Wirtschaft

Pilotprojekt

Bremer Briefträger werden Altenbetreuer

Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen entdeckt die Deutsche Post ältere Menschen. In Bremen sollen Briefträger künftig gebrechliche Kunden im Alltag unterstützen.

picture alliance / dpa

Briefträger der Deutschen Post (Archivbild)

Montag, 09.04.2018   11:24 Uhr

Die Deutsche Post will Briefträger in einem Pilotprojekt auch für die Betreuung älterer Menschen einsetzen. Die Post-Mitarbeiter sollen in den kommenden Monaten regelmäßig bei den Senioren klingeln, fragen, ob es ihnen gut geht, Bargeld vorbeibringen und sie über Hilfsdienste der Wohlfahrtsverbände informieren.

Die neuen Dienstleistungen, für die die Post mit den Johannitern kooperiert, sind Teil eines bundesweiten Pilotprojekts für gebrechliche ältere Leute. Der Start des Post- und Johanniter-Services "Post Persönlich" ist für Mitte Mai vorgesehen. Gegen eine noch unbestimmte Gebühr sollen Briefträger alle paar Tage kurz mit den Rentnern sprechen und dann eine beruhigende SMS an Angehörige senden oder im Notfall die Johanniter-Sanitäter rufen.

Die Post, die wegen des schwindenden Briefgeschäfts ständig nach neuen Einnahmequellen sucht, hatte bereits 2014 ein ähnliches Projekt im Ruhrgebiet gestartet. Wegen geringen Kundeninteresses stellte der Konzern es nach mehreren Monaten wieder ein. Damals habe die Kommunikation zwischen Postboten und der Johanniter-Notrufzentrale nicht richtig funktioniert, sagt der wissenschaftliche Leiter des Modellprojekts, Herbert Kubicek, vom Bremer Institut für Informationsmanagement. Dies sei jetzt anders.

Bei ihren Besuchen sollen die Postboten bald auch über die Dienstleistungen von rund 4000 Helfern von Wohlfahrtsvereinen in Bremen informieren. Für sieben bis acht Euro pro Stunde putzen diese etwa die Wohnung, waschen Wäsche, kochen Essen oder spielen mit den Rentnern.

"Viele wissen gar nicht, dass es neben Pflegediensten ein solches Hilfsangebot gibt", sagt Kubicek. Die Krankenkasse AOK sehe dadurch eine Möglichkeit, Pflegekosten zu sparen und unterstützt die Wohlfahrtsvereine mit 80.000 Euro. Die Briefträger sollen auch bei jüngeren Menschen klingeln, um sie als weitere Helfer anzuwerben.

Die Post trainiert ihre Mitarbeiter bald, damit sie die neuen Aufgaben während ihrer gewöhnlichen Rundgänge machen können. Neue Mitarbeiter stelle sie nicht ein, sagte eine Sprecherin. Die Gewerkschaft Ver.di findet es in Ordnung, dass Briefträger in Bremen während des Pilotprojekts mehr Aufgaben übernehmen. "Werden die Aufgaben aber Teil des Regelbetriebs, braucht es mehr Personal", sagte Verdi-Sprecher Matthias Büschking.

Bargeld und Formulare an die Haustür

Voraussichtlich bieten Post und Sparkasse ab Juli in Bremen zudem einen kostenpflichtigen Bargeldlieferservice an. Kunden sollen dann bis zu 500 Euro per Telefon bestellen können, die ein Briefträger einmal pro Woche nach Hause bringt.

Ebenfalls ab Juli können sich Rentner auch beim Bürgertelefon (115) kostenlos Behördenformulare an die Haustür bestellen, etwa, um die Hundesteuer zu bezahlen. Die Sprecherin der Finanzsenatorin, die das Pilotprojekt koordiniert, sagt: "Wir möchten unseren Service für Leute verbessern, die nicht alles aus dem Internet ausdrucken können."

Zum Modellprojekt gehören außerdem zwei Dienstleistungen für Altenheimbewohner: Rund 15 Heime sollen ab Mai je ein E-Book-Lesegerät erhalten. "Senioren können E-Books viel besser lesen als traditionelle Bücher mit einer Lupe. Denn das Display ist hell und die Schrift kann vergrößert werden", sagt Kubicek. Die Heime sollen auch je ein Tablet erhalten. So können Senioren Kurznachrichten an ihre Enkel schreiben oder Hörbücher oder DVDs von der Stadtbibliothek bestellen. Die Bestellungen soll ein Bote einmal die Woche vorbeibringen und dabei auch bei technischen Problemen helfen.

Schließlich sollen Meldeamt-Angestellte ab Juli alle drei Monate in Altenheime kommen. So können Bewohner vor Ort ihren Umzug melden oder einen neuen Pass beantragen. Das Bremer Modellprojekt soll bis Ende 2019 gehen, die Stadt investiert dafür 245.000 Euro. Ob die Deutsche Post den Service auch in anderen Städten anbieten wird, ist noch offen.

