIEGEL ONLINE: Von wegen höfisch: Die Fotos von Konferenzräumen großer Unternehmen, die Sie mit ausstellen, spiegeln auch nicht gerade Gleichberechtigung und Offenheit.

Zhi: Ja, im Unterschied zu Politikern muss die freie Wirtschaft ja nicht immer demokratische Werte vermitteln. Bei den Aufnahmen aus europäischen Konzernzentralen sind etwa die Stühle der Chefs oft hervorgehoben: alle sind rot, nur seiner gelb. Oder nehmen Sie das Bild des Konferenzraums vom FIFA-Exekutivkomitee: Er ist ganz dunkel, wirkt abschreckend, mystisch. Und alles andere als transparent.

Luca Zanier

Sitzungssaal des FIFA Exekutivkomitees

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen auch den schalenförmigen Sessel in der Ausstellung, auf dem Merkel, Christine Lagarde und Ivanka Trump beim Welt-Frauengipfel 2017 in Berlin saßen. Weshalb?

Zhi: Ich finde, es war ein symbolischer Moment.

SPIEGEL ONLINE: Ehrlich gesagt sah es sehr ungemütlich aus: Die Frauen sitzen zu tief, sie wissen nicht, wohin mit ihren Beinen, erst Recht mit Röcken.

Zhi: Aber der Stuhl wurde von einer Frau - von der holländischen Designerin Hella Jongerius - entworfen, auf dem bedeutende Frauen sitzen. Hier wurden Macht und Einfluss der Frauen sowohl in der Politik als auch im Design neu verhandelt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie dagegen einen basisnahen Stuhl empfehlen würden: Welcher wäre es?

Zhi: Einer der Gruppe Cucula: Weil man für diesen Sessel nur Hammer, Nägel und Holz braucht. Diese neue Fassung eines 45 Jahre alten Entwurfs vom italienischen Designer Enzo Mari ist eine Initiative für Geflüchtete, die diese Stühle selbst bauen und verkaufen können. Design muss nicht Luxus und Respekt transportieren. Es kann auch Mittel zur Selbstermächtigung sein.


Die Ausstellung:
"Stühle der Macht" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein bei Basel läuft noch bis 17. Februar 2019.

Im Video: Design macht glücklich - Campus der Stühle

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 4 Beiträge
dasfred 08.11.2018
1. Man empfiehlt keine Stühle
Ein richtiger Stuhl läd von sich aus zum Sitzen ein. Für mich gibt es wunderschöne Designer Stühle, die das Auge erfreuen und vor denen mich die Wirbelsäule warnt. Und es gibt Stühle, die sagen, setzt dich hin und genieße. [...]
Ein richtiger Stuhl läd von sich aus zum Sitzen ein. Für mich gibt es wunderschöne Designer Stühle, die das Auge erfreuen und vor denen mich die Wirbelsäule warnt. Und es gibt Stühle, die sagen, setzt dich hin und genieße. Auf dem perfekten Stuhl verbringe ich Stunden, ohne es zu merken. Auf dem falschen will ich nach einer Stunde nur noch stehen.
Papazaca 08.11.2018
2. Stühle, Sessel und Hocker
Also erstmal eine interessante Ausstellung. Dann wundert mich schon der fließende Umgang mit Begriffen: Sessel sind keine Stühle und umgekehrt. Der Lounge Chair zum Beispiel ist klar ein Sessel mit einem Ottomanen. Und dann [...]
Also erstmal eine interessante Ausstellung. Dann wundert mich schon der fließende Umgang mit Begriffen: Sessel sind keine Stühle und umgekehrt. Der Lounge Chair zum Beispiel ist klar ein Sessel mit einem Ottomanen. Und dann begreift man auch die eingeschränkte Sicht der Dinge: Im alten Ägypten aber auch bei vielen Stämmen in Afrika sitzen Könige, Häuptlinge und Chiefs auf Hockern, in Englisch "Stool". Das Land, das diese Chiefs verkaufen heißt oft Stool-Land . Aber ok, man kann von Vitra jetzt keine komplette Kulturgeschichte aller "Sitzgeschichten" erwarten. Übrigens, besonders schön sind die Stools der Ashanti. Mir persönlich gefallen Stühle von Eames am besten, gerade sitze ich auf einem Bikini Chair.
weed 09.11.2018
3. unglaublich innovativ ...
... dieser Waffenthron. Dass da nicht vorher schon mal jemand draufgekommen ist. Ein wirklich genialer Künstler!
... dieser Waffenthron. Dass da nicht vorher schon mal jemand draufgekommen ist. Ein wirklich genialer Künstler!
alpenradler 09.11.2018
4. Rom?
Interessant. Aber der Stuhl, auf dem die wirklich mächtigen Leute saßen, der fehlt. Und zwar die sella curulis der (höheren) römischen Magistrate und später der Kaiser. Die sella curulis hatte übrigens weder eine [...]
Interessant. Aber der Stuhl, auf dem die wirklich mächtigen Leute saßen, der fehlt. Und zwar die sella curulis der (höheren) römischen Magistrate und später der Kaiser. Die sella curulis hatte übrigens weder eine Rückenlehne noch Armstützen. Die Bürger in der Volksversammlung dagegen mussten stehen.

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