Wirtschaft

Bill Gates über Entwicklungshilfe

"Die Deutschen können stolz sein"

Milliardär Bill Gates kämpft weltweit gegen Armut und Krankheit. Hier spricht er über Donald Trump, Deutschland - und seinen schwindenden Reichtum.

REUTERS
Ein Interview von
Dienstag, 13.02.2018   11:01 Uhr

Zur Person

Microsoft-Gründer Bill Gates, 62, war lange der reichste Mann der Welt. Jetzt verdrängte ihn Amazon-Gründer Jeff Bezos auf Platz zwei. Trotzdem beläuft sich Gates' Privatvermögen immer noch auf mehr als 89 Milliarden Dollar und seine Bill and Melinda Gates Foundation, die er gemeinsam mit seiner Frau führt, ist bei Weitem die mächtigste private Wohltätigkeitsstiftung mit einem Kapital von zuletzt 42 Milliarden Dollar. Davon spendet sie im Jahr rund fünf Milliarden Dollar für Armutsbekämpfungs-, Gesundheits- und Bildungsprojekte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gates, in Ihrem jüngsten Stiftungsbericht beklagen Sie einen mangelnden globalen Optimismus, gerade auch wegen der politischen Entwicklungen. Zugleich schreiben Sie, die Welt verbessere sich. Wie passt das zusammen?

Gates: Es fehlt ein Bewusstsein dafür, wie viel sich verbessert hat. Ob Lebensdauer, Kindersterblichkeit, Arbeitssicherheit oder andere Fortschritte - all das hat sehr dramatische Auswirkungen. Jedes Jahr sterben zwar immer noch fünf Prozent aller Kinder unter fünf Jahren, sprich mehr als fünf Millionen Kinder - aber das sind nur noch halb so viele wie im Jahr 2000. Die internationalen Hilfsmaßnahmen funktionieren sehr gut. Was das Engagement und die Großzügigkeit der Spender angeht, sollten die Leute also keineswegs zynisch sein.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Engagement geht aber doch zurück. Wie wirken sich Donald Trumps "America First"-Politik und die weltweite Rückkehr des Isolationismus auf Ihre Arbeit aus?

Gates: Wenn Politiker ihren Einsatz in armen Ländern infrage stellen, dann motiviert das andere doch nur, sich noch mehr zu engagieren. Es zwingt uns, deutlicher zu formulieren, weshalb dieses Geld nicht nur unglaublichen humanitären Nutzen hat, sondern auch für das Geberland selbst ein Nettogewinn ist. Und noch ist die US-Entwicklungshilfe ja nicht gesunken. Der Kongress hat beschlossen, sie vorerst beizubehalten, und ich bin zuversichtlich, dass das so weitergehen wird.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Gefahr besteht?

Gates: Wir müssen immer erklären, warum unsere Gelder Sinn ergeben, obwohl ich selbst die Wirkung sehe und die Sorgfalt, mit der das umgesetzt wird. Unsere Partnerschaften mit Regierungen, einschließlich in Deutschland und den USA, hilft denen, die nicht vor Ort sind, hoffentlich auch, das zu verstehen.

DPA

Melinda und Bill Gates

SPIEGEL ONLINE: Ihre Frau Melinda, die die Stiftung gemeinsam mit Ihnen leitet, hat Trump vorgeworfen, wegen seiner respektlosen Tweets und Statements gegen Frauen, Minderheiten und arme Länder kein gutes "Vorbild für amerikanische Werte" zu sein. Teilen Sie diese Kritik?

Gates: (Pause) Es ist wichtig, dass wir andere Länder respektieren und mit ihnen zusammenarbeiten, zum beiderseitigen Nutzen. Ja, ich teile ihre Ansicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind selbst oft in Afrika oder Indien unterwegs, doch im Herbst bereisten Sie den amerikanischen Süden. Was haben Sie da erlebt?

Gates: Wir waren in sehr armen Regionen und haben viel über die Probleme der Menschen dort gelernt. Wir haben gelernt, wie Menschen verarmen und wie sie wieder auf den richtigen Weg kommen, Arbeit finden und Stabilität für ihre Familie schaffen können. Das war sehr berührend.

SPIEGEL TV über Bill Gates: Ein Mann programmiert die Welt

Foto: SPIEGEL TV

SPIEGEL ONLINE: Überraschte Sie solche Armut im eigenen Land?

Gates: Es ist nicht das Gleiche wie anderswo. Armut ist immer tragisch, aber wenn Kinder auf Lehmböden schlafen und an Malaria sterben, dann ist das nicht dasselbe. In den USA dreht sich viel um physische und geistige Gesundheit, um Alkohol und Drogenkonsum, wie der Wohnungsmarkt funktioniert, wie man das soziale Netz verbessert. Das ist etwas anderes als das nackte Überleben in Afrika.

SPIEGEL ONLINE: Sollten sich die USA unter Trump tatsächlich aus der Entwicklungshilfe zurückziehen, könnten andere Länder das ausgleichen, etwa Europa und Deutschland?

