Wirtschaft

Plattenbau-Abriss

Stadt Moskau will eine Million Einwohner umsiedeln

Moskaus Bürgermeister meint es gut: 4500 marode Wohnblöcke will er durch moderne Häuser ersetzen. Doch das rabiate Vorgehen erregt den Zorn der Wohnungsbesitzer - viele sollen auch gegen ihren Willen umgesiedelt werden.

REUTERS
Von , Moskau
Donnerstag, 11.05.2017   14:08 Uhr

Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin, 58, ist ein mächtiger Mann. In sechs Jahren Amtszeit hat er die russische Hauptstadt regelrecht umgekrempelt, das gestehen ihm auch seine Kritiker zu. Er hat die Bürgersteige verbreitert, Radwege angelegt, erstmals Gebühren für das Parken verlangt.

Er hat Grünflächen verschönert, den Wildwuchs von Werbetafeln beendet und Buden und Kioske abreißen lassen, die unter seinem Vorgänger auf die Trottoirs gebaut worden waren. Sobjanin ist ein kühler Apparatschik ohne Redetalent und Charme - aber einer mit direktem Zugang zum Präsidenten und der Kraft, seine Pläne gegen große Widerstände durchzudrücken.

Das muss man sich dazu denken, wenn man den Aufruhr um das gigantische neue Bauprogramm der Stadt verstehen will. Sobjanin will einen erheblichen Teil der Wohnblöcke der Stadt abreißen lassen. Eine Million Moskauer - ein Zwölftel der gesamten Einwohnerschaft - soll umsiedeln. Ziel ist, schadhafte Plattenbauten der Chruschtschow-Zeit durch Neubauten zu ersetzen.

Das Ende der Fünfgeschosser

Das ist ein gut gemeinter Plan: Am Ende sollen die Umgesiedelten Eigentümer einer komfortableren, größeren Wohnung sein. Aber Sobjanins Verwaltung hat den gut gemeinten Plan so rücksichtslos angepackt, dass er einen Sturm der Entrüstung auslöste. Viele der Betroffenen haben nicht das Gefühl, dass die Stadt ihnen eine neue Wohnung schenken will, sondern dass ihnen die eigene Wohnung weggenommen wird. Nun muss die Stadt die Wogen glätten.

Die hässlichen Plattenbauten, um die es geht, kennt jeder Besucher Russlands und seiner Nachbarstaaten. Sie stehen von Murmansk bis Baku, von Riga bis Wladiwostok und heißen im Volksmund "Chruschtschowka". KP-Generalsekretär Nikita Chruschtschow ließ die schmucklosen Fünfgeschosser entwickeln, um mit billigem Material und industrieller Serienfertigung der Wohnungsnot der Nachkriegszeit Herr zu werden.

Die Plattenbauten sollten offiziell nur 25 bis 50 Jahre halten. Sie waren ein Provisorium auf dem Weg zum Endziel, dem Kommunismus. Die Sowjetunion aber zerbrach, die Chruschtschowki-Plattenbauten blieben stehen mit ihren winzigen Wohnungen, den niedrigen Decken und dünnen Wänden.

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Moskau: Der große Abriss

Im Februar 2017 kündigte Sobjanin das Abrissprogramm an, bei einem Besuch bei Präsident Wladimir Putin. Von insgesamt 8000 betroffenen Wohnblöcken war zunächst die Rede und von eineinhalb Millionen Bewohnern, die umgesiedelt würden. Zum Vergleich: München hat 1,45 Millionen Einwohner.

