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Nachhaltigkeit

Die neue Kaufkraft

Soziale und ökologische Verantwortung ist nicht mehr nur eine Phrase. Weil jede Form von Mitwirkung unser Leben verbessert, engagieren sich immer mehr Menschen. Oder ändern zumindest ihren Konsum.

AFP

Der Niederländer Boyan Slat, 24, begann im September vor San Francisco mit seinem "Ocean Cleanup"

Montag, 07.01.2019   08:55 Uhr

"Ja, wir könnten jetzt was gegen den Klimawandel tun", schrieb kürzlich der Kabarettist Marc-Uwe Kling auf Facebook. "Aber wenn wir in 50 Jahren feststellen, dass sich alle Wissenschaftler vertan haben und es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir ohne Grund dafür gesorgt, dass man in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und deren Ölvorkommen. Da würden wir uns schon ärgern."

Offenbar sind viele Jüngere bereit, dieses Risiko einzugehen: In seiner Studie von 2017 attestiert das Nachhaltigkeitsportal Utopia den sogenannten Millennials "ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein" beim Konsum. Sie betrachteten ihr Einkaufsverhalten mehrheitlich als politischen Vorgang, mit dem sie etwas verändern wollen. Ein gutes Leben, das anderen keinen Schaden zufügt, ist ihnen wichtiger als allen anderen Altersgruppen.

Die eigenen Gewohnheiten ein bisschen zu verändern und die Komfortzone dann und wann zu verlassen, um den eigenen Alltag nachhaltiger zu gestalten, bringt nicht nur ein besseres Gewissen mit sich, sondern macht gemeinsam mit anderen auch Spaß. Ins Bild passt, dass sich rund 31 Millionen Deutsche ehrenamtlich engagieren, ein Zehntel mehr als zu Beginn des Jahrhunderts. Der Sponti-Slogan "Machen ist wie wollen, nur krasser" trifft offenbar ein gesellschaftliches Bedürfnis.

Die ökonomischen, ökologischen und sozialen Probleme, die unser stetig zunehmender Konsum weltweit verursacht, sind gewaltig. Und sie erfordern radikale Schritte. Die britische Ökonomin Kate Raworth, Autorin des Buches "Die Donut-Ökonomie: Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört", ist davon überzeugt, dass nur mit einer komplett neuen Denkweise die ökonomischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewerkstelligt werden können.

"Jute statt Plastik" bringt wenig

Sie schreibt: "Unsere heutigen Volkswirtschaften benötigen Wachstum, unabhängig davon, ob es den Menschen nutzt. Wir brauchen aber eine Wirtschaft, die den Menschen nutzt, unabhängig davon, ob sie wächst oder nicht." Es gilt, Nachfrage basierend auf grundlegend veränderten Werten zu schaffen.

Nun ist es naiv zu glauben, man könne zum Beispiel wieder so regional und saisonal konsumieren, wie das in den Fünfzigerjahren noch üblich war. Auch "Jute statt Plastik" bringt bei der Wahl der Einkaufstasche nicht viel, wenn jeden Tag in Deutschland allein 50 Millionen Einwegplastikflaschen in Umlauf kommen, die Waren in den Supermarktregalen doppelt in Folie verschweißt sind und der Onlinehandel die Müllmassen durch Verpackungsmaterial explodieren lässt.

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Die Furcht vor der drohenden Zerstörung unseres Ökosystems hat viele gute Ideen hervorgebracht - und manche werden dank engagierter Menschen sogar umgesetzt. Mit seinem Non-Profit-Projekt "The Ocean Cleanup " etwa will der Niederländer Boyan Slat die Meere von umhertreibendem Plastikdreck befreien. Durch die Reinigungsaktion wird die gefährliche Verschmutzung zwar nur zu einem kleinen Teil verringert. Der weit größte Anteil von Mikroplastik in unseren Ozeanen, Seen und Flüssen stammt von Reifenabrieb, Kosmetika, Waschmitteln und Synthetikfasern. Trotzdem nützt das Vorhaben der Umwelt.

"Machen ist wie wollen, nur krasser!"

Man muss nicht gleich zum Müllfischer werden, um etwas zu verändern. Bereits durch verändertes Kaufverhalten kann der Konsument enorme Macht entfalten. Was passiert, wenn Kunden sich von einer Marke abwenden, haben schon viele Firmen zu spüren bekommen: der Ölriese Shell nach dem Ölplattform-Desaster im Golf von Mexiko etwa oder Nokia nach Schließung eines Werks in Bochum. Oder die Modemarke Abercrombie & Fitch, nachdem Berichte über Rassismus, unzumutbare Arbeitsbedingungen und eine diskriminierende Aussage des damaligen Chefs Mike Jeffries laut geworden waren. Umsatz und Aktienkurs brachen ein. Läden mussten schließen. Sogar auf die prominenten Schriftzüge - für viele Kunden zuvor mit das wichtigste Kaufargument - wurde verzichtet, um den Absatz wieder in Schwung zu bringen. Die Marke versprach Besserung, der umstrittene Chef trat zurück.

Selbst Luxusmarken wie Gucci, Versace oder Burberry haben sich dem Kundenwillen gebeugt und verzichten in ihren Kollektionen neuerdings auf Pelz. Auch die Luxus-Handelsplattform Farfetch ist seit Mai pelzfrei. Kurzfristig verzichten die Firmen auf Millionenumsätze, um langfristig für junge, bewusster konsumierende Kunden attraktiv zu bleiben. Was Aktivisten wie die der Tierschutzorganisation PETA mit ihren öffentlichkeitswirksamen Aktionen begonnen haben, führen nun die Käufer im Stillen weiter.

Also machen Sie. Hinterfragen Sie und handeln Sie entsprechend. Jeden Tag aufs Neue. Es lohnt sich.

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