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Wahlumfragen sind besser als ihr Ruf

Prognosen für den Ausgang von Wahlen stehen im Ruf, immer schlechter zu werden. Eine Auswertung von 30.000 Umfragen der vergangenen 76 Jahre aber beweist das Gegenteil.

DPA
Dienstag, 13.03.2018   13:39 Uhr

Das Brexit-Votum oder die US-Präsidentschaftswahl 2016 haben den Ruf von Wahlumfragen lädiert. "Die Behauptung, dass Umfragen in der Krise stecken und Fehler zunehmen, bleibt bei Kommentatoren und sogar bei manchen Wissenschaftlern beliebt", schreiben Autoren einer neuen Studie.

Ihre Auswertung von 30.000 Umfragen zu 351 landesweiten Wahlen in 45 Staaten zwischen 1942 und 2017 aber zeigt: Wahlumfragen sind sogar ein wenig zuverlässiger geworden, wie Will Jennings von der University of Southampton und Christopher Wlezien von der University of Texas in Austin im Fachblatt "Nature Human Behaviour" berichten.

"Das ist die breiteste Analyse, die es dazu gibt", sagt Kommunikationsforscher Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim, der nicht an der Arbeit beteiligt war. Die Studie sei sehr beeindruckend.

Tatsächlich gebe es strukturelle Gründe, an Wahlumfragen zu zweifeln, betonen die Forscher. So würden heute einfachere und kostengünstigere Methoden eingesetzt, etwa Online-Erhebungen und automatisierte Sprachdialogsysteme. Gleichzeitig sinke bei traditionellen Methoden wie persönlichen und telefonischen Befragungen die Beteiligung.

Weniger Umfrage-Teilnehmer

"Vor 20 Jahren nahmen mehr als ein Drittel der Kontaktierten an Umfragen teil, heute liegt der Anteil unter zehn Prozent", schreiben Jennings und Wlezien. "Das kann die Repräsentativität der Umfragen gefährden, mit offensichtlichen Folgen für Fehleranfälligkeit." Zudem sei das Verhalten von Wählern weniger absehbar als früher.

Die Forscher werteten nun zu landesweiten Wahlen Zehntausende Umfragen aus - darunter auch gut 3800 Befragungen vor den 16 Bundestagswahlen von 1961 bis 2017. Dabei konzentrierten sie sich letztlich auf die letzte Woche vor 220 Wahlen in 32 Ländern von 1942 bis 2017. Abstimmungen wie das Brexit-Referendum oder Umfragen vor der US-Präsidentschaftswahl in einzelnen US-Staaten wurden nicht berücksichtigt.

Insgesamt lag die durchschnittliche Abweichung für Parteien oder Kandidaten bei 2,1 Prozentpunkten. Die Analyse ergab zwar, dass es bei Umfragen im Lauf der Jahrzehnte immer wieder Ausreißer gab, deren Häufigkeit stieg aber nicht.

Im Gegenteil: Sie lag von den Vierzigerjahren bis zu den Siebzigerjahren bei 2,1 Prozentpunkten, im Zeitraum seit 2000 dagegen bei 2,0. Generell war die Zuverlässigkeit vor Parlamentswahlen höher als vor Präsidentschaftswahlen wie in den USA oder Frankreich.

Das Dilemma mit den Wahlgewinnern

Die Auswertung biete keinen Beleg dafür, dass Umfragefehler mit der Zeit zugenommen haben, schreibt das Team. "Daraus geht hervor, dass sinkende Teilnahmeraten und die zunehmende Vielfalt der Erhebungsmethoden wenig Einfluss auf die Genauigkeit von Umfragen vor Wahlen haben, zumindest in der Gesamtanalyse."

Allerdings hänge die Zuverlässigkeit von der Größe einer Partei ab. Je höher der Zuspruch für eine Partei oder einen Kandidaten, desto größer war die Abweichung. Solche Fehler könnten darüber entscheiden, ob Wahlsieger zuverlässig oder fehlerhaft vorhergesagt würden - wie bei den britischen Parlamentswahlen 2015 und 2017 sowie bei der US-Präsidentschaftswahl 2016.

"Die Größe des Umfragefehlers war bei jeder dieser Wahlen nicht ungewöhnlich. Sie war aber entscheidend für die Prognose der Wahlgewinner und Wahlverlierer."

Schlechte Umfragen bleiben eher im Gedächtnis

Die Studie widerlege zuverlässig die Behauptung, dass Wahlumfragen schlechter würden, sagt Brettschneider. Zwar stelle die sinkende Mitwirkung in der Bevölkerung die Demoskopen vor Herausforderungen, dies werde aber durch Gewichtung der Antworten kompensiert. "So lange die Ausfälle nicht systematisch sind und ganze Bevölkerungsgruppen rausfallen, ist das nicht unbedingt problematisch."

Sprachdialogsysteme werden demnach in Deutschland nicht verwendet, Online-Befragungen dagegen schon. "Generell sind Wahlumfragen zuverlässiger als Befragungen zur Marktforschung, weil sich ihre Zuverlässigkeit am Ende an harten Daten überprüfen lässt", betont Brettschneider. Nach seinen Angaben lagen die Abweichungen der Forschungsinstitute vor der letzten Bundestagswahl zum Großteil deutlich unter zwei Prozentpunkten.

