Stil

Neues Design-Museum

Das Superwohnzimmer

Sie sind Stars in ihrem Metier: das Architekten-Duo Herzog und de Meuron. In Weil am Rhein haben sie ein Designmuseum gebaut, das von drinnen genau so aufregend ist wie von draußen.

Vitra Design Museum/ Mark Nieder
Von
Montag, 06.06.2016   06:35 Uhr

Auf die Frage, wie er das neueste Bauwerk seines Unternehmens beschreiben würde, lacht Jacques Herzog kurz auf. Dann sagt der Architekt: "Von Weitem sieht es aus wie ein gewöhnliches Backsteinhaus. Ein Haus mit Satteldach und Türe - that's it. Wenn man näher kommt, wird man feststellen, dass es doch nicht so ganz gewöhnlich ist. Es besitzt beinahe etwas Textiles. Wie Strickwerk. Es spricht die Sinne an." Später verwendet er den Begriff der "autorenlosen Architektur".

Autorenlose Architektur? Von Herzog & de Meuron, einem der führenden Architekturbüros der Welt?

Das ist gepflegtes Understatement. Ein paar Augenzwinkereien in der Ausführung mussten dann doch sein. Zum Beispiel die Ziegel, die gewissermaßen falsch herum gesetzt wurden, die Bruchkante nach außen. Unterm Dachfirst laufen sie in Zickzacklinie, ein bisschen wie bei einem Haus aus dem Baukasten.

Einen starken Ort bilden. Aber keine Faxen machen. Das sind die Anforderungen, die moderne Architektur erfüllen muss.

Auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein ist diese Regel von doppelter Bedeutung, immerhin haben für das Schweizer Möbelunternehmen in den letzten 25 Jahren Größen wie Zaha Hadid, Tadao Ando, Frank Gehry und Antonio Citterio gebaut. Da muss man als Architekt liefern.

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Möbel: Zehn Designklassiker - schön und bezahlbar

Herzog & de Meuron haben geliefert. Ihr Schaudepot ist ein starker Ort. Wenn die Sonne scheint und man an einem der Cafétische auf dem ebenfalls geziegelten Vorplatz sitzt, ertrinkt man fast in diesem Ziegelrot. Ein schöner Gegensatz, weil im Hauptraum eine beinahe sakrale Ruhe herrscht. Weiße Wände. Hellgrauer Boden. Dazu Leuchtstoffröhren. Hier sprechen die Ausstellungsstücke.

Das älteste ist ein Windsor-Stuhl und stammt aus dem England des 18. Jahrhunderts. Das jüngste Modell ist gerade einmal ein Jahr alt und ein Aluminium-Möbel aus dem 3D-Drucker. Läuft man die Strecke zwischen diesen beiden Stücken ab, passiert man über 400 Objekte.

Einige davon kennt man, etwa den 1956 entworfenen, ikonischen Lounge Chair von Charles und Ray Eames, die Stahlrohrmöbel von Mies van der Rohe, Alvar Aaltos Schichtholzsessel für das Paimio Sanatorium in Finnland oder das Regal "Carlton" von Ettore Sottsass.

Zwischen all diesen Modellen, die längst zum Common Sense kontemporärer Gestaltung gehören, haben aber auch viele nicht so bekannte Möbelstücke Platz gefunden.

Keine Angst vor Reizüberflutung

Was interessant ist: Die Ausstellung hat keine Angst vor Reizüberflutung, sondern funktioniert gerade durch ebendiese: Wer den Blick durch den Raum wandern lässt, wird ständig neue Sichtachsen finden und ganz eigene Bezüge herstellen.

Es ist gewissermaßen das Gegenteil eines kuratierten Sehens und zeigt zweierlei: Zunächst einmal die Pluralität ästhetischer Vorstellungen. Was ist schön, was nicht? Muss ein Stuhl auf seine Essenz reduziert sein, seine Aufgabe? Darf Gestaltung Selbstzweck sein?

Ebenso wichtig sind technische und handwerkliche Aspekte. Wie gingen Designer mit neuen Materialien um? Wer führte Stahlrohr, Schichtholz, Fiberglas, Kunststoffe in das Werkstoffsortiment ein? Was blieb, was verschwand wieder?

