Wirtschaft

Turbulenzen an den Börsen

Gründe für den Absturz

Der Kurssturz an der Wall Street irritiert Anleger in Europa und in Asien. Händler und Analysten sehen mehrere Gründe - und warnen vor vorschnellen Verkäufen.

REUTERS
Von den manager-magazin.de-Redakteuren Kai Lange und
Dienstag, 06.02.2018   12:36 Uhr

Weltweit zeigen die Kurven der Börsenkurse nach unten. Der US-Leitindex Dow Jones Chart zeigen rauschte zu Wochenbeginn um 4,6 Prozent ab, der Dax Chart zeigen startete ebenfalls im Minus und auch in Asien gaben die Kurse deutlich nach. Anfangs sprachen Börsianer von einer "gesunden, überfälligen Korrektur", doch jetzt geht die Angst vor einem weiteren Absturz um. Die Gründe für den Kursrutsch sind vielfältig.

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Automatisierter Handel

Ein wichtiger Grund für die rasante Talfahrt ist der stark automatisierte, computergestützte Handel. Das bedeutet: Bei vielen milliardenschweren Anlage-Fonds drückt nicht mehr ein Mensch auf den Verkaufsknopf, sondern der Computer entscheidet über Kauf und Verkauf von Aktien. Bei den sogenannten "Value at Risk"-Modellen etwa können verschiedene Faktoren ausschlaggebend sein für den Verkauf von Aktien: Gehen die Schwankungen an der Börse stark nach oben (am Montag stieg der Volatilitätsindex VIX an der Wall Street um 100 Prozent), vermindern sogenannte risikogesteuerte Fonds automatisch ihr Risiko. Das heißt in diesem Fall: Aktien werden verkauft. Das ist ein sich selbst verstärkender Effekt, sodass sich der Abverkauf beschleunigt.

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Zinsangst statt externer Schock

Diesmal war es kein externer Schock wie im Herbst 2008. Damals hatte die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers den Kursrutsch ausgelöst. Stattdessen haben die deutlich anziehenden Renditen bei US-Staatsanleihen die Börsianer verschreckt. Die Annahme, dass die US-Notenbank Fed wegen der starken Konjunktur und der anziehenden Inflation die Zinsen in diesem Jahr doch rascher und bis zu vier Mal erhöhen könnte, sorgt bei vielen Anlegern für Unruhe. Steigende Zinsen in Zeiten der wirtschaftlichen Stärke sind aber eher Anlass für Gewinnmitnahmen als ein Grund für eine überstürzte Flucht aus Aktien. Dennoch unterstreicht diese Entwicklung einmal mehr, dass vor allem die Niedrigzinspolitik der Notenbanken der entscheidende Grund für die Aktienrallye der vergangenen Jahre war.

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Korrektur überfällig

Für Gewinnmitnahmen besteht an den Börsen in der Tat reichlich Anlass. Eine Korrektur ist überfällig: Der Dow Jones war in den vergangenen Monaten von einem Rekord zum nächsten geeilt. Nach Berechnungen der US-Bank Goldman Sachs hatte es bis Ende Januar mehr als 400 Handelstage lang keinen signifikanten Rückschlag um etwa fünf Prozent gegeben. Im Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte gab es dagegen alle 90 Tage eine solche Korrektur.

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Große Fallhöhe

Die aktuellen Kursverluste im Dow Jones sehen dramatisch aus, sind aber nur ein kleiner Rückgang. Seit Jahresbeginn notiert der Dow lediglich etwa zwei Prozent im Minus, auf Sicht von sechs Monaten ist der US-Leitindex immer noch rund zehn Prozent im Plus. Auf Sicht von zwölf Monaten sind es immer noch knapp 20 Prozent Plus. Das bedeutet: Anleger, die in den vergangenen Jahren in den USA oder weltweit investiert haben, verzeichnen immer noch stattliche Gewinne mit ihren Investments. Die Versuchung, trotz fallender Kurse dieses Geld in Sicherheit zu bringen, ist groß.

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Herdentrieb

Wenn die Party vorbei ist und alle gleichzeitig zum Ausgang stürmen, wird es eng. Und die Party scheint vorerst vorbei zu sein: "Seit Herbst haben Anleger auf das sogenannte Goldlöckchen-Szenario gesetzt, die für Anleger beste aller Welten", sagt Norihiro Fujito, Senior Investment Stratege bei Mitsubishi UFJ Morgan Stanley Securities. Das bedeutet: Solide wirtschaftliche Expansion, Verbesserung der Unternehmensgewinne und stabile Inflation, sodass die Zinsen weiterhin niedrig bleiben können. "Aber die Zeiten scheinen sich geändert zu haben", sagt Fujito. Und Michael Purves, Chefstratege bei Weeden, ergänzt: "Der Umfang des Abverkaufs, den wir sehen, ist normal. Die Geschwindigkeit, mit der er sich abspielt, ist nicht normal."

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Und nun?

