Wirtschaft

"Eine einzige Katastrophenveranstaltung"

Bahn-Aufsichtsrat prangert eigenes Unternehmen an

Verspätungen, technische Probleme, kaum Geld: Der Zustand der Deutschen Bahn ist desolat, schimpft Bahn-Aufsichtsratsmitglied Klaus-Dieter Hommel. Die Linke fordert, die Bahn wieder zu verstaatlichen.

picture alliance/ DPA/ Britta Pedersen

Klaus-Dieter Hommel (Archivbild)

Sonntag, 23.12.2018   14:50 Uhr

"Wenn die Deutsche Bahn ein Autohersteller wäre, wären die Lenkräder hinten montiert und die Räder oben" - ein vernichtendes Urteil, besonders wenn es von den eigenen Mitarbeitern kommt. Bahn-Aufsichtsrat Klaus-Dieter Hommel hatte seinem Ärger über die Deutsche Bahn mit diesen Worten in der "Welt am Sonntag" ("WamS") Luft gemacht. "Das ist hier inzwischen eine einzige Katastrophenveranstaltung", schimpfte Hommel, der auch Vizechef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ist.

Hommel ist mit seiner Kritik nicht allein. Zuletzt hatte die Deutsche Bahn ihre selbst gesteckten Ziele bei der Pünktlichkeit verfehlt. Nur etwa 70 Prozent der Züge fuhren im November nach Plan. Hinzu kommen schwierige Tarifverhandlung. Wegen eines Warnstreiks hatte die Bahn am 10. Dezember bundesweit den Fernverkehr eingestellt.

"Es wird eh nicht besser"

Der Vize-Aufsichtsratsvorsitzende und EVG-Chef Alexander Kirchner warnte vor wachsendem Frust unter den Mitarbeitern. "Nicht wenige denken: Es wird eh nicht besser. Viele Kollegen haben die Hoffnung verloren", sagte Kirchner dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Die Kollegen in den Zügen und auf den Bahnhöfen sind mit der Wut der Reisenden über Verspätungen direkt konfrontiert. Sie müssen sich permanent für Probleme rechtfertigen, die sie weder verursacht haben noch verhindern können." Dazu passt eine Analyse des Bundesinnenministeriums, laut der die gewaltsamen Angriffe auf Bahnpersonal deutlich zugenommen haben.

Laut "WamS" ist zudem der Kapitalbedarf der Deutschen Bahn deutlich höher als die bisher veranschlagten vier Milliarden Euro. Bahnchef Richard Lutz und Netzvorstand Ronald Pofalla müssen laut "WamS" am 15. Januar im Bundesverkehrsministerium Eckpunkte für Maßnahmen zur Verbesserung der Lage vorstellen, um diese dann dem Aufsichtsrat vorzulegen.

"Ich erwarte vom Vorstand, dass er nachvollziehbar erklärt, wie der finanzielle Mehrbedarf gedeckt werden soll", sagte Aufsichtsratschef Michael Odenwald dem Blatt. Die Bahn will nach früheren Aussagen aus eigenen Mitteln in den kommenden fünf Jahren fünf Milliarden Euro zusätzlich in Züge und Schienennetz investieren. Vier Milliarden Euro davon sind noch nicht finanziert, wie in Kreisen des Kontrollgremiums zu hören war.

Zuletzt hatte Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) angemahnt, die Qualität beim Bahnfahren müsse schnellstens wieder steigen. Der Bund sitzt als Eigentümer auch mit Vertretern im Aufsichtsrat und kontrolliert somit das Management.

"Das System kippt"

"Die Bahn ist über Jahre auf Verschleiß gefahren worden", sagte EVG-Chef Kirchner. Es fehlen Kapazitäten bei der Infrastruktur, bei den Zügen und beim Personal. Das führt dazu, dass das System allmählich kippt."

Bei der Linken im Bundestag wird der Ruf nach einer Wiederverstaatlichung laut. "Was der hoch bezahlte Vorstand, die Manager und der Aufsichtsrat leisten, können Behördenleiter schon lange. Und die kassieren dafür keine Millionengehälter", schrieb der Parlamentarische Geschäftsführer Jan Korte in einem Vorschlag an seine Fraktion.

Die Bahn ist seit 1994 eine Aktiengesellschaft, die Aktien gehören alle dem Bund. "Niemand kann uns erzählen, dass die Bahn als staatliche Behörde schlechter als jetzt laufen würde", so Korte.

Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der FDP, Marco Buschmann, wies die Forderung als "grotesk" zurück. "Ursache für die Probleme sind schlechtes Management und unzureichende Aufsicht. Deshalb sind jetzt Verkehrsminister Scheuer und der Vorstand gefordert und keine Rezepte aus der Mottenkiste."