Die Kosten wurden inoffiziell auf 3 Billionen Rubel für zwei Jahrzehnte geschätzt. Das sind umgerechnet 47 Milliarden Euro - deutlich mehr, als die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 gekostet haben. In der Stadtregierung erwartete man dankbare Reaktionen, denn das Vorhaben war ein gigantisches Wahlgeschenk des Bürgermeisters (der 2018 wiedergewählt werden will) an seine Wähler.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Aber deren Dankbarkeit wäre größer, hätte Sobjanin eine Grundregel des Schenkens beachtet: Dass es nicht nur auf die Gabe ankommt, sondern auch auf die Art des Gebens. Die Stadt ließ alle Fragen offen, die alle Chruschtschowki-Bewohner interessieren: Wofür genau werden sie ihre alte Wohnung aufgeben? Wie werden die neuen Häuser aussehen? In welchen Stadtteil werden sie umgesiedelt? Was geschieht mit der Minderheit jener, die sich in ihrer Chruschtschowka wohlfühlen? Die meisten Russen sind Wohneigentümer, nicht Mieter, und ihre Wohnung ist "sakrales Eigentum", sagt die Politologin Jekaterina Schulman.

Dass die Stadtregierung notfalls privates Eigentum missachtet, haben die Moskauer 2016 erfahren, als der Bürgermeister buchstäblich über Nacht Hunderte Kioske und Buden in der Innenstadt abreißen ließ, die das Stadtbild störten. Nun sieht ein eigens in das russische Parlament eingebrachtes Gesetzesprojekt vor, dass Wohneigentümer auch gegen ihren Willen umgesiedelt werden können - per Gerichtsbeschluss, gegen den kein Widerspruch möglich ist. Die Empörung ist so groß, dass Präsident Putin zur Rücksicht auf die Moskauer mahnte. Der Parlamentsvorsitzende Wjatscheslaw Wolodin verzögert die zweite Lesung des Gesetzesprojekts.

Die Stadtverwaltung versucht, auf turbulenten Einwohnerversammlungen zu beschwichtigen und hat Zugeständnisse verkündet: Umgesiedelt wird nur innerhalb desselben Stadtteils, es soll für jedes Haus eine Internet-Abstimmung geben und die Liste der abzureißenden Gebäude wurde auf 4566 Einträge verkürzt. Zur Verblüffung der Hauptstädter sind darunter allerdings auch architektonisch wertvolle Bauten, die mit Chruschtschowki-Plattenbauten nichts gemeinsam haben.

"Die Beschlüsse werden rücksichtslos durchgedrückt"

Die Gegner des Abrisses haben sich längst organisiert und für den 14. Mai eine Protestkundgebung angekündigt. Sie sind eine Minderheit, aber eine lautstarke. Sie stören die Ruhe, die der Kreml mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen 2018 sucht.

Warum preschte Sobjanin so unbedacht vor? Offenbar wollte er den Stadthaushalt retten. Verglichen mit dem Rest des Landes schwimmt Moskau in Geld: 2016 nahm es umgerechnet 29 Milliarden Euro ein, der Überschuss betrug 1,8 Milliarden Euro. Russlands Finanzminister fordert seit Längerem eine Umverteilung an ärmere Regionen. Moskau erschien es da besser, schnell noch ein Bauprogramm für die Bauindustrie in der Hauptstadt aufzulegen. Nur ist das Programm dann ein paar Schuhgrößen zu groß ausgefallen.

Für die Moskauer Professorin Natalja Subarjewitsch hat die Gigantomanie weniger mit der Person Sobjanins zu tun. Sie sei typisch für Russlands politisches System, schreibt die Ökonomin in der angesehenen Tageszeitung "Wedomosti". Dieses System bringe umstrittene Großprojekte hervor, und zwar immer in denselben vier Schritten:

"Erstens denkt man sich eine auffällige Idee oder ein schönes Projekt aus, dass der Bevölkerung gefallen könnte, meistens im Wahlkampf. Zweitens werden alle Risiken ausgelagert an andere (an die Ausführenden oder an die Verbraucher). Drittens werden die Beschlüsse rücksichtslos von oben durchgedrückt und technokratisch umgesetzt. Viertens: Wenn es doch plötzlich ein negatives Echo gibt, werden alle Management-Fehler mit viel Geld zugeschüttet."

