Wirtschaft

Reich und arm

Wie der Immobilienboom das Land spaltet

In der Wohnungskrise geht es um mehr, als nur möglichst schnell Unterkünfte fürs Volk zu schaffen. Die Preisexplosion könnte das Land auf noch gefährlichere Weise spalten, als es ohnehin schon der Fall ist.

imago

Hamburger Süllberg: ein Berg von Investitionsobjekten (Archivfoto)

Eine Kolumne von
Samstag, 29.09.2018   11:41 Uhr

Problem erkannt. Bemühen erkennbar. Weil in Deutschland zu langsam gebaut wird, steigen Immobilienpreise wie Mieten. Und damit das aufhört, wird jetzt alles Mögliche in Bewegung gebracht, um schneller zu bauen - schnelleres Genehmigen, mehr Bauhilfen und so.

Ob das hilft? Fraglich. Immerhin gibt es den Trend zum Luxuswohnen nicht nur in München, Hamburg und Berlin, sondern auch dort, wo es gar keine komplizierten deutschen Vorschriften oder unterschätzte Gebärfreudigkeit gibt. In London, Paris, Tokio und anderen Metropolen.

Umso gefährlicher droht neben der eigentlichen Wohnungsnot ein anderes, bislang womöglich unterschätztes Begleitphänomen zu werden: dass sich mit jeder Preissteigerung auch das ohnehin schon kritische Gefälle zwischen Arm und Reich verschärft. Denn das Land wird neueren Studien zufolge offenbar viel stärker durch das gespalten, was an Börsen und Immobilienmärkten wie märchenhaft passiert, als durch die Frage, ob einzelne fleißige Vorstandschefs oder Bankdirektoren jetzt ein Milliönchen mehr als Gehalt kriegen oder nicht.

Den Verdacht drängen die Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten Studie der Bonner Ökonomen Moritz Kuhn, Moritz Schularick und Ulrike Steins auf. Die Forscher untersuchten für die USA, wie sehr in den vergangenen Jahrzehnten das Auseinanderdriften von Reich und Arm mit Trends bei Vermögenspreisen wie Aktien oder Immobilien einherging. Was erst durch das Aufarbeiten historischer Daten möglich wurde. Ergebnis: atemberaubend.

Weil vor allem die ohnehin Reichen Aktien besitzen (und sich ein wenig Nervenkitzel finanziell leisten können), führte das enorme reale Plus der Kurse um 130 Prozent zwischen 1998 und 2007 fast automatisch dazu, dass in den USA der Anteil der Top-Ten-Prozent-Reichsten an allen Vermögen um weitere sechs Prozentpunkte stieg. Ohne dass die Gewinner dafür mehr arbeiten oder zusätzlich Geld hätten zurücklegen müssen.

Umgekehrt, so ergaben die Schätzungen der Forscher, hätte es ohne Aktienboom in den USA gar keinen Abstieg der Mittelschicht gegenüber den Topvermögenden gegeben. Vom zwischenzeitlichen Immobilienboom profitierte derweil ein größerer Teil der Leute - weil in den USA mehr Leute Häuser besitzen. Sonst wäre die Reichenquote weit stärker gestiegen, so die drei Ökonomen.

Enorm gestiegenes Gefälle zwischen Reich und Arm

Allein durch laufende Einkommen ließe sich der drastische Anstieg vieler Vermögen gar nicht erklären, so Schularick - dafür müsste selbst ein Topverdiener über Jahrzehnte einen ziemlich hohen Anteil seines Gehalts sparen. Der große Vermögenskick entsteht erst dadurch, dass sich das Geld über Nacht vermehrt, sich also Preise von Vermögenswerten teils zauberhaft erhöhen. Ohne großes Zutun des Besitzers. Etwa über die großen Aktienkurssprünge. Oder darüber, dass eben die eigenen Häuschen zur Goldquelle werden - weil die Preise spekulativ oder sonst wie davonziehen.

