Der Herzensöffner

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Berührungen

Als Frau M. ihr den Bauch streichelt, kuschelt sich die kleine Robbe in ihren Schoß. Sie streckt die flauschigen Flossen aus, reckt das Köpfchen empor und schmiegt es in die Streichbewegungen von Frau M. hinein. Als die alte Frau ihre Schnurrhaare berührt, beginnt die Robbe fröhlich zu quieken.

"Du bisch en Schlaumeier", sagt Frau M. und hebt mahnend den Zeigefinger. "Ja, ja. En Schlaumeier, du." Ein Lächeln erscheint auf dem Gesicht der fast 80-jährigen Dame. Eben, als ihre kalten Hände das weiße Robbenfell berührten, hat sie sich an etwas erinnert.

Das Wesen auf Frau M.s Schoß ist keine echte Robbe. Es hat einen 32-Bit-Prozessor, Mikrofone, taktile Sensoren, spezielle Motoren, um Kopf und Flossen lautlos zu bewegen. Es sucht aktiv Blickkontakt, wird zutraulicher, wenn es Zuwendung bekommt, zieht sich zurück, wenn es schlecht behandelt wird. Und es hat einen Namen: Paro.

Im Zentrum der Schweiz, am Fuße der Alpen, in der Demenzstation der Altenresidenz Am Schärme in der Stadt Sarnen, können sich die Bewohner diesen Namen zwar meist nicht merken, sie fühlen sich aber dennoch stark mit Paro verbunden. Das ist auch so gewollt.

Paros Entwickler Takanori Shibata hat den Roboter so konstruiert, dass er den Fürsorgeinstinkt von Patienten anspricht und dadurch angenehme Gefühle und Gedanken aktiviert.

In Shibatas Heimat Japan wird Paro schon in sehr vielen Altersheimen eingesetzt. In Deutschland experimentieren erste Einrichtungen mit dem Rob(b)oter - allen voran Pflegestationen für Demente.

Viele Experten glauben, dass Paro nur die Vorhut ist - schon allein wegen der wachsenden Personalnot in der Pflege. "Es wird in Zukunft immer höher entwickelte Roboter geben, die in Altenheimen ganz unterschiedliche Aufgaben übernehmen", sagt der Wirtschaftsinformatiker Oliver Bendel von der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Was für die einen ein Ausweg aus der Demografiefalle ist, ist für die anderen eine Horrorvision. Wie gut aber funktionieren Roboter in der Pflege wirklich? Was kann ein Gerät wie Paro leisten und was nicht? Und was denken die Patienten über das seltsame Wesen?


Erinnerungen

"Dä zapplet aber räichlich", sagt Andrea Gassmann, eine Pflegerin, die neben Frau M. in einem Sessel sitzt. "Ich glaub, der will wieder uffa Buch ligge." Frau M. dreht Paro auf den Bauch und fährt mit einer kleinen Bürste über das Rückenfell der Robbe.

"Mir händ immer so Perserchatze gha", erzählt sie Frau Gassmann. "Aber nächt mit einem solch schönen, weißen Fell. Eher so gräulich." Dafür hätten ihr Mann und sie die Katzen überall mit hingenommen, auch in ihr kleines Ferienhaus am Alpenrhein.

Frau M. erinnert sich an die breiten Flusstäler, die grünen Hügel, die schneebedeckten Berge. Sie erinnert sich, wie ihre Katzen im Ferienhaus auf den Tisch sprangen und versuchten, das Essen zu stibitzen. Wie sie dort strickte, webte, nähte, häkelte.

Die kleine Robbe bettet ihr Köpfchen auf Frau M.s Oberschenkel und schließt die großen Kulleraugen. Fast wirkt es, als würde sie der Stimme der alten Frau genüsslich lauschen.

Das demente Hirn, erläutert Frau Gassmann später, sei wie ein Bücherregal, aus dem nach und nach alle Bände herausfallen. Erinnerungen an Namen und Gesichter, an das Berufsleben, an ganze Lebensabschnitte. Zuletzt erlöschen auch die Erinnerungen an die eigene Kindheit. Eine der wichtigsten Aufgaben eines Pflegers ist es, den Prozess des Vergessens zu verlangsamen.

Andrea Gassmann ist eine schlanke, fast schmächtige Frau. Sie hat kurzes graues Haar, sie trägt eine runde Brille und große silberne Ohrringe, und sie hält sich immer sehr gerade. Seit 18 Jahren arbeitet sie nun schon mit Dementen, seit einem Jahr setzt sie dabei regelmäßig Paro ein. Die Residenz hat den Pflegeroboter seinerzeit für umgerechnet rund 5000 Euro gekauft. Gut angelegtes Geld, sagt Frau Gassmann. Paro sei wie ein Herzensöffner.

Eine Lebensweisheit von Frau Gassmanns Zunft lautet, dass Gefühle nicht dement werden. Dass die emotionale Bindung zu einem Menschen oft weiter besteht, wenn man sich kognitiv nicht mehr an ihn erinnert.

Bei der Robbe Paro ist das ähnlich. Durch ihr sanftes Verhalten erzeugt sie ein Gefühl der Vertrautheit, das Bestand hat, wenn die Dementen die Robbe schon wieder vergessen haben. Diese Vertrautheit verschafft Pflegern einen völlig neuen Zugang zu dementen Menschen.

