Wirtschaft

Geförderte Jobs für Langzeitarbeitslose

Süchtig, überschuldet, depressiv sucht...

Auch im Boom haben Hunderttausende keine Chance auf einen Arbeitsplatz, weil sie "multiple Vermittlungshemmnisse" haben. Für sie will die Regierung Jobs bezahlen - ohne bestehende zu gefährden. Eine knifflige Aufgabe.

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Resozialisierung von Langzeitarbeitslosen in der Franz-Hahn-Werkstatt der Caritas Herten

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Dienstag, 20.03.2018   16:11 Uhr

Zu den wirklich ambitionierten Zielen der neuen schwarz-roten Bundesregierung gehört der Kampf gegen ein lange vernachlässigtes Problem: die Langzeitarbeitslosigkeit. Bereits im zweiten Satz des Kapitels zum Arbeitsmarkt formuliert der Koalitionsvertrag den Anspruch, "Menschen, die schon sehr lange arbeitslos sind, wieder eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt" zu eröffnen.

Unter anderem soll nun etwas entstehen, was viele Experten schon lange für sinnvoll halten: ein sozialer Arbeitsmarkt, also öffentlich geförderte Arbeitsplätze - und zwar sozialversicherungspflichtige in Vollzeit. Vier Milliarden Euro will allein der Bund bis 2021 dafür ausgeben, zusätzlich dürfen die Länder die bisherigen Hartz-IV-Ausgaben des Bundes für Betroffene dafür verwenden, wenn sie solche Jobs schaffen. Bis zu 150.000 Menschen sollen so unterkommen.

Das sind gute Voraussetzungen, doch entscheidend für den Erfolg ist vor allem die Frage: Welche Arbeitsplätze sollen da entstehen - und wo? Das Vertrackte ist, dass es darauf keine Antwort gibt, die alle Probleme löst.

"Nicht füttern, nur streicheln"

Der Zielkonflikt liegt auf der Hand: Einerseits sollen die Jobs vollwertig sein und der Erfahrung einer regulären Arbeit so nahe wie möglich kommen. Auf der anderen Seite sollen sie jedoch keine regulären Arbeitsplätze gefährden - durchaus ein reales Risiko, wie die Vergangenheit zeigt. Als in den Neunziger- und Nullerjahren viele Hunderttausende Arbeitslose in geförderten Jobs unterkamen, kostete das tatsächlich andere reguläre Arbeitsplätze.

Wegen dieser Erfahrungen gelten derzeit sehr strenge Kriterien, die auch auf Druck von Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften entstanden: Geförderte Arbeit muss

Diese Regeln gelten bundesweit, überwacht durch die lokalen Jobcenter. Zu welchen Verrenkungen das in der Praxis mitunter führt, beschreibt der ehemalige Caritas-Generalsekretär Georg Cremer: So ist mancherorts umstritten, ob Menschen, deren Beschäftigung in einer Tafel gefördert wird, dort auch Essen ausgeben dürfen. In Tierheimen gilt im Umgang mit den Tieren die Vorgabe "nicht füttern, nur streicheln", um dem angestellten Personal keine Konkurrenz zu machen.

Einiges spricht dafür, diese strengen Regeln für den künftigen sozialen Arbeitsmarkt zu lockern: So sind die Umstände heute andere als früher: Damals herrschte Massenarbeitslosigkeit, auch unter gut Qualifizierten und sehr Leistungsfähigen. Menschen, die heute kein Problem haben würden, einen regulären Arbeitsplatz zu bekommen. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie noch nie seit der Wiedervereinigung, jedes Jahr entstehen Hunderttausende neue Jobs, allein im vergangenen Jahr waren es rund 600.000. Ein Anstieg, der wohl nur aus einem Grund gebremst werden wird: Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus.

Zudem macht die angepeilte Teilnehmerzahl von 150.000 deutlich: Dieser neue soziale Arbeitsmarkt wird bei Weitem nicht allen Langzeitarbeitslosen offenstehen. Deren offizielle Zahl lag im vergangenen Jahr im Schnitt bei rund 900.000. Realistisch dürfte die Größenordnung allerdings um einige Hunderttausend höher liegen.

Zielgruppe dürfte also jene relativ kleine Gruppe unter den Langzeitarbeitslosen sein, für die ein regulärer Arbeitsplatz schlicht keine realistische Perspektive ist, nicht einmal in Zeiten des Jobbooms: der frühere Obdachlose, der nach langen Jahren auf der Straße gerade erst wieder eine Wohnung hat. Die alleinerziehende Mittdreißigern, die als junge Frau an einer Psychose erkrankte und seitdem mit ihr kämpft. Die überschuldete Frau, die in einer zerrütteten Familie aufwuchs und die außerstande ist, ihrem Tag Struktur zu geben. Der Choleriker, der zudem spielsüchtig ist.