Anders lasse sich auch nicht erklären, warum das Gefälle bei den Vermögen so viel stärker gestiegen sei als bei den laufenden Einkommen, sagt Schularick - trotz aller Boni und Astro-Gehälter einzelner Manager.

Wenn das stimmt, helfen weder begrenzte Boni noch höhere Steuern für Spitzenverdiener, um das enorm gestiegene Gefälle zwischen Reich und Arm im Land wieder zu verringern. Dann kommt das Drama (oder Glück für die Oberen) eher von der Zauberei an Finanz- und Immobilienmärkten.

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Jetzt könnte man sagen: gut, dann machen wir das ganze Volk eben zu Aktien- und Immobiliengewinnern. Was die Amerikaner in der Zeit bis zum Crash 2007 mehr oder weniger aktiv versucht haben. Weil die Eigenheimquote dort relativ hoch ist, profitierten über viele Jahre entsprechend viele Amerikaner von enorm steigenden Immobilienpreisen, also Werten. Nach Rechnung der drei Bonner Forscher konnten dadurch selbst die unteren 50 Prozent der Vermögensbesitzer in den USA ihr angelegtes Geld im Schnitt zwischen 1971 und 2007 verdoppeln, was zu 90 Prozent an besagten höheren Preisen lag (nicht daran, dass die Leute mehr Geld zurücklegen konnten, denn das reale Einkommen stagnierte). Wahrscheinlich erklärt das auch, warum viele Amerikaner so lange ertrugen, dass man fürs Schuften nicht mehr Geld bekommt. Immo-Opium fürs Volk.

Der Haken: Erstens flog der Zauber 2007 bekanntlich auf - ein Großteil des Preisbooms war auf Kredit finanziert und Teil einer Blase, die dann platzte. Was wiederum auch die Illusion platzen ließ, dass alle übers Häuslebesitzen stetig reicher werden. In der Zeit nach dem Crash fielen eben jene Hauspreise, auf deren Anstieg viele aus der Mittelschicht so lange, etwa als Altersvorsorge, gebaut hatten. Während die Kurse von Aktien, die vor allem die Reicheren besitzen, seither hochschnellten.

Ergebnis: Der Abstand zwischen Großvermögenden und Normalo-Sparern ist seit dem Crash in Amerika so dramatisch gestiegen wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg, das zeigen die Forscher. Gut möglich, dass das einen Teil des Unmuts der Verlierer erklärt, der Donald Trump zum Präsidenten hat werden lassen.

Der Immo-Zauber hilft nicht gegen schwindende Harmonie im Land

Zweitens zieht selbst der schönste Immobilienkick nicht alle mit. Klar ist in den USA die Eigentumsquote mit etwa zwei Dritteln ziemlich hoch, was zu Hochzeiten viele reicher scheinen ließ. Nur heißt das eben auch, dass selbst in Amerika ein Drittel der Leute von Preiszuschlägen gar nichts hat - dafür aber höhere Mieten zahlt.

Womit wir beim noch kritischeren deutschen Fall sind. Hier lebt nur etwa die Hälfte der Leute überhaupt in den eigenen Gemäuern, und das vor allem auf dem Land, wo die Preise gerade eher weniger steigen. In den Städten, wo die Preise hochschnellen, sind die Allermeisten Mieter. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern (lassen). Als Rezept gegen schwindende Harmonie im Land ist der Immo-Zauber daher noch untauglicher.

Analyse

In Deutschland wäre es ziemlich absurd, darauf zu hoffen, dass das Davonziehen der Immobilienwerte einen größeren Teil der Leute vermögender macht - und das auch nur irgendwie zur Behandlung der, sagen wir: derzeit leicht angespannten Stimmung in der Bevölkerung beitrüge. Deshalb gilt es, ziemlich schnell alles daran zu setzen, dass nicht eine Minderheit wie über Nacht so endlos viel reicher wird, wie es das Gros der Leute allein durch Malochen nie werden kann.

