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Transplantation

Pavian lebt mehr als ein halbes Jahr mit Schweineherz

Lässt sich der Mangel an Spenderorganen mit Schweinen lösen? Forscher arbeiten an der sogenannten Xenotransplantation. Einem Münchner Team gelingt ein wichtiger Schritt.

DPA

Pavian in einem Zoo (Archivbild)

Mittwoch, 05.12.2018   20:24 Uhr

Für Patienten mit Herzschwäche im Endstadium ist eine Herztransplantation oft die einzige Chance auf Heilung. Doch es gibt viel weniger Spenderorgane als benötigt. Daher forschen Mediziner schon seit vielen Jahren daran, das Problem durch die Transplantation von Schweineherzen zu lösen. Schweine sind als Spender besonders geeignet, weil ihr Stoffwechsel dem der Menschen ähnelt.

Das Verfahren wird bisher vor allem an Pavianen erprobt, bevor sie bei Menschen zum Einsatz kommen kann. Das Problem: Die Versuchstiere haben bisher maximal 57 Tage überlebt, wenn ihr Herz ersetzt wurde.

Nun meldet ein Forscherteam um den Münchner Herzchirurgen Bruno Reichart und den Veterinärmediziner Eckhard Wolf im Fachmagazin "Nature" Fortschritte. Sie hatten mit einer neuen Technik gentechnisch veränderte - konkret ging es darum, mögliche Abstoßungsreaktionen beim Menschen nach der Transplantation zu unterdrücken - Schweineherzen in Paviane verpflanzt. Dort ersetzten sie das ursprüngliche Herz der Tiere für längere Zeit komplett.

Reduzierter Blutdruck soll Organ schonen

Von fünf Tieren waren nach dem Bericht der Wissenschaftler zwei noch nach 90 Tagen bei guter Gesundheit, als ihr Versuch beendet wurde. Zwei Tiere lebten sogar 195 und 182 Tage, also gut ein halbes Jahr, bevor sie getötet wurden. Herz- und Leberfunktion seien normal gewesen, Abstoßungsreaktionen habe es nicht gegeben. Ein Tier starb allerdings nach 51 Tagen an einer Thrombose.

Reichart, dem 1983 die erste Herz-Lungentransplantation in Deutschland gelang, befasst sich seit langem mit dem Thema und war jahrelang Vorstand des Sonderforschungsbereichs für Xenotransplantation der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Für die aktuellen Versuche hatte das Team eine neue Herangehensweise bei der Transplantation gewählt: Anstatt wie üblich das Herz mit Eis zu kühlen, wurde es an einen Kreislauf mit einer 8 Grad Celsius warmen Blutersatzflüssigkeit angeschlossen, sodass es vor und während der Operation mit Sauerstoff versorgt wurde.

Dies sei womöglich auch bei herkömmlichen Transplantationen beim Menschen eine Möglichkeit, um die Erfolge zu verbessern, sagte Reichart.

Kunstherz als letzte Rettung

Das Wissenschaftlerteam um Reichart und Wolf reduzierte bei den Versuchen auch den Blutdruck der Paviane bei der Operation - und zwar auf die bei den Schweinen üblichen Werte. Das diente dazu, das transplantierte Herz zu schonen.

Die Forscher mussten noch ein weiteres Problem lösen: Paviane sind kleiner als Schweine. Dieser Umstand hätte nach der Operation dazu führen können, dass das Schweineherz zu stark wächst und dadurch bei den Primaten tödliche Leberschäden auftreten. Deshalb gaben ihnen die Forscher ein Medikament, um das Wachstum einzudämmen. Das wäre beim Menschen überflüssig, da sein Herz in der Größe etwa dem Schweineherz entspricht.

Das Gesamtergebnis sei ein Meilenstein auf dem Weg zu einer möglichen Transplantation von Schweineherzen auch bei Menschen, so die Wissenschaftler. Denn allgemein ist mit der Überlebenszeit von drei Monaten die von der Internationalen Transplantationsgesellschaft festgelegte Voraussetzung für klinische Versuche erfüllt.

Forscher wollen neben Herzen auch Nieren verpflanzen

Etwa drei Jahre würden nun weitere Vorbereitungen dauern, ehe erste klinische Studien an ausgewählten Patienten möglich sein könnten - "wenn alles gut läuft", so Reichart. Erst müssten weitere Tierversuche folgen, so der Forscher. Nach den Vorgaben für klinische Studien sollen sechs von zehn Tieren mindestens die Drei-Monatsfrist erreichen. Dies sei in einem halben Jahr zu schaffen, sagte Reichart. "Wir hoffen, dass wir im Frühjahr damit fertig sind."

Parallel gehe es nun darum, neue Immunsuppressiva zu testen. "Wir brauchen einen humanisierten Antikörper, den müssen wir in den nächsten zwei Jahren einsetzen", sagte Reichart. "Wir hoffen, dass wir dann die Genehmigung bekommen, Pilotstudien zu machen." Dabei sollen nicht nur Schweineherzen, sondern auch Nieren verpflanzt werden. Parallel dazu werde es aber weitere Jahre dauern, bis die tierischen Spenderorgane als Standardmethode eingesetzt und Tiere dafür eigens produziert werden könnten.

Tierische Spenderorgane hätten viele Vorteile, sagte Reichart. Die gesamte Mikrobiologie des Spenderorgans sei im Gegensatz zu Spenderherzen toter Menschen bekannt. Dies mindere das Risiko von Infektionen. Der Empfänger könne in Ruhe vorbereitet werden. "Das ist das Elegante der Xenotransplantation: Im Gegensatz zur humanen Transplantation ist alles vorher bekannt."

Unabhängige Experten werten die Studie als wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer Transplantation beim Menschen. Vier der fünf Paviane schienen die Transplantation gut zu vertragen, ohne schwere Infektionen infolge der Immunsuppression zu entwickeln, erklärte der Berliner Transplantations-Experte Christoph Knosalla in einem "Nature"-Kommentar. Daher könne diese Technik auch bei Menschen funktionieren, wenn die Xenotransplantation - der Austausch über Artgrenzen hinweg - weit genug fortgeschritten sei, um erste klinische Versuche zu starten.

Der Aachener Mediziner Rene Tolba nannte die Ergebnisse "klinisch hochrelevant". "Eine erste klinische Indikation für eine solche Xenotransplantation könnte die sogenannte "Bridge to Transplantation" sein. Dabei würde einem kritisch herzkranken Patienten, der auf ein Spenderorgan wartet, eine Transplantation eines Schweineherzen als Überbrückung angeboten." Für diese Zeit können allerdings auch bereits jetzt mechanische Pumpen eingesetzt werden.

Sabine Dobel, dpa/chs

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