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Handgefertigte Produkte sind gefragt wie nie. Woher kommt die Sehnsucht nach Authentischem? Ermöglicht Tradition die Flucht aus dem Digital-Dschungel? Ein Essay über das Erfolgsgeheimnis deutscher Handwerkskunst.

Welter

Welter Wandunikate: Die Berliner Manufaktur stellt in Handarbeit Tapeten und Paneele aus unterschiedlichen Materialien her

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Donnerstag, 05.10.2017   13:15 Uhr

Die digitale Revolution hat das kreative Potenzial der menschlichen Hand auf einen Apps bedienenden Zeigefinger reduziert. Auch das Lenkrad im Auto - lange Zeit Symbol für Freiheit und das Recht auf spontane Entscheidungen - wird ihr demnächst entzogen. Und doch scheint der Mensch das Ende seines Vermögens zum gestaltenden Zugriff nicht widerstandslos hinzunehmen. Die Maker-Bewegung, FabLabs in allen größeren Städten, Do-it-yourself-Plattformen, Fashion Hacks und selbst die Flut der Ausmalbücher deuten auf eine neue Ära der Handarbeit hin.

Klar Seifen Heidelberg

Klar Seifen: Das Heidelberger Unternehmen besteht seit 1840. Neben traditionellen Seifenstücken werden dort auch andere Kosmetikprodukte hergestellt

Auch Manufakturen gewinnen an Selbstbewusstsein. Die 2010 gegründete Initiative Deutsche Manufakturen schätzt ihre Zahl hierzulande auf etwa 1000, wobei sich nur 300 Firmen selbst als solche bezeichnen. Auf den Tagen der Manufakturen in Berlin stellt sie gerade ein breites Spektrum hochwertiger Produkte vor: Deumer-Manschettenknöpfe aus Lüdenscheid, Klar-Seifen aus Heidelberg, Fapack-Feinkartonagen aus Berlin. Traditionelle Werkstätten wie Rotter Glas präsentieren sich neben global agierenden Marken wie Faber-Castell, junge Unternehmen wie die Welter Manufaktur für Wandunikate neben den aus der DDR-Verstaatlichung wiederauferstandenen Herrnhuter Sternen.

Wenn man einen gemeinsamen Nenner für deutsche Manufakturen sucht, so liegt er nicht in der künstlerischen Komponente der Handarbeit, sondern im technischen Knowhow, im methodischen Ansatz und einer reflektierten, sich in Reformen von Arbeitsgeräten und -prozessen abbildenden Erfahrung. Während sich Präzision im Detail hierzulande bevorzugt in leistungsstarken Motoren niederschlägt, brachte sie bei den calvinistischen Schweizern kleine Uhrenwunderwerke hervor, deren ganze Komplexität wohl nur der Herrgott selbst ermessen kann. Anders als im regional zersplitterten Deutschland war die Produktkultur in Frankreich und England jahrhundertelang vom Repräsentationsbedürfnis höfischer Gesellschaften inspiriert. Es ging um Renommee und exklusive Einzelstücke. Hermès bildet mit seinem luxuriösen Understatement eine Ausnahme. Der Gründer des Hauses hat seine Sattlerlehre allerdings auch in Krefeld absolviert.

Aus dem S-Magazin

Deutsches Handwerk neigt seit jeher zur seriellen Qualität, zum makellosen Modell, das gründlich analysiert und reproduziert wird. Es ist kein Zufall, dass der Bauhaus-Gedanke in Weimar zur Welt kam. Doch deutsche Manufakturen, die sich heute im rauen Globalisierungswind behaupten können, nehmen auch die Ästhetik ihrer Produkte sehr ernst. Denn erst wenn technische Perfektion Emotionen erzeugt, ergibt sich das typische Manufakturerzeugnis "Made in Germany".