Sich inmitten eines Ausverkaufs gegen den Herdentrieb zu stemmen, ist sehr schwer. Allerdings hat es sich in den meisten Fällen als schlechte Idee erwiesen, inmitten einer Verkaufspanik selbst in großer Zahl Aktien zu verkaufen. Schon eine Verminderung der Aktienquote im Depot kann die Nerven ein wenig beruhigen, ohne dass man sich komplett von seinen Aktienbeständen trennen sollte. Denn aktuell sprechen die gut laufende Konjunktur und die steigenden Unternehmensgewinne dagegen, dass die Kurse an den Börsen nach der überfälligen Korrektur ins Bodenlose fallen. "Ich denke, wir sind hier ziemlich nah an einem Verkaufshöhepunkt. Die Fundamentaldaten sind ziemlich gut. Das Einzige, was wirklich anders ist, ist, dass die Anleiherenditen auf 2,8 Prozent gestiegen sind", sagt Analyst Purves.

Als Privatanleger sollte man sich nicht von Gefühlen leiten lassen. Kühlen Kopf zu bewahren und abzuwarten, bis sich die Lage wieder beruhigt, hat sich in den vergangenen Jahren meist als gute Börsenstrategie erwiesen.

insgesamt 34 Beiträge
prophet46 06.02.2018
1. Bankraub
Es ist wie immer bei diesen plötzlichen Kursstürzen das Ergebnis mehr der weniger orchestrierter Aktionen des Bankgewerbes inkl. Hedgefonds, vorzugsweise aus dem amerikanischen Raum. Es wird dabei massenhaft leer verkauft, [...]
Es ist wie immer bei diesen plötzlichen Kursstürzen das Ergebnis mehr der weniger orchestrierter Aktionen des Bankgewerbes inkl. Hedgefonds, vorzugsweise aus dem amerikanischen Raum. Es wird dabei massenhaft leer verkauft, d.h. es werden Aktien auf den Markt geschmissen die man nicht besitzt bzw. bestenfalls sich geliehen hat.. "Kleine" Aktionäre können solch ein Beben überhaupt nicht auslösen. Ob diese Aktionen explizit abgesprochen oder per analogem Handeln ablaufen, ist dabei unerheblich. Der Bankensektor bedient sich am Besitz der gewöhnlichen Aktionäre, weil Sie später die verkauften Stücke wieder billiger zurück kaufen. Die Vorgehensweise ist wirkungsvoller als jeder Bankraub!
johnnypistolero 06.02.2018
2. Toller Artikel...
aber viel geschrieben... wenig gesagt... man kann es auch anders ausdrücken, denn alle 7-8 Jahre gibt es eine große Korrektur nach unten, und dann dürfen sich die Märkte wieder erholen... wäre ja auch zu langweilig wenn die [...]
aber viel geschrieben... wenig gesagt... man kann es auch anders ausdrücken, denn alle 7-8 Jahre gibt es eine große Korrektur nach unten, und dann dürfen sich die Märkte wieder erholen... wäre ja auch zu langweilig wenn die Kurse nur langsam steigen...an alle Kleinsparer und Anleger, jetzt verkaufen, und wenn in 1-2 Jahren das jammern am größten ist, der Dax unter 5500 Punkten steht, dann zuschlagen, aber am besten im MDax, denn der ist volatiler... sprich höhere Ausschläge, dann 6-7 Jahre schlafen legen und Kasse machen... da kann man dann ein Vielfaches aus den bunten Scheinchen machen
treplap 06.02.2018
3. "Warnen vor vorschnellen Verkäufen"?
Wenn überhaupt ist so eine Korrektur ein Grund einzusteigen. Ich neige zwar dazu, nichts zu überstürzen und schaue mir das erstmal noch an, aber "Sell on good news"/"Buy on bad news" ist immer eine bessere [...]
Wenn überhaupt ist so eine Korrektur ein Grund einzusteigen. Ich neige zwar dazu, nichts zu überstürzen und schaue mir das erstmal noch an, aber "Sell on good news"/"Buy on bad news" ist immer eine bessere Philosophie als in so einer Situation zu verkaufen...
ompo58 06.02.2018
4. Zockerei
Akten kaufen ist reine Zockerei, sonst nichts. Das sollte man sich klar machen, wenn man hier investiert. Schon mal aufgefallen, es gibt immer einen pseudo-wissenschaftlichen Grund, wenn Kurse steigen oder fallen? Mal ist es die [...]
Akten kaufen ist reine Zockerei, sonst nichts. Das sollte man sich klar machen, wenn man hier investiert. Schon mal aufgefallen, es gibt immer einen pseudo-wissenschaftlichen Grund, wenn Kurse steigen oder fallen? Mal ist es die Teeernte im Hindukusch, mal wegen steigender oder fallender Zinsen im Marginalbereich. Mal das Wetter, mal das Gold. Man legt es sich immer so zurecht, wie man es gerade braucht. Warum gibt man nicht einfach zu, dass es eine gigantische Lotterie ist? Ein ehemaliger Bankkaufmann
tottusmaximus 06.02.2018
5. Gewinnmitnahme...
Ist völlig normal.
Ist völlig normal.

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