Gewerkschaftschef Kirchner gab nicht nur dem aktuellen Vorstand und dessen Vorgängern die Schuld an der schwierigen Lage: "Auch die Politik ist verantwortlich für den desolaten Zustand, den wir jetzt haben: Sie hat es über Jahre versäumt, die notwendigen Mittel für die Modernisierung der Infrastruktur bereitzustellen."

koe/dpa

insgesamt 98 Beiträge
lapje 23.12.2018
1. Das Beispiel Bahn...
...zeigt deutlich, das Dinge wie öffentlicher Nah- und Fernverkehr, Gesundheitsversorgung, Energieversorgung, Telekomunikation sowie Post- und Paketdienste nicht ausschließlich in private Hand gehören. Zusatzdienste ja, aber [...]
...zeigt deutlich, das Dinge wie öffentlicher Nah- und Fernverkehr, Gesundheitsversorgung, Energieversorgung, Telekomunikation sowie Post- und Paketdienste nicht ausschließlich in private Hand gehören. Zusatzdienste ja, aber die Grundversorgung muss staatlich sein. Der FDP liebstes Kind "Privat vor Staat" hat deutlich gezeigt, welche Konsequenzen diese haben: Desolate Arbeitsbedingungen und Notstand an Personal. Da muss man nur einen Blick in Krankenhäuser werfen, die privatisiert wurden.
georg.groeg 23.12.2018
2. Oben anfangen mit dem Sparen
Was verdienen die verantwortlichen Manager? Fahren sie immer mit dem Dienstwagen, fliegen sie? Alle sollten verpflichtet werden, täglich und zu allen Veranstaltungen immer 2. Klasse mit der Bahn zu fahren. Mal sehen, ob sich [...]
Was verdienen die verantwortlichen Manager? Fahren sie immer mit dem Dienstwagen, fliegen sie? Alle sollten verpflichtet werden, täglich und zu allen Veranstaltungen immer 2. Klasse mit der Bahn zu fahren. Mal sehen, ob sich dann was tut, wenn diese Leute selbst täglich miterleben, wie das so ist, mit der Bahn unterwegszu sein. Wissen die wirklich, wovon sie reden?
jaka778 23.12.2018
3. Hauptsache der Haushaltsüberschuss steigt
Öffentlicher Nah-, Fern- und Güterverkehr ist ein Gut des Gemeinwesens, es ist nicht nachvollziehbar, dass wir die Verantwortung unsere Infrastruktur nicht stärker staatlich wahrnehmen sondern uns stattdessen marode sparen. [...]
Öffentlicher Nah-, Fern- und Güterverkehr ist ein Gut des Gemeinwesens, es ist nicht nachvollziehbar, dass wir die Verantwortung unsere Infrastruktur nicht stärker staatlich wahrnehmen sondern uns stattdessen marode sparen. Überall da wo wir starke Netze brauchen wird gespart - der Investitionsstau wird in wenigen Jahren nicht mehr einzuholen sein
klichti 23.12.2018
4. Die Politik soll sich aus der Infrastrukturplanung heraushalten
Gründe sind laut FDP-Buschmann "schlechtes Management und unzureichende Aufsicht". Also Führungsversagen auf breiter Front. Statt daß man also dieses strukturelle Problem mal aus der Welt schafft, soll genau dieses [...]
Gründe sind laut FDP-Buschmann "schlechtes Management und unzureichende Aufsicht". Also Führungsversagen auf breiter Front. Statt daß man also dieses strukturelle Problem mal aus der Welt schafft, soll genau dieses Problem, nämlich " Verkehrsminister Scheuer und der Vorstand" gefordert werden - was immer das heißen mag. MIR gefällt das Rezept aus der Mottenkiste, die Bahn hat damals so reibungslos funktioniert für uns Nutzer, daß sie als total bieder und langweilig galt.
RalfHenrichs 23.12.2018
5. Verkauf der ausländischen Töchter und
Einstellung von Stuttgart 21 - und mit einem Schlag stünden Milliarden Euro zur Verfügung, die dann "nur" noch sinnvoll investiert werden müssen. Die Bahn hat also ausreichend Geld, sie gibt es aktuell nur völlig [...]
Einstellung von Stuttgart 21 - und mit einem Schlag stünden Milliarden Euro zur Verfügung, die dann "nur" noch sinnvoll investiert werden müssen. Die Bahn hat also ausreichend Geld, sie gibt es aktuell nur völlig verkehrt aus.

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