Wirtschaft

Rupert Murdoch und Disney

Überlebenskampf der letzten Dinosaurier

Streamingdienste wie Netflix setzen Medienmogul Rupert Murdoch zu, er sucht wohl Käufer für sein Imperium. Zugleich könnte er eine Rolle in Plänen von Präsident Trump spielen: Übernimmt der Fox-Eigner den liberalen Sender CNN?

REUTERS
Von , New York
Mittwoch, 22.11.2017   19:49 Uhr

James Murdoch klang optimistisch. "Wir haben eine tolle Zusammenstellung von Marken, die wir wirklich mögen", sagte der Vorstandschef des US-Entertainmentkonzerns 21st Century Fox. "James", sekundierte sein älterer Bruder Lachlan, der als Chairman fungiert, "das ist 100-prozentig korrekt."

Die beiden Söhne des Medienmoguls Rupert Murdoch spielten traute Einigkeit, als sie kürzlich die aktuelle Quartalsbilanz ihres Konzerns präsentierten. Warum auch nicht: Das Mutterhaus des Filmstudios 20th Century Fox und des TV-Kabelsenders Fox News verbuchte sieben Milliarden Dollar Umsatz - eine halbe Milliarde Dollar mehr als im Vergleichsquartal 2016 - und Wachstum in allen Sparten.

Doch wie immer ist die Sache etwas komplizierter. Denn Fox, nach Disney und Comcast das drittgrößte US-Medienkonglomerat, steckt mitten in einer Existenzkrise, die es in dieser Form kaum überleben wird - und dabei steht viel mehr auf dem Spiel als das Erbe des 86-jährigen Patriarchen Murdoch.

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Fox News und Co.: Das Murdoch-Imperium

Gerüchte kursierten schon bei besagter Schaltkonferenz mit Wall-Street-Analysten, als die Murdoch-Söhne die jüngsten Zahlen vorstellten. Fox, so meldete der Wirtschaftssender CNBC, habe Gespräche mit Disney geführt, um den Großteil des Murdoch-Imperiums an den kalifornischen Konzern zu verkaufen. Doch Lachlan Murdoch verweigerte darauf jede Antwort: "Konzernaktivitäten oder Transaktionen kommentieren wir aus Prinzip nicht."

Beispielloser Einfluss auf Donald Trump

Der Bericht wurde seither auch vom "Wall Street Journal" bestätigt. Das Blatt ist bestens informiert, denn es gehört den Murdochs: Fox habe mit dem fast doppelt so großen Disney über den Verkauf seines Kerngeschäfts verhandelt - Filme, Studios, TV-Sender, Satellitenprogramme. Murdoch wolle nur sein Ziehkind Fox News behalten, das ihm beispiellosen Einfluss auf US-Präsident Donald Trump gibt und im Gegenzug zu dessen Propagandasender wurde.

Die Gespräche mit Disney führten offenbar zu nichts, doch die Meldung hatte Donnerhall. Murdoch, der lebenslange Aufkäufer, will verkaufen? Prompt klopften auch Branchenführer Comcast und Telekommunikationsmulti Verizon an.

Seitdem blühen die Spekulationen. Ist Rupert Murdoch altersmüde? Hat ihn der politische Streit um die komplette Übernahme des Pay-TV-Senders Sky zermürbt? Kämpfen James und Lachlan um die Thronfolge? Der progressive James, so hieß es, sei nach den Sexskandalen beim rechten Fernsehkanal Fox News desillusioniert.

Die Wahrheit ist wahrscheinlich profaner: 21st Century Fox ist ins Räderwerk einer Umwälzung geraten, die die US-Medienbranche gerade zerreißt, zersplittert und komplett umbaut. Murdoch scheint zu ahnen, dass es nur einen Ausweg gibt, das Chaos finanziell zu überleben: Selbstzerfleischung.

Neue Herausforderer drängen in Murdochs Geschäftsfeld

Denn es ist der dramatischste Umbruch seit Langem im Unterhaltungs- und Medienmarkt Amerikas. Alte Grenzen verwischen: Die Branche konzentriert sich auf immer weniger Multis, Streamingdienste wie Netflix und Amazon sahnen ab, Internetkonzerne drängen ins Film- und Fernsehgeschäft, soziale Netzwerke sind die neuen Massenmedien, Content und Vertrieb verschmelzen.

Betroffen ist nicht nur Murdoch, sondern jeder, der noch mit Entertainment und News Geld verdienen will. "In einer Ära der Tech-Giganten müssen sich die Medien-Dinosaurier weiterentwickeln oder zusammenschließen, um nicht auszusterben", schreibt Bess Levin, Kolumnistin des ikonischen Magazins "Vanity Fair", das zu einem der letzten privaten US-Verlage gehört.

Alle mischen notgedrungen mit. Das bahnt sich schon länger an: Fox versuchte 2014, seinen Rivalen Time Warner (CNN, HBO, Warner Brothers) zu kaufen, Computer-Pionier Apple warf ebenfalls ein Auge auf Time Warner und dann auf Disney. Comcast schluckte NBCUniversal. Verizon schluckte AOL und Yahoo.

Dagegen ist Murdochs Überlebenskampf Kleinkram. Fox machte zuletzt 27 Milliarden Dollar Jahresumsatz, bei einem Minus von 5,7 Prozent. Im Wettbewerb mit den Giganten und Quereinsteigern aus dem Silicon Valley kann es nicht mithalten - es sei denn, es schrumpft oder findet einen großen Partner.

Trump will CNN-Verkauf erzwingen

Disney wäre ein idealer Retter. Im Kampf gegen Netflix und Co. plant der Entertainmentriese (ABC, Marvel, Pixar) einen eigenen Streamingdienst. Fox könnte das sehr nutzen, mit seinen lukrativen Superhero-Marken ("X-Men") und 30 Prozent Anteil am Netflix-Konkurrenten Hulu. Gemeinsam besäßen Fox und Disney mehr als ein Viertel der Hollywood-Produktion.

Comcast ist ähnlich stark interessiert an Fox wie Disney. Der größte US-Kabelanbieter verlor im letzten Quartal 125.000 Kunden, teils an Streamingdienste. Er hält ebenfalls 30 Prozent an Hulu und könnte das durch Fox verdoppeln. Mit NBC Universal stieg Comcast bereits 2011 in Hollywood ein, letztes Jahr kaufte er DreamWorks Animation und einen Anteil an Steven Spielbergs Studio. Seine Sender NBC und MSNBC sind direkte Konkurrenten der Fox-Sender Fox und Fox News.

Der andere Top-Akteur dieser jüngsten, "vertikalen" Konsolidierungswelle ist AT&T: Die weltgrößte Telekommunikations-Firma will mit Time Warner fusionieren - ein 85-Milliarden-Dollar-Deal, den die US-Regierung zurzeit allerdings gerichtlich blockiert. Offiziell wegen kartellrechtlicher Bedenken, doch es ist kein Geheimnis, dass Trump die Verhandlungen nutzen will, um Time Warner zu zwingen, CNN abzustoßen - den kritischen Sender, den er so hasst.

Potentieller Käufer: Rupert Murdoch.

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