Wirtschaft

Stiftung-Warentest-Bilanz

Jedes vierte Produkt für Kinder ist mangelhaft

Autositze, Matratzen, Laufräder: Sind Produkte für Kinder besonders sorgfältig auf ihre Gefährlichkeit hin überprüft? Könnte man meinen. Die Stiftung Warentest zieht erschreckende Bilanz: Das Gegenteil ist der Fall.

Stiftung Warentest

Crashtest von Autokindersitzen der Stiftung Warentest

Donnerstag, 06.12.2018   10:24 Uhr

Produkte für Kinder weisen in Deutschland besondere Sicherheitsmängel auf. Eine Rückschau auf 15 entsprechende Tests der Stiftung Warentest aus den Jahren 2017 und 2018 liefert den Beleg für den Befund: Von 278 Produkten haben 79 schwerwiegende Sicherheitsprobleme. Das ist viermal häufiger als andere Konsumgüter in den Tests des Prüfinstituts durchschnittlich mit "mangelhaft" bewertet wurden.

"Kinderprodukte schneiden also in puncto Sicherheit deutlich schlechter ab als alle anderen Produktgattungen", sagt Stiftungsvorstand Hubertus Primus. "Sie bergen Unfallgefahren, sind schadstoffbelastet oder versagen bei der Datensicherheit."

In beinahe einem Fünftel der untersuchten Produkte sind Schadstoffe für das schlechte Testurteil verantwortlich. Die Tester fanden allein in den jetzt betrachteten beiden Jahren Schadstoffe in Buggys, Kinderwagen, Kinderlaufrädern, Babyspielzeug, Buntstiften, Spielschleim, Kinderhochstühlen und Autokindersitzen.

Gefährliche Schadstoffe wie Bor, Naphthalin oder Formaldehyd

Schadstoffe wie Bor, Naphthalin oder Formaldehyd können schon für Erwachsene gefährlich sein. Sie reizen Haut und Schleimhäute, können Krebs auslösen, die Fruchtbarkeit beeinträchtigen oder Allergien verursachen. Einige der Produkte übersteigen die zulässigen Grenzwerte um ein Vielfaches und hätten gar nicht verkauft werden dürfen.

Auch andere Sicherheitsmängel führten in vielen Fällen zu schlechten Bewertungen. So bergen Hochstühle zum Beispiel Unfallgefahren für Kinder, die schwere Verletzungen zur Folge haben können. Und die Hälfte der getesteten Kindermatratzen erfüllt eine Norm nicht, die das Kind vor dem Ersticken schützen soll. Sie sind so weich, dass sie im Extremfall zum Erstickungstod eine Babys führen können, das in den ersten Lebensmonaten nicht in der Lage ist, den Kopf zu heben oder zu drehen, um wieder Luft zu holen.

Andere Beispiele: Viele Babyspielzeuge sind aus verschluckbaren Kleinteilen zusammengesetzt, die sich lösen können, Autokindersitze flogen beim Frontalaufprall in hohem Bogen durch das Prüflabor und die Gurte von Fahrradsitzen ließen sich problemlos von Kindern öffnen.

Gefahren an digitalen Produkten

Auch aus der virtuellen Welt drohen Gefahren. Drei smarte Spielzeuge belegten ihr Talent zum Spion, weil die Funkverbindung zum Handy ungesichert ist. Jeder Smartphone-Besitzer könnte arglose Kinder abhören und Fragen, Einladungen oder Drohungen senden.

Dass Kinder zur Gruppe der gefährdeten Verbraucher zählen, zeigt auch das europäische Schnellwarnsystem Rapex, das Verbraucher vor Gesundheitsgefahren warnt. Fast 30 Prozent aller dort 2017 beanstandeten Produkte war Spielzeug.

Im Video: Stiftung Warentest - So wird getestet

Foto: SPIEGEL TV

Die Stiftung Warentest fordert Hersteller auf, aktuelle Erkenntnisse und Regulierungen bei der Entwicklung ihrer Produkte zu berücksichtigen und diese regelmäßig zu kontrollieren. Außerdem sei die EU gefordert, nicht nur für Spielzeug, sondern für alle von Kindern genutzten Produkte Anforderungen zu definieren.

Die kostenlose Auswertung "Sicherheit von Kinderprodukten" kann online unter www.test.de/kindersicherheit abgerufen werden.

mik

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