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Spenden

Das Herz des Kapitalismus

Immer mehr Firmengründer geben das Versprechen ab, vom späteren Verkauf ihres Unternehmens einen Teil abzugeben. Oder sie zweigen gleich etwas vom Gewinn für gute Zwecke ab.

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Goldenes Herz

Von
Mittwoch, 09.01.2019   14:46 Uhr

"Wohltätig sein" - pfui Teufel! Vor einem Jahr noch schickten diese Worte Matt Hunter Ekelschauer über den Rücken. "Charity war für mich ein schmutziges Wort", sagt der Firmengründer aus dem kanadischen Ontario: "Ich stellte mir seelenlose Institutionen vor, die wahllos Geld verteilen und bestenfalls ahnen, welchen Nutzen sie damit stiften. Die Antithese zu meiner Start-up-Welt." Dann kam der Exit. Und eine lebensbedrohliche Krankheit.

2017 verkaufte Hunter sein Internetmarketing-Unternehmen Turnstyle Analytics für 20 Millionen Dollar an das Empfehlungsportal Yelp, ging auf Reisen - und erkrankte am Guillain-Barré-Syndrom, einer potenziell tödlichen Entzündung des Nervensystems. "Ich dachte mir, es wäre eine Schande, jetzt zu sterben, wo ich der Welt noch so viel zu geben habe - nicht nur idealistisch, sondern auch in Dollar", sagt der 31-Jährige. Als er schließlich wieder gesund war, beschloss er, Menschen zu unterstützen, die weniger privilegiert sind als er selbst.

Hunter ist ein typischer Vertreter der neuen Art von Spendern: Einer, der sehr jung zu sehr viel Geld kommt, weil er für sein Unternehmen ackert und rackert - und dann plötzlich merkt: Das kann nicht alles sein; da draußen ist so viel im Argen, wovor ich nicht einfach die Augen verschließen kann. Und der sich dann entschließt, etwas von seinem Wohlstand abzugeben.

Liest man ihre Geschichten, ähneln sich die Anlässe, aus denen diese neuen Mäzene umdenken: Manchmal ist es, wie bei Matt, eine Krankheit oder ein Unfall, bei anderen weckt eine lange Reise das Bewusstsein, wieder andere stürzen nach dem Verkauf ihrer Firma in ein Sinnvakuum - alles Erlebnisse, die selbst Höhenflügler auf den Boden der Tatsachen bringen. Und sie dem Beispiel von Bill Gates und Warren Buffett folgen lassen.

Die beiden Multimilliardäre riefen im Juni 2010 The Giving Pledge ins Leben, eine philanthropische Kampagne, die schwerreiche Menschen dazu ermutigt, einen Teil ihres Vermögens mit weniger Privilegierten zu teilen - beziehungsweise: zu geloben, das zu einem künftigen Zeitpunkt zu tun. "Pledge" bedeutet Versprechen, Pfand - der gute Vorsatz muss also nicht unmittelbar eingelöst werden. Innerhalb kurzer Zeit gelobten 40 Milliardäre, mindestens die Hälfte ihres Reichtums für wohltätige Zwecke zu spenden, bis zum Jahresende 2010 folgten 17 weitere, darunter Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Wie das Geld am besten loswerden?

Auch Matt Hunter, obschon kein Milliardär, wollte gerne geben. Doch er hatte zunächst keine Ahnung, wie er sein Geld am besten loswerden sollte. "Gutes tun ist unglaublich kompliziert", sagt er. "Vor allem, wenn du ein Start-up-Typ bist, der jahrelang darauf konditioniert wurde, um Himmels Willen kein Geld zu verschwenden. Einfach so zu spenden - das fühlte sich an, als würde ich meinen Unternehmergeist verraten."

Zufällig hörte er in einem Podcast vom Founders Pledge, einem in Großbritannien gegründeten Programm, bei dem sich Unternehmer und Investoren verpflichten, mindestens zwei Prozent ihrer Einnahmen für eine wohltätige Sache zu spenden, sobald sie ihr Unternehmen verkaufen. Der Clou: Die Organisation unterbreitet maßgeschneiderte Vorschläge, wohin das Geld fließen könnte, damit es größtmöglichen Nutzen stiftet. Zu den mehr als 1400 Mitgliedern zählen unter anderem Niklas Adalberth, Gründer des Bezahldienstes Klarna, und Chris Morton, Chef der Online-Modeplattform Lyst.