Richard Beer

Faber Castell: Das fränkische Familienunternehmen ist der weltgrößte Produzent von Bunt- und Bleistiften. Unter dem Namen Graf von Faber-Castell werden Premiumschreibgeräte vermarktet

Der anhaltende Erfolg von Faber-Castell-Schreibgeräten profitiert nicht zuletzt vom Sehnsuchtsraum, der sich abseits der digitalen Kommunikation auftut. Das von Hand Notierte bleibt auf dem Papier, ist vor Fremdzugriffen sicher und kann effektiver als durch jede Cryptoware versiegelt werden. Doch um heute dieses Versprechen einer intakten analogen Welt zu repräsentieren, waren kluge Weichenstellungen nötig. Schon im frühen 19. Jahrhundert besaß Georg Leonhard Faber die Weitsicht, seine beiden Söhne zur Weiterbildung nach Paris und London zu schicken. Als Lothar, der älteste, später die Bleistiftfabrik in Stein übernahm, gründete er Niederlassungen im Ausland, verschaffte sich exklusive Nutzungsrechte, sorgte für ansprechende Farben und eine elegante Verpackung. Vincent van Gogh pries 1883 in einem Brief das "famose Schwarz" des Bleistifts und dessen an lithografische Kreide heranreichende Wirkung. Als Anton-Wolfgang von Faber-Castell die Firma 1978 übernahm, machte er sich daran, den Manufaktur-Mythos zu pflegen. Er entwickelte ein Premiumsegment und stattete es mit historischen Produktaspekten wie Wappenprägung und Silberkappe aus. Das Wirtschaftsblatt "Sunday Business" feierte ihn als den Mann, "der Bleistifte sexy machte". Unverwechselbar sind die Füllhaltereditionen "Pen of the Year" aus Materialien wie Mammutelfenbein, Rosshaar, Jade oder geräucherter Eiche. Taktilität spielt auch in der Rotter Glas-Manufaktur aus Lübeck, in der Kristallgläser produziert werden, eine zentrale Rolle. Im Halbdunkel des Ateliers schaffen Lampen helle Inseln, in denen die Glasveredler an ihren Schleifscheiben sitzen. Bei der Arbeit herrscht Stille und absolute Konzentration. Es braucht an die zehn Jahre, bis die Handwerker auch die anspruchsvollsten der rund 150 Schliffe routiniert bewältigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich Carl Rotter mit dem Kugelbecher einen Namen, einem farbig überzogenen Glas, in dem Rundschliffe die Transparenz freilegen. "Die Kugeln vermehren sich, zahllos. Sie gleichen Kirchenfenstern, jede ein Kaleidoskop", sagt Birgit Rotter, die das Unternehmen leitende Schwiegertochter des Gründers.

Bernd Perlbach/ Rotter Glas Manufaktur

Rotter Glas: Der Kugelbecher ist der Klassiker im Sortiment der Lübecker Manufaktur. Kunden können heute zwischen einer Vielzahl von Größen, Farben und Schliffen wählen

Manufakturen sind sehr empfindlich, weil sie von persönlichem Einsatz und individuellem Können abhängen. Vor allem Sonderanfertigungen verlangen Hingabe: "Wir haben für die Königin von Jordanien Gläser vergoldet", erzählt Rotter. "Unsere Leute konnten beim Schleifen nicht durchgucken, trotzdem haben sie es hingekriegt." Der Eigner der Superyacht "Red Dragon" orderte Gläser mit einem Drachenmotiv, ein VW-Fan wünschte sich die Bulli-Silhouette - und das Modehaus Dior feiert mit einem Maiglöckchen-Becher die Lieblingsblume seines Gründers. "Wir brauchen Mäzene, die das Handwerk schätzen", sagt Rotter.

Doch auch die Masse der Kunden legt zunehmend Wert auf individuelle, hochwertig produzierte Produkte. Und dabei geht es längst nicht nur um traditionelle Herstellungsmethoden. Der 2011 gegründete Meisterkreis beschreibt sich als "Exzellenzinitiative für Handwerkskunst und Hochtechnologie". Die Nostalgie im Hype um Manufakturen sieht Gründer Clemens Pflanz eher skeptisch: "Nur weil ich etwas mit der Hand mache, hat das noch nichts mit Qualität zu tun." Tatsächlich umgibt Manufakturen eine Romantik, die ihre Geschichte nur teilweise rechtfertigt. Vor allem in Frankreich und England besiegelte der Aufstieg solcher seriell fertigenden Produktionsbetriebe das Ende der Handwerkskunst und machte den Weg frei für die Fabrik. Und doch ist die Manufaktur in ganz Europa zu einem Hoffnungsbegriff geworden, der auf ein modernisiertes, global ausgerichtetes Qualitätshandwerk zielt.

Jens Ruppert/ Herrnhuter Sterne

Herrnhuter Sterne: Seit rund 200 Jahren werden in der Oberlausitz die berühmten Polyeder produziert - mittlerweile nicht mehr nur aus Papier, sondern auch aus Kunststoff.