Fragen, die in den vergangenen Jahren kaum ausführlich beantwortet wurden. Design als Disziplin der Kunstgeschichte ist gerade in Deutschland mit seiner Ingenieurstradition, in der Gebrauchsgegenstände vor allem funktionieren müssen, relativ neu. Das Vitra Design Museum leistet hier seit über 25 Jahren Arbeit: In Frank Gehrys Museumsbau wurden seit seiner Eröffnung 1989 über 50 Ausstellungen gezeigt.

Das Themenspektrum reichte dabei vom Bauhaus über Architektur und Popart bis zu Design in Afrika. Was fehlte, waren Räume für die eigentliche Sammlung, die Rolf Fehlbaum, der ehemalige Vorsitzende von Vitra, in den Sechzigerjahren initiiert hatte und schließlich an das Designmuseum übergab: Über 4000 Stücke umfasst sie heute. Während also hoch gelobte Wechselausstellungen mehr und mehr Besucher nach Weil am Rhein lockten, blieb eine der Herzkammern des gesamten Campus in Kellergeschossen verborgen.

"Wir konnten unser Museum mit den Wechselausstellungen in recht kurzer Zeit etablieren. Jetzt ist es Zeit, unsere Sammlung zu zeigen", sagt Mateo Kries, einer der beiden Museumsdirektoren. Auf eines legt er dabei Wert: "Wir nennen es bewusst nicht Dauerausstellung. Es ist ein Schaudepot in dem Sinne, dass ein Depot immer auch lebt. Es hat eine Fluktuation."

Nachlass von Charles und Ray Eames

Vor allem aber besitzt das Schaudepot zahlreiche offene Enden, an denen man als Besucher selbst ansetzen kann. So ist das tatsächliche Depot im Untergeschoss zumindest visuell erreichbar. Man kann durch große Fensterscheiben in den Nachlass von Charles und Ray Eames blicken, in die umfangreiche Lampensammlung oder die Abteilung für skandinavische Möbel.

Dazu kommt die Möglichkeit, den Restauratoren bei der Arbeit zuzusehen und eine große Materialsammlung: Verschiedene Kunststoffe, Leder, Fiberglas, nachhaltige Rohstoffe - all das lässt sich in Schubladen betrachten und zum Teil sogar haptisch wahrnehmen.

Durch das neue Schaudepot bekommt der Vitra Campus einen zweiten Eingang. Er wird noch stärker zum öffentlichen Ort, rückt näher an Weil am Rhein, aber auch an Basel heran. Und er soll weiter wachsen. Jacques Herzog wagt einen Blick in die Zukunft: "Vielleicht kommen mal ein kleines Hotel oder Ateliers für Architekturstudenten oder Designer dazu."

Kries schwebt eine Summer School vor. Junge Menschen auf dem Rasen zwischen den Gebäuden, diskutierende Kleingruppen von Studenten, Vorträge und Workshops, all das kann man sich gut vorstellen, schließlich ist es im Begriff des "Campus" enthalten. Als Motto würde ein Zitat von Charles Eames passen, dessen Arbeiten im Schaudepot eine so zentrale Position einnehmen: "Nehmt das ernst, was euch Freude bereitet."


Vitra Design Museum - Schaudepot. Eröffnung am 4. Juni, Öffnungszeiten täglich 10-18 Uhr. Website des Museums.