Das Ziel heißt Teilhabe

Menschen also, die im Verwaltungsjargon "multiple Vermittlungshemmnisse" aufweisen, ob psychische Probleme, relativ hohes Alter oder mangelnde berufliche Qualifikation. Und die seit vielen Jahren keinen Kontakt zur Arbeitswelt haben - ein Eckpunktepapier des Arbeitsministeriums aus dem vergangenen Frühjahr sah als Kriterium mindestens acht Jahre Hartz-IV-Bezug vor.

Fehlerhafte Statistiken

Dadurch wird auch klar, worum es in einem sozialen Arbeitsmarkt zuerst geht: Darum, auch diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, Kompetenzen und Selbstbewusstsein aufzubauen und an einer durch Erwerbsarbeit geprägten Gesellschaft teilzuhaben. Einige wenige mögen dadurch tatsächlich einen regulären Arbeitsplatz finden. Für viele Betroffene hingegen wird auch dann der Weg in einen solchen Job noch weit sein - aber er könnte zumindest wieder in Blickweite rücken.

Für Cremer handelt es sich also in erster Linie um ein Instrument der Sozialpolitik und erst danach um eines der Arbeitsmarktpolitik. Anders ausgedrückt: Der Erfolg eines sozialen Arbeitsmarkts wird sich nicht daran messen lassen, wie viele Teilnehmer danach in einen regulären Job wechseln. Und geförderte Arbeitsplätze alleine werden nicht reichen - zusätzlich benötigen die Betroffenen sozialpädagogisch geschulte Berater an ihrer Seite.

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Beschäftigung in Caritas-Werkstatt in Herten

Dieser Ansatz ist durchaus Erfolg versprechend: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat Modellprojekte in Jobcentern in Nordrhein-Westfalen ausgewertet. In dem IAB-Bericht aus dem Jahr 2016 heißt es: "Für viele Geförderte ist die Aufnahme einer Beratung zugleich der Beginn einer Bearbeitung der persönlichen Probleme, die den Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt beeinträchtigen." Zu den positiven Wirkungen bei vielen Teilnehmern zählten demnach "eine Erhöhung von Ausdauer, Kondition und Leistungsfähigkeit".

Heil legt sich noch nicht fest

Das macht klar: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Arbeitgeber reguläre Arbeitsplätze einfach durch geförderte ersetzt, ist also geringer als früher. Und klar ist auch, dass Jobs in "praxisfernen Parallelwelten", wie Cremer sie nennt, den Betroffenen wenig nutzen. Wer in einem Tierheim nur streicheln, aber nicht füttern darf, wird kaum an Selbstwertgefühl gewinnen.

Dennoch bleibt eine Gefahr: dass angestammte Betriebe durch unfairen Wettbewerb bedroht werden. Wenn zum Beispiel mithilfe der öffentlichen Förderung ein Imbiss entsteht, in dem Langzeitarbeitslose arbeiten, könnte dies den Bäcker um die Ecke Kunden kosten. Ähnliches gilt für öffentlich finanzierte Umzugshelfer.

Einen möglichen Lösungsansatz zeigt Ex-Caritas-Generalsekretär Cremer auf. Er plädiert dafür, die strikten bundesweiten Regeln zu lockern - und den lokalen Jobcentern weitgehende Freiheiten zu lassen. In deren Beiräten sitzen Vertreter von Arbeitgebern, Handwerk und Gewerkschaften, die am besten wüssten, welche Arbeitsplätze sich vor Ort gefahrlos schaffen ließen, argumentiert Cremer.

Der Zielkonflikt zwischen sinnvoller Beschäftigung einerseits und den Schutz regulärer Jobs andererseits ist dennoch kaum aufzulösen. Kein Wunder, dass Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sich noch nicht auf Details zum sozialen Arbeitsmarkt festlegt. Zwar sagte er jüngst in einem Interview , man werde "ein Konzept entwickeln, das gemeinnützige Arbeit in den Mittelpunkt stellt". Das Arbeitsministerium stellt auf Anfrage aber klar, dass es längst nicht nur um gemeinnützige Arbeit gehen werde.