Geht es dabei wirklich um eine Form des Eskapismus, oder haben wir uns in eine dem Menschen fremd werdende Zukunft verrannt und bedürfen dringend rückrudernder Kräfte? Die Verherrlichung der künstlichen Intelligenz verdrängt einen Wust von Problemen, die mit der Frage zu tun haben, ob Identität auf chemische Prozesse im Kopf reduzierbar ist. Die Produkte von Manufakturen stehen für das Gegenteil. Zum Beispiel der Herrnhuter Stern - bis heute ein Verkaufshit. Ein Offizier, der nach der Schlacht bei Waterloo 1815 in der evangelischen Knabenanstalt der Herrnhuter in Sachsen als Erzieher vorsprach, kam auf die Idee, seinen Schützlingen mathematische Zusammenhänge durch gefaltete Papierpolyeder zu verdeutlichen. So entstand ein vielzackiger Stern, den die in Kirchenhand befindliche Manufaktur heute in allen erdenklichen Varianten produziert. Als Produkt der meditativen Dimension deutschen Tüftelns wird er im amerikanischen Missionsort Bethlehem sogar rund ums Jahr verkauft. Für Pressesprecher Erdmann Carstens ist der Stern "das Rückgrat unserer kleinen Kirche", spirituell hingegen nicht mehr als "ein schönes Beiwerk". Die protestantische Askese ist der Silicon-Valley- Sehnsucht nach einer Überwindung der physischen Grenzen des Lebens gar nicht so fern.

Ulrich Welters Wandunikate sind eine Charmeoffensive gegen die digitale Verflachung. Mit Glaskügelchen, Silberkristallen, Porzellanmehl, Blattgold und Keramik kreiert seine Berliner Manufaktur Wandbekleidungen, die das von Bildschirmen konditionierte Auge lustvoll an seine abtastende Kompetenz erinnern: "Es geht darum, einen Raum und die Bewohner zusammenzuführen", sagt Welter. "Inszenierte Räume schaffen Heimat, weil wir ihnen Charakter geben." Als er vor 30 Jahren anfing, trugen Tapeten in Deutschland noch einen Spießerausweis: "Wenn man nicht weiß streicht, haben viele Angst, dass es zu unruhig wird. Sie merken aber nicht, dass genau das Gegenteil passiert, alles sieht total wichtig aus." Die Renaissance der Manufakturen erklärt sich Welter mit der Globalisierung des Konsumverhaltens: "Jeder Chinese, Inder, Amerikaner, Europäer will heute ein SUV, einen Fernseher, einen Kühlschrank und eine Videoanlage. Weil alles für die Masse da ist, entsteht eine Gegenbewegung - der Drang nach etwas Eigenem." Wettbewerber hat Welter nur in England und Frankreich, wo Tapeten ungebrochene Tradition sind. Doch dort ist man der Konvention auch stärker verhaftet: "Unsere Arbeiten sind durchaus modern. Sie sind vielleicht auch typisch deutsch und vom Bauhaus geprägt, weil wir nach vorne gucken." Welter hat Chanel- und Dior-Läden ausgestattet - und sogar die Bühne bei Oscar-Verleihungen.

Das Bauhaus folgte der Idee der mittelalterlichen Dombauhütte: Bei der Errichtung von Kathedralen wirkten alle Gewerke unter einem Dach zusammen. In der Social-Media- Welt des 21. Jahrhunderts wird zwar viel kommuniziert, doch ein gemeinsames Werk entsteht daraus nicht. Dennoch spürt man bei der Jugend ein Interesse an handwerklicher, kollektiver Produktion. Mit anderen zusammenzuarbeiten, selbstvergessen zu tüfteln, körperlich engagiert zu sein und dabei das von der Selfiekultur strapazierte Ich auszuschalten, ist für viele heute eine erholsame Erfahrung.

