Stil

Tiny Houses

Platz ist für die kleinste Hütte

Aus Not baute sich ein junges Architektenehepaar aus Rumänien ein Mini-Haus. Inzwischen beliefern sie Kunden aus ganz Europa. Auch in Berlin steht eines ihrer Raumwunder mit Schlafzimmer, Küche, Bad und Kamin.

Biro Zoltan
Von , Szeklerburg
Dienstag, 23.10.2018   18:00 Uhr

Überfüllte Großstädte, Wohnungsknappheit, explodierende Mieten und Fantasiepreise für Immobilien - Botond Szakács lebt zwar in einer abgelegenen Karpatenregion im rumänischen Südostsiebenbürgen, doch er hat natürlich von den Wohnungsproblemen in Deutschland gehört. "Viele unserer Kunden erwähnen das Thema", sagt er. "Es ist sicher einer der Gründe, warum sie überhaupt auf uns zukommen."

Botond Szakács und seine Frau Emöke sind Gründer und Eigentümer der Firma EcoTinyHouse in der Kleinstadt Szeklerburg. Die Firma verkauft sogenannte Tiny Houses, Kleinsthäuser auf Anhängern mit einer Grundfläche von rund 20 Quadratmetern. Mit ihren maximal dreieinhalb Tonnen Gewicht sind sie straßentauglich und eignen sich sowohl für mobiles und autarkes Wohnen als auch für eine feste Aufstellung mit Anschluss an das öffentliche Strom-, Wasser- und Kanalisationsnetz.

EcoTinyHouse gibt es gerade einmal seit anderthalb Jahren. Doch in dieser Zeit hat die Firma bereits 25 Häuser verkauft, die meisten nach Westeuropa, mehrere auch nach Deutschland. Beim Besuch in Szeklerburg steht gerade ein Haus auf dem Werksgelände, das für den Transport in Richtung Berlin fertig gemacht wird. Von außen sieht es tatsächlich winzig aus, doch innen wirkt es alles andere als eng. Es gibt selbstverständlich eine Küchenzeile mit Herd, Spüle und Kühlschrank, ein separates Bad mit Toilette und sogar einen kleinen Kamin. Der Wohnraum mit seiner gemütlichen Sitzecke lässt sich mittels Knopfdruck, der eine Holzfläche herabsenkt, in wenigen Sekunden in ein Schlafzimmer verwandeln. So hatte es sich die Kundin gewünscht.

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Tiny Houses aus Rumänien: Klein, wohnlich, ökologisch

EcoTinyHouse ist dank der Wohnungs- und Immobilienkrise in vielen europäischen Ländern binnen kurzer Zeit zu einer erfolgreichen Firma geworden. Dabei begann alles mit einer bösen Überraschung. Botond Szakács und seine Frau, beide 33 und gelernte Architekten, kauften vor einigen Jahren ein Grundstück am Rande ihrer Heimatstadt. Sie wollten dort ein kleines Haus bauen, um hin und wieder aus ihrer Stadtwohnung in einem Plattenbau herauszukommen. Die Wochenenden und freien Tage mit den Kindern im Grünen verbringen, das war der Plan der Eheleute. Dann stellte sich heraus, dass sie auf dem Grundstück gar nicht bauen durften - es gehörte zum unbebaubaren Außenbereich der Stadt. Das hatten Botond und Emöke Szakács beim Kauf übersehen.

Statt das Grundstück wieder zu verkaufen, nutzten die beiden Eheleute eine legale Möglichkeit, doch noch ein Wochenendhaus auf ihr Grundstück zu stellen: Sie entwarfen ein Tiny House. Über diese neue Wohnform in mobilen Kleinsthäusern hatten sie im Internet gelesen.

Ein fertiges Tiny House für mehrere Zehntausend Euro zu kaufen, dafür fehlte ihnen das Geld. Also begannen sie Anfang 2016 selbst zu planen und zu bauen, gemeinsam mit befreundeten Handwerkern. Nach acht Monaten war ihr Kleinsthaus fertig: ein schlichter Bau aus Holz, 20 Quadratmeter Grundfläche, innen Sitz- und Arbeitsecke, Küchenzeile mit Herd, Spüle und Kühlschrank, abgetrennt Toilette und Dusche inklusive Waschmaschine, außerdem, über eine schmale Treppe zu erreichen, die Schlaffläche. Ein Haus, so geschickt geplant, dass die beiden Eheleute mit ihren zwei kleinen Kindern darin bequem wohnen konnten.

