Wirtschaft

Abgasmanipulationen

Berlin fordert Verfahren der EU-Kommission gegen Italien

Im Abgasskandal gerät Italiens Regierung unter Druck: Auch die EU-Kommission hat bei einem Fiat-Pkw erhöhte Abgaswerte gemessen. Berlin drängt die Kommission, ein Verfahren gegen Rom zu eröffnen.

AP

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Von und
Freitag, 13.01.2017   17:06 Uhr

Die italienische Regierung kommt im Abgasskandal unter Zugzwang. Deutschland, Großbritannien und die USA drängen massiv auf die Aufklärung der Vorwürfe, der Autohersteller Fiat Chrysler (FCA) habe Abgaswerte seiner Autos manipuliert. Das Resultat könnte nun sein, dass die EU-Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Italien einleitet. Das sei nicht mehr auszuschließen, hieß es aus der Behörde.

Bereits im September 2016 hatte das Bundesverkehrsministerium Fiat Chrysler vorgeworfen, bei mehreren Automodellen zweifelhafte Abschalteinrichtungen einzusetzen - ähnliche Vorrichtungen wie jene, die den VW-Abgasskandal ausgelöst hatten. Fiat Chrysler bestreitet das. Auch die italienischen Behörden, die für die Zulassung der verdächtigen Autos verantwortlich waren, haben bisher wenig getan, die Vorwürfe zu entkräften.

"Die deutschen Behörden haben ernsthafte Bedenken geltend gemacht", sagte eine Sprecherin der EU-Kommission. "Wir haben die italienischen Behörden wiederholt aufgefordert, schnellstmöglich überzeugende Antworten vorzulegen. Langsam geht uns die Zeit aus."

Mittlerweile hat die Kommission in ihrem Abgaslabor im italienischen Ispra eigene Messungen an einem Fiat 500X angestellt. Wie der SPIEGEL aus Berliner Regierungskreisen erfuhr, sollen die Analysen nicht nur den Einsatz von Abschaltvorrichtungen bestätigt, sondern noch höhere Abgaswerte ergeben haben als die Messungen im Auftrag des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA). Man habe die Kommission deshalb aufgefordert, ein Verfahren wegen der Verletzung der EU-Verträge gegen Italien einzuleiten. Die Brüsseler Behörde erwägt nun offenbar, diesem Wunsch nachzukommen.

"Wer uns mit VW vergleicht, hat etwas Illegales geraucht"

Im Berliner Verkehrsministerium herrscht seit langem Frust über das Verhalten der italienischen Behörden. Diese argumentieren bisher, dass die Abschalteinrichtungen lediglich dem Motorschutz dienten. Auch Fiat Chrysler weist die Anschuldigungen zurück. "Wir haben keinerlei Betrug begangen. Unser Fall ist in keiner Weise mit dem von Volkswagen vergleichbar", sagte Konzernchef Sergio Marchionne italienischen Medien. "Wer uns mit dem deutschen Unternehmen vergleicht, hat etwas Illegales geraucht."

Doch der Druck auf die Italiener wächst. Am Donnerstag äußerte die US-Umweltbehörde EPA den Verdacht, dass Fiat Chrysler bei rund 100.000 Dieselwagen die Stickoxidwerte manipuliert hat. Betroffen seien die Modelle Jeep Grand Cherokee und Dodge Ram 1500 aus den Baujahren 2014 bis 2016. Fiat Chrysler drohe eine Strafe von 4,6 Milliarden Dollar.

Auch die britischen Behörden sind inzwischen aktiv geworden. Ein Sprecher des Londoner Verkehrsministeriums sagte am Freitag, man bemühe sich bei der EPA dringend um weitere Informationen. "Und wir werden auch von dem Hersteller Informationen anfordern mit Blick auf Fahrzeuge auf dem britischen Markt."

FCA-Chef Marchionne hält dagegen. Seit Monaten stehe man mit der US-Umweltbehörde EPA in Kontakt. "Unsere Emissionen sind ganz klar berichtet worden." Er sei sehr verärgert über die Anschuldigungen - und deutete an, dass der Wechsel von US-Präsident Barack Obama zu Donald Trump eine Rolle spielen könnte. "Offensichtlich gab es jemanden bei der EPA, der das Dossier schließen musste, bevor die neue Regierung da ist", so Marchionne. "Aber ich will hoffen, dass es keine politische Angelegenheit ist."


