Wirtschaft

Tarifverhandlungen bei der Bahn

Drohen jetzt wieder Lokführerstreiks?

An diesem Donnerstag beginnen die Tarifverhandlungen bei der Deutschen Bahn. Worüber wird verhandelt? Und steht Deutschland bald wieder still? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

DPA

ICE im Hauptbahnhof von Frankfurt am Main (Archivbild)

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Donnerstag, 11.10.2018   06:46 Uhr

Neun Streiks, darunter der längste Ausstand in der Geschichte der Deutschen Bahn AG: Der Tarifstreit bei der Bahn 2015 ist wohl noch vielen Fahrgästen in unschöner Erinnerung. Zahlreiche Züge fielen aus, Bahnkunden strandeten, Güterwaggons blieben stehen. Rund ein Jahr lang wurde damals verhandelt, am Ende löste erst eine Schlichtung den Konflikt.

Wenn Eisenbahner streiken, steht die halbe Republik still - und demnächst könnte es wieder soweit sein. In Berlin beginnt an diesem Donnerstag die neue Tarifrunde bei der Deutschen Bahn. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) und die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) verlangen für ihre Mitglieder mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Was sind die wichtigsten Forderungen? Wie explosiv ist der Konflikt? Und drohen jetzt wieder tagelange Streiks? Der Überblick.

Für wen wird verhandelt - und worüber?

Es geht um die Gehälter, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen von rund 154.000 Eisenbahnern in Deutschland, also Lokführern, Zugbegleitern oder etwa Mitarbeitern in den Stellwerken der Bahn. Beide Gewerkschaften verlangen 7,5 Prozent mehr Lohn, voraussichtlich verteilt über eine Laufzeit von rund zwei Jahren. Dazu kommen zahlreiche weitere Punkte, etwa die Ausbildung, Altersvorsorge, höhere Schichtzuschläge oder die bessere Planbarkeit von Einsätzen. Zusammen haben EVG und GDL 79 Forderungen an die Bahn übersandt, darunter allerdings auch viele kleinere Punkte. Am Ende dürfte es vor allem um einige wenige größere Themen gehen.

Beide Gewerkschaften geben sich selbstbewusst. EVG-Verhandlungsführerin Regina Rusch-Ziemba sagt: "Die Bahn muss endlich die Mitarbeiter in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen." Und die GDL lässt sich auch von einem Brandbrief von DB-Chef Richard Lutz nicht beeindrucken, indem dieser davor gewarnt hatte, dass die Bahn ihre aktuellen Gewinnziele nicht erreichen könnte. "Wenn der Bahnchef glaubt, dass Lokführer und Zugbegleiter ihr eigenes Geld mitbringen, täuscht er sich", sagt GDL-Chef Claus Weselsky.

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Wo könnte es krachen?

Kritisch könnte das sogenannte Wahlmodell werden, das in der letzten Tarifrunde 2016 erstmals vereinbart wurde. Jeder Eisenbahner konnte dabei für sich entscheiden, ob er mehr Geld haben möchte, eine Stunde pro Woche weniger arbeiten oder sechs Tage mehr Urlaub im Jahr. Diese Möglichkeit soll nach Willen der Gewerkschaften ausgebaut werden.

Das Problem für die Bahn dabei: In der ersten Wahlrunde haben sich überraschend viele Arbeitnehmer für den zusätzlichen Urlaub und gegen mehr Geld entschieden - nämlich 58 Prozent. Diese Arbeitskraft fehlt dem Unternehmen nun. In diesem Jahr hat die Bahn bereits 1500 Menschen mehr eingestellt, um den Engpass zu beseitigen. Das ist rund jede zehnte Neueinstellung.

Doch einerseits gibt es in Deutschland sowieso zu wenig Lokführer, zum anderen müssen neue Mitarbeiter oft erst mehrjährige Ausbildungen durchlaufen und können nicht sofort eingesetzt werden. Die Bahn dürfte sich deshalb schwertun, nach dieser Tarifrunde noch mehr Arbeitszeit herzugeben. Die Horrorvorstellung der Manager im Bahn-Tower: Dass Züge wegen zu wenig Personal ausfallen.

Die Gewerkschaften wiederum drehen die Argumentation um: Die Bahn müsse endlich attraktivere Bedingungen bieten, dann würden sich auch mehr Leute bewerben, heißt es. Bei der EVG haben sich zudem viele Mitglieder für ein erweitertes Wahlmodell ausgesprochen - die Gewerkschaft hat also einen gewissen Druck, in diesem Punkt ein gutes Ergebnis zu liefern.

Müssen Fahrgäste mit Streiks rechnen?

Streiks gehören zu Tarifkonflikten und sind auch bei der Bahn in diesem Jahr nicht ausgeschlossen. Es gibt allerdings Anzeichen dafür, dass es soweit diesmal nicht kommt:

Zum anderen hat sich aber auch die Stimmung zwischen GDL und Bahn verbessert, manch einer spricht schon von "Tauwetter". Beide Seiten scheinen gewillt, eine Lösung ohne Streiks und Schlichtung zu erreichen.

Wie ist der Zeitplan?