Planung und Bau hatte ihnen so viel Spaß gemacht, dass sie daraus kurzerhand eine Geschäftsidee entwickelten - und im Frühjahr 2017 die Firma EcoTinyHouse gründeten. Ihre Arbeit als selbstständige Innenarchitekten und Innenausstatter gaben sie auf.

"Alle unsere Häuser sind individuell"

Inzwischen beschäftigen sie zwölf Festangestellte. Hinzu kommen externe Fachleute, unter anderem Spezialisten für Solaranlagen. Vier bis sechs Wochen dauert der Bau eines Kleinsthauses, der Preis liegt, je nach Größe und Ausstattung, zwischen 25.000 und 35.000 Euro, die Anlieferung zum Käufer organisiert die Firma. EcoTinyHouse bietet vier unterschiedlich große Grundmodelle an. Die Innenaufteilung und -ausstattung kann jedoch jeder Kunde selbst bestimmen. "Alle unsere Häuser sind individuell", sagt Botond Szakács. "Dadurch ist die Produktion zwar komplizierter, denn wir können das meiste nicht vorfertigen. Anderseits macht es auch den Reiz unserer Arbeit aus und es bindet die Kunden enger an uns, wenn sie selbst gestalten können." Seinen Kunden empfiehlt er deshalb auch einen persönlichen Besuch bei der Firma.

Foto: SPIEGEL TV

Und was ist ökologisch an EcoTinyHouse? Botond Szakács lächelt. "Eco ist natürlich ein schöner Marketingbegriff", sagt er. "Aber wir verwenden beim Hausbau tatsächlich weitestgehend umweltfreundliche und regionale Produkte." Das Holz für Häuser stamme ausschließlich aus nachweisbar legaler, teils FSC-zertifizierter Forstwirtschaft, betont Szakács mit Blick auf das gravierende Problem des illegalen Holzeinschlages in Rumänien. Auch verwende man beispielsweise Hanf als Isoliermaterial in Wänden oder umweltfreundliche Anstriche wie Leinöl, so Szakács. Und für die umweltfreundliche Entsorgung von Abwasser bei autarkem Wohnen biete man eine Bio-Kläranlage an.

Antje Helms hat an EcoTinyHouse vor allem das Ökologische überzeugt. Die Umweltreferentin, die bei Greenpeace in Wien arbeitet, war seit Längerem auf der Suche nach einem Kleinsthaus. Es sollte auf einem Grundstück nahe Berlin stehen, wo ein Teil ihrer Familie lebt, es jedoch bei Besuchen von Angehörigen keine längerfristigen Unterbringungsmöglichkeiten gibt. Antje Helms wurde durch eine rumänische Bekannte auf EcoTinyHouse aufmerksam - und war sofort begeistert. Sie kaufte das Haus, das beim Firmenbesuch gerade für den Transport nach Berlin fertig gemacht wurde. "Mir war sehr wichtig, dass das Holz aus zertifizierten Quellen stammt", sagt Helms, "aber auch die Kommunikation der Firma lief wunderbar."

Vor Kurzem traf das Haus an seinem Bestimmungsort ein - ein Dorf nahe Berlin. "Es war schon aufregend, als wir den Schlüssel umgedreht haben und hineingegangen sind", sagt Antje Helms. Auch ihre Mutter und ihre Tochter seien begeistert gewesen. "Ich habe mich schon immer für alternative Wohnkonzepte interessiert, bei denen es darum geht, wie man Wohneigentum flexibel und gemeinschaftlich nutzen kann", sagt die Umweltreferentin. "Kleinsthäuser können in der aktuellen Wohnungskrise sicher nicht die einzige Lösung sein, aber zumindest ein Teil davon."