Das Bedürfnis nach Anfassbarem, Werthaltigem, Maßgefertigtem hat auch die Industrie erspürt. Die Gläserne Manufaktur von VW etwa sollte die Zuverlässigkeit und Fertigungskunst der Autoindustrie demonstrieren - Massenfertigung im Manufakturgewand. Leider ist dieser Versuch dem Marktehrgeiz geopfert worden.

insgesamt 3 Beiträge
BrunoGlas 12.10.2017
1. Neue Sensibilisierung für Materialien - Wiederentdeckung des Analognen
Wie das Thema auf Seiten der Glasmanufakturen aussieht, kann man hier erfahren: www.dominic-schuster.com und www.spiegelart.com/antikspiegel Letztlich geht es darum, gewöhnlichen Alltagsmaterialien durch optische Kniffe der [...]
Wie das Thema auf Seiten der Glasmanufakturen aussieht, kann man hier erfahren: www.dominic-schuster.com und www.spiegelart.com/antikspiegel Letztlich geht es darum, gewöhnlichen Alltagsmaterialien durch optische Kniffe der Molekularstruktur ihres Innenlebens zu entlocken und dies wiederum mit konventionellen wie auch mit futuristischen Gestaltungstechniken wie etwa Blattgold mit Holografie als optische Einheit zu verknüpfen. . Eigentlich ist es die Wiederentdeckung der analogen Welt, die so anders ist wie die heutige. Im Grunde ist es die Wiederentdeckung des sinnlichen Gefühls uralter Kindheitsspiele im nassen Matsch am Gleisdreieck, und das Basteln von Runkelrübenfratzen mit Kerzen drin, und das Sammeln von Blättern, bis hin zum Sammeln von Patronen nach dem zweiten Weltkrieg, oder auch die Bewunderung eines von der Sonne ausgeleuchteten Eislochs mit Steinen drin. Also alles Erlebnisse aus einer Zeit, bevor mit dem PC und später mit dem Handy die große Langweile aufkam. Dafür wird jetzt viel Geld gezahlt, die einen können es sich leisten, gehen zu Tapeten Welter, die anderen rennen in Massen zu Ikea.
hegri 12.10.2017
2. Digital und Handwerk
schließen sich nicht aus, sondern können sich ideal ergänzen. Selbst auf vielen Weihnachtsmärkten findet man bei Kerzenheimeligkeit und Glühweingerüchen Erzeugnisse, welche zuvor am Rechner entworfen und auch mit dessen [...]
schließen sich nicht aus, sondern können sich ideal ergänzen. Selbst auf vielen Weihnachtsmärkten findet man bei Kerzenheimeligkeit und Glühweingerüchen Erzeugnisse, welche zuvor am Rechner entworfen und auch mit dessen Hilfe erzeugt wurden. Kein Produkt wird allein durch handwerklicher Fertigung gut. Umgekehrt gilt's natürlich auch. Und das erlebt man häufig.
BrunoGlas 12.10.2017
3. das hat alles mit Weihnachtsmarkterzeugnissen nichts zu tun.
Hallo Hegri, wenn Sie auf die Homepage von Tapeten Welter gehen, oder sein Name bei Google eingeben, sich die Bilderleiste anschauen, werden Sie sehen, dass dieser Art Handwerk nichts mit Weihnachtsmarkt zu tun hat. [...]
Hallo Hegri, wenn Sie auf die Homepage von Tapeten Welter gehen, oder sein Name bei Google eingeben, sich die Bilderleiste anschauen, werden Sie sehen, dass dieser Art Handwerk nichts mit Weihnachtsmarkt zu tun hat. Mittlerweile entwickelt Welter sogar Verbundgläser als eine Art Glastapeten, aus vorgespanntem Glas. Was im Spiegelbericht nur am Rande formuliert ist, der Trend geht zum Analogen wieder hin, aber unter Umständen genauso kombiniert mit Digitalem, aber eben anders. Zum Beispiel kann man bei Glas die Silberschicht regelrecht antikisieren und zugleich digital belichten. In solche Oberflächen kann man, wenn man so will, nach der Lackiermethode von Antonio Stradivari Licht einlenken, sodass Kristalle und Mineralien räumlich sichtbar, auch vergrößert werden. Oder man kann in solchen Lack- und Farbsystemen wiederum Kohlestaub mit Gold zusammen mischen und vieles mehr. Letztlich mischt sich ausgeklügeltes Handwerk oder koordiniertes Handling mit oft aus der Natur abgeschauter Alltagsphysik und ein syn-ästhetisches Bewusstsein zu einem ganzen Kompendium an Techniken, ähnlich wie bei hochwertigen Uhren. Oder andersrum, die einen gehen auf Weihnachtsmärkte und finden alles toll, die anderen lächeln über solchen Schnickschnack, nennen es Kirmesschmuck.

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