insgesamt 6 Beiträge
Banause_1971 06.06.2016
1. Design und Funktionalität
stehen sich leider oft im Weg. Allein bei den gezeigten Stühlen muss man sich fragen, welchen Zweck sie erfüllen sollen und an welche Käufergruppe sie sich richten. Die Rückenlehne viel zu kurz deutet darauf hin, dass es [...]
stehen sich leider oft im Weg. Allein bei den gezeigten Stühlen muss man sich fragen, welchen Zweck sie erfüllen sollen und an welche Käufergruppe sie sich richten. Die Rückenlehne viel zu kurz deutet darauf hin, dass es Restaurantstühle sein sollen, die den Besucher nach dem Verzehr mit Rückehschmerzen beim Anlehnen dezent auffordern, den Platz für den nächsten Gast zu räumen. Aus zu tiefen Stühlen haben besonders ältere Menschen Probleme, wieder aufzustehen. Und Holzstühle die aussehen, als hätte man eine alte Europalette verarbeitet. Aber über Geschmack läßt sich bekanntlich streiten. Und Designerstücke dienen ja oft eher der Sammlerleidenschaft, als einer Funktion.
FatCap 06.06.2016
2. Designklassiker
@Banause_1971 Da ich nicht genau weiß, welche gezeigten Stühle sie genau meinen, gehe ich mal davon aus, dass die Stühle auf dem ersten Foto der Fotostrecke gemeint sind. Man muss beachten, dass die hier gezeigten Stühle [...]
@Banause_1971 Da ich nicht genau weiß, welche gezeigten Stühle sie genau meinen, gehe ich mal davon aus, dass die Stühle auf dem ersten Foto der Fotostrecke gemeint sind. Man muss beachten, dass die hier gezeigten Stühle vorwiegend Anfang bis Mitte des letzten Jahrhunderts entwickelt wurden. Viele Stühle, wie zum Beispiel der Eames-Plastic chair, sind infolge des Auftauchens neuer Materialien und Herstellungsverfahren entstanden. Desweiteren kann ich als Industriedesigner sagen, dass diese Stühle garantiert nicht dazu entwickelt wurden, um Menschen möglichst schnell wieder aus ihrem Restaurantstuhl zu vergraulen. Ebenso sind ältere Menschen nicht die Hauptzielgruppe für hochwertige Lounge-Möbel. Und den Titel "Designerstück" verdienen sich diese Stühle durch ihre Geschichte und ihren Erfolg, welcher nicht dadurch kommt, dass sie unfunktional sind. Im übrigen gut zu wissen, dass viele heutige Designklassiker als günstige Möbel entwickelt wurden: "Vor 66 Jahren entwarfen Charles und Ray Eames den "Plastic Chair" für die Ausstellung "Low Cost Furniture Design" im Museum of Modern Art in New York." Heutiger Preis: 215-480€
hgri 07.06.2016
3. Design
ist ein derart abgelutschter Begriff. Nicht, dass er grundsätzlich falsch wäre. Aber wir haben heutzutage zuviel "Design", welches in den meisten Fällen mit einem sorgfältigen Formgebungsprozess nichts zu tun hat. [...]
ist ein derart abgelutschter Begriff. Nicht, dass er grundsätzlich falsch wäre. Aber wir haben heutzutage zuviel "Design", welches in den meisten Fällen mit einem sorgfältigen Formgebungsprozess nichts zu tun hat. Aber genau darum geht es. Und die genannten Gestalter sind überwiegend empirisch vorgegangen. Computer standen beispielsweise dem Ehepaar Eames nicht z. Verfügung. Constantin Grcic hatte und hat ebendiese Möglichkeit für seine Form-/Gestaltfindungsprozesse. Diese Bandbreite und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten werde ich mit im Vitra-Museum sicherlich in Kürze einmal anschauen. Und nie würde ich Kopien der Exponate erwerben und in unsere Wohnung stellen um damit "Design"-Verständnis zu suggerieren.
hgri 10.06.2016
4. Im übrigen
vermisse ich in der Stil-Rubrik grundsätzlich Beiträge dieser Art. Die Ernährungs- und Modeblogs überwiegen leider Gottes und sind darüber hinaus eher öd. Möge die SPON-Redaktion die interessanten Themen lieber hier [...]
vermisse ich in der Stil-Rubrik grundsätzlich Beiträge dieser Art. Die Ernährungs- und Modeblogs überwiegen leider Gottes und sind darüber hinaus eher öd. Möge die SPON-Redaktion die interessanten Themen lieber hier platzieren und den flachen Livestile-Müll bei BENTO abladen.
hegri 19.07.2017
5. Im Juni letzten Jahres
habe ich an dieser Stelle meine Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass ein Besuch des Museums in nicht allzu ferner Zukunft passieren möge. Vorgestern ist es nun tatsächlich wahr geworden. Der "Möbelspeicher" ist in der [...]
habe ich an dieser Stelle meine Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass ein Besuch des Museums in nicht allzu ferner Zukunft passieren möge. Vorgestern ist es nun tatsächlich wahr geworden. Der "Möbelspeicher" ist in der Tat eine Sensation! Es ist wie im Artikel beschrieben: Die Anhäufung der Stücke bzw. deren unprätentiöse Darbietung in Hochregalen ermöglicht die direkten Querbezüge von Wright zu Sottsass. Mehr noch: Es wird durch diese nüchterne Darstellung jede Ehrfurcht vor den Objekten vermieden, die den Blick auf das Strukturelle, Technische verstellen würde. Die Betrachtung der Nicht-Design-Möbel der Alchimia-Protagonisten macht total Spaß. Ich bin begeistert und beeindruckt. Eine tolle Ausstellung in einem bei aller Schlichtheit extravaganten Gebäude!

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