Wenn der Besitz oder Nichtbesitz dieser oder jener Vermögenswerte derart stark über die Ungleichheit zwischen Reich und Arm entscheidet, heißt das nichts Gutes für ein Land wie Deutschland - in dem es vergleichsweise wenig Aktien- und Immobilienbesitzer gibt, und wo Aktien- wie Immo-Preise in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind.

Dann drohen Reich und Arm so spektakulär weiter auseinanderzudriften wie in kaum einem anderen Land. Keine gute Zeit, um die Spaltung des Landes zu überwinden.

insgesamt 105 Beiträge
hegoat 28.09.2018
1.
Ja, wenn der Wert von Besitz (Aktien, Immobilien) steigt, werden die Besitzenden reicher, während die Restbevölkerung stagniert. So weit, so normal. Das passiert auch mit Gold, Oldtimern oder Briefmarkensammlungen. Die [...]
Ja, wenn der Wert von Besitz (Aktien, Immobilien) steigt, werden die Besitzenden reicher, während die Restbevölkerung stagniert. So weit, so normal. Das passiert auch mit Gold, Oldtimern oder Briefmarkensammlungen. Die Besonderheit bei Immobilien ist allerdings, dass Nicht-Besitzende auf dieses Wirtschaftsgut ebenfalls angewiesen sind. DAS treibt die Spaltung voran zwischen denen, die teure Immobilien haben und denen, die sich die Miete in diesen teuren Immobilien nicht mehr leisten können.
curiosus_ 28.09.2018
2. Herr Fricke, das ist doch...
...ziemlich einfach: 1. Krise. 2. Zur Krisenbekämpfung wird der Geldhahn aufgedreht (Methode Draghi) 3. Das viele Geld sucht sich seinen Weg: Aufblasen von Geldbehältern: Immobilien, Aktien (Apple, Alphabet, Microsoft, [...]
...ziemlich einfach: 1. Krise. 2. Zur Krisenbekämpfung wird der Geldhahn aufgedreht (Methode Draghi) 3. Das viele Geld sucht sich seinen Weg: Aufblasen von Geldbehältern: Immobilien, Aktien (Apple, Alphabet, Microsoft, Facebook, Tesla....). Die 5 Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung 2016: 1.Apple (USA, 639 Mrd. USD) 2.Alphabet (USA, 566 Mrd. USD) 3.Microsoft (USA, 446 Mrd. USD) 4.ExxonMobil (USA, 366 Mrd. USD) 5.Amazon.com (USA, 366 Mrd. USD)[2] 1. bis 3. und 5. mit vernachlässigbaren Assetts, bezogen auf ihren Marktwert. 4. Die entsprechenden Werte steigen je mehr geblasen wird. Dabei ist es völlig egal ob der Gegenwert des Blaseninhaltes realistisch ist (was ist "realistisch"?), da jeder Bläser davon ausgeht, dass er so schlau ist rechtzeitig auszusteigen. Die Dummen sind immer die anderen. 5. Blasen tun die, die Geld dafür erübrigen können. 6. Die, die rechtzeitig aussteigen und ihren Blasengewinn in stabile Werte stecken sind die Kriegsgewinnler. Der Rest platzt zusammen mit der Blase. Inkl. der Steuerzahler (also auch die, die mangels Masse kein vermögen aufbauen konnten), die nun die systemrelevanten Banken (=Blasenplatzopfer) retten dürfen. => Während der Blasenbildung geht die Schere auseinander. Und bleibt danach offen, nur, dass es nun weniger Gewinnler und mehr Verlierer gibt. Fazit: Eine gigantische Umverteilungsprozedur.
m.gu 28.09.2018
3. Meiner Meinung nach ist nicht der Immobilienboom Schuld am
heutigen Zustand in Deutschland zwischen arm und reich. Sondern eindeutig die einseitige Politik der Politiker der GroKo ausschließlich für die Reichen, Vermögenden, Besserverdienenden, Beamten und Politiker in Deutschland. Das [...]
