Wirtschaft

Deutscher Sommer

Wie die Hitze den menschlichen Fortschritt bremst

Alle Welt redet über die Folgen der Hitze für Bauern oder Igel. Dabei haben chinesische Forscher herausgefunden, dass auch Menschen leiden, die sehr stark nachdenken müssen. Zeit für ein Nothilfepaket!

Getty Images/ iStockphoto

Berlin im Sommer

Eine Kolumne von
Freitag, 10.08.2018   11:46 Uhr

Was es für den Menschen alles an Beschwerlichkeiten mit sich bringt, wenn bei uns Sahara ist, ist in den vergangenen Tagen schon in einiger Vielfalt erörtert worden. Dabei war meist von geknickten Bauern, Igeln oder körperlicher Bewegung im Freien die Rede. Bislang relativ unbeachtet blieb, welche Folgen der große Freiluftofen für Leute hat, die, sagen wir, beruflich besonders gut nachdenken müssen (also noch mehr als die Landwirte, die natürlich auch sehr viel nachdenken müssen).

Wie stark derlei Schäden für den Einzelnen und womöglich komplette Volkswirtschaften hierzulande noch unterschätzt werden, lassen Studien einer Gruppe chinesisch-kalifornischer Wissenschaftler erahnen*. Danach verhauen an besonders warmen Tagen deutlich mehr Schüler eine der wichtigsten Elite-Prüfungen des Landes - deren Ausgang über ganze Familienschicksale entscheidet. Da bekommt der Wettergott noch mal eine ganz neue Aufgabe. Ein Befund, der auch ganz wichtige Lehren für unsere hiesige Sommergestaltung birgt.

Die vier Forscher werteten 14 Millionen Prüfungsresultate aus den Jahren 2005 bis 2011 aus. Vorteil für die Wissenschaftler: Die Tests finden im ganzen Land identisch und gleichzeitig immer am 7. und 8. Juni statt. Womit man ziemlich gut vergleichen kann, was hier und da rauskam. Dann schauten sich die Experten die regional vergebenen Noten mit Blick darauf an, wie heiß, sonnig oder luftfeucht es in jeder der betreffenden Regionen jeweils zu dem Zeitpunkt war, in dem die Hochschulaspiranten über die Prüfaufgaben stark nachdenken mussten.

Das Ergebnis ist beeindruckend: In Regionen, in denen es am Tag der Prüfungen wärmer war als anderswo, gab es deutlich mehr Schüler, die schlecht abschnitten - im Schnitt lagen die Punktzahlen deutlich niedriger. Was für die Betreffenden im Zweifel dauerhafte Folgen hat.

Wie die Forscher ebenfalls berechneten, sank für Prüflinge, die vom Hitzepech getroffen wurden, die Wahrscheinlichkeit um zwei Prozent, dank entsprechender Testergebnisse an einer Elite-Uni angenommen zu werden - was wiederum ohnehin nur 12 Prozent in der Regel schaffen. Ein Ergebnis, das über Wohl und Wehe von Millionen Familien entscheidet, so die Wissenschaftler.

Rückfall durch Matsch-im-Kopf

Dass es in China so nicht weitergehen kann, leuchtet ein. Die Forscher legen deshalb dar, dass man entweder die Prüfungen in kältere Jahreszeiten vorverlegen sollte. Oder wenigstens Klimaanlagen in die Prüfungsräume stellen - was bisher verboten ist. Oder jenen Prüflingen fein kalkulierte Bonuspunkte geben, bei denen es warm war. Worauf Forscher halt so kommen, wenn sie forschen.

Wichtiger erscheint für uns, dass der wissenschaftliche Befund hitzebedingt erhöhter Fehleranfälligkeit bei hochkompliziertem Denken - kurz: Matsch-im-Kopf - spätestens seit Einzug der Sahara-Hitze in Deutschland nicht mehr ignoriert werden darf. Wenn man bedenkt, was da alles schiefgehen kann!

Gut ist zum Beispiel, dass Horst Seehofer erst Ende August zu twittern anfangen will. Und dass sich grundsätzlich nicht so viele Politiker während der Sommermonate äußern. Wer immer in Deutschland eingeführt hat, dass Schulferien schwerpunktmäßig im Juli und August sind, muss ebenfalls geahnt haben, was chinesische Forscher einmal herausfinden würden.

Deren Befunde könnten wiederum auch erklären, warum im Hochsommer auf Mallorca regelmäßig nur Teile des deutschen Dichter-und-Denker-Potenzials durchschlagen. Oder warum es just in diesen Monaten immer wieder zu Sommerlochthemen kommt, wie etwa zu der Frage, was jetzt mit Özil ist.

Wer weiß, vielleicht gibt (oder gab) es wegen der genannten Risiken in manchen Betrieben eben Werksferien. Nach der Devise: Wer nicht arbeitet, muss auch nicht so anstrengend nachdenken - und macht auch keine Fehler.

