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Psychischer Druck - Tesla-Arbeiter beklagen Arbeitsbedingungen

Elon Musk gilt als energiegeladener Macher und visionärer Unternehmer. Die Beschäftigten, die das Tempo nicht mitgehen können, zahlen dafür einem Bericht zufolge einen hohen Preis.

AP

Tesla-Fabrik in Fremont

Freitag, 19.05.2017   11:18 Uhr

Der Elektroauto-Pionier Tesla gilt als Superstar der Branche, der selbst Hightech getriebene Premiumhersteller wie BMW, Mercedes und Audi blass aussehen lässt. Der Börsenkurs der Firma überstieg zeitweise den von General Motors, obwohl der Detroiter Autoriese hundertmal mehr Autos produziert. Die Präsentation eines neuen Tesla-Modells gerät jedes Mal zum Event.

Doch der Alltag hinter der glänzenden Fassade bietet einem Bericht des "Guardian" zufolge weit weniger Anlass zur Begeisterung. Während Tesla mit Fotos von weiß gestrichenen, fast menschenleeren Roboterhallen das Bild vermittelt, die harte Arbeit am Band sei längst ein Relikt vergangener Autoepochen, sieht die Realität im Alltag anders aus. Nicht wenige Arbeiter des als "Fabrik der Zukunft" gepriesenen Tesla-Werks im kalifornischen Fremont beklagen demnach eine übermäßige körperliche Belastung, ausufernde Arbeitszeiten und massiven psychischen Druck, der sich seit dem Start der Produktion kaum vermindert habe.

Seit 2014 hätten in mehr als 100 Fällen Notärzte gerufen werden müssen, um Arbeiter zu behandeln, die in Ohnmacht gefallen waren oder über Atemnot, Schwindel oder Brustschmerzen klagten, berichtet der britische "Guardian" unter Berufung auf ein internes Papier. Grund für die Überlastung sei der enorme Druck, den das Management auf die Belegschaft ausübe.

"Einmal habe ich einen Kollegen mit aufgeschlagenem Gesicht am Boden liegen sehen", zitiert die Zeitung einen Arbeiter. "Statt zu helfen, sollten wir aber um ihn herumgehen, um unsere Arbeit zu erledigen." Ein anderer berichtet von seinem Arbeitsplatz am Band, wo er während seiner bis zu zwölf Stunden dauernden Schichten schwere Lasten über dem Kopf montieren musste. "Das machst du montags. Das machst du dienstags. Aber bereits am Mittwoch beginnen die Schmerzen", erklärt der Mann. "Am Samstag schließlich schleppst du dich nur noch durch."

Richard Ortiz, ebenfalls ein Bandarbeiter, berichtet dem "Guardian" zufolge von Lähmungen im Arm, die ihn seit einiger Zeit plagen. Als er mit der Arbeit begonnen habe, schien es ihm zunächst noch, als sei er "im Himmel der Autowerker" gelandet, so seine Erzählung. Dann habe er gemerkt, dass sich zwar alles um ihn herum nach Zukunft anfühlte, nur er selbst nicht.

Musk: "Es geht ums Überleben"

Die Verantwortlichen von Tesla sollen von den Bedingungen und Vorwürfen gewusst haben, schreibt der "Guardian" weiter. Es handele sich jedoch um Einzelfälle, sagten sie der Zeitung. Man arbeite kontinuierlich daran, die Arbeitssicherheit zu verbessern. Sie verweisen weiter auf Initiativen zum Abbau von Überstunden, die bereits zu einer Reduzierung um 50 Prozent geführt hätten.

Auch Unternehmensgründer Elon Musk selbst räumt in einem Telefoninterview mit der Zeitung offen ein, die Arbeiter hätten "eine harte Zeit" gehabt. "Mit langen Arbeitszeiten und anstrengender Arbeit." Die Fabrik habe aber in Sachen Arbeitssicherheit und -organisation im vergangenen Jahr spürbare Fortschritte erzielt. Tesla, fügte er hinzu, dürfe nicht mit den klassischen Autoherstellern verglichen werden. Die hohe Marktkapitalisierung wecke entsprechende Erwartungen bei den Investoren.

Zwar stiegen die Umsätze. Dennoch mache "Tesla jedes Jahr hohe Verluste", sagte Musk weiter. "Es geht also nicht darum, wie sich die Mitarbeiter nach Art eines Kapitalisten besser ausbeuten lassen. Es gehe vielmehr ums Überleben. Und darum, die Jobs der Tesla-Mitarbeiter zu erhalten.

mik

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