heutigen Zustand in Deutschland zwischen arm und reich. Sondern eindeutig die einseitige Politik der Politiker der GroKo ausschließlich für die Reichen, Vermögenden, Besserverdienenden, Beamten und Politiker in Deutschland. Das einfache Volk wurde in den letzten Jahren, auch in Hinsicht der großen Wohnungsnot für bezahlbare Wohnungen vor allem in den Städten, von diesen Politikern im Stich gelassen. Die Folge siehe Quelle: "Wohnungslosigkeit - 860 000 Menschen haben in Deutschland keine Wohnung." Die meisten der Wohnungslosen konnten ihre Mieten nicht mehr bezahlen und wurden zwangsgeräumt bzw. verließen ihre Wohnungen in die Obdachlosigkeit. Ende 2018 sollen es bereits 1,2 Millionen Wohnungslose in Deutschland sein. Jeder 2, wohnungslose Europäer ist inzwischen ein deutscher Bürger. Kein anderes Land in Europa hat so viele Wohnungslose auf 100 000 Menschen gerechnet, wie das reiche Deutschland. Spekulanten und Immobilienhaie ist in Deutschland Tür und Tor von den Politikern der GroKo geöffnet worden. Deutschland kann heute stolz sein, siehe Quelle: "Deutschland hat die meisten Obdachlosen."
muellerthomas 28.09.2018
4.
naja, KGV Apple: 20, Alphabet 21, Micrsoft 32 - nicht wenig, aber auch nicht dramatisch viel - Bayer etwa kommt auch auf 21. Woran machen Sie da also die Blase fest?
Zitat von curiosus_...ziemlich einfach: 1. Krise. 2. Zur Krisenbekämpfung wird der Geldhahn aufgedreht (Methode Draghi) 3. Das viele Geld sucht sich seinen Weg: Aufblasen von Geldbehältern: Immobilien, Aktien (Apple, Alphabet, Microsoft, Facebook, Tesla....). Die 5 Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung 2016: 1.Apple (USA, 639 Mrd. USD) 2.Alphabet (USA, 566 Mrd. USD) 3.Microsoft (USA, 446 Mrd. USD) 4.ExxonMobil (USA, 366 Mrd. USD) 5.Amazon.com (USA, 366 Mrd. USD)[2] 1. bis 3. und 5. mit vernachlässigbaren Assetts, bezogen auf ihren Marktwert. 4. Die entsprechenden Werte steigen je mehr geblasen wird. Dabei ist es völlig egal ob der Gegenwert des Blaseninhaltes realistisch ist (was ist "realistisch"?), da jeder Bläser davon ausgeht, dass er so schlau ist rechtzeitig auszusteigen. Die Dummen sind immer die anderen. 5. Blasen tun die, die Geld dafür erübrigen können. 6. Die, die rechtzeitig aussteigen und ihren Blasengewinn in stabile Werte stecken sind die Kriegsgewinnler. Der Rest platzt zusammen mit der Blase. Inkl. der Steuerzahler (also auch die, die mangels Masse kein vermögen aufbauen konnten), die nun die systemrelevanten Banken (=Blasenplatzopfer) retten dürfen. => Während der Blasenbildung geht die Schere auseinander. Und bleibt danach offen, nur, dass es nun weniger Gewinnler und mehr Verlierer gibt. Fazit: Eine gigantische Umverteilungsprozedur.
naja, KGV Apple: 20, Alphabet 21, Micrsoft 32 - nicht wenig, aber auch nicht dramatisch viel - Bayer etwa kommt auch auf 21. Woran machen Sie da also die Blase fest?
curiosus_ 28.09.2018
5. Ich habe mich nicht auf das KGV, sondern explizit auf...
...die Assetts, also das Anlagevermögen, bezogen.
Zitat von muellerthomasnaja, KGV Apple: 20, Alphabet 21, Micrsoft 32 - nicht wenig, aber auch nicht dramatisch viel - Bayer etwa kommt auch auf 21. Woran machen Sie da also die Blase fest?
...die Assetts, also das Anlagevermögen, bezogen.
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