Zusammengefasst: Die Bundesregierung will einen sozialen Arbeitsmarkt für Langzeitarbeitslose schaffen: Sie sollen öffentlich finanzierte vollwertige Arbeitsplätze erhalten. Dafür stehen in dieser Legislaturperiode mindestens vier Milliarden Euro für bis zu 150.000 Langzeitarbeitslose bereit. Viele Experten halten diese Maßnahme für sinnvoll - doch die Frage, welche Arbeitsplätze wo entstehen sollen, führt in ein Dilemma: Einerseits sollen die Jobs regulärer Arbeit so nah wie möglich kommen, andererseits sollen sie keine regulären Arbeitsplätze gefährden. Dieser Konflikt ist nicht aufzulösen. Viel spricht jedoch dafür, die aktuellen sehr strikten Regelungen für öffentlich finanzierte Arbeit zu lockern.

insgesamt 134 Beiträge
cdbee 20.03.2018
1. Hieß es nicht mal...
...wir haben Vollbeschäftigung?
...wir haben Vollbeschäftigung?
soerenschein 20.03.2018
2. Bezahlung
Die Frage, die sich mir stellt ist die Frage nach der Bezahlung. Diese sozialen Arbeitsplätze müssen deutlich über dem Hartz-IV-Niveau entlohnt sein, um den Menschen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Mit [...]
Die Frage, die sich mir stellt ist die Frage nach der Bezahlung. Diese sozialen Arbeitsplätze müssen deutlich über dem Hartz-IV-Niveau entlohnt sein, um den Menschen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Mit einem minimalen Zubrot ist niemandem geholfen, ebensowenig mit unentgeltlicher Arbeit als Therapiemittel. Auf solch eine Idee kann man auch nur im Raubtierkapitalismus kommen. Warum glauben wir, eine Arbeit wäre notwendig, um uns vollkommen zu fühlen? Es gibt so viele Dinge auf der Welt, die wichtiger sind als Lohnarbeit. Wenn wir einen Weg finden würden, uns durch Automatisierung von jeglicher im Zwang ausgeführten Arbeit zu befreien, hätten wir umso mehr Potential freigeschaltet, um in einer Welle der Kreativität die Welt zu verbessern. Auf jeden Fall sollten wir psychisch und körperlich Kranke nicht um der Arbeit Willen mit mies bezahlten Jobs zu therapieren versuchen.
derlabbecker 20.03.2018
3. Arbeitslosenrate....
... unter einem bestimmten Prozentsatz wird als Vollbeschäftigung gewertet. Das war selbst während der 60er Jahre so, als wir sogar Gastarbeiter geholt haben. Auch da waren Leute arbeitslos, nämlich die die nicht wollen [...]
Zitat von cdbee...wir haben Vollbeschäftigung?
... unter einem bestimmten Prozentsatz wird als Vollbeschäftigung gewertet. Das war selbst während der 60er Jahre so, als wir sogar Gastarbeiter geholt haben. Auch da waren Leute arbeitslos, nämlich die die nicht wollen oder nicht können, letzteres wegen Krankheit, Sucht, Behinderung usw....
beckerher 20.03.2018
4. Wie war das damals möglich?
Heutzutage finden Unternehmen, Handwerksbetriebe und sogar Behörden keine Arbeitskräfte mehr. Insoweit ist der Arbeitsmarkt leergefegt. Wie war denn das in den fünfziger, sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts als es auch [...]
Heutzutage finden Unternehmen, Handwerksbetriebe und sogar Behörden keine Arbeitskräfte mehr. Insoweit ist der Arbeitsmarkt leergefegt. Wie war denn das in den fünfziger, sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts als es auch Vollbeschäftigung gab. Gab es da auch eine Million Menschen mit multiplem Beschäftigungshindernissen?
Ossifriese 20.03.2018
5. Kurzfristig
"...Der Erfolg eines sozialen Arbeitsmarkts wird sich nicht daran messen lassen, wie viele Teilnehmer danach in einen regulären Job wechseln. ..." Gut, dass den Interessenten das gleich vorher gesagt wird. Im Grunde [...]
"...Der Erfolg eines sozialen Arbeitsmarkts wird sich nicht daran messen lassen, wie viele Teilnehmer danach in einen regulären Job wechseln. ..." Gut, dass den Interessenten das gleich vorher gesagt wird. Im Grunde geht es also nur um eine kurzfristige Beschäftigungsmaßnahme, die letztlich nur das Feigenblatt für eine völlig verfehlte Arbeits- und Sozialpolitik ist. Denn um eines wird mit allerlei Geschwafel von "multiplen Vermittlungshemmnissen" herum geredet: Dass es für viele der Langzeitarbeitslosen einfach keine "regulären" Arbeitsplätze gibt!
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