"Studien zufolge bringen 75 bis 90 Prozent aller wohltätigen Programme wenig oder ziehen sogar negative Effekte nach sich", sagt Matt Hunter. "Founders Plegde gibt mir die Möglichkeit, mit demselben strategischen Fokus zu spenden, als würde ich in ein Business investieren." Das Pledge-Team nimmt die Zahlen von Hilfseinrichtungen, Stiftungen und anderen Organisationen streng unter die Lupe: von den Verwaltungskosten bis hin zum "humanitarian impact per dollar". So wird zum Beispiel bei einem Entwurmungsprojekt nicht nur der direkte gesundheitliche Nutzen der von den Parasiten befreiten Kinder errechnet, sondern auch die positive Folgewirkung für die Behandelten.

Wohltätigkeit durch die Unternehmerbrille

Vielen mag es befremdlich erscheinen, Institutionen, die Geld verteilen, nach ähnlichen Standards zu bewerten wie Unternehmen, die Geld verdienen. Nicht so Entrepreneuren wie Hunter. Er ließ sich vom Rechercheteam von Founders Pledge eine Auswahl interessanter Projekte präsentieren. Ein bisschen kann man sich diesen Vorgang wie eine Käseverkostung vorstellen: Erst werden in einem Gespräch Vorlieben und Geschmacksneigungen erkundet, dann sachkundig mundgerechte Häppchen angereicht. Es wird gekostet und verglichen, was einem persönlich am besten schmeckt - nur, dass dabei statt Fettgehalt und Reifedauer knallharte Performance-Daten aufgerufen werden.

Matt Hunter hatte zwei Anliegen: Er wollte eine innovative Form der Armutsbekämpfung unterstützen und, wegen seiner eigenen Geschichte, eine Gesundheitsinitiative. Founders Pledge schlug ihm zum einen die Organisation Development Media International (DMI) vor, die Eltern in armen Ländern via TV und Internet über Kinderkrankheiten und Gesundheitsvorsorge informiert. Hunter spricht über DMI wie über einen Business-Case: "Sie haben einen hervorragenden Sechsjahres-Track-Record. " Die Organisation lege viel Wert auf Transparenz und lasse ihre Arbeit von externen Gutachtern prüfen. "Ich hatte sofort absolutes Vertrauen, dass sie einen echten Impact haben können."

Außerdem investierte er in Give Directly, ein Programm, das einkommensschwachen Haushalten in Ostafrika einmalig ein durchschnittliches Jahresgehalt überweist - meist sind das alleinerziehende Mütter. Weitere Bedingungen: keine. "Klingt nach einer verrückten Idee", sagt Hunter. Die Zahlen belegten jedoch eindeutig, dass die überwältigende Mehrheit der Empfängerinnen ihr Geld klug investiert habe, in kleine Unternehmen etwa oder in Weiterbildung. Die Zusammenarbeit mit Founders Pledge beeindruckte Hunter so sehr, dass er gleich den CEO-Posten für die US-Dependance übernahm.

Berliner Pledge-Initiative

Einer Berliner Pledge-Initiative gehen die zwei Prozent, die beim Founders-Programm vom eigenen Geldsegen abgezwackt werden, nicht weit genug. Der Entrepreneur's Pledge, gegründet vor drei Jahren, ist eine Initiative von Waldemar Zeiler und Philip Siefer, die mit ihrem eigenen Start-up Einhorn fair produzierte Kondome verkaufen. Wer bei ihrer Initiative unterschreibt, verpflichtet sich nicht zu einer einmaligen Spende, sondern stellt sein unternehmerisches Geschick in den Dienst der guten Sache: "Unsere Pledger versprechen, mindestens ein Business zu gründen, das einen positiven Effekt auf die Umwelt oder die Gesellschaft hat", sagt Waldemar Zeiler. Sobald die Firma profitabel ist, soll die Hälfte des Gewinns dazu dienen, die Wertschöpfungskette des ursprünglichen Unternehmens fairer und nachhaltiger zu gestalten. "Unfuck the economy" nennt Zeiler diesen Ansatz.

Nicht, dass Missverständnisse aufkommen: "Wir sind eine Vereinigung von knallharten Kapitalisten", so der 36-Jährige. Die aber ihr unternehmerisches Können in den Dienst einer guten Sache stellten. "Viele Unternehmer meinen, sie müssten erst reich werden, bevor sie es sich leisten können, gut zu sein. Wir wollen den Beweis antreten, dass das auch gleichzeitig funktioniert."