Gates: Als stärkste Wirtschaft in Europa hat Deutschland seine Hilfe bereits erhöht, was wirklich vorbildlich ist, und das Geld - ob für Impfstoffe, Moskitonetze gegen Malaria oder HIV-Medikamente - hat eine phänomenale Wirkung. Darauf können die Deutschen stolz sein. Aber wenn die USA ihre Beiträge kürzen, denke ich nicht, dass das sofort ersetzt werden könnte. Bei der Familienplanung sind die USA bei Weitem der größte Geldgeber. Wenn dieses Geld einfach verschwindet, glaube ich nicht, dass es plötzlich anderswo auftauchen würde. Wenn die USA ihre Ausgaben zur Bekämpfung von HIV und Aids kürzen, könnten andere versuchen, etwas aufzustocken, aber das allein sind sieben Milliarden Dollar pro Jahr. Es besteht keine Aussicht, das zu ersetzen. Wenn die Amerikaner also entscheiden, dass sie sich nicht mehr um diese Themen kümmern wollen, dann müssen sie wissen, dass weder andere Regierungen noch Stiftungen, Konzerne oder Privatleute genug Ressourcen zur Verfügung haben.

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Bill und Melinda Gates bei einer Diskussion mit Barack Obama (l.)

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem verstärken Sie Ihr Engagement in Deutschland, indem Sie jetzt ein Büro in Berlin eröffnen?

Gates: Das stimmt. Es ist kein großes Büro. Wir haben unsere Aktivitäten in Europa bisher aus London gesteuert, aber angesichts der verstärkten Aktivitäten mit der Bundesregierung, die ihre Gelder erhöht hat, verlegen wir einen Teil unserer Europa-Division nach Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Was ist zurzeit Ihr dringlichstes Projekt?

Gates: Die Ausrottung der Kinderlähmung. Wenn wir gute Arbeit leisten und ein bisschen Glück haben, wird 2018 das letzte Jahr sein, in dem Kinder an Kinderlähmung erkranken. Das ist bemerkenswert. Es ist die größte Sache, an der ich arbeite.

SPIEGEL ONLINE: Was kommt danach?

Gates: Viele wissenschaftliche Arbeiten befassen sich zurzeit mit der Rolle von Mikroorganismen bei der Unterernährung. Das ist sehr spannend. Dieses sogenannte Mikrobiom könnte eine Schlüsselrolle bei vielen Krankheiten spielen, von Fettsucht und Diabetes bis zu Alzheimer oder Immunschwäche. Dieses Forschungsfeld explodiert gerade.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind neulich von Amazon-Chef Jeff Bezos vom ersten Platz der Liste der reichsten Menschen der Welt auf den zweiten Platz verdrängt worden. Macht Ihnen das etwas aus?

Gates: Dass ich überhaupt auf einer Reichenliste stehe, heißt, dass ich mein Geld nicht schnell genug verschenke. Ich stünde immer noch an der Spitze, wenn ich gar nichts spenden würde, aber werde nun ziemlich schnell weiter absinken.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Ziel, ganz von dieser Liste zu fallen?

Gates: Genau.

insgesamt 141 Beiträge
UnitedEurope 13.02.2018
1.
Fantastischer Mensch.
Fantastischer Mensch.
moonoi 13.02.2018
2. bill gates
war viele jahre lang "der feind" mitlererweile hat er meinen respekt. er tut was, und da glaube ich dass wir dieses seiner frau Melinda verdanken.
war viele jahre lang "der feind" mitlererweile hat er meinen respekt. er tut was, und da glaube ich dass wir dieses seiner frau Melinda verdanken.
ttvtt 13.02.2018
3. Ein Vorbild
Gates ist ein Vorbild in Zeiten des Turbokapitalismus. Und er hat recht, manchmal kann man als Deutscher stolz sein.
Gates ist ein Vorbild in Zeiten des Turbokapitalismus. Und er hat recht, manchmal kann man als Deutscher stolz sein.
c.PAF 13.02.2018
4.
"Gates: Dass ich überhaupt auf einer Reichenliste stehe, heißt, dass ich mein Geld nicht schnell genug verschenke. Ich stünde immer noch an der Spitze, wenn ich gar nichts spenden würde, aber werde nun ziemlich schnell [...]
"Gates: Dass ich überhaupt auf einer Reichenliste stehe, heißt, dass ich mein Geld nicht schnell genug verschenke. Ich stünde immer noch an der Spitze, wenn ich gar nichts spenden würde, aber werde nun ziemlich schnell weiter absinken. SPIEGEL ONLINE: Mit dem Ziel, ganz von dieser Liste zu fallen? Gates: Genau." Diese Einstellung zeigt, daß er erkannt hat, was wichtig ist im Leben. Er wird trotzdem mehr als genug Geld haben, um in diesem Punkt sorgenfrei leben zu können.
weirich.bernd 13.02.2018
5.
Vorbildlich. Finde ich klasse. Weiter so!
Vorbildlich. Finde ich klasse. Weiter so!

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