Paro kann sie mitunter erreichen, wenn sie sich verschließen, wenn sie die Orientierung verlieren, in die Verlorenheit abdriften - oder wenn sie einfach gerade nichts mit sich anzufangen wissen.


Täuschungen

Es ist früher Nachmittag. Frau M. und einige andere Bewohner der Demenzstation Am Schärme sitzen schweigend um einen großen Tisch herum. Ab und zu klimpert ein Teelöffel in einem Erdbeerschälchen oder in einer Kaffeetasse. Einige Patienten schauen verlegen zu Boden.

Als Andrea Gassmann die Robbe Paro auf den Tisch legt, verändert sich die Stimmung im Raum schlagartig. Eine ältere Frau im grünen Pullover beginnt, Paro zu streicheln. Ihre Sitznachbarin streckt die Hände nach dem Plüschtier aus. Ein Mann mit Halbglatze lacht laut auf. Eine weitere Bewohnerin fragt, was die Robbe eigentlich esse. Fisch?

Frau Gassmann zeigt auf Paros Ladegerät, einen Plastikschnuller, den man dem Plüschtier in den Mund stecken und per Kabel an eine Streckdose anschließen kann. Sie betont, dass Paro kein echtes Tier ist. Doch manche Heimbewohner scheinen das gleich wieder zu vergessen.

Ein älterer Mann mit eckiger Brille wirkt entsetzt, als Frau Gassmann ihm die Robbe vorsetzt. Er sitzt reglos auf seinem Stuhl, mit weit aufgerissenen Augen und einem eingefrorenen Lächeln. Als Frau Gassmann seine Hand zu Paros Fell führt, zuckt er zurück.

Eine andere Patientin, erzählt Frau Gassmann, könne Paros Quieken nicht ertragen. Sie denke, sie mache etwas falsch, weil das Tier nicht aufhöre zu schreien. Sie plage ein schlechtes Gewissen, weil sie denke, sie könne der Robbe nicht geben, was sie brauche.

Die Residenz Am Schärme versucht, ihren Bewohnern solche Erfahrungen zu ersparen. Wer sich mit der Robbe unwohl fühlt, bekommt sie nicht wieder auf den Schoß gelegt. Dass Schein und Wirklichkeit verschwimmen, findet man in der Einrichtung weniger problematisch. "Wenn ein Patient nicht nachfragt", sagt Roman Wüst, der Leiter der Residenz, "dann lassen wir die Frage, ob Paro echt ist, einfach im Raum stehen."

Wirtschafts­informatiker Bendel kritisiert das. "Man darf mit Pflegerobotern keine Scheinwelten erschaffen, um Emotionen zu lenken", sagt er. "Demente haben Anspruch auf Echtheit und Wirklichkeit."

Wüst sieht das anders. "Demente können auch in vielen anderen Lebenslagen nicht mehr klar zwischen Realität und Fiktion unterscheiden", sagt er. "Wir müssen uns fragen, was am Ende mehr wiegt: eine harmlose Illusion? Oder das Glück des Patienten?" Er selbst tendiere klar zu Letzterem.

Ganz gleich, welche Position man vertritt: Es ist ohnehin nicht zu erwarten, dass demente Menschen demnächst selig lächelnd von Liebesautomaten rundum versorgt werden. Die Technik ist dafür noch viel zu begrenzt.

Grenzen

Auf der Demenz­station am Schärme spricht Pflegerin Gassmann am frühen Abend Frau L. an, die gerade weinend über den Flur irrt. "Ich find mis Mami nöd", wimmert die schmächtige alte Frau. "Wo sind mini Büebli?? Ich find sie nöd." Frau Gassmann nimmt Frau L. bei der Hand.

"Es tuet mir leid, aber Ihri Mütter isch scho lang tot."

Frau L. setzt sich an einen Tisch. Frau Gassmann holt die Robbe und legt sie auf Frau L.s Schoß. Sie schlägt der alten Frau vor, das Plüschtier zu streicheln. Sie hofft, dass Frau L. ins Hier und Jetzt zurückkehrt, wenn sie Paros weiches Fell berührt.

Frau L. beginnt, Paros kleinen Leib zu kneten, erst zaghaft, dann immer stärker, immer brutaler. Die Robbe gibt wehklagende Laute von sich.

"Mis Mamili...", greint Frau L. mit leerem Blick. "Mini Büebli..."

Die Pflegerin nimmt die Robbe wieder an sich. Frau L. greift nach Frau Gassmanns Hand und drückt sie ganz fest.

"Ich weiß grad gar nöd, wo mir sind", flüstert Frau L. ängstlich.

"Ich weiss aber, wo mir sind", sagt Frau Gassmann. "Ich weiss au, wo Ihres Bett staht. Söll ich Sie dethii bringe?"

Frau L. nickt.

Das Team


Text, Fotos, Videos und Konzept: Stefan Schultz

Redaktion: Dilan Gropengiesser, Yasmin El Sharif

Videoschnitt: Stefan Schultz, Joana Stockmeyer

Zeichnungen: Katja Braun

Motion Design: Ferdinand Kuchlmayr

Zusätzliches Bildmaterial: AFP