Zusammengefasst: Fiat Chrysler gerät im Skandal um Abgasmanipulationen immer stärker unter Druck. Die EU-Kommission erwägt nun, ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Italien einzuleiten. Hintergrund sind von der Bundesregierung erhobene Vorwürfe. Auch die USA und Großbritannien drängen mittlerweile massiv auf Aufklärung.

insgesamt 33 Beiträge
yonosoymarinero 13.01.2017
1. Falls die amerikanischen Behörden...
....tatsächlich den gleichen Aufklärungseifer wie bei VW an den Tag legen, kommt die Wahrheit - ob ebenfalls geschummelt wurde - sicher ans Licht. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass das Wort "Chrysler" im [...]
....tatsächlich den gleichen Aufklärungseifer wie bei VW an den Tag legen, kommt die Wahrheit - ob ebenfalls geschummelt wurde - sicher ans Licht. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass das Wort "Chrysler" im Firmennamen dabei ein Bremsklotz bei der Wahrheitsfindung sein dürfte. Es bleibt spannend.
pedro_panetti 13.01.2017
2. Armes Europa...
Das ist es was Europa braucht, starke Partner die wenn es brenzlig wird sich gegenseitig in die Pfanne hauen. Es ist ja gut wenn Normen eingehalten werden und es gibt Institutionen die dafür verantwortlich sind, aber wenn [...]
Das ist es was Europa braucht, starke Partner die wenn es brenzlig wird sich gegenseitig in die Pfanne hauen. Es ist ja gut wenn Normen eingehalten werden und es gibt Institutionen die dafür verantwortlich sind, aber wenn daraus ein jetzt innereuropäisches "Schummelanzeigen" wird hilft das auch niemanden.
pragmat gestern, 17:34 Uhr
3. Lächerliche Debatte
Schon seit langem ist die Debatte über Abgaswerte ins Lächerliche abgeglitten. Denn, merkwürdigerweise kommen nur Politiker und sogenannte Umweltschützer zu Wort. Von Ingenieuren ist nie etwas zu hören. Aber die sind in [...]
Schon seit langem ist die Debatte über Abgaswerte ins Lächerliche abgeglitten. Denn, merkwürdigerweise kommen nur Politiker und sogenannte Umweltschützer zu Wort. Von Ingenieuren ist nie etwas zu hören. Aber die sind in ihren Betrieben schon mundtot gemacht worden. Jeder Ingenieursstudent, der Verbrennungskraftmaschinen studiert hat, weiss, dass die Forderung nach hoher Leistung/effektive Verbrennung/niedriger Verbrauch/CO2 und niedriger Verbrennungstemperatur/niedriger Stickoxidgehalt/niedrigerSchadstoffanteil grundsätzlich gegensätzlich sind. Man bekommt nur eins von beiden. Das betrifft vor allem Dieselmotoren. Die Jagd nach immer mehr PS und gleichzeitig niedrigem NOX-Gehalt hat dann zwangsläufig zu prozessbegleitenden Not-Lösungen geführt. Für Diesel-LKWs ist das die Einspritzung von Harnstoff in die Abgase, AdBlue, der das NOX bindet. Das war den Ingenieuren/Vorständen bei VW und anderen Automobilherstellern für PKWs aber zu teuer. Also wurden die Ingenieure dazu vergattert, ihr Gelerntes zu vergessen und statt dessen eine Betrugssoftware zu entwickeln, welche die wahren Abgaswerte verschleiert. Zum Glück für die Menschheit und deren Gesundheit bekommt man in den USA jetzt die Ingenieure und ihre Auftraggeber an den Wickel. Hoffentlich ist ihnen das eine Lehre zum Thema Berufsethik. Ob der angekündigte Wandel bei VW eintritt, darf man getrost bezweifeln.
spmc-12355639674612 13.01.2017
4. Könnte unsere Bundesregierung
bitte zuallererst zu Hause aufräumen, und das gründlich? Ausgerechnet Deutschland ist wohl nicht in einer Position, in der man mit Fingern auf andere zeigen sollte. In den USA droht einem VW-Ex-Manager eine lebenslange [...]
bitte zuallererst zu Hause aufräumen, und das gründlich? Ausgerechnet Deutschland ist wohl nicht in einer Position, in der man mit Fingern auf andere zeigen sollte. In den USA droht einem VW-Ex-Manager eine lebenslange Haftstrafe - was den Ernst des VW-Skandals verdeutlicht. Aus Deutschland habe ich noch von keinen wirklich schmerzhaften Konsequenzen für die Beteiligten gehört. Dass hier auch das Kraftfahrt-Bundesamt und Herr Dobrindt gar keine gute Figur abgegeben haben, scheint hier auch noch nicht ins Blickfeld gerückt zu sein.
egonon 13.01.2017
5. Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen.
Wie wäre es, erst einmal in Deutschland das Thema völlig aufzuarbeiten und dabei auch die am Skandal möglicherweise beteiligten Behörden zu durchleuchten? Welche Verflechtungen und Vertuschungen sind gegebenenfalls im [...]
Wie wäre es, erst einmal in Deutschland das Thema völlig aufzuarbeiten und dabei auch die am Skandal möglicherweise beteiligten Behörden zu durchleuchten? Welche Verflechtungen und Vertuschungen sind gegebenenfalls im Verkehrsministerium, dem Kraftfahrzeugbundesamt und anderen vorhanden. Auch die Rolle der Prüforganisationen z.B, TÜV, DEKRA u.a. , die doch viele Millionen mit der Prüfung von Abgaswerten verdienen, interessiert mich,. Statt aber den Augiasstall auszumisten, will man nun mit dem Druck auf Italien von den eigenen Mißständen ablenken. Das erinnert mich an die ungezogenen Kinder, die sich gegenseitig bedrohen mit dem Ruf : "Das sag ich Deiner Mamma!"
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