106 Unterschriften haben Zeiler und Siefer bereits gesammelt: Cereal-Entrepreneur Hubertus Bessau (Mymuesli) macht ebenso mit wie Lea-Sophie Cramer vom Online-Sexshop Amorelie, Coffee-Circle-Gründer Martin Elwert oder Heiko Hubertz vom Computerspiele-Entwickler Bigpoint. Rechtlich bindend sei die Unterschrift nicht, sagt Zeiler, aber moralisch verpflichtend: "Wer unterschreibt, muss sich vor seinen Enkeln verantworten, die beim Googeln Oma oder Opa auf unserer Seite finden werden und dann fragen, warum nichts daraus geworden ist."

Vom großen Vorbild The Giving Pledge grenzt sich Zeiler bewusst ab: "Wir unterscheiden nicht zwischen philanthropischen und profitgerichteten Investments." Wer mit seinem Profit Gutes tue, werde vom Markt belohnt. "Genügend Kunden verfügen über einen funktionierenden Bullshit-Filter und belohnen Firmen, die ein nachhaltiges Produkt anbieten. Die Erfahrung hat er auch selbst gemacht. "Ich habe vorher schon sieben Start-ups gegründet, die alle gescheitert sind", sagt Zeiler. "Immer ging es nur um Kohle, um Exit. Es war egal, was du damit anrichtest." Das faire Kondomgeschäft laufe hingegen prima.

Weil Zeilers soziales Unternehmertum so gut gedeiht, will er im nächsten Frühjahr gleich das nächste Produkt fairer machen: Dann bringen er und Siefer unter dem Namen "Periode" sozial und ökologisch nachhaltige Damenhygieneartikel auf den Markt. Der Exit ist nicht mehr das Ziel. Zeilers Credo lautet jetzt: "Wenn man ehrlich und authentisch ist, hat man nur Vorteile."