Zur Verunsicherung trägt bei, dass völlig unklar ist, was nach dem Abriss an die Stelle der Chruschtschow-Fünfgeschosser tritt. Ganze Stadtteile zwischen Moskaus S-Bahn-Ring und der Ringautobahn werden abgerissen - doch noch immer weiß niemand so recht, wie sie danach aussehen werden, bemängelt der Architekturkritiker Grigori Rewsin, ansonsten ein Unterstützer des Bürgermeisters. Pläne zur Flächennutzung und Bebauung gebe es nicht. Das Gesetzesprojekt setzt Teile des Baurechts eigens außer Kraft. Das Motto sei "Bau, was Du willst und so viel willst, alles ist legal", moniert Rewsin.

Dabei ist Sobjanin nicht der erste Stadtchef, der die Fünfgeschosser ersetzen will: Schon sein Vorgänger Juri Luschkow hatte viele der Gebäude abreißen lassen. Die Angst ist groß, die Fehler von damals könnten nun wiederholt werden, allerdings in weit größerem Maßstab: Dass die baumumstandenen Fünfgeschosser mit ihren grünen Höfen und Spielplätzen durch "Ameisenhaufen" ersetzt werden, wie die Moskauer sie nennen, also riesige Hochhäuser. Dass die Flächen verdichtet werden. Und dass sich der Mensch, der sich in Moskau ohnehin klein fühlt im Vergleich zur Stadt, noch etwas kleiner und nichtiger fühlen wird.

insgesamt 81 Beiträge
joG 11.05.2017
1. Es wäre interessant zu sehen....
....wie das in Köln oder Berlin ablaufen würde.
....wie das in Köln oder Berlin ablaufen würde.
Bret 11.05.2017
2. in der Zwischenzeit obdachlos?
Eigentlich muss ja zuerst neu gebaut werden BEVOR abgerissen wird. Wo sollen die Menschen denn sonst hin? Darüber sagt der Artikel nichts.
Eigentlich muss ja zuerst neu gebaut werden BEVOR abgerissen wird. Wo sollen die Menschen denn sonst hin? Darüber sagt der Artikel nichts.
Europa! 11.05.2017
3. In Moskau steppt der Bär
Moskau strahlt! Eine lebendige, brodelnde Metropole mit brausendem Verkehr und funktionierenden U-Bahnen. Sogar die berüchtigte Lubjanka leuchtet in einem freundlichen Gelb und sieht aus wie ein Palast. Das schreibe ich nur [...]
Moskau strahlt! Eine lebendige, brodelnde Metropole mit brausendem Verkehr und funktionierenden U-Bahnen. Sogar die berüchtigte Lubjanka leuchtet in einem freundlichen Gelb und sieht aus wie ein Palast. Das schreibe ich nur deshalb, damit nicht der Eindruck entsteht, die größte europäische Stadt bestünde vor allem aus tristen Mietskasernen. Was ich allerdings nicht wusste: Dass die Moskauer Bürger in der Mehrzahl EIGENTÜMER ihrer Wohnungen sind. Da könnte sich Berlin mit seiner abartigen "Mieterkultur" und den verschmierten Häusern eine mächtige Scheibe von abschneiden.
general_0815 11.05.2017
4. Viele sollen auch gegen ihren Willen umgesiedelt werden...
Damit hat man ja auch jahrzehntelange Erfahrung.
Damit hat man ja auch jahrzehntelange Erfahrung.
Attila2009 11.05.2017
5.
Das läuft bei uns ja auch nicht anders, nur geräuschloser. Private Wohnbaugesellschaften ekeln letztendlich auch langjährige alte Mieter raus wenn neue Luxusanierungen oder Abrisse geplant werden.
Das läuft bei uns ja auch nicht anders, nur geräuschloser. Private Wohnbaugesellschaften ekeln letztendlich auch langjährige alte Mieter raus wenn neue Luxusanierungen oder Abrisse geplant werden.

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