Zuletzt war die Post wegen ihres Handels mit Daten in die Schlagzeilen geraten. Laut einem Bericht der "Bild am Sonntag" hatten CDU und FDP im Bundestagswahlkampf 2017 jeweils einen fünfstelligen Betrag für straßengenaue Analysen der Post-Tochterfirma "Deutsche Post Direkt GmbH" gezahlt.

dab/dpa

insgesamt 33 Beiträge
fatherted98 09.04.2018
1. Da lachen...
...ja die Hühner. Zum Einen...die Briefträger schaffen, weil ihre Bezirke enorm ausgeweitet wurden, ja noch nicht mal ihre Verteil-Soll an einem normalen Arbeitstag. Ich sehe unseren Briefträger schon fast joggend von Haus zu [...]
...ja die Hühner. Zum Einen...die Briefträger schaffen, weil ihre Bezirke enorm ausgeweitet wurden, ja noch nicht mal ihre Verteil-Soll an einem normalen Arbeitstag. Ich sehe unseren Briefträger schon fast joggend von Haus zu Haus laufen....da ist nicht mal Zeit für einen kurzen Schwatz....geschweige den Betreuung....zum Anderen wechseln die Briefträger manchmal wöchentlich....bekommen Bezirke von anderen kranken oder im Urlaub weilenden Kollegen dazu. Zudem gibt es bei vielen neuen Austrägern eine Sprachbarriere.....wie soll das bitte funktionieren? Weiß die Post wohl auch selbst nicht.
stoffi 09.04.2018
2. Sind Zusteller in Bremen
nicht ausgelastet? Hier schaffen sie ihr Pensum kaum in der vorgeschriebenen Arbeitszeit . Nicht selten brauchen sie zehn Stunde und brechen dann wie Verdi vorgibt, ab. Die armen alten Leutlchen. Sie werden im Dauerlauf gepflegt [...]
nicht ausgelastet? Hier schaffen sie ihr Pensum kaum in der vorgeschriebenen Arbeitszeit . Nicht selten brauchen sie zehn Stunde und brechen dann wie Verdi vorgibt, ab. Die armen alten Leutlchen. Sie werden im Dauerlauf gepflegt und nun kommen auch noch ,,vorbei laufende" Zusteller ihnen zu ,, HILFE". Wer für Senioren nicht ausreichen Zeit mit bringt, ist fehl am Platz
dasfred 09.04.2018
3. Briefträger für Lebenskontrolle
Erst werden die Zustellbezirke ständig ausgeweitet und dann sollen die Briefträger noch zusätzliche Aufgaben übernehmen. Die Post will ihren Umsatz steigern und die Mittarbeiter ganz unten auf der Straße sollen die Last [...]
Erst werden die Zustellbezirke ständig ausgeweitet und dann sollen die Briefträger noch zusätzliche Aufgaben übernehmen. Die Post will ihren Umsatz steigern und die Mittarbeiter ganz unten auf der Straße sollen die Last tragen. Fürsorge für Alte und Gebrechliche ist eine kommunale Aufgabe und nicht ein Wirtschaftsfeld für Post und Johanniter. Hier werden Alte zur Ware gemacht.
brotindosen 09.04.2018
4. So was gibt es schon ...
In Frankreich gibt es das schon. Die Idee ist vielleicht gar nicht so schlecht - Gibt viele alte Leute die niemanden mehr haben und wenn einer mal reinschaut ist das doch ok. Besser als wenn man nach Wochen oder Monaten nen Toten [...]
In Frankreich gibt es das schon. Die Idee ist vielleicht gar nicht so schlecht - Gibt viele alte Leute die niemanden mehr haben und wenn einer mal reinschaut ist das doch ok. Besser als wenn man nach Wochen oder Monaten nen Toten findet.
funny-smartie 09.04.2018
5. Vorsicht geboten!
In Zeiten, in denen sich Verbrecher am Telefon als angebliche Polizisten ausgeben, ist so ein Projekt mehr als gewagt. Insbesondere wenn es ums "Geld besorgen" geht. Okay, mal daheim klingeln und fragen ob alles [...]
In Zeiten, in denen sich Verbrecher am Telefon als angebliche Polizisten ausgeben, ist so ein Projekt mehr als gewagt. Insbesondere wenn es ums "Geld besorgen" geht. Okay, mal daheim klingeln und fragen ob alles "okay" ist, sehe ich ein. Aber im Grunde sind unsere heutigen Rentner sehr mobil und teilweise mit Handys/smartphone ausgestattet. Außerdem gibt es auch schon das Hausnotrufsystem und jeder "verantwortlich" bewusster Angehöriger wird sich um solche Dinge kümmern. Der "gute" Postbote im Beamtenstatus ist seit der Privatierung der gelben Post passé. Sorry, da hätte die Deutsche Post "früher" aufstehen müssen, außerdem schaffen es viele Postbote heute noch nicht einmal am Samstag die Werbung für die kommende KW zuzustellen, sondern meistens erst dann montags oder dienstags.

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