In dieser Woche ist der Auftakt, bei dem nicht mit Ergebnissen gerechnet wird. Im Oktober und November wird weiterverhandelt. Sollte ausnahmsweise mal alles glattgehen, könnten Anfang Dezember die neuen Tarifverträge stehen. Die Fahrgäste würde es freuen - Weihnachten wäre dann garantiert streikfrei.

insgesamt 29 Beiträge
m.sc. 11.10.2018
1. ein Problem von Vielen
Jeden Tag ist der Weg zur Arbeit ein Glücksspiel: wieviel später kommt die Bahn heute? Fällt der Zug sogar aus? welche Gründe waren heute schuld? Das Management der Bahn ist katastrophal. Ich habe volles Verständnis für die [...]
Jeden Tag ist der Weg zur Arbeit ein Glücksspiel: wieviel später kommt die Bahn heute? Fällt der Zug sogar aus? welche Gründe waren heute schuld? Das Management der Bahn ist katastrophal. Ich habe volles Verständnis für die Streiks. Die zusätzlichen Einschränkungen im Zugverkehr würden mir wahrscheinlich noch nicht Mal besonders auffallen.
so-long 11.10.2018
2. Theoretisch
müssten die Foristen breite Zustimmung zu den Lohnforderungen geben (Teilhabe am wirtschaftlichen Aufschwung). Vermutlich wird es eher das Gegenteil sein. Weil es an das eigene Portemonnaie und den eigenen Komfort geht.
müssten die Foristen breite Zustimmung zu den Lohnforderungen geben (Teilhabe am wirtschaftlichen Aufschwung). Vermutlich wird es eher das Gegenteil sein. Weil es an das eigene Portemonnaie und den eigenen Komfort geht.
burlei 11.10.2018
3. Der Knackpunkt ist nicht die Frage ...
... ob es nun mehr Geld, mehr Freizeit oder mehr Urlaub gibt. Der Knackpunkt ist, woher Leute nehmen, die bei der Bahn als Lokführer, Zugbegleiter oder Stellwerkspersonal anfangen wollen. Sicher besteht einiges Interesse an so [...]
... ob es nun mehr Geld, mehr Freizeit oder mehr Urlaub gibt. Der Knackpunkt ist, woher Leute nehmen, die bei der Bahn als Lokführer, Zugbegleiter oder Stellwerkspersonal anfangen wollen. Sicher besteht einiges Interesse an so einem Job, werden aber die Bedingungen bekannt, ist es mit dem Interesse schlagartig vorbei. Bei der Bahn wird eben 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr gearbeitet. Von drei Wochenenden einen Sonntag frei ... völlig normal. Heiligabend Spätschicht, Silvester Nachtschicht ... völlig normal. Kurzfristige Dienstplanänderungen, oft für den selben Tag ... völlig normal. Mit maximal 4,50 Euro werden Schichten an Sonn- und Feiertage zusätzlich reichlich vergütet. Das macht fast niemand mit. Dazu 12-Stunden-Schichten ohne Pausen. Das Problem ist nicht, ob es mehr Geld oder mehr Urlaub gibt - das Problem ist, überhaupt Leute zu finden, die das mit machen. Zu Zeiten der Bundesbahn gab es noch den Anreiz des Beamtentums. Mit der Privatisierung ist der aber auch verschwunden. Ein Lokführer kann heute genau so schnell auf der Straße sitzen wie ein besser bezahlter MA jeder anderen Firma, der zudem am Wochenende frei hat, der sein Privatleben planen kann. Das gilt nicht nur für die Deutsche Bahn, das gilt verstärkt auch für die Privatbahnen, die größtenteils schlechter bezahlen. Und bitte nicht mit den Sozialleistungen kommen. Die sind fast völlig abgeschafft worden.
harke 11.10.2018
4. Viel Glück
Den Mitarbeitern der Deutschen Bahn viel Glück bei den Verhandlungen. Das Geld muss auch dort ankommen, wo geleistet wird. Und das ist beim Lokomotivführer oder Bistro Mitarbeiter eher der Fall. Die Wirtschaft brummt [...]
Den Mitarbeitern der Deutschen Bahn viel Glück bei den Verhandlungen. Das Geld muss auch dort ankommen, wo geleistet wird. Und das ist beim Lokomotivführer oder Bistro Mitarbeiter eher der Fall. Die Wirtschaft brummt angeblich, dann muss das Geld auch bei den Menschen ankommen.
Korken 11.10.2018
5. Japanisches Modell
Anstatt wieder Kunden die Leidtragenden sein zu lassen könnte man ja mal das japanische Modell versuchen. Abgesehen davon, dass dort so gut wie nie gestreikt wird kommen die Leute dort falls doch, auf weitaus intelligentere [...]
Anstatt wieder Kunden die Leidtragenden sein zu lassen könnte man ja mal das japanische Modell versuchen. Abgesehen davon, dass dort so gut wie nie gestreikt wird kommen die Leute dort falls doch, auf weitaus intelligentere Ideen: Busfahrer streikten bspw., indem sie zwar fuhren aber keine Fahrkarten verlangten. Somit wurde der Kunde nicht belästigt aber die Inhaber gerieten unter Druck. Leider funktioniert sowas in einer egoistischeren Gesellschaft mit Splittertarifparteien nicht, warum sollten die Schaffner z.B. sowas tun, wenn die Lokführer nur für sich verhandeln. Trotzdem mal was zum nachdenken, wennauch diese Idee nicht wirklich auf Deutschland mit seinen unterschiedlichen Verbünden, gerade im Verkehr, übertragbar ist, dies ist mir schon klar - wollte nur mal so auf ein den Kunden entgegenkommenderes Verhalten aufmerksam machen.

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