Blöd ist, dass Klimaforscher relativ hartnäckig den Schluss nahelegen, die Sahara-Sache und andere Unwetter könnten künftig noch viel öfter vorkommen. Was wiederum in bisher sicher noch unterschätzter Art schlimm zu enden droht, wie die Autoren der Studie schreiben: "Der starke negative Effekt erhöhter Temperaturen auf die kognitive Leistung des Menschen lässt einen neuen Übertragungsweg vermuten, durch den sich der künftige Klimawandel auf unseren wirtschaftlichen Wohlstand auswirken könnte." So eine Art Rückfall durch Matsch-im-Kopf.

Nicht schön. Wer will schon, dass fremde Archäologen die letzten Spuren der Menschheit einmal am Ballermann finden. Dann vielleicht doch lieber was gegen dieses Klimadesaster und so machen.

Video: Klima Extrem - Warum das Wetter immer unberechenbarer wird

Foto: BBC

* "Temperature and High-Stakes Cognitive Performance: Evidence from the National College Entrance Examination in China". Joshua S. Graff Zivin, Yingquan Song, Qu Tang, Peng Zhang, NBER Working Paper Nr. 24821, Juli 2018.

insgesamt 81 Beiträge
undog 10.08.2018
1. Artikel bei 30 Grad geschrieben?
Die Nothilfepakete gibt es bereits millionenfach in Form von Klimaanlagen, sowe wir uns vor Jahrhunderten mit Heizungen gegen Kälte schützen. Oder kann einer bei -10° gut denken? in dem heissen Singapur, Hong Kong, Taiwan wird [...]
Die Nothilfepakete gibt es bereits millionenfach in Form von Klimaanlagen, sowe wir uns vor Jahrhunderten mit Heizungen gegen Kälte schützen. Oder kann einer bei -10° gut denken? in dem heissen Singapur, Hong Kong, Taiwan wird bei regulierter Raumtemperatur äußerst produktiv nachgedacht. Keine Sau würde dort so einen Artikel schreiben.
user124816 10.08.2018
2.
Kann ich bestätigen. Ich hab ganze 4 Tage gebraucht um einen Bug in einer Fremdsoftware zu fixen - noch nicht mal was umfangreiches, nur 2 hard codierte Werte in 170000 Zeilen (allerdings so gut wie nicht dokumentiertem) Code. [...]
Kann ich bestätigen. Ich hab ganze 4 Tage gebraucht um einen Bug in einer Fremdsoftware zu fixen - noch nicht mal was umfangreiches, nur 2 hard codierte Werte in 170000 Zeilen (allerdings so gut wie nicht dokumentiertem) Code. Ab 30° im Büro geht faktisch gar nichts mehr.
Hamberliner 10.08.2018
3. wow!
Donnerwetter! Diese chinesischen Forscher merken wirklich alles! Wenn sie noch ein bisschen weiter forschen entdecken sie vielleicht auch den Sekretärinnen-Hitzeschadenverlängerungseffekt. Darunter versteht man folgendes: [...]
Donnerwetter! Diese chinesischen Forscher merken wirklich alles! Wenn sie noch ein bisschen weiter forschen entdecken sie vielleicht auch den Sekretärinnen-Hitzeschadenverlängerungseffekt. Darunter versteht man folgendes: Bei uns meint die Sekretärin, die Hitze der vergangenen Tage rückgängig machen zu können, indem sie heute, wo es kühl ist und draußen stürmt, nicht nur in Fluren und Treppenhäusern alle Fenster aufmacht sondern auch bei Kollegen, die nicht da sind, sowie deren Bürotür. Nach dem ersten Erdbeben von einer zuknallenden Tür bin ich herumgeturnt, hab das ganze Geraffel wieder zugemacht und ihr kurz und militärisch mitgeteilt, es habe gerade geknallt und das reiche schon für den ganzen Tag.
flachbert 10.08.2018
4. Südeuropäischen Bewohner
Vielleicht wird jetzt dem einen oder anderen etwas bewusst, wenn er/sie Mal wieder über die unfähigen Süd Europäer herziehen will.
Vielleicht wird jetzt dem einen oder anderen etwas bewusst, wenn er/sie Mal wieder über die unfähigen Süd Europäer herziehen will.
Wolfno 10.08.2018
5. Gefährlich
Wie steht der Author zu den Einwirkungen in den Ländern wo es grundsätzlich sehr heiss ist. e.g. Afrika oder den Mittlere Osten? Wollen Sie hiermit zu Ausdruck geben das die Leistung der Menschen in diesen Länder grundsätzlich [...]
Wie steht der Author zu den Einwirkungen in den Ländern wo es grundsätzlich sehr heiss ist. e.g. Afrika oder den Mittlere Osten? Wollen Sie hiermit zu Ausdruck geben das die Leistung der Menschen in diesen Länder grundsätzlich under denen in den kälteren Regionen liegt? Mit das Ergebnis das sie weniger fortschrittlich sind wie in Titel angedeutet ist?
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