insgesamt 53 Beiträge
winterwoods 23.10.2018
1. Und wieder das übliche Motto
"Bediene die Mittagspausenträume der Leser - aber verschweige einfach mal die rechtlichen Probleme, die es zum Thema Tiny Houses in Deutschland gibt" - Trotz Wohnungsnot-Desaster! Ich mache den Journalisten keinen [...]
"Bediene die Mittagspausenträume der Leser - aber verschweige einfach mal die rechtlichen Probleme, die es zum Thema Tiny Houses in Deutschland gibt" - Trotz Wohnungsnot-Desaster! Ich mache den Journalisten keinen Vorwurf! Sie bedienen nur die Leser, das, was die Leser wollen. Sie wollen hier keine Realität. Sie wollen einfach nur kurz mal träumen dürfen. Wer sich nämlich TATSÄCHLICH mal ernsthafter mit diesem Thema beschäftigt, bekommt schnell heraus, dass der Staat das Aufstellen und Bewohnen von Tiny Houses, Container, Wohnwägen etc. an solch haarsträubende Bedingungen knüpft bzw. meisten untersagt, so dass das ganze Thema hierzulande leider noch obsolet ist. Indem die Medien (und Träumer!) diese rechtlichen Probleme aber hartnäckig ausblenden, wird es leider versäumt, endlich ausreichend Druck auf die Politik bzw. die Lobby der Bauwirtschaft auszuüben, so dass sich hier einmal etwas ändert! Also: Wie immer das Übliche.
dasfred 23.10.2018
2. Ändert das Bundeskleingartengesetz
Diese Häuser sind perfekt, um dauerhaftes Wohnen im Kleingarten zu ermöglichen. Ich bin sicher, die Nachfrage wäre riesig. Noch weit in die siebziger Jahre bestand eine Ausnahmeregelung, nach der die sogenannten Behelfsheime, [...]
Diese Häuser sind perfekt, um dauerhaftes Wohnen im Kleingarten zu ermöglichen. Ich bin sicher, die Nachfrage wäre riesig. Noch weit in die siebziger Jahre bestand eine Ausnahmeregelung, nach der die sogenannten Behelfsheime, die nach dem Krieg in Kleingärten errichtet wurden, stellenweise für die Dauernutzung ausgenommen wurden, solange der Erstbesitzer nicht auszog. Die meisten haben nie ihr Gartenhaus gegen eine Etagenwohnung getauscht. Von daher bieten diese tiny Houses eine perfekte Ergänzung auf dem Wohnungsmarkt.
kaltmamsell 23.10.2018
3. Tiny Houses werden eine Zukunft haben, ABER
diese wird auf Pachtgrundstücken und privatisierten Infrastruktur-Einrichtungen stattfinden, die in einem hohen Maß zu Buche schlagen werden. Investoren wollen Rendite sehen. Klartext: Das muss man sich leisten können. Ich sage [...]
diese wird auf Pachtgrundstücken und privatisierten Infrastruktur-Einrichtungen stattfinden, die in einem hohen Maß zu Buche schlagen werden. Investoren wollen Rendite sehen. Klartext: Das muss man sich leisten können. Ich sage da jetzt nichts dagegen, dennoch: Da kommen Kosten und sie werden mit der Inflation voranschreiten. Wenn sich die Dinge positiv entwickeln, wird man allerdings die Möglichkeit haben, super tolle Grundstückseinheiten beispielsweise mit Seeanstoß bewohnen zu dürfen. Wer sich damit zugleich aus unserer Erwerbstretmühle ausklinken will, muss sich halt schon etwas mehr in die karge Fläche vorwagen - und braucht dann schon mal ein Auto, bevor er sich im Alter dann doch in Kleinstadtnähe noch mal neu etabliert.
altai 23.10.2018
4. Nutzungseffizienz
Auf der Grundfläche eines Tiny-House 20 qm können maximal ein Pärchen wohnen. Und die müssen sich schon sehr verstehen. Grundfläche für 1 Tiny- House 20 qm=2 Personen Grundfläche für 4 Tiny-House 80 qm=8 Personen [...]
Auf der Grundfläche eines Tiny-House 20 qm können maximal ein Pärchen wohnen. Und die müssen sich schon sehr verstehen. Grundfläche für 1 Tiny- House 20 qm=2 Personen Grundfläche für 4 Tiny-House 80 qm=8 Personen Grundfläche für 1 "normales" Haus mit 5 Etagen gebaut auf einer Grundfläche für 4 Tiny-Houses=20 Personen Da wird seit Jahren von irgendwelchen Träumern (scharf auf öffentliche Fördergelder) eine Sau durchs Dorf gejagt und keiner springt auf.
Stäffelesrutscher 23.10.2018
5.
Diese Gebilde haben offensichtlich ein Fahrgestell und können von Autos an den Haken genommen werden. Es sind also Mobilheime mit Straßenzulassung. Alles Weitere auf dem Caravan-Salon.
Diese Gebilde haben offensichtlich ein Fahrgestell und können von Autos an den Haken genommen werden. Es sind also Mobilheime mit Straßenzulassung. Alles Weitere auf dem Caravan-Salon.
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