Für die Einschätzung, dass Wahlumfragen in jüngster Zeit fehleranfälliger seien, macht Brettschneider auch eine selektive Wahrnehmung verantwortlich. Die Öffentlichkeit nehme zutreffende Prognosen wie selbstverständlich hin - im Gegensatz zu Fehlern. "Eine genaue Vorhersage liefert eben keine Schlagzeile", sagt Brettschneider.

Von Walter Willems, dpa/boj

insgesamt 6 Beiträge
malcom1 13.03.2018
1. Umfragen
Ich finde es sehr befremdlich wenn, wie in jüngster Vergangenheit jede Stunde (etwas übertrieben) eine neue Umfrage in die Welt gesetzt wird. Ich bezweifle den Sinn dieser "Umfragen". Ich wäre sehr dafür das ab 1 [...]
Ich finde es sehr befremdlich wenn, wie in jüngster Vergangenheit jede Stunde (etwas übertrieben) eine neue Umfrage in die Welt gesetzt wird. Ich bezweifle den Sinn dieser "Umfragen". Ich wäre sehr dafür das ab 1 oder 2 Wochen vor einer Wahl keine Umfrageergebnisse mehr veröffentlicht werden dürften. Denn mit diesen "Umfragen" kann man auch Wähler beeinflussen.
Europa! 13.03.2018
2. Ein großartiges Werkzeug der Demokratie
Umfragen sind ein wertvolles Instrument der Meinungsbildung und der praktischen Politik. Sie dienen der ständigen Überprüfung des politischen Handelns. Wenn man vermeiden will, dass die Regierenden vollkommen an der [...]
Umfragen sind ein wertvolles Instrument der Meinungsbildung und der praktischen Politik. Sie dienen der ständigen Überprüfung des politischen Handelns. Wenn man vermeiden will, dass die Regierenden vollkommen an der Bevölkerung und an der Realität vorbeiregieren, kann man gar nicht genug Umfragen haben. Allerdings sollten die Ergebnisse kein Herrschaftswissen schaffen, sondern öffentlich gemacht werden. Auf diese Weise kann jeder seine eigene Einstellung mit den Positionen anderer vergleichen. Für den demokratischen Prozess, der Wahlen ja nur in sehr langen Perioden zulässt, sind Meinungsumfragen unersetzlich.
bafibo 13.03.2018
3. Wahlsystem
Es wurde vergessen zu erwähnen, daß Wahlen mit Verhältniswahlsystem viel leichter demoskopisch in den Griff zu bekommen sind als solche mit Mehrheitswahlsystem /wie in den USA). Schließlich ist bekannt, daß Trump insgesamt [...]
Es wurde vergessen zu erwähnen, daß Wahlen mit Verhältniswahlsystem viel leichter demoskopisch in den Griff zu bekommen sind als solche mit Mehrheitswahlsystem /wie in den USA). Schließlich ist bekannt, daß Trump insgesamt weniger Stimmen erhalten hat als Clinton, aber durch den Zuschnitt der Wahlbezirke gewann Trump mehr Wahlmänner. In Deutschland ist es fast belanglos, ob eine Stimme in Flensburg oder Lindau abgegeben wird - in den USA besteht aber durchaus eine Differenz zwischen Stimmen in Boston und Stimmen in Phoenix. Im einen Fall verstärkt sie eine schon vorhandene Mehrheit, im anderen Fall wird sie mit den anderen Stimmen für die Minderheit auf den Müll geworfen.
ambulans 13.03.2018
4. eine
"studie", die aus über 30.000 (vor-wahl-)umfragen in 76 jahren (sic!) ableiten will, dass die darin enthaltene prognosequalität 1. nicht schlechter geworden und 2. sowieso nie schlecht war, ist das papier nicht wert, [...]
"studie", die aus über 30.000 (vor-wahl-)umfragen in 76 jahren (sic!) ableiten will, dass die darin enthaltene prognosequalität 1. nicht schlechter geworden und 2. sowieso nie schlecht war, ist das papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wird. "76 jahre" bedeutet - nicht nur in deutschland (1942?) erhoben, sondern - irgendwo zusammen gefangen (also keinerlei vergleichbarkeit). heißt gleichzeitig: wenn ungleiche umfrage-methodiken (bei dieser dauer unzweifelhaft) angewendet wurden, kann so ein "ergebnis" wie o.a. daraus nie und nimmer abgeleitet werden - früher: interview/hausbesuch, dann: telefon oder schriftlich, heute: online. außerdem: die angeführte gesamtzahl von "30.000" umfragen verkleistert nur die gesamt-wahrnehmung - argumentiert und daraus abgeleitet wird nämlich: stimmen heutige umfragen mit den dann erzielten ergebnissen überein - oder nicht? nix als bullshit, das ganze ...
ulrics 14.03.2018
5.
Wahlvorhersagen sind Wahlmanipulation, da sie das Ergebnis in eine bestimmte Richtung lenken. Parteien die nicht auftauchen haben kaum eine Chance.
Wahlvorhersagen sind Wahlmanipulation, da sie das Ergebnis in eine bestimmte Richtung lenken. Parteien die nicht auftauchen haben kaum eine Chance.

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