insgesamt 12 Beiträge
berlin-steffen 09.01.2019
1. Da bin ich aber gespannt,
was das ganze anrichten wird. Ich kann mir nicht vorstellen, das profitgerichtetes Investments nachhaltig und gut für die Gesellschaft sein kann. Und den übergroßen Philanthropen wie Bill Gates, Zuckerberg oder den Warren [...]
was das ganze anrichten wird. Ich kann mir nicht vorstellen, das profitgerichtetes Investments nachhaltig und gut für die Gesellschaft sein kann. Und den übergroßen Philanthropen wie Bill Gates, Zuckerberg oder den Warren Buffets kann ich nichts abgewinnen. Die haben alle ihre steuergünstigen Stiftungen, womit sie Geld sparen, unser Geld. Und worin investieren diese Stiftungen? Die von Gates nur in amerikanischen Firmen (zum Beispiel auch Monsanto oder Pharmafirmen), die mit ihrem Geschäftsgebaren (knallhartes Business) uns das Geld aus den Taschen ziehen. Hey Leute, das ist unser Geld, das sie so großzügig ausgeben (wollen). Wir sind so arm, weil die so reich sind.
quark2@mailinator.com 09.01.2019
2.
s mag meine Einbildung sein, aber ich habe den Eindruck, daß jeder Euro, der von privat gespendet wird, automatisch dazu führt, daß der Staat diesen Euro nicht mehr selbst zu geben braucht, woraufhin er also darauf verzichten [...]
s mag meine Einbildung sein, aber ich habe den Eindruck, daß jeder Euro, der von privat gespendet wird, automatisch dazu führt, daß der Staat diesen Euro nicht mehr selbst zu geben braucht, woraufhin er also darauf verzichten kann, ihn in seinen sozialen Haushalt einzuplanen. D.h. am Ende gewinnen die Bedürftigen durch die Spende gar nicht wirklich etwas, denn der Staat wird den Ist-Zustand betrachten und nur wenn nötig mehr geben, d.h. mehr Steuern einziehen, oder weniger U-Boote kaufen. Das Dumme daran ist, daß nun die Begüterten bestimmen, wer etwas bekommt. Das wäre aber Aufgabe des Staates. Er soll gefälligst von vornherein soviel Steuern und Abgaben erheben, daß er alles Nötige bezahlen kann. Spenden sollten also gar nicht nötig sein. Es ist aus meiner Sicht mitunter geradezu "pervers", wenn riesige Unternehmen sich erst das Steuerzahlen "sparen" und dann öffentlichkeitswirksam paar Brosamen vom Tisch fallen lassen.
ossimann 09.01.2019
3. Besser eine Welt ....
..... wo es erst gar keine Spenden bedarf . Bleibt die heikle Frage ob die Spende nicht als besondere Ausgabe steuerlich geltend gemacht wird . Dann hat der Spender sein "Heiligenschein" als Samariter und der [...]
..... wo es erst gar keine Spenden bedarf . Bleibt die heikle Frage ob die Spende nicht als besondere Ausgabe steuerlich geltend gemacht wird . Dann hat der Spender sein "Heiligenschein" als Samariter und der Steuerzahler zahlt indirekt die gute Tat
Newspeak 09.01.2019
4. ....
Ein paar ketzerische Thesen (keine Angst, es sind keine 95): 1) Praktisch niemand wird im Kapitalismus durch eigene Hände Arbeit superreich. Es ist Erbschaft, Lottogewinn, Ausbeutung von Mitarbeitern, Umwelt, oder Kunden, [...]
Ein paar ketzerische Thesen (keine Angst, es sind keine 95): 1) Praktisch niemand wird im Kapitalismus durch eigene Hände Arbeit superreich. Es ist Erbschaft, Lottogewinn, Ausbeutung von Mitarbeitern, Umwelt, oder Kunden, organisierte Kriminalität von Mafia, über Waffen, bis Steuerbetrug (wenn man schon was hat), oder selten die gute Idee (immerhin), die andere superreiche Investoren anzieht. 2) Schweigend seine Steuern zu bezahlen, den vollen Satz, im Land der Geburt oder dort, wo man den Gewinn macht, wäre Mäzenatentum genug. 3) Mäzenatentum ist Machtgeilheit, Eitelkeit, und der Glaube, nur man selbst allein könne wissen, was gut für die Welt ist, also Narzissmus in Reinform. 4) Je weniger Mäzene es gibt, desto gerechter die Gesellschaft. 5) Zur Beurteilung gehört die Summe unterm Strich. Wieviel Böses wurde getan, um das Geld zu erhalten, das man dann spenden will, um Gutes zu tun? 6) Mäzenatentum ist Ablasshandel für das eigene Gewissen, denn man weiss, dass niemand soviel Geld verdient.
blurps11 10.01.2019
5.
Sieht man wunderbar an der Gates-Stiftung, die u.a. die World Health Organization praktisch übernommen hat oder im amerikanischen Bildungssystem fleißig herumexperimentiert. Natürlich mit minimaler bis gar keiner [...]
Zitat von NewspeakEin paar ketzerische Thesen (keine Angst, es sind keine 95): 1) Praktisch niemand wird im Kapitalismus durch eigene Hände Arbeit superreich. Es ist Erbschaft, Lottogewinn, Ausbeutung von Mitarbeitern, Umwelt, oder Kunden, organisierte Kriminalität von Mafia, über Waffen, bis Steuerbetrug (wenn man schon was hat), oder selten die gute Idee (immerhin), die andere superreiche Investoren anzieht. 2) Schweigend seine Steuern zu bezahlen, den vollen Satz, im Land der Geburt oder dort, wo man den Gewinn macht, wäre Mäzenatentum genug. 3) Mäzenatentum ist Machtgeilheit, Eitelkeit, und der Glaube, nur man selbst allein könne wissen, was gut für die Welt ist, also Narzissmus in Reinform. 4) Je weniger Mäzene es gibt, desto gerechter die Gesellschaft. 5) Zur Beurteilung gehört die Summe unterm Strich. Wieviel Böses wurde getan, um das Geld zu erhalten, das man dann spenden will, um Gutes zu tun? 6) Mäzenatentum ist Ablasshandel für das eigene Gewissen, denn man weiss, dass niemand soviel Geld verdient.
Sieht man wunderbar an der Gates-Stiftung, die u.a. die World Health Organization praktisch übernommen hat oder im amerikanischen Bildungssystem fleißig herumexperimentiert. Natürlich mit minimaler bis gar keiner öffentlichen Kontrolle und ohne jemals Verantwortung für mögliche negative Folgen übernehmen zu müssen.

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